Der Antichrist ist eine einzige Person

Kardinal Henry Edward Manning (Foto ca. 1880)

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Zweite Vorlesung

Der Antichrist ist eine einzige Person, kein System

So verhält es sich also mit der Empörung, die seit achtzehnhundert Jahren Kräfte sammelte, und für die Stunde heranreifte, wo sie ihren Leiter und ihr Oberhaupt empfangen soll. Die von antikatholischen Schriftstellern allgemein angenommene Auslegung, wonach erstens der Antichrist für einen Geist oder ein System gehalten wird und nicht für eine Person, und sodann für die katholische oder römische Kirche, oder für den Statthalter des fleischgewordenen Wortes ist ein Meisterzug des Betrugs. Sie schwächt alle Furcht, flößt Eigendünkel und Vertrauen ein, und richtet die Aufmerksamkeit der Menschen darauf, nach den Zeichen seiner Erscheinung überall sich umzusehen, nur nicht da, wo sie zu sehen sind, und lenkt sie von der Seite ab, wo sie bereits sichtbar sind.

Nun aber nehme ich keinen Anstand zu behaupten, dass unter allen Prophezeiungen der Offenbarung es nicht eine einzige gibt, die sich auf die Ankunft Christi klarer und ausdrücklicher bezieht, als jene, die auf die Ankunft des Antichristen Bezug haben.

1. Er wird mit allen Eigenschaften einer Person beschrieben. In jener Stelle nennt der heilige Paulus ihn jenen Bösewicht, ille iniquus, den Mann der Sünde, homo peccati, und den Sohn des Verderbens. Und der heilige Johannes spricht an vier Stellen von ihm als dem Antichristen. Die Persönlichkeit des Antichristen leugnen, heißt daher das klare Zeugnis der Heiligen Schrift leugnen, und diese persönlichen Ausdrücke und Titel, als von einem System oder Geist gebraucht, wegerklären wollen, ist ebenso rationalistisch, als die Gottlosigkeit des Strauß, wenn er den historischen, d. h. den persönlichen Christus leugnet.

Es ist ein Gesetz der Heiligen Schrift, dass wenn von Personen prophezeit wird, Personen erscheinen; dahin gehören die Prophezeiungen des heiligen Johann Baptist oder der seligsten Jungfrau oder unseres Herrn selbst. Alle Väter sowohl des Morgen- als des Abendlandes, der heilige Irenäus, der heilige Cyprian, der heilige Hieronymus, der heilige Ambrosius, der heilige Cyrillus von Jerusalem, der heilige Gregor von Nazianz, der heilige Johannes Chrysostomus, Theophylaktus, Oekumenius, – alle beziehen diese Stellen auf einen buchstäblichen und persönlichen Antichrist. Die moderne Auslegung ist häretisch, durch Kontroversen hervorgerufen, und nicht durch Vernunftgründe haltbar.

Dieses phantastische System, voll von Widersprüchen, ist sogar von protestantischen Schriftstellern genugsam widerlegt worden, so z. B. von Todd in seinem Werk über den Antichristen, einem gelehrten Buch, obwohl durch die Überbleibsel protestantischer Vorurteile etwas entstellt, von Greswell in seiner Erklärung der Parabeln und von Maitland über Daniel und den heiligen Johannes. In Deutschland wird es selbst unter protestantischen Auslegern als eine Verzichtleistung auf den Charakter eines biblischen Gelehrten angesehen, wenn man die antikatholische Auslegung festhält. Die Protestanten Englands sind noch, wie sie immer waren, die am wenigsten gebildeten und vernünftigen.

Es ist allerdings wahr, dass der Antichrist viele Vorläufer gehabt hat und noch haben mag, wie auch Christus selbst sie hatte. Wie Isaak, Moses, Josue, David, Jeremias Vorbilder des einen waren, so sind Antiochus, Julian, Arius, Mohammed und viele andere die Vorbilder des anderen; denn Personen werden als Vorbilder von Personen gebraucht. Wie ferner Christus das Haupt und der Repräsentant ist, in welchem das ganze Geheimnis der Gottseligkeit kurz zusammengefasst ist, ebenso wird auch das ganze Geheimnis der Bosheit seinen Ausdruck und sein Haupt in der Person des Antichristen finden. Er mag allerdings einen Geist und ein System darstellen, aber ist darum nichtsdestoweniger eine Person. So sprechen auch die Theologen.

