II. Missionsgeist im Geiste Jesu
1. Die Apostel und der letzte Wille Jesu
Wie haben die Apostel den letzten Willen Jesu, ihres Meisters, aufgefasst und wie sich ihm gegenüber verhalten?
Mit dieser Frage wenden wir uns jedenfalls an die berufensten Autoritäten in dieser Angelegenheit.
Beim göttliche Lehrer
Die Jünger haben diese letztwillige Verfügung nicht als tote Buchstaben auf Pergament empfangen, sondern von den Lippen ihres Meisters sind sie in ihre Herzen geflossen. Sie hörten den Laut seiner göttlichen Stimme; sie sahen den Widerschein seiner heiligen Absicht durch Blick und Miene ausgeprägt, und so konnten sie lebendig wahrnehmen und mitfühlen, was der Herr meinte. Welchen Eindruck haben denn diese Worte auf sie gemacht, welchen Einfluss auf ihr Leben und ihre Arbeit gehabt?
Es ist zu viel behauptet, wenn ich sage, dass niemals Worte gesprochen worden sind, die ein solches Pflichtbewusstsein geweckt haben, die Menschen zu solch intensiver und hingebender Tätigkeit während der ganzen Lebensdauer angeregt haben als die Scheideworte Jesu an seine Jünger? Das Denken und Verlangen der Apostel ist seit jener Zeit ganz erfüllt und durchglüht vom Missionsbefehl; ihre Arbeit ist intensivste Missionsarbeit; ihr Tod die letzte und höchste Opfergabe für die heilige Sache der Mission.
Nachdem die Apostel die Absicht und den Willen Jesu und die Art und Weise, wie er verwirklicht werden sollte, einmal recht erfasst hatten, ist ihrem ganzen Auftreten, Leben und Arbeiten in geradezu ergreifender Weise die Überzeugung ernster, persönlicher Verpflichtung aufgeprägt. Ihre Briefe, ihre Lebensgeschichte, ihre Arbeiten und Leiden, alles redet dieselbe Sprache, verkündet uns, dass sie die Ausbreitung des Reiches Jesu Christi als pflichtgemäße Aufgabe ansahen, dass sie sich streng gebunden fühlten, mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht allen Völkern die frohe Botschaft des Evangeliums zu bringen.
Die Apostelgeschichte zeigt uns, wie der Gedanke an den letzten Auftrag des Herrn den Jüngern geläufig war und sie lebhaft beschäftigte; wie sie aber erst langsam und nach wiederholtem göttlichen Eingreifen dessen Umfang im Werk der Weltmission ganz erfassten. Dann aber geben sie sich auch mit einzig dastehender Energie und Treue seiner Verwirklichung hin.
Gleich am Anfang der Apostelgeschichte finden wir bemerkenswerter Weise das letzte Wort des Herrn vom Himmelfahrtstag wieder, seine Versicherung: „Ihr sollt meine Zeugen sein in Jerusalem und ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg. 1, 8)
Wie sehr die Apostel von dieser Zeugenpflicht erfüllt waren, geht daraus hervor, dass die erste Tat des Apostelfürsten darin bestand, die Lücke auszufüllen, die durch den Abfall des pflichtvergessenen Judas in der Reihe der Zeugen Jesu entstanden war: „Es muss aus den Männern, die während der ganzen Zeit uns beigesellt waren, seitdem der Herr Jesus unter uns aus und ein gegangen ist … einer Zeuge seiner Auferstehung mit uns werden.“ (Apg. 1, 21. 22) So ist die Schar der Zeugen vollständig, und die apostolische Laufbahn kann beginnen.
Folgen wir diesen ersten Missionszöglingen des göttlichen Lehrers und halten wir uns gegenwärtig, dass es die lebendige Lehre Jesu ist, die bei dem Missionseifer der Apostel in die Erscheinung tritt.
Mahnungen vom Himmel her
Es kam die Kraft aus der Höhe, die Geistessalbung, deren die Jünger für ihre Riesenaufgabe allerdings bedurften. Die erste Wirkung dieser Feuertaufe am heiligen Pfingstfest aber war nach dem Zeugnis der Schrift: „Sie fingen an, in verschiedenen Sprachen zu reden.“ (Apg. 2, 4) Wozu das? Es ist eine wunderbare Ausrüstung für das Missionswerk und eine himmlische Mahnung, dasselbe jetzt in Angriff zu nehmen.
Beachten wir den göttlichen Zusammenhang! Das, was Christus in seiner unvergesslichen Abschiedsstunde den Aposteln als dringendste Angelegenheit so sehr ans Herz gelegt hatte, das ist in der Wirksamkeit des von ihm gesandten Heiligen Geistes das erste.
