Das Hindernis für die Ankunft des Antichristen

Kardinal Henry Edward Manning (Foto ca. 1880)

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Das Hindernis für die Ankunft des Antichristen

Dritte Vorlesung

Zusammenfassung der vorgehenden Ausführungen

Ehe ich auf unseren dritten Gegenstand eingehe, wollen wir uns an die zwei Punkte erinnern, die, wie ich hoffe, in dem bisher Gesagten ihre Begründung gefunden haben. Der erste ist, dass wir die Empörung oder den Abfall bereits bestätigt und geoffenbart sehen in der geistlichen Trennung von der Kirche und in dem Widerstand gegen ihre göttliche Autorität und ihre göttliche Stimme, welchen wir in Tätigkeit sahen von dem Tag an, wo der Apostel sagte: „Das Geheimnis der Bosheit ist bereits wirksam“, und wo der heilige Johannes erklärte, die Antichristen seien schon in die Welt ausgegangen.

Der andere Punkt, den wir gesehen haben, ist der, dass der Mann der Sünde, der Sohn des Verderbens, der Bösewicht, eine Person ist, aller Wahrscheinlichkeit nach von jüdischer Abkunft; dass er ein betrügerischer Nachahmer des wahren Messias sein soll und demnach ein Antichrist in dem Sinne, dass er sich selbst an die Stelle des wahren setzt, – einer, der falsche Wunder wirkt und für sich göttliche Verehrung abspricht.

Das Hindernis, das die Manifestation des Antichristen verzögert

Der dritte Punkt nun, über welchen ich zu sprechen habe, ist das Hindernis, welches seine Manifestation verzögert.

Der Apostel sagt: „Das Geheimnis der Bosheit ist bereits wirksam, nur soll der, welcher jetzt aushält, solange aushalten, bis er hinweggeräumt ist.“ Wie es eine fortgesetzte Wirksamkeit dieses Geheimnisses der Bosheit gibt, so gibt es ein fortgesetztes Hindernis oder ein Bollwerk gegen ihre vollständige Kundgebung und dieses wird fortdauern bis es entfernt ist, und es ist eine bestimmte Zeit, wo es hinweggenommen wird.

Der heilige Paulus gebraucht in dieser Stelle zwei Ausdrücke. Er sagt: „das Hindernis, welches aushält, und welcher aushält.“ Er spricht darin wie von einem Dinge und wie von einer Person. (…) Auf den ersten Blick scheint eine Schwierigkeit zu sein, ob das, was die Offenbarung des Mannes der Sünde hindert, eine Person oder ein System ist; denn an der einen Stelle wird davon im Neutrum gesprochen als von einem System, an der andern im Maskulinum als von einer Person.

Ich hoffe, in dem bisher Gesagten bereits eine Lösung für diese scheinbare Schwierigkeit gegeben zu haben. Ihr werdet euch erinnern, dass ich kurz eine Parallele zog zwischen den beiden Geheimnissen der Gottseligkeit und der Bosheit und zwischen ihren Häuptern. (Der Antichrist ist eine einzige Person)

Dies ist in der Tat das Argument des heiligen Augustin, der die beiden Geheimnisse der Gottseligkeit und der Bosheit vom Anbeginn der Welt unter dem Bilde der zwei Städte darstellt, das heißt, den Geist Gottes und den Geist Satans, die beide mannigfaltig tätig sind entweder in den auserlesenen Dienern Gottes, oder in den Feinden Gottes und seines Reiches.

Und gerade wie das Geheimnis der Gottseligkeit kurz zusammen gefasst ist in der Person und in der Menschwerdung des Sohnes Gottes, so das Geheimnis der Bosheit in dem Manne der Sünde, der zu seiner Zeit geoffenbart werden wird. Ebenso wird man auch finden, dass das, was hindert, aber er, der hindert, beide ein System und eine Person ausdrücken, und dass die Person und das System nach derselben Weise identifiziert sind, wie die Beispiele, die ich bereits angeführt habe.

Was der Charakter des Antichristen ist

Zuerst wollen wir mehr im Einzelnen betrachten, was der Charakter des Bösewichts oder Antichrist ist, der kommen soll. Das von dem heiligen Paulus an dieser Stelle gebrauchte Wort bedeutet: der Gesetzlose, – der ohne Gesetz ist, nicht dem Gesetz Gottes oder des Menschen unterworfen, dessen einziges Gesetz sein eigener Wille, dem die Zügellosigkeit seines eigenen Willens die alleinige Richtschnur ist, die er kennt, oder welcher er gehorcht. Das griechische Wort ist der Gesetzlose oder Zügellose.