Bellarmin sagt: „Alle Katholiken behaupten, dass der Antichrist eine einzige individuelle Person sein wird.“ (Bellarm. de Summo Pontif. Lib. III, c. 2) Lessius sagt: „Alle stimmen in der Lehre überein, dass der eigentliche Antichrist nur eine einzige Person sein wird, nicht viele.“ (De Antichristo Tertia Dem.) Suarez geht so weit, zu behaupten, dass diese Lehre von dem persönlichen Antichristen so gewiss ist wie ein Glaubensartikel. (In III. p.D. Thomae, Disp. 54)

Der Antichrist von jüdischem Stamm?

2. Sodann glaubten die Väter, dass der Antichrist von jüdischem Stamme sein werde. Dies war die Meinung des heiligen Irenäus, des heiligen Hieronymus, und des Verfassers von dem Werke De Consummatione Mundi, welches dem heiligen Hippolyt zugeschrieben wird, und des Verfassers eines Kommentars über den Brief an die Thessalonicher, welchen der heilige Ambrosius verfasst haben soll, und vieler anderer, die noch hinzusetzen, dass er aus dem Stamme Dan sein werde, wie z. B. der heilige Gregor der Große, Theodoret, Aretas von Cäsarea und viele andere.

Dies ist auch die Meinung Bellarmins, der behauptet, es sei gewiss. Lessius sagt, dass die Väter mit Einstimmigkeit als unzweifelhaft lehren, der Antichrist werde ein Jude sein. Ribera wiederholt diese Ansicht und fügt hinzu, dass Aretas, der heilige Beda, Haymo, der heilige Anselm und Rupertus behaupten, aus diesem Grunde werde der Stamm Dan nicht unter diejenigen gerechnet, die in der Apokalypse versiegelt sind. Biegas sagt dasselbe, indem er andere Gewährsmann anführt.

Dies wird sich auch als wahrscheinlich ergeben, wenn wir erwägen, dass der Antichrist kommen wird, um die Juden zu täuschen nach der Weissagung unseres Herrn: „Ich bin in meines Vaters Namen gekommen, und ihr nehmet mich nicht auf; ein anderer wird in seinem eigenen Namen kommen, den werdet ihr aufnehmen“, welche Worte von den Vätern einstimmig auf den falschen Messias gedeutet werden, der sich bei den Juden als den wahren Messias ausgeben wird.

Und dies ist ferner die einstimmige Auslegung der Väter, sowohl der Morgen- als der Abendländischen, z. B. des heiligen Cyrillus von Jerusalem, des heiligen Ephräm, des heiligen Gregor von Nazianz, des heiligen Gregor von Nyssa, des heiligen Johannes Damascenus und auch des heiligen Irenäus, des heiligen Cyprian, des heiligen Hieronymus, des heiligen Ambrosius und des heiligen Augustin.

Die Wahrscheinlichkeit dieser Meinung wird sich auch zeigen, wenn wir weiter erwägen, dass einem falschen Christus die erste Bedingung des Erfolges fehlen würde, wenn er nicht aus dem Hause Davids wäre; dass die Juden nach seiner Ankunft harren; dass sie sich für die Täuschung empfänglich gemacht haben durch die Kreuzigung des wahren Messias, und daher kommt es, dass die Väter von dem wahren Messias und dem falschen die Worte des heiligen Paulus an die Thessalonicher auslegen: „Weil sie die Liebe der Wahrheit nicht angenommen haben, um selig zu werden, deshalb wird Gott den Irrtum auf sie wirksam sein lassen, so dass sie der Lüge glauben.“ (2, Thess. 2,10)

Nun aber halte ich dafür, dass niemand die Zerstreuung und providentielle Erhaltung der Juden unter allen Nationen der Welt, die unzerstörbare Lebenskraft ihrer Rasse betrachten könne, ohne zu glauben, dass sie für irgendeinen künftigen Akt seines Gerichtes und seiner Gnade aufbewahrt sind. Dies wird wiederholt im Neuen Testament vorausgesagt, z. B. in den Briefen an die Römer und an die Korinther.

