I. Stiftung der katholische Heidenmission
2. Der Missionsbefehl Jesu – Katholische Heidenmission
Jesu letzter Willensausdruck ist das natürliche Echo seines Erlöserlebens. Auch wenn er nicht so klar und bestimmt den Auftrag zur Ausbreitung seines Evangeliums unter allen Völkern der Erde gegeben hätte, derselbe würde eine unabweisbare Folgerung aus seiner eigenen Sendung in diese Welt und aus seiner gesamten Lehrtätigkeit sein. Die von ihm gestiftete Religion hat durch seine Sendung vom Vater ihren Anfang genommen und soll durch Aussendung von Glaubenspredigern, das ist durch Missionstätigkeit, allen Völkern der Erde vermittelt werden.
Die Religion Jesu ist für alle Menschen
Jesus Christus ist „wahrhaftig der Erlöser der Welt“ (Joh. 4, 42). Sein Auftrag besteht darin, zu sein „das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt“ (Lk. 2, 32), oder wie er sich selbst so einzig schön nennt, „das Licht der Welt“ (Joh. 8, 12). Sein Vater hat ihn in diese Welt gesandt, „damit die Welt durch ihn selig werde“ (joh. 3, 16. 17); denn „Gott will, dass alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1.Tim. 2, 4).
Darum kam Jesus in diese Welt, „zu suchen und selig zu machen, was verloren war“ (Lk. 19 10). „Es gibt nur einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus, der sich selbst als Lösepreis für alle dahingegeben hat“ (1. Tim. 2, 5. 6.). Darum stiftet er auch seine Kirche für die ganze Menschheit.
Das Himmelreich der Gotteskindschaft, Gnade und Wahrheit, von dem Christus so oft spricht, und das zu begründen seine Hauptlebensaufgabe war, nennt er einfach hin das „Reich Gottes“. Es ist das Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit umspannendes Reich des Königs der Könige.
Dieses Reich Jesu ist nach seinem Willen darum kein Reich neben anderen Reichen dieser Welt, mit irdischen Grenzen und nationalen Schranken. Schon der Himmelsbote von Nazareth hatte es verkündet: „Seines Reiches wird kein Ende sein“ (Lk. 1, 33), weder in der Zeit noch im Raum.
Christus selbst vergleicht die Ausdehnung seines Reiches mit der Entwicklung eines großen Baumes, der seine Schattenkrone unbeschränkt ausbreitet und den Vögeln des Himmels als Wohnplatz und Ruhestatt darbietet (Mt. 13, 31); mit einem Sauerteig, der die ganze Masse, die ganze Menschheit durchsäuern soll (Mt. 13, 33); mit einem Netz, das wahllos ins Meer hinausgeworfen wird und Fische aller Art aufnimmt (Mt. 13, 47). Er tadelt die Pharisäer, dass sie dem Reich Gottes enge Grenzen ziehen und die Menschen davon ausschließen (Mt. 23, 13), während nach seinem Willen viele vom Aufgang und Niedergang kommen und im Himmelreich zu Tische sitzen sollen (Mt. 8, 11).
Diesem weltweiten Plan entsprechend hat Christus seine Religion so gestiftet und gestaltet, dass sie für alle Völker der ganzen Welt passt, dass sie insbesondere allen das bietet, was sie so dringend benötigen, nämlich: Erlösung von Schuld und Sünde und Vollendung in einer glückseligen Unsterblichkeit. Keine andere Religion hat diesen überragenden Vorzug.
Schon Sankt Paulus, der sich dem Willen des Meisters entsprechend an die verschiedensten Nationen wandte und keinen Unterschied gelten lassen wollte zwischen Juden und Heiden, Sklaven und Freien, machte die Erfahrung, dass das Evangelium vom Reich Christi unter den Völkern aller Rassen und Lebenslagen volles Verständnis, freudige Aufnahme und treue Beobachter fand.
Das gleiche stellten die großen Glaubensverkünder der ersten christlichen Jahrhunderte fest, und der Glaubensverteidiger Tertullian zog daraus den Schluss, dass jede Menschenseele von Natur aus christlich, dass ihr das Christentum innerlich und wesentlich verwandt sei. Seit zwei Jahrtausenden haben unzählige Glaubensboten unter allen Völkern der Erde die probe auf diese Behauptung gemacht, und sie wurde glänzend bestätigt.
