Die Kirche kann nicht zerstört werden

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Die Feinde der Kirche

Drittes Kapitel (Fortsetzung)

III. Der dritte Feind der Kirche: Die Freimaurerei

§ 15. Die Kirche kann nicht zerstört werden

Der Mensch kann die Kirche nicht abschaffen, er tue, was er wolle, weil Gott es ihm nicht gestattet. Selbst in jenen Tagen des Antichrists, dessen Schatten schon weite Provinzen der Erde zu verdunkeln scheint, wird es einen „Rest“ geben, gleich den siebentausend in Israel, die ihr Knie nicht vor Baal beugten, für die der Stellvertreter Christi noch immer der Mittelpunkt der Einheit und der Hirte der Schafe wie der Lämmer sein wird. Sie werden in großem Glanze leuchten und die Siegespalme davontragen durch ihre Standhaftigkeit, mit der sie die Sache Gottes auf Kosten ihres Lebens verteidigen, und durch ihre Starkmut, mit der sie weder Versprechungen noch Drohungen noch Martern nachgeben.

Und so wird die Frucht ihrer Beharrlichkeit sein, ihren Sieg vollendet und die Sache der Religion durch die gerechten Gerichte Gottes über die Gottlosen völlig gerechtfertigt zu sehen, wenn er vor ihren Augen jenen satanischen Menschen, den Antichrist, samt seinen Genossen vernichten, den Götzendienst von der Erde ausrotten und der Kirche den Frieden wiedergeben wird, sodass sie in größerem Glanze leuchten wird als in allen vorausgegangenen Zeitaltern.

Aber wir sind noch nicht beim Antichrist angelangt, obgleich, wie der heilige Johannes zu seiner Zeit sagte, „et nunc Antichristi multi facti sunt“ (auch jetzt schon viele Antichriste geworden sind), Vorläufer jenes Ungeheuers, unter dessen kurzer Herrschaft die Freimaurerei wähnen wird, endlich triumphiert zu haben. Inzwischen tut sie ihr teuflisches Werk im Dunkel der Nacht mit stets wachsendem Erfolge, und in diesem Lande in ebenso großem Maßstabe, wenn auch noch nicht so sichtbar, wie in irgendeinem anderen.

Aber der allmächtige Gott erschrickt nicht über ihr Werk, und auch seine Kirche nicht. Er wird in Zukunft tun, was er in der Vergangenheit getan hat; und da er stärker ist als alle möglichen Cäsaren und Großmeister, ob heidnisch oder lutherisch, so werden sie auf die Dauer gewiss den Kürzeren ziehen. Inzwischen sagen wir: „Wir bewundern euren Mut, aber wir verurteilen euer Urteil.“

Die Feinde der katholischen Kirche haben sich stets als falsche Propheten erwiesen. Sie haben wieder und wieder behauptet, die Erfindungen der Neuzeit würden ihren Halt an der Welt schwächen; und gerade diese Erfindungen dienen nur dazu, die Wahrheit, die in ihr ist, ins Licht zu setzen und ihre Macht zu mehren und zu stärken.

„Die Buchdruckerpresse“, sagten sie, „wird ihre Autorität sicherlich schwächen.“ Die Presse ist aber im Gegenteil eine ihrer mächtigsten Gehilfinnen in der Verbreitung und Verteidigung der Wahrheit geworden. Millionen gedruckter Seiten nähren die Andacht ihrer Kinder und machen ihren Feinden ihre Verdienste und ihre Schönheiten bekannt, bis ihre bittersten Lästerer ihre Irrtümer erkennen und freudig in ihren Schoß zurückkehren.

„Der Dampf“, riefen sie, „wird die Gesellschaft so verändern, dass die alte, abgelebte Kirche Roms, jenes große Hindernis auf der Eisenbahn des Materialismus, gewiss überfahren und als abgenutztes, nutzloses Wrack beiseitegeworfen werden wird.“ Aber siehe, gerade diese Kraft des Dampfes dient der Kirche. Gerade diese Kraft des Dampfes befähigt Hunderte und Tausende eifriger Missionare, das Licht des Glaubens in alle Teile der Welt zu tragen; und dieselbe Kraft trägt den frommen Pilger selbst von den äußersten Enden der Erde zu den Füßen des heiligen Petrus.

