Die Feinde der Kirche
Erstes Kapitel
I. Der erste Feind der Kirche: das Heidentum
Man erzählt von einem westwärts fahrenden Zuge, der mit Blitzesschnelle dahinflog; es war kurz nach Sonnenuntergang. Plötzlich hörte man ein Krachen; der Zug hielt an. »Was ist geschehen?«, fragten die Reisenden einander. Eine große Eule, vom grellen Lichte geblendet, war gegen den Scheinwerfer vorn an der Lokomotive gestoßen, hatte das Glas zerschmettert und versucht, das Licht auszulöschen; und ein mächtiger Stier hatte seinen Kopf gegen die Lokomotive gestemmt, um den Zug aufzuhalten. Die Lampe wurde wieder angezündet, die Lokomotive eilte weiter; die törichte Eule aber und der störrische Stier wurden tot beiseitegeworfen und liegen gelassen, um zu verwesen und von wilden Tieren gefressen zu werden.
Ein Irländer rief bei ihrem Anblick aus: »Euren Mut bewundere ich, aber euren Verstand verurteile ich.«
Dieser Zug lässt sich der heiligen katholischen Kirche vergleichen, die auf ihrer vom Himmel gegebenen Sendung dahineilt, um die Menschen durch das Licht ihrer heiligen Lehre zum Himmel zu führen. Die törichte Eule, die Feindin des Lichtes und Freundin der Finsternis, stellt Luzifer dar, der als Feind Gottes und des Lichtes der heiligen Religion Gottes allezeit bestrebt gewesen ist, das Licht der wahren Religion auszulöschen. Der Stier stellt die Könige und Kaiser, die Irrlehrer und die Mitglieder geheimer Gesellschaften dar, deren sich Luzifer bedient, um womöglich den Fortgang der katholischen Kirche, der Trägerin des Glaubenslichtes, aufzuhalten.
Obgleich es in gewissem Sinne schwerfällt, den Mut der Werkzeuge Luzifers nicht zu bewundern, so können wir doch nicht umhin, ihren Verstand, ihre Torheit und Bosheit zu verurteilen, womit sie sich dem Werke Gottes widersetzen und den ewigen Fluch des Allmächtigen auf sich herabziehen.
Satan ist in der Tat vom Anbeginn der Welt an damit beschäftigt gewesen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Menschen von Gott abwendig zu machen und sich selbst anstatt des Schöpfers anbeten zu lassen. Die Einführung, Befestigung, Fortdauer und Macht der mannigfachen grausamen und abscheulichen Aberglauben der alten Heidenwelt oder der heidnischen Völker der neueren Zeit sind nichts anderes als das Werk des Teufels. Sie verraten eine mehr als menschliche Macht.
Gott ließ es zu, dass Satan auf die kranke Natur des Menschen einwirkte, als verdiente Strafe für die Heiden wegen ihres Hasses gegen die Wahrheit und ihres Abfalls von der Urreligion der heiligen Patriarchen und Propheten. Die Menschen, sich selbst und der bloßen menschlichen Natur überlassen, hätten, wie tief sie auch zu sinken geneigt sein mochten, niemals so tief sinken können, dass sie Holz und Stein, vierfüßige Tiere und Gewürm angebetet hätten. Dazu bedarf es satanischer Verblendung.
Unser göttlicher Heiland Jesus Christus kam, um die Macht des Teufels über das Menschengeschlecht zu brechen; er kam, um den Götzendienst, die Anbetung des Teufels, von den Menschen zu verbannen und sie durch sein heiliges Beispiel und seine göttliche Lehre zur Anbetung und zum Dienste seines himmlischen Vaters zurückzuführen. Kaum aber hatte er begonnen, die Menschen seine heilbringende Lehre zu lehren, als Satan sich ihm widersetzte. Satan wird in der Heiligen Schrift der Vater der Lüge genannt. Vom Anbeginn der Welt an hat er jede religiöse Wahrheit zu entstellen gesucht. Diese schwarze Kunst übte er im Paradiese, und er hatte darin so unseligen Erfolg, dass er sie seitdem immerfort übt, um Irrtum und Laster unter den Menschen zu verbreiten.
Als unser Heiland seine heilige Religion zu predigen begann, übte Satan seine schwarze Kunst selbst in der Gegenwart Christi. Durch boshafte Menschen, die Diener Satans, wurde Christus in seiner Lehre widersprochen und entstellt; denn anstatt dass man ihm glaubte, wurde er dem Volke als Gotteslästerer hingestellt, weil er lehrte, er sei der Sohn Gottes, wie der gottlose Kaiphas ihn dafür erklärte, indem er sprach: »Er hat gelästert; er ist des Todes schuldig« (Matth. 26, 65).