Das Christentum ist der Menschennatur so angepasst, es entspricht so ihrem Bedürfnis, Sehnen und Verlangen, dass es sich ebenso eignet für die alten Kulturvölker Ostasiens, die wilden Stämme Afrikas, der Südsee und in den Urwäldern Amerikas, wie für die gebildeten Nationen der Alten und Neuen Welt.
Völker aller Zonen, Farben, Gesittung und Sprachen haben das Christentum wie einen Freund und größten Wohltäter begrüßt und freudig aufgenommen, in ihm wahre Erlösung, Befreiung, innerliche und äußere Bereicherung gefunden. Kein Volk hat man entdeckt, das ungeeignet zur Annahme der christlichen Lehre und Beobachtung des christlichen Sittengesetzes sei; vielmehr fand sich in jedem Volk das natürliche Fundament, um das Gottesreich der christlichen Vollkommenheit darauf zu begründen.
Wie aber werden alle Völker der Erde mit dem Christentum in Verbindung gebracht?
Das Christentum ist eine Missionsreligion
Von seinem weltumspannenden Gottesreich sagt der Herr, dass es zu den Menschen komme, dass es ihnen angeboten werde. Er verlangt nicht, dass sie hinausziehen, um es irgendwo zu finden und zu gewinnen. An zahlreichen Stellen des Evangeliums hören wir vielmehr seine Versicherung: „appropinquavit in vos regnum Dei – das Himmelreich naht sich euch“. (Mt. , 2; 4, 17; 10, 7; 12 28; Mk. 1, 15; Lk. 10, 9; 11, 20)
Darum leitet er auch seine Zuhörer an, um das Kommen des Gottesreiches zu bitten:
„Zukomme uns dein Reich!“ (Mt. 6, 10; Lk. 11, 2), und er erfüllt die Herzen mit der rechten Sehnsucht danach, indem er es den Armen im Geiste (Mt. 5, 3), den um der Gerechtigkeit willen Verfolgten (Mt. 5, 10), den kindlich Demütigen (Mt. 18, 4), den Barmherzigen (Mt. 25, 34) und jenen, die ihm treu bleiben (Lk. 22, 29) verheißt. Er ermahnt alle, die Anteilnahme an diesem Reich zu ihrer eernsten Sorge zu machen (Mt. 6, 33; Lk. 12, 31). Diejenigen aber, die sein Reich, wenn es zu ihnen kommt und ihnen angeboten wird, gut aufnehmen, will er so ansehen und belohnen, als nähmen sie ihn selbst auf (Lk. 10, 16).
Den Weg aber, auf dem sich das Gottesreich den Menschenkindern naht, hat er durch Wort und Beispiel selbst gekennzeichnet. „Und Jesus zog umher in ganz Galiläa … und predigte das Evangelium vom Reich.“ (Mt. 4, 23; 9, 35; Lk. 8, 1) Der göttliche Missionar führt selbst das ergreifendste Missionsleben. Er verlässt seine Mutter und das Vaterhaus; unermüdlich wandert er Land auf und ab, er jat keine Heimat, keine Ruhestatt mehr, nichts eigenes, wohin er sein Haupt legen könnte. Nirgends lässt er sich länger zurückhalten: „Auch den anderen Städten muss ich das Evangelium vom Reich Gottes verkündigen; dazu bin ich gesandt.“ (Lk. 4, 43)
Auch seine Jünger drängt es hinaus: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“, das Reich Gottes zu predigen (Lk. 9, 2), und er versichert ihnen, dass mit dieser Aussendung und Predigt fortgefahren werden müsse bis zum Ende der Zeiten. „Erst muss das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt gepredigt werden, allen Völkern zum Zeugnis, dann kommt das Ende.“ (Mt. 24, 14; Mk. 13, 10)
Der Missionscharakter der Religion Jesu Christi hat aber seine beiden tiefsten Gründe in der Oberherrlichkeit Gottes über die ganze Schöpfung und in seinem allumfassenden Heilswillen hinsichtlich aller Menschen.
Es gibt nur einen einzigen Gott und Schöpfer aller Menschen, und in jedem strahlt sein Ebenbild als Erkennungssiegel, dass er Gottes Eigentum ist. Ihm gehört er gänzlich. Das soll der Mensch dadurch anerkennen, dass er Gott als seinem höchsten Herrn dient und in diesem Dienst seine Vollendung sucht. – Das ist eine Forderung der Gerechtigkeit.
