Der Antichrist und die Zeit der Apostasie
Das heidnische und das Heilige Römische Reich
Das heidnische römische Reich
1. Erstens also war die Macht des heidnischen Römerreiches unzweifelhaft eine große Schrank gegen den Ausbruch des Geistes der gesetzlosen Unordnung; denn, wie wir wissen, war es das Prinzip der Einheit, wodurch die Nationen der Welt zusammen gehalten wurden. Es organisierte und vereinigte sie unter der Autorität einer Gesetzgebung, einer mächtigen Exekutivgewalt und einer großen Herrschaft, mit einer Gerichtsbarkeit, die aus einer Quelle entsprang, und von Gerichtshöfen über die ganze Welt hin verwaltet wurde.
Der Friede der Völker wurde durch die Gegenwart stehender Heere erhalten; die römischen Legionen hielten den Umkreis der Welt besetzt. Die Heerstraßen, die von Rom ausgingen, durchzogen die ganze Erde; die ganze Welt wurde in Friede und in Ruhe erhalten durch die Allgegenwart diese mächtigen heidnischen Reiches.
„Es war überaus schrecklich“ nach den Weissagungen Daniels; es war wie von Eisen, schlug nieder und unterjochte die Völker und hielt sie in Unterwürfigkeit und gab dadurch wie mit einer eisernen Rute der Welt den Frieden. Es ist kein Zweifel, dass solange das Römerreich in seiner Stärke bestand, es für das Prinzip der Revolution und Unordnung unmöglich war, die Oberhand zu gewinnen, und deshalb hatten diese ältesten christlichen Schriftsteller vollkommen recht, wenn sie als das Hindernis für diesen Geist der Gesetzlosigkeit den Geist der Ordnung, der Herrschaft und der Autorität und einer eisernen Gerechtigkeit erklärten, welche die Nationen der Welt regierte.
Das Heilige Römische Reich
2. Aber es war zweitens nicht das römische Reich oder Rom allein, sondern das Reich Gottes, das auf die Erde herabkam und sich von dem Tage des Pfingstfestes an im ganzen Umkreis als die römischen Reiches verbreitete, mit einer höheren Autorität als die Roms. Der heilige Leo gibt uns die Grundlage dieser Erklärung mit den Worten:
„Damit die Wirkung dieser unaussprechlichen Gnade sich durch die ganze Welt ergießen möchte, bereitete er das römische Reich vor, das sich bis zu den Grenzen ausdehnte, welche die ganze Völkerfamilie umschließen. Denn es war eine passende Vorbereitung für das von Gott angeordnete Werk, dass viele Königreiche in ein einziges Reich vereinigt würden, damit die allgemeine Predigt des Evangeliums schnell jene Völker durchdringen sollte, welche die Regierungsgewalt einer einzigen Stadt in der Einheit zusammenhielt.“
Der heilige Thomas, welcher bei dieser Stelle verweilt, sagt, dass das römische Reich nicht aufgehört hat, sondern aus dem weltlichen in das geistliche verwandelt ist, commutatum de temporali in spirituale (In 2. Ep. ad Thess. in locum). Dominikus Soto ist derselben Ansicht. (In lib. 55. Sent. Distinct. 46) Es war also der die apostolische Kirche, welche unter allen Völkern verbreitet, die bereits durch die Macht des heidnischen Römerreiches zusammengehalten wurden, sie mit einem neunen Leben beseelte, sie mit einem neuen Prinzip der Ordnung, mit einem neuen Geist der Einheit durchdrang, und die Einheit der materiellen Kräfte heiligte und umwandelte, wodurch sie vereinigt waren.
Sie gab ihnen Einen Geist, Ein Gesetz, Einen Willen, Ein Herz durch den Glauben, der den Verstand aller Völker erleuchtete, um Gott zu erkennen durch die Liebe, die sie zu der Einheit einer einzigen Familie zukommen band, durch die Eine Quelle der Gerichtsbarkeit, welche aus unserem göttlichen Herrn entsprang und durch seine Apostel die ganze Erde regierte. Es war da die Eine geistliche Gesetzgebung der Apostel und ihrer Nachfolger. Es waren Gerichtshöfe da, die neben den Tribunalen Roms saßen. Neben den Richterstühlen mit eiserner Gewalt waren die Richterstühle der göttlichen Barmherzigkeit aufgerichtet.
Diese neuen Prinzip der Ordnung, der Autorität, der Unterwürfigkeit und des Friedens trat in diese Welt ein, bemächtigte sich sozusagen der materiellen Gewalt des alten römischen Reiches, und erfüllte es mit einem neuen Leben vom Himmel. Es war das Salz der Erde. Es verlängerte sein Dasein bis zu einer gewissen Periode, die in den Ratschlüssen Gottes vorher gesehen war. Es ist demnach vollkommen wahr, dass dieses Hindernis auch den heiligen Geist bedeutet; denn die Kirche Gottes ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, verkörpert und der Welt geoffenbart in dem sichtbaren Leibe derjenigen, die durch die Taufe in die Einheit der Kirche Christi aufgenommen sind.