Er wurde in seinem Ruf entstellt; denn er war edel, aus königlichem Geschlechte, und dennoch wurde er verachtet: »Ist dieser nicht des Zimmermanns Sohn?« (Matth. 13, 55). Er ist die Weisheit selbst und wurde als ein unwissender Mensch hingestellt: »Wie versteht dieser die Schrift, da er sie doch nicht gelernt hat?« (Joh. 7, 17 [richtig: 7, 15]). Er wurde als falscher Prophet hingestellt: »Und sie verhüllten ihn und schlugen ihm ins Angesicht … und sprachen: Weissage, wer ist’s, der dich geschlagen hat?« (Luk. 22, 64). Er wurde als ein Wahnsinniger hingestellt: »Er ist von Sinnen; was höret ihr ihn?« (Joh. 10, 20).
Er wurde als ein Weinsäufer, ein Schlemmer und ein Freund der Sünder hingestellt: »Siehe, der Mensch ist ein Fresser und Weintrinker, ein Freund der Zöllner und Sünder« (Luk. 7, 34). Er wurde als ein Zauberer hingestellt: »Durch den Obersten der Teufel treibt er die Teufel aus« (Matth. 9, 34).
Er wurde als ein Irrgläubiger und Besessener hingestellt: »Sagen wir nicht mit Recht, dass du ein Samaritan bist und einen Teufel hast?« (Joh. 8, 48). Mit einem Worte, Jesus wurde dem Volk als ein so schlechter und berüchtigter Mensch hingestellt, dass man kein Gerichtsverfahren für nötig hielt, um ihn zu verurteilen, wie die Juden zu Pilatus sagten: »Wäre dieser kein Übeltäter, so hätten wir ihn dir nicht überliefert« (Joh. 18, 30).
Wenn je schändliche Verleumdung bis zum Äußersten getrieben wurde, so war es zweifellos bei unserem Heiland der Fall, »der keine Sünde kannte«, der niemals ein trügerisches Wort gesprochen hatte, der »alles wohl gemacht hat« und der »sein Leben damit hinbrachte, Gutes zu tun und alle Gebrechen zu heilen«.
Der Grund, weshalb jene boshaften Menschen Christus vor der Menge entstellten, indem sie das Licht für Finsternis und Gott für den Teufel ausgaben, war, dass sie so das Volk abschrecken wollten, die Wahrheit anzunehmen und dem Sohne Gottes nachzufolgen. Christus ließ es zu, dass die Diener Satans ihn auf die ärgste Weise verleumdeten und ihn zum schmachvollen Tode des Kreuzes verurteilten. Sie sahen ihn am Kreuze sterben; sie sahen ihn begraben und meinten, seine Lehre werde bald vergessen sein. Ihre Bosheit schien über Christus triumphiert zu haben; und ein Triumph war es in der Tat – aber nicht für sie, sondern für Christus und seine Kirche.
Wenn der Winter die Natur in sein eisiges Grab bettet, so scheint er einen Triumph über die Schönheit der Natur zu feiern. Während aber die Natur in jenem Grabe den stillen, öden Todesschlaf schläft, wacht der sanfte Frühling, harrt und weint, bis endlich ein frohes Lächeln durch seine Tränen leuchtet; und bald sind seine Tränen getrocknet, denn das Grab ist gesprengt, und die Natur ersteht und lebt wieder, stark und strahlend und schön.
So kniete auch die heilige Kirche, die Braut Christi, am Grabe ihres himmlischen Bräutigams. Sein königliches Siegel auf der Stirn und seine Gaben der Macht in den Händen tragend, wachte sie an seinem Grabe, betete und weinte. Bald aber waren ihre Tränen getrocknet; denn Jesus erstand und lebte wieder, stark und strahlend und schön, und ihr Herz ward mit Freude erfüllt, und sie wurde aufs Neue mit den Schätzen unsterblichen Lebens ausgestattet.
Unser göttlicher Heiland hat gesagt: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein und bringt keine Frucht; wenn es aber stirbt, so bringt es hundertfältige Frucht. So, scheint er zu sagen, ist die kurze Geschichte meines Lebens auf Erden; so ist die Geschichte meiner Braut, meiner heiligen Kirche.
