Wöhrmüller OSB Vom Rang der Liebe

Das Königliche Gebot: Der Barmherzige Samariter, Gemälde von Fugel

Das königliche Gebot

Vom Rang der Liebe „Das Größte aber ist die Liebe“ (1. Kor. 13, 13)

Doch nicht immer hat man so gesprochen. Die Liebe ist so alt wie die Menschheit und hat schon zu den Herrlichkeiten des Paradieses gezählt. Auch außerhalb der Paradiestore, selbst unter den wildesten Völkern, ging sie niemals ganz verloren. Sie wurde nur eingeengt, abgeschwächt, ins Natürliche herabgezogen und lebte, wenigstens als Gatten- und Kindesliebe, als Freundes- und Verwandtenliebe, als Mitleid und natürliche Herzensgüte weiter; was aber ganz verloren ging, das war die rechte Erkenntnis vom Wert und Rang der Liebe.

Die einen verachteten sie als unmännliche Schwäche. Selbst Virgil zählt an jener schönen Stelle, wo er den frieden und die Ruhe der Weisen schildert, unter dessen Vorzügen auch den auf, dass er nie mit einem Notleidenden ein Erbarmen fühle. Andere erkannten zwar den Adel der Liebe, aber doch noch nicht ihren gerdazu königlichen Rang. Sie stellten andere Dinge höher: Weisheit, Gerechtigkeit, Starkmut, Tapferkeit oder auch Frömmigkeit und Rechtgläubigkeit. So war auch im Alten Testament die ganze Größe der Liebe noch nicht enthüllt.

Aber dann ist die Zeit gekommen, die Fülle der Zeiten: Heilige Nacht … Gründonnerstag … Karfreitag … die ganze gewaltige Gottesoffenbarung sowohl im Wort wie im Geschehen des Neuen Testamentes, und da wurde der Liebe Schönheit und Adel geoffenbart, und ihr majestätischer Vorrang, ihr heiliger, himmlischer Primat ward wieder hergestellt.

Ein Gesetzeslehrer trat zu Jesus und fragte: „Meister, welches ist das größte Gebot?“ und der Sohn Gottes antwortete: „Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott … und deinen Nächsten!“ (Mt. 22, 37. 39)

Und Jesus beste Jünger haben das Hohelied auf die Liebe, das damals der Meister angestimmt hatte, durch alle Jahrhunderte weitergetragen. Petrus mahnt die erste Christengemeinde: „Vor allem aber habet zueinander Liebe!“ (1. Petr. 4, 8) Der greise Johannes der Legende, da er in der Schwäche des Alters nimmer reden kann, wiederholt nur immer die eine Bitte: „Kindlein, liebet einander!“ Und Jakobus nennt das Gebot der Nächstenliebe mit schöner Wärme und Feierlichkeit „das königliche Gebot“. (Jak. 2, 8)

Auch Paulus beschwor, des Geistes Christi voll, die Seinen: „Über alles aber gehe euch die Liebe!“ (Kol. 3, 14), und schrieb dann jenes wunderbare 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes, das austönt in die Worte: „Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei: das Größte aber ist die Liebe.“

Noch tausend Jahre später hören wir diesen Lobgesang weiterklingen. Meister Eckehard predigt: „Wäre ein Mensch in Verzückung sie St. Paulus und wüsste einen siechen Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfe, ich erachte es weit besser, du ließest aus Minne von der Verzückung und dientest dem Dürftigen in größerer Minne.“

Bekannt ist auch jenes Zwiegespräch des heiligen Franz von Assisi mit Bruder Leo auf dem Weg von Perugia nach Santa Maria degli Angeli, wo Franziskus immer wieder ausrief: „Wenn unsere Brüder die Blinden sehend machten … so ist das nicht die vollkommene Freude … Und wenn sie alle Ungläubigen bekehrten … wenn sie die Sprache der Engel reden könnten und den Lauf der Sterne und die Kräfte der Kräuter kennten … schreibe, dass darin nicht die vollkommene Freude besteht.“

Und als endlich Bruder Leo vor Verwunderung fragte: „Vater, ich bitte dich um Gottes Willen, dass du mir sagst, worin die vollkommene Freude besteht“, da antwortete Franziskus: „Wenn sie in Santa Maria mit Unbill und Härte vom Pförtner empfangen würden und all das dann in Fröhlichkeit und Liebe hinnähmen, dann, o Bruder Leo, Schäfchen Gottes, schreibe, dass darin die vollkommene Freude besteht!“

Aber auch, wenn mit diesen und ähnlichen Worten der Herr und seine Diener den königlichen Vorrang der Liebe nicht so ausdrücklich verkündet hätten, wir müssten`s doch selber erkennen, dass die Liebe das Größte und Beste ist, die Fürstin unter allen Tugenden. Kann sich etwa die Mäßigkeit mit ihr messen in Adel und Schönheit? Mäßigkeit ist nichts anderes als ein Gebot der Selbsterhaltung; die Liebe aber sorgt sich um das Wohl des Nächsten.