Die Jünger empfangen den verheißenen Tröster mit unaussprechlicher Freude, denn er ist ja das erste und schönste Gedenkzeichen des geliebten Meisters aus dem fernen Haus seines Vaters, von dem er ihnen so oft erzählt hatte. Mit dieser süßen Gabe aber verband er gleichzeitig eine so überraschend wirksame Erinnerung an sein letztes Gebot. Ist es doch, als ob der Herr die erste sich darbietende Gelegenheit benutzte, sie auf das einzig Wichtige hinzuweisen. Die Verleihung der Sprachengabe ist für die Apostel ein Ruf des Meisters aus dem Himmel: Jetzt auf zum Missionswerk!
Nun durften und konnten sie nicht mehr zögern. Petrus ergreift das Wort und verkündet zum ersten Mal das heilige Evangelium. Dabei erleben wir wiederum einen schönen Hinweis auf die apostolische Weltmission, eine vorbildliche Darstellung des Missionswerkes in seiner weltumspannenden Ausdehnung.
Wie Gott nämlich durch die Vielsprachigkeit des Apostelmissionars anzeigt, dass die heilige Glaubensbotschaft in den Lauten aller Völker verkündet werden soll, so fügte er es auch, dass die ersten Zuhörer „Männer aus allerlei Völkern unter dem Himmel sind.“ (Apg. 2, 5) Parther, Meder, Älamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa, Kappadozien, Pontus und Asien, von Phrygien und Pamphilien, von Ägypten, Libyen, Rom, Kreta und Arabien. (Apg. 2, 9-11) Wie lebhaft musste dies Ereignis den Aposteln das Wort des Meisters in erinnerung bringen: „Lehret alle Völker!“
Eine solche wirksame Erneuerung des letzten Auftrages Jesu im Bunde mit der Kraftfülle des Heiligen Geistes, die sie empfangen, drängte die Jünger unwiderstehlich in die öffentliche Tätigkeit hinaus. Von dieser Stunde an beherrschte sie nur mehr der Gedanke: der Missionsbefehl des Herrn. In seiner Ausführung sahen sie fortan die einzige Aufgabe ihres Lebens. Mit dem ganzen Einsatz an physischer und moralischer Kraft, mit der glühendsten Begeisterung und mit todesstarker Treue beginnen sie ihre Missionslaufbahn und: „weder Trübsal noch Angst, noch Hunger oder Blöße, weder Gefahr noch Verfolgung oder Schwert, weder Tod noch Leben vermag sie davon zu scheiden.“ (Röm. 8, 35-39)
Zuerst wenden sie sich an ihre Brüder, „ihre Verwandten dem Fleische nach“, die zu retten sie zu jedem Opfer bereit sind, selbst zu schwersten, zur dauernden Trennung von ihrem geliebten Meister. (Röm. 9, 3) „Euch zuvörderst hat Gott seinen Sohn, den er erweckt hat, gesandt, dass er euch segne“, so versichert der hl. Petrus den Juden. (Apg. 3, 26) –
Mit rührender Beharrlichkeit mühen sie sich um die undankbare Aufgabe, „diesen Halsstarrigen und Unbeschnittenen an Herz und Ohren“ die Segnungen des Reiches Gottes zuzuwenden. Keine Enttäuschung, keine Kränkung und Verfolgung kann sie dabei entmutigen, denn sie haben es bereits gelernt, freudig „um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden“. (Apg. 5, 41)
Gingen die Apostel im Interesse für die Stammesgenossen zu sehr auf? Oder war es ihnen immer noch nicht klar, wie die Heidenwelt zum Glauben an Christus geführt werden musste? Jedenfalls erfolgten noch mehrere recht eindringliche Aufforderungen vom Himmel her, sich an diese, an die Heiden, zu wenden.
Diese Eingreifen des göttlichen Meisters zur Rechten des Vaters ist jedesmal eine neue Bestätigung seiner letzten Willensäußerung und für die richtige Erfassung des Missionsgedankens und der Missionspflicht von hoher Bedeutung. Es sind neue Missionsbefehle, die durch ihre wunderbare Mitteilung ein Siegel göttlichen Ursprungs erhalten haben und die uns offenbaren, wie dringend Gott die Bekehrung der Heidenwelt will. Es sind herrliche Urkunden, auf denen die Berechtigung und Pflicht zum Missionswerk beruht.