Nun enthält das Buch des Propheten Daniel eine Weissagung fast mit den nämlichen Ausdrücken, wo er voraussagt, dass in den letzten Zeiten der Welt ein König aufstehen werden, der nach seinem Gutdünken handeln, der sich über alles, was Gott heißt, erheben, der Reden ausstoßen wird gegen den Allerhöchsten. (Dan. 7, 25) Dies ist fast Wort für Wort die Prophezeiung, die uns beweist, dass der heilige Paulus die Weissagung Daniels buchstäblich anführte oder umschrieb.

Insofern nun dieser Bösewicht ein gesetzloser Mensch sein soll, der Unordnung, Aufruhr, Empörung und Revolution sowohl in die weltliche als geistliche Ordnung der Welt einführen wird, muss das, was seine Entwicklung hindert und nach seiner Manifestation sein unmittelbarer Widersacher sein wird, notwendig das Prinzip der Ordnung, das Gesetz der Unterwerfung, die Autorität der Wahrheit und des Rechtes sein.

Wir haben daher sozusagen ein Anzeichen bekommen, das uns in den Stand setzt, zu sehen, wo diese Person oder dieses System, welche die Offenbarung des Mannes der Sünde hindern oder zurückhalten, bis die Zeit gekommen sein wird, zu finden ist.

Die Auslegungen der ältesten Kirchenväter

Lasset uns also die Auslegungen der ältesten Väter über diesen Punkt untersuchen.

Tertullian (Tertull. De Resur. Carnis. c. 24)) glaubte, dass es das römische Reich war. Die gewaltige Macht des heidnischen Roms, die sich über die ganze Welt verbreitete, war das große Prinzip der Ordnung, das damals die Ruhe der Welt erhielt.

Lactantius (Divin. Inst. VII. 25), welcher später schrieb, behauptete genau dieselbe Meinung und glaubte, dass der römische Kaiser, welcher die Völker der Welt beruhigte und ihnen Ordnung und Frieden gab, dadurch die Offenbarung dieses Gesetzlosen, dieses Mannes der Sünde hinderte, und beide, Tertullian und Lactantius schärften den Christen ihrer Zeit die Pflicht ein, für die Erhaltung des heidnischen Römerreiches zu beten, weil sie es für die materielle Schranke gegen den Einbruch der großen Flut des Bösen hielten, welche über die Welt kommen sollte, wenn Rom zerstört ist. Ebenso lehren auch der heilige Johannes Chrysostomus und andere.

Eine andere Auslegung, die uns Theodoret, ein griechischer Schriftsteller, gibt, ist, dass es die Gnade des Heiligen Geistes oder die göttliche Macht sei, welche die Manifestation oder die Offenbarung des Mannes der Sünde zurückhalte. (Theod. in 2. Ep. ad Thess.)

Andere Schriftsteller ferner sage, dass es die apostolische Macht oder die Gegenwart der Apostel ist; denn wie wir aus dieser Epistel an die Thessalonicher wissen, erwarteten die Christen eine baldige Offenbarung der Ankunft unseres Herrn zum Gericht und daher eine baldige Manifestation des Mannes der Sünde, und sie glaubten, dass die Gegenwart der Apostel auf Erden durch ihr Zeugnis und durch ihre Wunder die volle Manifestation des Prinzips des Unglaubens und der geistigen Empörung hinderte.

Diese drei Auslegungen sind alle zum Teil wahr und alle stimmen vollkommen überein, und wir werden finden, dass sie zusammen genommen uns eine vollkommene Erklärung liefern; allein diese Schriftsteller, die in verschiedenen Perioden der Kirche schrieben, konnten die Prophezeiung nicht vollständig verstehen, weil die Ereignisse der Welt von einem Jahrhundert zum anderen die Bedeutung dieser Voraussagungen beständig und fortschreitend erklären und auslegen. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 46 – S. 50

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Bildquellen

  • Henry_Edward_Manning_by_Barraud__c1880s: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
Tags: Antichrist
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