Aber auch die Dankbarkeit und Liebe erheben in jeder Menschenbrust ihre Stimme und fordern ihn auf zum Dienst des einen wahren Gottes. Seine Vorsehung und Vorsorge walten in liebreicher Allmacht und väterlichen Güte von Pol zu Pol über allem, was Odem hat. Jeder Mensch, unter welchem Himmelsstrich seine Hütte stehen mag, ist dem einen wahren Gott tausendfach zu Ehre und Dank verpflichtet.
Doch durch die Sünde begann der Abfall vom Dienst des einen wahren Gottes, und der größte Teil der Menschheit lebte und lebt seit Jahrtausenden in weltferner Trennung von ihm. Menschliche Kraft kann die ungeheure Trennungskluft nicht überbrücken. Nur wenn Gott selbst zum Menschen niedersteigt und ihn aufsucht, ist eine Rückkehr möglich. Diesen Weg herab zur verirrten mNeschheit hat der Allmächtige eingeschlagen. „Gott selbst wird kommen und euch erlösen!“
Jesus Christus stieg herab in die Wüste zu den Verirrten, um ihre Zurückführung zum Reichsdienst Gottes und in die Familie ihres Gott-Vaters einzuleiten und in seiner Religionsstiftung fortzusetzen, bis auch das letzte verlorene Menschenkind gefunden und zur Heimkehr eingeladen ist. Die Religion Jesu ist also wesentlich eine Missionsreligion; seine Kirche eine Missionskirche.
Jesu eigenen Sendung vom Vater, sein Beispiel und der Zweck seiner Stiftung verpflichten das Christentum zur Missionstätigkeit, auch wenn er dies nicht in einem besonderen Missionsbefehl vorgeschrieben hätte.
Die Stiftungsurkunde der Mission
Die Worte „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie“ sind die Stiftungsurkunde der Heidenmission, sind ihre göttlicheRechtsgrundlage. Die allerhöchste Autorität wird zum Anwalt des Missionswerkes und prägt demselben das Siegel göttlichen Ursprungs auf. Es wird unverletzlich und unantastbar gegenüber allen Verdunkelungsversuchen, womit menschliche Selbstsucht und Bequemlichkeit sich den zwingenden Folgerungen aus dem Wesen des Christentums entziehen möchte. Der so klar und packend ausgesprochene Missionsauftrag ist eine Tat der göttlichen Vorsehung, die mit Flammenschrift die Pflicht zum Missionsdienst allen Jüngern Jesu für alle Zeiten unauslöschlich an den Triumphbogen der Kirche Christi geschrieben hat.
Wenn wir zurückschauen auf die ergreifenden Umstände, unter denen der Missionsauftrag erteilt wurde, so erkennen wir, wie sehr alle danach angetan sind, die überragende Bedeutung dieses Auftrages zum Bewusstsein zu bringen und die Dringlichkeit seiner Ausführung unauslöschlich dem Gewissen einzuschärfen.
Der Heiland spricht den Missionsauftrag nicht als Bitte oder als dringenden Rat aus, sondern er befiehlt vielmehr den Aposteln, sich der Weltbekehrung, der Missionstätigkeit zu widmen. Das ist ein ernstes und beachtenswertes Merkmal der Abschiedsworte Jesu. Die letzten Worte des Herrn enthalten tatsächlich einen Missionsbefehl; der letzte Wille Jesu ist ein göttliches Gebot: die Welt zum Glauben an den wahren Gott zu führen. (1)
(1) Der angeführte letzte Auftrag des Herrn bezieht sich allerdings nicht ausschließlich auf die engere Missionstätigkeit der Apostel und ihrer Nachfolger, sondern umfasst deren gesamtes Lehr- und Hirtenamt. In der Formulierung des Auftrags aber, als eine Sendung „in die ganze Welt“, liegt ein so entschiedener Hinweis auf die Glaubensverbreitung, d. h. auf jenen Teil der apostolischen Arbeiten, den wir Missionstätigkeit nennen, dass wir annehmen müssen, Christus wollte gerade diese Aufgabe besonders betonen. Sie erscheint als ein vorherrschender Gedanke in seiner letzten Willensäußerung. Diese Absicht des Herrn wird in der vorliegenden Schrift hervorgehoben, ohne indes den weiteren Umfang der Worte zu verkennen.
Er wollte damit die Missionstätigkeit unter allen Völkern der Erde den Aposteln ausdrücklich als Pflicht auferlegen. „Ihr sollt meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg. 1, 8) „Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie.“ (Da ist so bündig, so energisch gesprochen, dass kein Zweifel übrigbleiben kann: hier liegt tatsächlich ein Gebot vor.