So ist auch die Geschichte meiner treuen Nachfolger zu jeder Zeit und in jedem Lande: allezeit verleumdet, gehasst, verfolgt und doch allezeit siegreich; allezeit sterbend und doch immer lebend; gekreuzigt, ins Grab gelegt und doch glorreich auferstehend; triumphierend über Tod und Hölle und hundertfältige Frucht bringend zum ewigen Leben. Ich wurde gehasst, verfolgt und getötet, weil ich die Wahrheit und die öffentliche wie die private Sittlichkeit lehrte. Meine Kirche lehrt dasselbe. Satan aber versucht die Gottlosen beständig, sich gegen die Wahrheit aufzulehnen, und darum wird sie zu allen Zeiten von den Feinden der Wahrheit angefochten.
Weil ich dies wusste, habe ich erklärt, das Los meiner Nachfolger in dieser Welt werde für immer die Verfolgung sein; zu allen Zeiten würden böse Menschen aufstehen, die meinen, das Volk Gottes zu verfolgen und zu bedrücken heiße Gott einen Dienst erweisen.
»Hütet euch vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln. Und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnisse. Es wird aber der Bruder den Bruder zum Tode überliefern und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich gegen die Eltern erheben und sie zu Tode bringen; und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen; wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird selig werden« (Matth. 10, 17–22).
»Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt das Ihrige lieben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, darum hasst euch die Welt. Gedenket meines Wortes, das ich euch gesagt habe: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen« (Joh. 15, 19. 20).
»Ja, es kommt die Stunde, dass jeder, der euch tötet, meinen wird, Gott einen Dienst zu erweisen« (Joh. 16, 2).
»Ich sage aber euch: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr tun können. Fürchtet aber den, der, nachdem er getötet hat, Macht hat, in die Hölle zu stürzen; ja, ich sage euch, diesen fürchtet« (Luk. 12, 4. 5).
Diese Vorhersage unseres Herrn ist allezeit in Erfüllung gegangen und wird allezeit in Erfüllung gehen. Wie aber Christus die Verfolgungen seiner Nachfolger vorhersagte, so sagte er auch voraus, dass sie siegen würden, wie er gesiegt hat. Das Leben Christi war ein Übergang vom tiefsten Leiden zum höchsten Triumph und zur höchsten Herrlichkeit. Die Kirche, deren Leben das Leben Christi ist, geht beständig vom Leiden zur Herrlichkeit und von der Herrlichkeit wieder zum Leiden über, bis endlich ihr letzter Triumph kommen wird, wo es kein Leiden mehr geben wird. Die Verfolgungen müssen daher zwar kommen, aber sie müssen auch enden, und zwar mit dem Triumphe der Kirche.
Kaum hatten die Apostel begonnen, das Evangelium zu verkünden, als ihnen dieselbe Behandlung widerfuhr, die ihr göttlicher Meister erfahren hatte. Das Volk wurde gegen den heiligen Stephanus durch Entstellung aufgereizt, indem man ihm sagte, »er habe Lästerworte geredet gegen Moses und gegen Gott« (Apg. 6, 11). Man reizte es auch gegen den heiligen Paulus auf, indem man ihm sagte, er sei »ein pestartiger Mensch, der Aufruhr erregt unter allen Juden auf dem ganzen Erdkreise« (Apg. 24, 5). Doch auch hier blieben jene Verleumdungen, jene bösartigen Entstellungen, nicht stehen. Jesus Christus hat gesagt: »Der Jünger ist nicht über den Meister; haben sie den Hausvater Beelzebub genannt, wie viel mehr seine Hausgenossen?« (Matth. 10, 24 [richtig: 10, 24. 25]).
Mit diesen Worten sagte unser Herr nicht nur voraus, was seinen damals gegenwärtigen Nachfolgern widerfahren sollte, sondern auch den Gläubigen, die nach ihnen kommen sollten, und seiner Kirche in künftigen Zeiten: dass sie nämlich, mögen sie noch so gerecht gegen Gott und den Nächsten, noch so redlich in ihren Wegen sein und in der Furcht Gottes und in der Beobachtung seiner Gebote leben, dennoch von der Welt geschmäht und gehasst, dem Volke zum Gespött gemacht, in den Ruf von Verführern gebracht und allen Völkern zum Ärgernis werden müssen.