„Der Telegraph“, sagten unsere Feinde, „wird der Entwicklung der Zivilisation einen so raschen Antrieb geben, dass die langsamen, altmodischen Wege der katholischen Kirche verlacht und verworfen werden.“ Aber auch hier werden die Erfindungen des Menschen zu willigen Mägden der Kirche. Die Gnade Gottes lenkt die Erfindungen des Menschen und die Kräfte der Natur so, dass selbst der furchtbare Blitz zum lebendigen Boten wird, der den Segen des Stellvertreters Christi in alle Länder trägt. Während des Konzils in Rom machte der Telegraph allen Teilen der Welt Tag und Stunde der gewaltigen Versammlung der Prälaten in St. Peter bekannt.

Tausende andächtiger Beter in allen Teilen des Erdkreises konnten sich so in demselben Augenblicke dem Altare Gottes in Rom zuwenden, da die in seiner unmittelbaren Nähe Weilenden vor ihm knieten; sie konnten mit ihnen in dieselben Gebete, in dieselben Gesänge einstimmen. Es war, als wäre die ganze Welt plötzlich in eine ungeheure Basilika verwandelt. Die Weisen der Buße, die Hymnen der Freude schienen auf den Flügeln des Windes über Ozeane, über Gebirge zu den entferntesten Völkern der Erde, zu den fernen Inseln des Meeres getragen, als widerhallten sie durch die endlosen Gänge, die weitgespannten Bogen eines einzigen gewaltigen, herrlichen Tempels.

Der allmächtige Gott wacht unablässig über das Wohl seiner Kirche. Wie ein guter Feldherr nach Beginn der Schlacht von einer Anhöhe aus den Stand des Kampfes beobachtet, um Verstärkungen dorthin zu senden, wo sie am nötigsten sind, so schaut auch Jesus Christus, der Anführer des christlichen Heeres, vom Himmel droben den Stand seiner Kirche in den verschiedenen Kämpfen, die sie zu bestehen hat, und sendet ihr je nach ihren Bedürfnissen von Zeit zu Zeit neue Verstärkungen an heiligen Bischöfen, Priestern, Lehrern und Ordensstiftern, um sie zu verteidigen und zu erbauen, ihren Bedürfnissen abzuhelfen und sie zu befähigen, über ihre Feinde zu triumphieren.

Wie Gott im vierten Jahrhundert die heiligen Athanasius und Hilarius von Poitiers sandte, um den Arianern entgegenzutreten, den heiligen Cyrillus, um die Nestorianer zu bekämpfen, und den heiligen Augustinus, um die Pelagianer niederzuwerfen, so sandte er auch später, als die Welt christlich geworden war, als die Katholiken reich geworden waren und die Armut Christi vergessen hatten,

den heiligen Franziskus von Assisi und seinen Orden, um die Liebe zur christlichen Armut wollüstige Katholiken zu lehren;

den heiligen Dominikus und seine Legion von Mönchen, um die Albigenser zu bekämpfen und unwissende Christen zu unterweisen;

den heiligen Ignatius und seine bewunderungswürdige Gesellschaft, um dem Protestantismus entgegenzutreten;

den heiligen Alfons und seine Priesterkongregation, um Unglauben, Jansenismus, Gallikanismus und Rigorismus zu bekämpfen.

Heilige Missionare dieser Orden wurden nach allen Richtungen ausgesandt, und der Verlust, den die Kirche durch den Abfall erlitten hatte, wurde bald reichlich ersetzt durch die Bekehrung unzähliger Heiden in anderen Ländern der Welt, wie in Japan, China, Nord- und Südamerika.

Gott erweckte auch den heiligen Vinzenz von Paul, um den Armen und Bedrängten beizustehen, besonders durch die Barmherzigen Schwestern; De La Salle, um arme Knaben zu erziehen; Nano Nagle, um arme Mädchen zu erziehen; und als die grimmige Revolution alle Spuren der katholischen Schulen Frankreichs hinweggefegt hatte, gründete die verehrungswürdige Madame Barat für die Erziehung der Reichen und Armen die Gesellschaft vom Heiligsten Herzen.

Dieselbe Vorsehung, die der Kirche diese erlauchten Persönlichkeiten schenkte, erweckte in unseren Tagen, unmittelbar vor den furchtbaren Zeiten der Cholera und der Hungersnot, Catherine McAuley, um den Orden der Barmherzigkeit zur besonderen Linderung der Not der Armen zu gründen. Diese und viele andere Brüder- und Schwesternschaften rief Gott ins Dasein, um der gottlosen Erziehung entgegenzuwirken und den Geist der Religion den Herzen der Jugend einzuflößen.