Der Antichrist ist Rivale des wahren Messias, nicht bloß Widersacher

3. Daraus entnehmen wir einen dritten Charakter des Antichristen, dass er nicht bloß der Widersacher, sondern der Stellvertreter und Rivale des wahren Messias sein wird, und dies wird noch wahrscheinlicher gemacht durch den Umstand, dass der Messias, welcher von den Juden erwartet wird, immer ein weltlicher Befreier, der Wiederhersteller ihrer weltlichen Macht, oder mit andern Worten, ein politischer und kriegerischer Fürst gewesen sei.

Es ist auch klar, dass wer immer künftig sie in dem angenommenen Charakter ihres Messias täuschen mag, dadurch die Menschwerdung leugnen muss, was für einen Anspruch auf einen übernatürlichen Charakter er für sich etwa vorbringt. In seiner eigenen Person wird er eine vollständige Leugnung des ganzen christlichen Glaubens und der Kirche sein; denn wenn er der wahre Messias wäre so, so müsste der Christus der Christen ein falscher sein.

Wir machen uns vielleicht keinen hinreichenden Begriff davon, was für eine gewöhnliche und historische Person ein solcher Betrüger sein mag. Wir sind von der Idee und Erscheinung des wahren Messias in der Glorie seiner Gottheit und Menschheit, seiner göttlichen Handlungen, seines Leidens, seiner Auferstehung und Himmelfahrt und seiner königlichen Gewalt über die Welt und die Kirche so eingenommen, dass wir uns nicht zu denken vermögen, wie irgendein falscher Christus als der wahre aufgenommen werden könnte.

Aus diesem Grunde hat unser Herr von diesen letzten Zeiten gesagt:

„Es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen, so dass auch die Auserwählten, wenn es möglich wäre, in Irrtum geführt würden“ (Matth. 24, 24); das heißt, sie werden nicht getäuscht werden, aber solche, die den Glauben an die Menschwerdung verloren haben, z. B. die Naturalisten und Pantheisten können wohl durch irgendeine Person von großer politischer Macht getäuscht werden, der die Juden wieder in ihr Land einsetzte und Jerusalem noch einmal mit den Söhnen der Patriarchen bevölkerte. Auch macht nichts in der politischen Lage der Welt eine solche Kombination unmöglich; ja der Zustand Syriens und der Drang der europäischen Diplomatik, der beständig ostwärts gerichtet ist, geben einem solchen Ereignis eine gegründete Wahrscheinlichkeit.

Die Zeit ist reif für eine Täuschung

4. Allein die Weissagungen schreiben der Person des Antichristen einen mehr widernatürlichen Charakter zu. Er wird beschrieben als einer, der falsche Wunder tut, „dessen Ankunft geschieht gemäß der Wirkung des Satans mit allerlei Kraft, Zeichen und falschen Wundern, und mit allerlei Verführung zur Bosheit für die, welche verloren gehen.“ (2. Thess. 2, 9f.)

Hier muss ich eine wunderbare Veränderung bemerken, die mit der Welt vorgegangen ist. Noch vor fünfzig Jahren verlachten diejenigen, welche das Christentum vorwarfen, einen Glauben an Zauberei als Aberglauben und an Wunder als Torheit. Aber jetzt ist die Welt selbst über den Glauben der Christen durch ihre Leichtgläubigkeit hinausgegangen. Europa und Amerika sind überschwemmt von dem Spiritismus.