Oder die hohe, edle Gerechtigkeit? Nein, Gerechtigkeit hält die Waage in Händen, Liebe aber braucht keine Waage; Gerechtigkeit sagt nur: gib jedem das Seine; die Liebe aber spricht: gib jedem das Deine! Oder die leidverklärte Starkmut? Gewiss, dies eist etwas Hohes, da sie so vieles erträgt; aber auch „die Liebe erträgt alles“ (1. Kor. 13, 7), übersteht alles, und siehe, noch dazu tut sie auch alles, handelt, wirkt und schafft.

Oder kann sich die Weisheit mit ihr messen, sie, die lebenskluge, wissensreiche mit den tiefen Augen und der hohen Stirn? Doch nein, denn es kann wohl ein Menschenkind selig werden, das weder von den Dingen der Natur noch von den Griffen und Kniffen des Menschenlebens noch von den Mysterien Gottes sonderlich viel weiß; nicht aber ein Mensch, der an Liebe so arm ist, wie etwa ein Einfältiger an Wissenschaft und Klugheit. Wissenschaft und Klugheit ist bewusste, oft nur zu selbstbewusste Weisheit der Gedanken, Liebe aber ist unbewusste Weisheit des ganzen Menschen.

Aber größer ist die Liebe nicht nur als alle Tugenden des natürlichen Menschen, auch keine übernatürliche Tugend kann sich ihr vergleichen. Glaube – himmlische, göttliche Tugend, durch die der Mensch mit all den ewigen Wahrheiten, mit all den großen Rätseln und Unbegreiflichkeiten Gottes seine Seele erfüllt! Aber größer als der Glaube ist doch die Liebe. Auch die Liebe „glaubt alles“ (1. Kor. 13, 7); sie enthält den Glauben an Gott den Vater, an Gott den Erlöser, an Gott den Heiligmacher aller Menschen, aber sie bedeutet noch mehr. Aus dem Glauben herausgewachsen, ist sie über den Glauben hinausgewachsen.

Und ebenso ist sie größer als die Hoffnung. Sie enthält die Hoffnung, „ sie hofft alles“ (1. Kor. 13, 7) von Gott und den Menschen; aber sie beschränkt sich nicht auf ein bloßes Hoffen, sie will in dieser Hoffnung handeln und helfen. „Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei – das Größte aber ist die Liebe.“ (1. Kor. 13, 13)

Doch wozu noch lange vergleichen und abwägen? Wir brauchen eigentlich nur eines erwägen. Wie lautet doch der Grundgedanke des Christentums auf seine kürzeste Formel gebracht, in vier Worte gefasst?

„Gott ist die Liebe“ (1. Joh. 4, 8) Das Christentum und alle seine Urtatsachen, die Menschwerdung wie der Kreuzestod Gottes haben es uns klargemacht, dass kein Wort der menschlichen Sprache dem unergründlichen Wesen Gottes näher kommt, als das freundliche, traute, alte Wörtlein „Liebe“.

Unter all unseren armseligen, unzulänglichen Worten ist dies eine Wort immer noch der beste Ausdruck für das innerste, geheimnisvolle Wesen und Leben Gottes. Nicht Weisheit, nicht Gerechtigkeit, nicht Ewigkeit, nicht Allmacht ist in erster Linie der Gott, der sich im Leben Jesu uns geoffenbart hat, sondern Liebe … eine Liebe, die für den Sperling sorgt und die Lilie kleidet und für den Menschen sich kreuzigen lässt, die Welten erschaffende, Welt erhaltende, Welten beseligende, Himmel und Erde umspannende Liebe.

Wenn aber die Liebe als das sich offenbart, was mit Gott selber am nächsten und am meisten verwandt ist, wie sollte sie dann nicht das Größte und Höchste, das Schönste und Wertvollste sein in der Welt? Mögen andere Dinge noch so groß und köstlich, noch so herrlich oder heilig sein, das Größte ist und bleibt Gottes nächste Verwandte, die Liebe. -aus: Bonifaz Wöhrmüller OSB, Das königliche Gebot, 1936, S. 7 – S. 11

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Bildquellen

  • fugel-barmherziger-samariter: © https://wahrerglaube.info
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