Zuerst kam die bedeutsame Berufung des hl. Paulus: „Apostel nicht von Menschen, noch durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus“ (Gal. 1, 1), der ihn ausdrücklich zum Heidenmissionar bestimmt: „Dieser ist mir ein auserwähltes Werkzeug, meinen Namen vor Heiden, Könige und Kinder Israels zu bringen.“ (Apg. 9, 15)
Es ist eine der größten Offenbarungen der göttlichen Gnadenmacht, die sich an Saulus auf dem Weg nach Damaskus vollzieht. Die göttlichen Lichtstrahlen, die dort auf das so wunderbar erwählte Werkzeug Gottes fallen, verklären, ja vergöttlichen gleichzeitig auch den hohen Zweck, für den Paulus in so außerordentlicher Weise vom Herrn berufen wurde: „Ich habe dich zum Licht der Heiden gesetzt, damit du zum Heile seiest bis an das Ende der Erde.“ (Apg. 13, 47)
Dann wurde Petrus, der Apostelfürst, durch eine wunderbare Erscheinung zu dem heidnischen Hauptmann Kornelius geführt, und hier sah er mit Staunen, „dass auch über die Heiden ausgegossen wurde die Gnade des Heiligen Geistes“. (Apg. 10, 45) Ihre Berechtigung zum Eintritt in die christliche Gemeinde war dadurch vom Himmel selbst bestätigt worden. Petrus erkannte dies freudig an und befahl, „dass sie getauft würden im Namen des Herrn Jesu Christi“. (Apg. 10, 48) Die ersten Heiden wurden hier in den Schoß der Kirche aufgenommen. –
Die Jünger zu Jerusalem wussten nicht, was sie dazu sagen sollten, dass Petrus zu den „Unbeschnittenen“ gegangen war. Als er ihnen aber das Wunder der sichtbaren Mitteilung des Heiligen Geistes berichtete, da brach sich bei allen die völlige Überzeugung durch: „Also auch den Heiden hat Gott die Buße verliehen zum Leben.“ (Apg. 11, 18)
Da aber dieser Überzeugung noch nicht gleich die Tat folgte, so gingen nunmehr die bisherigen himmlischen Mahnungen in einen entschiedenen Befehl über. Die zu Antiochia versammelten Jünger wurden vom Heiligen Geist aufgefordert: „Sondert mir ab den Saulus und Barnabas zu dem Werk, wozu ich sie aufgenommen habe.“ (Apg.13, 2) Damit öffnete das Judentum seine Tore, und hinaus ziehen in die Heidenwelt die ersten christlichen Missionare. Jesu letzter Wille beginnt zur Ausführung zu kommen.
Apostolische Pflichttreue
Ob diese apostolischen Männer wohl ahnten, welch eine unendliche Tragweite dieses Unternehmen hatte für sie, für das Reich Gottes, für die Heidenvölker, für die gesamte Zukunft der Welt? Ob sie überhaupt weiter darüber nachgedacht haben? Jedenfalls war das ihre kleinere Sorge. Sie hatten einen wichtigeren Gedanken, der sie ganz beherrschte und keinen Raum ließ zu anderen Erwägungen. St. Paulus hat es packend zum Ausdruck gebracht, was die Herzen der Apostelmissionare beseelte: „Dass ich das Evangelium predige, gereicht mir nicht zum Ruhm, weil es mir als Pflicht obliegt; denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“ (1. Kor. 9, 16)
Ja, wenn wir sehen wollte, was Pflichtbewusstsein ist und zu leisten vermag; was die lebendige, tief und warm empfundene Überzeugung, zu göttlichem Werk verantwortungsvoll berufen zu sein, im Menschenherzen an Hingabe, an Arbeitsgeist und Opfersinn bewirkt, dann wenden wir den Blick auf die Apostelmissionare; dort sehen wir es in Lebensbildern ergreifend dargestellt. Zwölf Männer, arme und unbekannte Männer teilen unter sich den Erdkreis. Sie beginnen das größte Werk, die mühevollste Riesenarbeit, die je unternommen wurde; und ihr treibendes Motiv ist die gottgesetzte Pflicht: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“
Vor ihnen liegt eine heidnische Welt, ruhmberauscht, von Wissen, Kunst, Reichtum und Sinnenlust trunken; und diese zwölf Männer wollen sie demütig und keusch machen, wollen sie zwingen, zu huldigen einem dorngekrönten König, das Knie zu beugen vor einem gekreuzigten Gott. „Paulus, du bist von Sinnen“, ruft der Römer aus. (Apg. 26,24) „Was will der Schwätzer!“, so spottet der Grieche. (Apg. 17, 18) Doch lauter und dringender klingt in die Seele des Apostels hinein das Gebot seines Herrn und weckt als Echo das ernste Mahnwort: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“