Ist dies nicht zu allen Zeiten eingetroffen? Seht, wie es um die Christen in der Urzeit stand. Ihr Leben war heilig und rein, und doch ist es kaum zu glauben, in welcher Verachtung sie standen. Tertullian berichtet uns, so boshaft seien die über die Art ihres Gottesdienstes ausgestreuten Verleumdungen gewesen – ihre ganze Religion wurde nicht nur als bloße Torheit und Narretei geschildert, sondern auch als auf höllischste Grundsätze gegründet und voll Gottlosigkeiten –, dass die Heiden glaubten, ein Mensch könne sich nicht zum Christentum bekennen, ohne mit Verbrechen aller Art befleckt, ohne ein Feind der Fürsten, der Gesetze, der guten Sitten und der Natur selbst zu sein.
So wurde die christliche Religion bei den Heiden gänzlich verrufen, vom größeren Teile verurteilt und verabscheut, und die blutigsten Verfolgungen wurden gegen die Christen erregt, während sie sich doch keines anderen Verbrechens schuldig gemacht hatten als dessen, dass sie an der Wahrheit festhielten. Und jene Verleumdungen, jene falschen Anklagen wurden erdacht, um die christliche Religion in Verruf zu bringen.
Daher sah sich Tertullian gedrängt, seine »Apologie« (Apologeticum) zu schreiben, worin er der Welt zeigte, dass das Christentum ganz und gar nicht das sei, wofür die Heiden es hielten; dass Götzendienst, Aberglaube, Gottlosigkeit, Grausamkeit, Verrat, Verschwörung und alle anderen Verbrechen gegen Natur und Gnade von seiner Lehre verurteilt und verworfen würden.
Er zeigte, dass diese Verbrechen nur die boshaften Erfindungen und Gerüchte der heidnischen Priester seien, die, unfähig, der Kraft der christlichen Religion zu widerstehen, kein anderes Mittel hatten, sich in Ansehen und das Volk in seinem Irrtum zu erhalten, als eine scheußliche Larve, ein abscheuliches Zerrbild der Religion, das sie der Welt vorhielten, indem sie riefen: »Das ist die Religion der Christen; das sind ihre Grundsätze; sehet ihre Unwissenheit, ihre Dummheit, ihre Gottlosigkeit; sehet ihre Frechheit, ihre Schandtaten – ein Volk, unerträglich in einem Gemeinwesen, Feinde ihres Vaterlandes und ihres Fürsten!«
Indem sie so die christliche Religion als etwas durchaus Ungeheuerliches darstellten, brachten sie Hass über alle, die sich zum christlichen Namen bekannten, und verurteilten sie wegen Torheiten und Verbrechen, die nirgends bestanden als in ihrer bösen Einbildung.
Edikte, die Verderben gegen die Christen und gegen alle, die an ihre Lehre glaubten, atmeten, wurden erlassen; die Christen wurden ergriffen, die Henker ermüdeten am Werke des Todes, und die barbarischsten Martern wurden ersonnen, um das Christentum vom Angesichte der Erde zu vertilgen. Qualen, wie nur die Hölle sie eingeben konnte, wurden angewandt, um den Herzen der Christen Schrecken einzujagen. Man schlug sie ans Kreuz, man warf sie den wilden Tieren vor, man bestrich sie mit Pech, band sie an Pfähle und zündete sie dann an, um die Straßen des heidnischen Rom zu erleuchten.
Aber ihr Mut wuchs mit ihren Leiden. In heiliger Begeisterung traten sie vor die Tyrannen und bekannten freimütig den Namen Jesu; Mütter rissen ihre kleinen Kinder aus der Wiege und riefen, sie in den Armen vor die heidnischen Richter tragend, laut: »Wir sind Christen, wir wollen für Christus sterben!« Bräutigam und Braut legten ihre Festkleider an und eilten miteinander zur Richtstätte. Vereint im Herzen, vereint im Glauben, wollten sie auch im Tode vereint sein und miteinander zum Hochzeitsmahle des Lammes eingehen.
Mannhafte Krieger warfen ihre Waffen von sich und gaben ihr Leben für Christus hin. Zarte, edle Jungfrauen eilten freudig, für ihren Bräutigam Jesus zu sterben. So groß war die Verheerung, die diese frühen Verfolgungen unter den Kindern der Kirche anrichteten, dass allein ihre Märtyrer sich auf dreißigtausend für jeden Tag des Jahres belaufen – Märtyrer, deren Blut, wie ein heiliger Papst bemerkt, dem auserlesenen Samen glich, der nur vergeht, um hundertfältige Frucht hervorzubringen.