Er spricht den Auftrag sodann aus mit der ausdrücklichen Betonung seiner göttlichen Autorität und lässt uns dadurch fühlen, dass es ein göttliches Gebot ist und bedingungslosen Gehorsam für sich beansprucht, dass alle irdischen Rücksichten, Wünsche und Anschauungen davor zurücktreten müssen. Er will die Missionstätigkeit, er will die Bekehrung der Heidenwelt durch die Glaubensboten, die ausgesandt dieser Arbeit sich mit strenger Verpflichtung unterziehen sollen. Das ist entscheidend, denn sein Wille allein hat Geltung.
Er spricht dies Gebot aus in seiner Abschiedsstunde, wo es sich naturgemäß tiefer den Herzen einprägen musste, und damit zeigt er, wie hoch dies Gebot ihm steht. Er will wirksam die Aufmerksamkeit darauf hinlenken, will es in den Vordergrund drängen, will die Missionstätigkeit als eine Hauptpflicht, als ein Grundgesetz in seinem Reich aufstellen; denn in einer solch bedeutsamen Stunde spricht man ja nicht über gleichgültige oder nebensächliche Dine, sondern man denkt an das Wichtigste und Notwendigste.
Er spricht das Gebot der Missionsarbeit aus ohne jede Einschränkung und gibt ihm damit bedingungslose Gültigkeit. Es gibt keinen Ausweg und keine Entschuldigung für die Verpflichteten, sich demselben zu entziehen; es gibt keine Umstände und Verhältnisse, unter denen es aufhört.
Endlich spricht er es aus mit der Versicherung, dass er bei der Ausführung des Gebots bleiben will bis zum Ende der Welt. Darin liegt die Bestimmung, dass es eine Missionspflicht in allen kommenden Zeiten geben wird bis zum letzten Erdentage, als auch in der Gegenwart. Ja, es besteht auch für uns ein Missionsbefehl,; es besteht ein göttlicher Befehl zur Missionsarbeit, ebenso autoritativ, klar und entschieden in der Heiligen Schrift ausgesprochen wie die zehn Gebote Gottes auf Sinai und nicht weniger streng verpflichtend wie diese.
Gott will es! Dieses Wort gilt in seinem ganzen schweren Inhalt und all seinen strengen, unerbittlichen Folgerungen für die Missionierung der Welt.
Gott will es, dass sein heiliges Reich durch Missionstätigkeit in der ganzen Welt ausgebreitet werde, dass alle Völker seinen Namen anbeten und dadurch zu ihrer ewigen Bestimmung gelangen sollen.
Gott will es, dass zu allen Zeiten und in alle Weltgegenden Glaubensboten hinausziehen, die mit dem ganzen Einsatz an physischer und moralischer Kraft die irrenden Völker der Erde zur christlichen Wahrheit führen und durch die Taufe im Gottesreich eingliedern sollen.
Gott will es, dass die mit der Ausführung des Missionsauftrags verbundenen persönlichen und materiellen Opfer immerfort gebracht werden, so wie sie dem Umfang und der übernatürlichen Wichtigkeit des Werkes entsprechen.
Dieser Wille Gottes ist so denkbar klar und entschieden ausgesprochen, dass er nicht angezweifelt werden kann. Die Scheideworte Jesu dürfen nicht abgeschwächt werden; sie können keinen anderen Sinn, keine geringere Bedeutung haben: sie sind ein Missionsbefehl.
Wer aber möchte es als denkbar bezeichnen, dass Jesus beim Erteilen dieses Missionsbefehls seine Aposteln und ihren Nachfolgern stillschweigend das Zugeständnis gemacht habe, sie könnten sich zur Ausführung seines so strengen Befehls 2000 Jahre Zeit gönnen, und dann habe es auch noch keine Eile? –
Es ist wichtig, die Ansicht der Apostel kennenzulernen.
Gott will, dass die Christenheit sich ihrer Missionspflicht gegenüber der Heidenwelt bewusst bleibt, dass sie nach Maßgabe ihrer Leistungsfähigkeit eine entsprechende Anzahl Missionare stellt und Missionsmittel aufbringt: alles mit dem Eifer, dem Opferwillen und der Treue, die einem Gebot unseres höchsten Herrn und Königs entsprechen. –
aus: P. Hermann Fischer SVD, Jesu letzter Wille, 1923, S. 11- S. 18
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