3. Aber drittens sodann bedeutet es nach etwas mehr als dieses. Denn diese zwei großen Gewalten, die geistliche und die weltliche – die weltliche Macht in dem alten heidnischen Reich Roms, und die geistliche Macht in dem neuen übernatürlichen Reich Gottes – trafen zusammen. Sie trafen zusammen gleichsam in ihrer Peripherie, welche die ganze Welt umschloss; aber die trafen auch zusammen in ihrem Mittelpunkt, in der Stadt Rom.
Da standen sie einander zuerst gegenüber im Kampf, dann nebeneinander im Frieden. Hier trafen diese zwei gewaltigen Mächte, die eine von der Erde und die andere vom Himmel, die eine aus dem Willen des Menschen, und die andere aus dem Willen Gottes, gleichsam in der Arena des Kampfes zusammen, und dreihundert Jahre lang gab das römische Reich den Hohenpriestern der Kirche Gottes das Martyrium. Dreihundert Jahre strebte das römische Reich, diesen neuen und seltsamen Ankömmling zu vernichten, der mit einer höheren Gerichtsbarkeit kam. Es suchte ihn in seinem eigenen Blut zu ersticken, und dreihundert Jahre kämpfte es vergeblich; denn je mehr die Kirche gemartert wurde, um so mehr vervielfältigte sich der Same der Märtyrer.
Die Kirche dehnte sich aus und wuchs an Stärke und Macht in dem Maße, als das heidnische Römerreich sie zu vernichten und zu zerstören suchte, und dieser gewaltige Kampf zwischen den beiden Mächten endigte zuletzt mit der Bekehrung des Reichs zum Christentum und daher mit der Einsetzung der Kirche in den Supremat über die Mächte der ganzen Welt.
Dann erhielt das Recht den Vorrang über die Gewalt, und die göttliche Autorität triumphierte über die des Menschen; denn diese zwei Mächte wurden zusammengeschmolzen und zu Einer großen Autorität, indem der Kaiser von seinem Thron herab innerhalb der Sphäre seiner irdischen Gerichtsbarkeit regierte, und der Papst gleichfalls von einem Thron mit höherer Würde über die Völker der Welt gebot, bis Gott in seiner Vorsehung das Reich von Rom wegnahm und es an die Gestade des Bosporus verpflanzte. Es zog in den Osten und lies Rom ohne seinen Souverän.
Rom hat von jener Stunde an nie innerhalb seiner Mauern einen weltliche Herrscher in der Anwesenheit des Papstes gehabt, und jene weltliche Souveränität ging vermöge eines providentiellen Gesetzes auf die Person des Statthalters Christi über.
Es ist allerdings wahr, dass in den drei Jahrhunderten zwischen der Bekehrung Konstantins und der Periode Gregors des Großen, in jenen drei Jahrhunderten der Unruhen, der Einfälle feindlicher Völker und der Kriege, wodurch Italien und Rom heimgesucht wurde, die weltliche Macht des Papstes nur in ihrem Beginn war, aber um das siebente Jahrhundert wurde sie fest begründet, und das, was die göttliche Vorsehung vom Anfang an vorbereitet hatte, trat vollständig ans Tageslicht.
Kaum war die materielle Macht, die einst in Rom herrschte, durch die Bekleidung des Statthalters Christi mit der weltlichen Souveränität über die Stadt, wo er wohnte, geweiht und geheiligt, als er anfing, in ganz Europa die Ordnung der christlichen Zivilisation zu schaffen. Christliche Monarchien, christliche Reiche entstanden, die miteinander verbündet, den Frieden und die Ordnung der Welt von da an bis heute erhalten haben. Was wir die Christenheit nennen, d. h. die große Familie christlicher Nationen, die mit ihren Fürsten und ihren gesetzgebenden Versammlungen durch das internationale Recht, durch gegenseitige Verträge und dergleichen zu Einem kompakten Körper verbunden sind, – was ist dies anders, als die Sicherheit der Welt gegen Unordnung, Aufruhr, und Gesetzlosigkeit?
Nun aber wurde seit zwölfhundert Jahren der Friede, der Bestand und die Fruchtbarkeit der christlichen Zivilisation Europas in ihrem Prinzip einzig dieser Weihe der Macht und Autorität des großen römischen Reiches verdankt, das, wie ich schon sagte, eingenommen, fortgeführt und erhalten wurde durch das Salz, das vom Himmel herabgekommen war und fortdauerte in der Person des Papstes und in jener Ordnung der christlichen Zivilisation, deren Schöpfer er gewesen war. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 50 – S. 54
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