Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre
Erster Teil: Die Zehn Gebote Gottes
Das Erste Gebot
Nr. VI. 1. Die Hoffnung
Durch die Hoffnung auf Gott erfüllen wir ebenfalls einen Teil unserer Pflicht, Ihn anzubeten.
Die Hoffnung steht in der Mitte zwischen den zwei bösen Extremen der übermäßigen Hoffnung oder Vermessenheit und des Mangels an Hoffnung oder der Verzweiflung an Gottes Erbarmen.
Beweggründe der Hoffnung
Wir haben vorher gesagt, dass die Hoffnung vom Glauben abhängt. Die Hoffnung ruht auf unserem Glauben an die Macht Gottes, uns den Besitz seiner selbst, unseres höchsten Gutes, im Himmel zu geben samt allen dazu nötigen Hilfen. Sie ruht ferner auf seiner Güte, die uns dies zu tun wünscht, und auf seiner Treue gegenüber den Verheißungen, die Er gemacht hat, dass Er es tun werde. Macht, Güte und Treue Gottes sind die Gründe unserer Hoffnung auf Ihn.
Misstrauen gegen sich selbst hindert die Vermessenheit
Um die Hoffnung davor zu bewahren, zur Vermessenheit zu werden (heutzutage vielleicht eine seltenere Gefahr als die der Entmutigung und des Kleinmuts), muss man bedenken: Obgleich es gewiss ist, dass Gott uns nicht im Stich lassen wird, macht unsere große Schwäche es doch möglich, dass wir es an uns Ihm gegenüber fehlen lassen. Darum färbt die Selbsterkenntnis unsere Hoffnung notwendig mit einiger Furcht, wir könnten es unterlassen, von unserer Seite zu tun, was erforderlich ist.
Von der Notwendigkeit der Hoffnung und dem Gebot, Akte der Hoffnung zu setzen, braucht nichts gesagt zu werden, weil das, was über diese Punkte beim Glauben bemerkt wurde, ebenso für die Hoffnung gilt.
Sünden gegen die Hoffnung
Wesen der Verzweiflung
1. Die Verzweiflung, das heißt die absichtliche Preisgabe aller Hoffnung mit der Begründung, dass wir unsere Seelen nicht retten können oder dass Gott uns die zur Überwindung unserer schlechten Gewohnheiten nötige Gnade nicht geben werde.
Die Gott zugefügte Beleidigung
Es ist gut, diese große Sünde von der Seite des allmächtigen Gottes aus zu betrachten, damit wir Verzweiflung nicht mit der demutigen Selbsterniedrigung verwechseln, die einem elenden Sünder anstehe. Die Beleidigung, die sie der unaussprechlichen Güte und Barmherzigkeit Gottes zufügt, ist die tiefste. Sie kränkt in besonderer Weise das Heiligste Herz unseres Herrn, der die Sünder so geliebt hat, dass Er sein furchtbares Leiden und seinen Tod für sie erduldete und einen Preis für die Sünde zahlte, der mehr als ausreicht, die Ungerechtigkeiten von zehntausend Welten zu sühnen, selbst wenn diese unendlich viel schlechter wären als die unsere.
Furchterregende Schriftstellen
Wir brauchen die richtige Erklärung jener Bibelstellen nicht zu erörtern, die von der Reue über gewisse Formen der Sünde als „unmöglich“ sprechen oder von einer Sünde, die „weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben werden wird“, der sogenannten unvergebenen, das heißt „unvergebbaren“ Sünde. Für einen Katholiken, der die Auslegung der Heiligen Schrift der unfehlbaren Kirche überlässt, genügt es, die einhellige und bestimmteste katholische Lehre anzugeben, die dahin geht:
Es gibt keine Art von Sünde, die in diesem Leben vollendet werden könnte, keine Zahl von Sünden, keine Zahl von Rückfällen in die Sünde, die Gott nicht auf unsere aufrichtige Reue hin ganz gewiss vergäbe. Zu dieser Reue ist Er stets bereit, uns die nötige Gnade zu geben, wenn wir sie nur ernstlich suchen. (1) Die Verzweiflung im vollen Sinne ist eine Todsünde.
(1) Die Verstocktheit bis zum Ende, das heißt die Weigerung, bis zum Tod Reue zu üben, ist selbstverständlich der Verzeihung nicht fähig, weil die Zeit der Reue vorüber ist. Aber diese Sünde kann nicht begangen werden, solange das Leben währt. So gilt das Sprichwort „Solange Leben ist, ist Hoffnung“ vom Heil ebenso wie von anderen Dingen.