Die Kirche war zermalmt. Ihre tyrannischen Unterdrücker frohlockten, sie sei vernichtet. Aber die Jungfrau war nicht tot, sie schlief nur. Das Weizenkorn war in die Erde geworfen; es war dem Anscheine nach tot, aber bald schlug es Wurzel, erhob sich wieder, frisch und kräftig, und brachte hundertfältige Frucht. Das Blut der Märtyrer wurde der Same neuer Christen; der heidnische Tyrann mähte einen einzigen Weizenhalm ab, und hundert andere sprossten an seiner Statt empor; und wo das Christentum gänzlich vernichtet schien, da feierte es bald einen glorreichen Triumph.
Die katholische Kirche erstand aus dem Grabe; sie trat aus den Katakomben hervor, stark und schön wie je, auf der Stirn das Diadem eines geistigen Reiches, das nimmer vergehen wird, bis die Elemente selbst sich auflösen und verschwinden. Sie redete, und auf ihre himmlische Stimme legte der Jude seinen Volksstolz ab und umarmte den Heiden als Bruder. Er gab seine eitle Hoffnung auf einen irdischen Messias und ein irdisches Reich auf und beugte das Knie vor eben jenem Jesus, den er gekreuzigt hatte.
Der Grieche verließ seine Hallen, seine Akademien und seine weltliche Weisheit, um ein Jünger der Fischer von Galiläa zu werden und von ihnen zu lernen, wie man um Christi willen »ein Tor« wird. Der Römer kehrte dem Kapitol den Rücken und nahm mit der Gelehrigkeit eines Kindes die Lehre von der Demut und vom Frieden für alle Menschen an.
Der Heide verwarf seine falschen Götter – die Götter, die er von seinen Vorvätern ererbt hatte und die ihm gestatteten, jede selbstsüchtige Begierde seines Herzens zu befriedigen; er umfing die Religion des Kreuzes – die Religion der Reinheit, der Selbstverleugnung, der grenzenlosen Liebe.
Das Kreuz, das Wahrzeichen des Reiches Christi, erhob sich bald triumphierend über den Städten Antiochia und Alexandria. Das Kreuz ragte empor über Athen, dem stolzen Sitze der weltlichen Weisheit. Das Kreuz leuchtete hell über dem sinnlichen Korinth; und der Fürst der Apostel trug das Kreuz nach Rom und pflanzte es neben dem Throne der Cäsaren auf. Das stolze Rom, so lange trunken vom Blute der Märtyrer, beugte endlich seinen hochmütigen Nacken unter das süße Joch Jesu, und die römischen Cäsaren legten ihre glänzende Krone und ihr Zepter als demütige Opfergabe zu den Füßen des Kreuzes nieder.
Das Christentum verbreitete sich mit der ganzen Schnelligkeit der göttlichen Wahrheit. Bald drang es über die äußersten Grenzen des weitausgedehnten Römerreiches hinaus, so dass Tertullian mit Wahrheit sagen konnte, beinahe alle Völker der damals bekannten Welt seien in einer Religion vereinigt – in der Religion des Kreuzes.
Konstantin der Große schlug vor den Mauern Roms die Schlacht, die das Schicksal des Heidentums für immer entscheiden sollte. Konstantin wusste, dass sein Feind Maxentius ihm an Zahl weit überlegen war, und er fühlte, dass kein geschnitztes Bild aus Stein oder Holz ihm in der Stunde der Not helfen könne. Darum wandte er sein Herz dem lebendigen und mächtigen Gotte zu. Er rief den Gott der Christen an, von dessen Liebe und Güte er so viel gehört hatte; und Gott belohnte sein Vertrauen und erhörte sein Gebet.
Ein strahlendes Kreuz erschien am Himmel, umgeben von der Inschrift En touto nika (»In diesem Zeichen wirst du siegen«). Konstantin gehorchte der Stimme Gottes. Er ließ den römischen Adler herabnehmen und an seiner Stelle das heilige Kreuz aufpflanzen. Als die Morgensonne aufging, fielen ihre Strahlen auf den goldenen Adler, das Sinnbild des heidnischen Rom; ihm gegenüber aber glänzte zum ersten Male das Kreuz – das Siegesbanner; und ehe die Sonne jenes Tages untergegangen war, war das Heidentum besiegt, das Christentum triumphierend, und Konstantin trug das strahlende Kreuz im Triumphe durch die offenen Tore Roms, um es auf dem Kapitol der Cäsaren aufzupflanzen.
So endeten die römischen Verfolgungen mit der Zermalmung der blinden Eule und des Stieres – der heidnischen Macht – und mit ihrer Ablösung durch ein christliches Reich.
aus: Michael Müller, CSsR, Die Feinde der Kirche S. 1 – S. 11 in: Gott, der Lehrer der Menschheit, 1880
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