Ich weiß nicht, wie viele hunderte und tausende von Bindegliedern zwischen uns und der unsichtbaren Welt vorhanden sind. Gerade jene, die die Hexe von Endor oder Elymas, den Zauberer, nicht ohne Gespött vorübergehen lassen würden, glauben an das Tischerücken und Tischklopfen, an das Hellsehen und an die Mitteilungen von Geistern, die aus der unsichtbaren Welt beschworen werden, an Geisterschreiben, an die Fähigkeit, durch die Luft hindurch den Ort zu verändern und an die Erscheinung von Händen und selbst von Personen. Die Offenbarung von dem Zustand der Toten, von Geheimnissen unter Lebendigen, längere und wiederholte Unterredungen mit den Abgeschiedenen werden nicht nur geglaubt, sondern beständig und fast täglich geübt.

Es ist übrigens nicht meine Ansicht, wenigstens jetzt nicht, diese Erscheinungen näher zu würdigen. Es genügt, wenn wir sagen, dass uns, die wir an eine unsichtbare Welt und an die Gegenwart und den Kampf von Geistern, guten und bösen, glauben, dergleichen Dinge keine Schwierigkeit darbieten.

Wir sind nicht geneigt, ihre Wirklichkeit zu leugnen, wegen des Trugs und der Täuschung, die sich an sie anhängen. Sie sind gerade das, was die Kirche immer verdammte und verbot unter dem Namen Zauberei, in welcher sich eine wirkliche widernatürliche Wirksamkeit zeigt, verbunden mit vielem Trug. Ich verweile bei diesem Punkt, weil es gewiss ist, dass wir von einer übernatürlichen Ordnung umgeben sind, die zum Teil göttlich und zum Teil teuflisch ist. Es ist nicht zu verwundern, dass, wer die göttliche übernatürliche Ordnung verwirft, überaus leicht an die teuflische glaubt. Darin haben wir aber bereits eine Vorbereitung auf die Täuschung, von welcher der heilige Paulus schreibt.

Die Zeit ist reif für eine Täuschung. Sie will die Wunder der Heiligen nicht glauben, trinkt aber in Fülle die Erscheinungen des Spiritualismus hinunter. Ein erfolgreiches Medium könnte sich ganz gut durch seine widernatürlichen Gaben als den verheißenen Messias ausgeben, und Zeichen und falsche Wunder könnten in Überfluss gewirkt werden durch die Agenzien, welche bereits in der Welt zerstreut sind.

Der Antichrist ist ein Apostat und Betrüger

5. Das letzte charakteristische Merkmal, von dem ich sprechen will, ist vielleicht schwieriger zu begreifen.

Der heilige Paulus spricht von „dem Mann der Sünde“, „von dem Sohn des Verderbnis“, der sich widersetzt und sich erhebt über alles, was Gott heißt oder göttlich verehrt wird, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt.“ (2. Thess. 2, 4) Diese Worte werden von den Vätern so ausgelegt, dass er göttliche Ehren ansprechen werde, und zwar in dem Tempel von Jerusalem.

Der heilige Irenäus sagt, dass der Antichrist als ein Apostat und Räuber den Anspruch erheben werde, als Gott angebetet zu werden, und dass er versuchen werde, sich als Gott zu zeigen“ (St. Iren. lib. 5, 29); Lactantius: „dass er sich Gott nennen werde.“ (Lact. de divin. Institut. lib. VII. c.c17) Der Schriftsteller unter dem Namen des heiligen Ambrosius sagt: „er wird behaupten, dass er Gott sei“; der heilige Hieronymus: „er wird sich Gott nennen und verlangen, von allen angebetet zu werden“ (St. Hieron. in Zach. c. 11); der heilige Johannes Chrysostomus: „er wird sich für den Gott aller ausgeben, sich Gott nennen und als solchen darstellen.“ (St. Joan. Chrys. in St. Joan. Hom. 40)

Ebenso äußern sich auch Theodoret, Theophylactus, Oekumenius, der heilige Anselm und viele andere.