Geringere Fehler
Es gibt geringere Mängel der Hoffnung, die nicht mehr als eine lässliche Sünde ausmachen oder, als nur vorübergehende und unfreiwillige Niedergeschlagenheiten des Gemüts, bloße Unvollkommenheiten sind. Diese sind bei denen nur allzu häufig, die ernstlich bestrebt sind, trotz vieler Fehler Gott zu dienen und ihre Seele zu retten. Sie sind jedoch für die Seele äußerst schädlich und schwächen ihr geistliches Leben sehr. Sie fügen ihr weit mehr bleibenden Schaden zu als manche andere Fehler, die der Verzagte sorgfältig vermeiden würde.
Im Hinblick auf den Tod ist es höchst wünschenswert, sich im Leben die Gewohnheit anzueignen, Gott blindlings zu vertrauen, gleichgültig, was uns zustößt, und trotz allen Anscheins, so schwarz und hoffnungslos er auch sei. Eine eifrige und verständige Übung der Andacht zum Heiligsten Herzen Jesu erweist sich als wirksames Heilmittel gegen die Mutlosigkeit
Ein Vorbild der Hoffnung
Ein rührendes Beispiel unbezwinglicher Hoffnung trotz allem bietet uns ein Vorfall, der aus Napoleons geschichtlichem Rückzug von Moskau erzählt wird. Bei der Einnahme dieser Stadt durch die Franzosen wurde Jean —, ein französischer Trommlerjunge, durch einen Kanonenschuss so schwer verwundet, dass ihm beide Beine abgenommen werden mussten. Während er im Militärspital von Moskau lag, vertraute er dem Feldgeistlichen an, dass er beständig von heftigen Versuchungen zur Verzweiflung bedrängt werde.
„Mein Kind“ (Mon enfant), antwortete der Feldgeistliche (aumônier), „sooft der Teufel dich so angreift, sage zum guten Gott wie der heilige Job: ‚Auch wenn Du mich töten solltest, will ich doch auf Dich hoffen.‘“ „Aber wie wollen Sie, dass ich mir das alles merke?“, wandte der ungebildete Junge ein. „Etwas Kürzeres, bitte, Herr Pfarrer.“ „Dann sage statt dessen: ‚Töte mich … ich hoffe auf Dich‘“, schlug der Priester vor. „Ach so! Töte mich … ich hoffe auf Dich“, wiederholte Jean. „Aber ja! Das kann ich sagen, Herr Pfarrer, und ich verspreche, es zu tun.“ Dann folgte die Niederlage der „Großen Armee“ (Grande Armée).
Die Russen, als sie den Feind aus Moskau vertrieben, jagten grausam selbst die verwundeten Soldaten mit dem Bajonett aus den Spitälern, den Trommlerjungen wie die anderen. Als er so schnell aus dem Gebäude floh, wie seine Krücken ihn trugen, wurde der verkrüppelte Junge gewaltsam eine Steintreppe hinabgestoßen und brach sich das Genick. Dort am Fuß der Stufen lag der arme Jean, hilflos und sterbend. Wie ein glücklicherer Kamerad später bezeugte, war Jeans letzte Handlung ein tapferer, aber schwacher Versuch, seine Krücke in der Luft zu schwingen, während er mit dem letzten Atemzug hervorstieß: „Töte mich … ich hoffe auf Dich! Töte … mich … ich hoffe … auf … Dich!“ Hier war wahrhaftig Hoffnung von der Art, die „nicht zuschanden werden wird in Ewigkeit“.
Vermessenheit
2. Die Vermessenheit, die darin besteht, auf falsche Gründe hin zu hoffen.
So wäre es Vermessenheit, wenn jemand sich auf seine eigene geistige Kraft verließe, um irgendeine äußerst schwierige Tugendhandlung zu vollbringen oder eine sehr gewaltige Versuchung, die er selbst gesucht hat und von der er weiß, dass es einer außerordentlichen Gnade zu ihrer Überwindung bedürfte, sicher zu bestehen. Vermessenheit wäre es auch, zu erwarten, gerettet zu werden, ohne die notwendigen Bedingungen der Reue zu erfüllen, z. B. wenn ein sterbender Katholik hofft, Gottes Erbarmen für seine schweren Sünden zu erlangen, obwohl er sich weigert, sie zu beichten.
Ihre Schuld nicht gewöhnlich schwer. Beispiele.
In der Praxis ist Vermessenheit nicht gewöhnlich eine Todsünde. Ein Fall, in dem man schwere Sünde eher vermuten könnte, ist der eines Sünders, dem zur Zeit der Sünde der Gedanke an die Leichtigkeit kommt, mit der er nachher Verzeihung durch die Beichte erlangen kann. Die einzige Bedingung, unter der damit Vermessenheit begangen wäre, ist die, dass die Größe von Gottes Barmherzigkeit oder die Überlegung, dass Gott viele Sünden ebenso leicht vergeben kann wie eine, der wirkliche Grund oder Beweggrund seines Sündigens war. Das wäre ein ungeheuerlicher Geisteszustand, der wohl selten ist.