Es ist wahr, tausend Schwierigkeiten stehen im Wege, tausend Bedenken mahnen ab, tausend Gründe entschuldigen; aussichtsloser und hilfloser wurde niemals etwas begonnen, verlassener und verspotteter standen nie Glaubensboten auf ihrem Arbeitsfeld; doch über alles siegt der Wille des Meisters und im Herzen wird jede bange Frage, jeder Laut der Furcht übertönt von dem Pflichtruf: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“
Sie treten ein in eine überaus mühselige, dornenvolle Arbeit, die alles von ihnen fordert: Vaterland, Verwandtschaft, Freiheit, die ganze Persönlichkeit und ihnen nichts dafür gewährt als zu sein „die Allergeringsten, die zum Tode Bestimmten“. (1. Kor. 4, 9) Aber stärker als alle Bande der Natur bindet die gottgeweihte Pflicht: „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte!“
Aus diesem herrlichen Pflichtbewusstsein der Apostel ging hervor ihr glühender Eifer, der sich nie genug tun konnte, der das kühne Wort sprach: „Ich kann alles in dem, der mich stärkt“ (Phil 4, 13), der sie antrieb, ihre Füße, „die schönen Füße derer, die den Frieden verkünden“ (Röm. 10, 15), bis an die Grenzen des Erdkreise zu setzen, unverdrossen das Evangelium tatsächlich in die ganze bekannte Welt hinauszutragen.
Dieses Pflichtgefühl ist die Quelle für ihren hochherzigen Opfersinn, dem nichts zu schwer war; für ihre rührende Treue und Ausdauer, die durch keine Bitterkeit, keine Enttäuschung erschüttert werden konnte; für ihren unvergleichlichen Mut und ihre Schaffensfreudigkeit, die sie selbst in Banden und im Angesicht des Todes nicht verzagen, nicht ermatten ließ; für ihre hohe, ideale Auffassung, womit sie ihre Aufgabe betrachteten und von wahrhaft großen und gotteswürdigen Gesichtspunkten aus beurteilten.
Endlich ist diese Pflichttreue der Schlüssel zum Verständnis ihres einzigartigen Erfolges. – Gewiss, die Apostel waren auch sonst herrlich zu ihrem Beruf ausgerüstet. Sie besaßen die Kraftfülle des heiligen Geistes und die überwältigende Wundermacht ihres göttlichen Meisters. Aber diese größeren Gaben wurden nur dadurch so segensreich für das Heil der Welt, weil die Apostel sich ihrer größeren Verpflichtung und Verantwortung bewusst waren. Dieses Bewusstsein allein bewahrte sie davor, ihre himmlischen Talente in Bequemlichkeit oder Entmutigung zu vergraben.
Kein anderes Motiv wäre imstande gewesen, die Apostel dauernd mit solch intensiver Anstrengung auf ihrem Arbeitsfeld vorwärts zu treiben. Selbst die glühendste Begeisterung und die heißeste Liebe zur Sache, zu Gott und zu den Seelen hätten bei solch unsäglichen Opfern und Entbehrungen, wie das Leben der Apostel sie aufweist, ihre Kraft verloren.
Nur weil es den Aposteln so bitter ernst war mit ihrer Pflicht, weil ein so starker Imperativ in ihnen lebte, weil der Missionsbefehl durch alle die stürmischen und schmerzlichen Akkorde ihres Lebens als Leitmotiv immerdar wirksam hindurch tönte: nur deshalb wuchs das Senfkörnlein der Pfingstgemeinde zu einem großen Baum heran, zu einem Gottesreich bis an die Grenzen der Erde.
Ach, wenn sich dieser apostolische Geist seinem ganzen Umfang nach fortvererbt hätte mit seinem Pflichtgefühl und Verantwortlichkeits-Bewusstsein, mit seiner Glut und seinem Flammeneifer, mit seiner Heilandsliebe und Seelenliebe, alle Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Tage: ob dann auch wohl jetzt noch 800 Millionen Menschen (*) im Dunkel des Heidentums dahin irrten, fern von den Gnadenstrahlen der Kalvariasonne?
(*) im Jahr 2026 sind es 6,88 Milliarden Heiden.
aus: P. Hermann Fischer SVD, Jesu letzter Wille, 1923, S. 19 – 25
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- P. Hermann Fischer SVD: Jesu letzter Wille – Stiftung und Stellung der katholischen Heidenmission
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