Suarez sagt bei Erklärung dieser Stelle: „Es ist wahrscheinlich, dass der Antichrist keineswegs selbst glauben werde, was er andere zu glauben lehren wird. Denn wenn er gleich im Anfang die Juden überzeugen mag, dass er der Messias und von Gott gesandt ist, und vielleicht zu glauben vorgibt, dass das Gesetz Mosis wahr sei und beobachtet werden müsse, so wird er doch alles dies aus Heuchelei tun, um sie zu täuschen und die höchste Gewalt zu erlangen. Denn später wird er das Gesetz Mosis verwerfen und den wahren Gott leugnen, der es gab.

Aus diesem Grund glauben viele, dass er aus List den Götzendienst zerstören werde, um die Juden zu betrügen. Wie groß seine Treulosigkeit sein wird, und was er wirklich über Gott glauben wird, das können wir nicht mutmaßen. Aber es ist wahrscheinlich, dass er ein Atheist sein, sowohl die Belohnung als die Strafe im anderen Leben leugnen und nur das widernatürliche Wesen verehren wird, von dem er die Kunst des Betruges gelernt und seine Reichtümer gewonnen hat, durch welche Schätze er die höchste Gewalt erlangt.“ (Suarez in III. p. St. Thomae)

Es ist aber leicht einzusehen, wie er sich Gott entgegensetzen werde, als der Widersacher Christi, und wie er sich über alles erheben wird, was Gott heißt und angebetet wird, weil er sich, indem er den wahren Messias nachahmt, an die Stelle des menschgewordenen Gottes setzt. Auch ist es nicht schwer einzusehen, wie diejenigen, welche die wahre und göttliche Idee des Messias verloren haben, einen falschen annehmen können, und geblendet von der Größe politischer und kriegerischer Erfolge und aufgeblasen von den pantheistischen und sozinianischen Begriffen von der Würde des Menschen, der Person des Antichristen die Ehre zollen können, welche die Christen dem wahren Messias erweisen.

Ich habe dies berührt, weil der heilige Paulus es in der Beschreibung des Antichristen besonders hervorhebt, und weil die Tendenz des Unglaubens, welcher in der Welt in dem Maße zunimmt, als der Glaube abnimmt, die Menschen sichtbar zur Täuschung vorbereitet.

Es ist eines der wunderbarsten Auslegungen der Väter, dass am Ende der Welt das Heidentum werde wieder hergestellt werden. Dies wenigstens hätten wir für unmöglich halten sollen, wenn auch aus keinem anderen Grund, so doch wenigstens wegen der vollen Blüte des modernen Unglaubens, und doch war der Unglaube niemals herrschender als zur Zeit, da in der ersten französischen Revolution die Offenbarung für erlogen erklärt und der Kult der Vernunft und der Ceres an ihre Stelle gesetzt wurde.

In der Tat, wenn die höher Gebildeten Pantheisten werden, so werden die Einfältigen bald Polytheisten sein. Sie bedürfen einer sinnlichen Vorstellung als die fein gebildeten Ungläubigen und geben dem Objekt ihrer Anbetung zuerst in Gedanken und dann in der Form eines Persönlichkeit und einen Leib. Und was ist dies anderes als einfaches und nacktes Heidentum? Allein darauf kann ich nicht näher eingehen.

In dem zweiten Heft von Gaumés Werk über die Französische Revolution, namentlich in dem 12, 13, 14. Kapitel wird man einen ausführlichen Bericht über das Heidentum vor fünfzig Jahren finden, und in dem Katechismus der positiven Religion wird man unter dem Hauptstück „über öffentlichen und Privatgottesdienst“ ein vollständiges Bekenntnis eines religiösen Kultus an die Menschheit gerichtet sehen, – an den Gesamtkörper vergötterter Menschen, was die natürliche Unterlage der Religion des alten Griechenlands und Roms ist.

Ich sage aber nicht, dass es nicht weit erstaunlichere und widernatürlichere Phänomene über die Manifestation und Person des Antichristen geben könnte. Die ganze Geschichte würde uns darauf führen, dies zu erwarten, alle Prophezeiungen scheinen es vorauszusagen: „die großen Perioden der göttlichen Wirksamkeit in der Welt deuten es zum Voraus an.