Der gewöhnlichere Fall, in dem keine Vermessenheit liegt, wäre dieser: Ein Mensch hofft, während er tatsächlich der Sünde nachgibt, dennoch Verzeihung für seine Schwäche zu erlangen. Beispiel: Ein Mann, der einen jährlichen Urlaub nimmt und sich vielen sündhaften Ausschweifungen hingibt, schiebt das Beichten auf, bis er sich ausgetobt hat. Die Hoffnung auf Verzeihung, insofern sie die Furcht vor dem freien Sündigen mindert, macht nicht den wirklichen Beweggrund der Sünde aus. Dieser Beweggrund ist gewöhnlich nichts weiter als die Befriedigung der Leidenschaften. Ja, gerade die Tatsache, dass diese Hoffnung die Sündentat begleitet, mindert ihre Heftigkeit und Bosheit einigermaßen, da sie die Absicht einschließt, später zu bereuen.
Es ist auch nicht gegen die Tugend der Hoffnung, wenn ein Sünder eine Sünde wiederholt, weil es, wie er sich sagt, ebenso leicht sei, mehrere zu beichten wie eine. Aber trotzdem ist dies eine sehr üble Geisteshaltung und lässt die Notwendigkeit erkennen, sorgfältig auf Reue und Vorsatz der Besserung zu achten.
Gleichgültigkeit gegen den Himmel
Es ist keine schwere Sünde, zu wünschen, man könnte hienieden ewig leben, obwohl der Besitz Gottes im Himmel den höchsten Gegenstand unserer Hoffnung bildet. Da eine solche Unsterblichkeit unmöglich ist, kann sie nicht eigentlich erhofft werden. Ein solcher weltlicher Geist offenbart freilich eine übermäßige Anhänglichkeit an die irdischen Dinge und kann daher in Sünde ausmünden, indem er Menschen dazu bringt, weltliche Ziele auf Kosten ihrer ewigen Belange oder derer anderer, die von ihnen abhängen, zu verfolgen.
Folgen solcher Weltlichkeit, an Beispielen.
Das tut ein katholisches Mädchen, das protestantisches Geld oder protestantische Stellung heiratet, obwohl es keine vernünftige Hoffnung sieht, dass die katholischen Bedingungen, von denen die nötige Dispens für die „Mischehe“ abhängt, nach der Hochzeit verwirklicht werden. Ebenso weltlich ist jemand, der, um Beförderung zu erlangen, die Ausübung seiner Religion in den Hintergrund stellt, eine Vorkehrung, die zuweilen unerwartete Folgen hat. B., ein junger Mann in einem unserer großen Handelszentren, bekam einmal eine ungewöhnlich gut bezahlte Stelle in einem großen Handelshaus angeboten.
Ehe er endgültig angenommen wurde, fragte ihn der derbe, rauhbeinige Geschäftsführer: „Und nun, Herr B., sagen Sie mir: Was sind Sie?“ Das heißt, er meinte seine Religion. B., der in Furcht vor engherziger Abweisung war, stotterte herum und deutete nervös an, dass es vielleicht auf seine Religion nicht ankomme, womit er vielleicht recht hatte. „Kommen Sie, kommen Sie“, bestand der „Chef“ darauf, „nichts davon bei mir. Ich will immer wissen, was meine Leute sind. Wohin gehen Sie in die Kirche?“
B. deutete an, dass er zuweilen in die X.-Kirche gegangen sei, wo er in der Tat ein recht regelmäßiger Besucher war. „Oh, tatsächlich!“, sagte der Schiedsrichter über B.s Schicksal. „Und welcher von den Priestern kennt Sie dort?“ B. nahm nicht an, dass ihn einer von ihnen besser kenne. „Was!“, rief der Geschäftsführer, „Sie ein Katholik und Ihrem Klerus unbekannt! Jetzt machen Sie, dass Sie aus meinem Haus kommen! Ich habe nichts dagegen, gute Katholiken anzustellen, aber —.“
Ich enthalte mich, meine Leser, den Bestimmungsort näher zu bezeichnen, den der erzürnte Geschäftsführer für sich selbst für den Fall wählte, dass er „einen schlechten“ anstellte.
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre (Erste Reihe) Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote, 1914, S. 57 – S. 63
Anmerkung: Die Bibelzitate stehen im Original in der englischen Douay-Fassung.
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Bildquellen
- Moses_Comes_Down_from_Mount_Sinai: wikimedia | Public Domain Mark 1.0