Mein Zweck war nicht, die Zukunft des Übernatürlichen zu entkleiden, sondern zu zeigen, wie das Übernatürliche sich in den gewöhnlichen Lauf der Welt einmischt und uns, sozusagen, beschleicht, ohne dass wir es gewahr werden. „Das Reich Gottes kommt ohne Aufsehen“; es ist mitten unter uns in voller Gegenwart und Macht unter äußeren Verhältnissen, die uns gewöhnlich scheinen, und im Laufe menschlicher Handlungen, unter den nationalen Bewegungen, in der Politik der Regierungen und in der Diplomatik der Welt nicht bemerkt werden.

Wie Christus in seiner Ankunft für den Zimmermannssohn gehalten wurde, so kann der Antichrist sichtbar nichts weiter sein, als ein glücklicher Abenteurer. Selbst sein widernatürlicher Charakter kann entweder als Äußerung des Wahnsinns angesehen werden oder als Täuschung seiner Anhänger und Schmeichler gelten. So verblendet die Welt ihre eigenen Augen durch den Nebel ihres geistigen Hochmuts.

Es steht gar nicht im Widerspruch mit dem Charakter des neunzehnten Jahrhunderts, dass eine Person aus jüdischem Stamm, naturalisiert bei einem der Völker Europas, als Beschützer der Juden aufstände, welche die Geldlieferanten und Journalisten der europäischen Revolutionen sind, begrüßt von ihnen als ihr Erlöser aus der sozialen und politischen Herrschaft der Christen, umgeben von den Phänomenen des antichristlichen und antikatholischen Spiritualismus, und laut bekennend, entweder mehr als Moses oder Mohammed, das heißt, mehr als ein Mensch zu sein.

Denen, welche niemals die schließliche Einheit im Prinzip und in der Wirksamkeit der Wahrheit einerseits und der Lüge andererseits erkannt haben, mag es sonderbar vorkommen, wenn man einem Ereignis große Bedeutung beilegt, dessen Sphäre die jüdische Rasse zu sein scheint. Aber denjenigen, die glauben, dass die Welt in Christen und Antichristen oder Katholiken und Antikatholiken eingeteilt werden kann, oder mit anderen Worten in die natürliche Ordnung, die sich auf das bloß menschliche Wollen und Handeln gründet, und in die übernatürliche, die auf dem göttlichen Willen und auf die Menschwerdung Gottes beruht, wird es sogleich als die aller entschiedenste, ja sogar als die größte Lebensfrage erscheinen.

Ich hoffe später zu zeigen, dass der Antagonismus zwischen zwei Personen auch ein Antagonismus zwischen zwei Gesellschaften ist, und dass gleichwie unser göttlicher Herr das Haupt und der Repräsentant aller Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt von Anbeginn ist, ebenso der Antichrist das Haupt und der Repräsentant aller Lüge und alles Unrechtes sein wird, das sich seit achtzehnhundert Jahren in den Häresien, in den sozialen Unordnungen und politischen Revolutionen der antikatholischen Bewegung der Welt aufgehäuft hat.

So ist die große Tiefe beschaffen, auf welcher die christliche Gesellschaft der Welt jetzt ruht. Von Zeit zu Zeit hat sie sich mit einer widernatürlichen Macht emporgehoben, und die christliche Ordnung Europas zittern und wanken gemacht. Dann schien sie sich wieder zur Ruhe nieder zu senken. Aber niemandem mit scharfem Geistesblick kann es entgehen, dass sie jetzt tiefer, mächtiger und weiter verbreitet ist, als jemals. Dass diese antichristliche Macht eines Tages ihr Haupt finden und für einige Zeit in dieser Welt die Oberhand haben werde, ist aus der Prophezeiung gewiss. Allein dies kann nicht sein, bis „er, der aushält“, hinweggenommen sein wird. Dies jedoch ist unser nächster Gegenstand, und ich darf demselben hier nicht vorgreifen.

aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 33 – S. 45

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