Welch eine herrliche Kirche ist die unsere! Welcher Arm außer dem Gottes konnte sie gründen und trotz so vieler Prüfungen erhalten? Welche Macht außer der seinen konnte sie zugleich zur immer leidenden und doch immer triumphierenden machen?

Sie allein hat alle ihre Feinde überwunden und überlebt; ihr gegenwärtiger Zustand ist sogar herrlicher, als er je zuvor war. Einig in ihrem Glauben, ihrer Sittenlehre und ihrer Regierung; heilig in ihrem göttlichen Stifter, ihrer Lehre und ihren Gnadenmitteln; apostolisch in ihren Weihen, ihrer Sendung und ihren Lehren; katholisch in allen Zeiten, Orten und Wahrheiten, nimmt sie eine so erhabene Stellung auf Erden ein, dass sie zugleich ein Gegenstand des Schreckens für jene ist, die Jesus Christus hassen, und die Freude und der Ruhm ihrer Millionen Kinder.

Ihr Oberster Hirte ist der Vater von mehr als zweihundert Millionen Menschen. Bis an alle Enden der Erde sendet er Bischöfe aus, und ihre Arbeiten werden mit Erfolg gekrönt.

Heute ist der Papst, wie Petrus, im Gefängnis; morgen predigt er, wie derselbe Apostel von einem Engel befreit, durch irgendeinen neu ernannten Bischof dem Neger Afrikas oder dem roten Indianer Amerikas den Glauben. Heute sinnt England auf sein Verderben; morgen pflanzt er zwölf neue Kirchen mit zwölf Bischöfen und einem Kardinal mitten in das Herz des Landes, das seine Vernichtung suchte. Heute sagt man ihm, er sei ein Fürst ohne Macht; morgen duldet er nicht, dass Glaube und Sitten seiner Söhne durch Gallikanismus, Sozialismus, Liberalismus, Atheismus, Unglauben und gottlose Erziehung verdorben werden; er beruft das Vatikanische Konzil, das die gottlosen Lehren und Grundsätze des Zeitalters verwirft und verurteilt.

Ja, der Unglaube mag wie ein Sturm um Gottes Kirche toben; die Häresie mag nach Verfolgungsgesetzen schreien; der Sozialismus mag sich abmühen, ihre Grundfesten zu untergraben; Kaiser und Könige mögen ihre Hirten und Kinder einkerkern und töten: Alles ist umsonst.

Mögen diese Feinde Gottes und der Kirche ihre Banner entfalten – Unglaube, Sozialismus, freies oder modernes Denken, Skeptizismus, Kommunismus, Kein Gott, Kein Christus, Kein Papst, Keine Kirche und tausend andere; mögen sie mit den Zähnen knirschen, Schaum vor dem Munde haben, vor Wut zittern, mögen sie mit majestätischer Miene die Köpfe schütteln, als wollten sie zur Kirche sagen: „Morgen begraben wir dich, wir schreiben deine Grabschrift und singen dein De profundis (Aus der Tiefe); unser Bund ist mächtig, unsere Streitkräfte zahllos, unsere Waffen gewaltig, unsere Tapferkeit verzweifelt.“

Die katholische Kirche antwortet ruhig: „Ich weiß, ihr hasst mich, weil ich das Bollwerk der Wahrheit und der öffentlichen wie der privaten Sittlichkeit bin; ich bin die Wurzel und das Band der Liebe und des Glaubens; ich liebe die Gerechtigkeit und hasse die Ungerechtigkeit. Aber gerade darum werde ich ewig bleiben; denn da Wahrheit und Gerechtigkeit am Ende stets siegen, werde ich nicht aufhören zu segnen und zu triumphieren. Alle Werke der Erde sind vergangen, die Zeit hat sie ausgelöscht. Ich aber bleibe, weil Christus bleibt; und ich werde dauern, bis ich aus meiner irdischen Verbannung in mein himmlisches Vaterland hinübergehe.

Menschliche Theorien und Systeme sind wie Nachtvögel über meinen Pfad gehuscht, aber sie sind verschwunden; zahllose Sekten haben sich wie ebenso viele Wellen an mir, diesem Felsen, zu Schaum zerschlagen oder sind, zurückweichend, im weiten Ozean der Vergessenheit verloren gegangen. Königreiche und Kaiserreiche, die einst in unnachahmlicher weltlicher Größe bestanden, sind nicht mehr; Dynastien sind ausgestorben und durch andere ersetzt worden.

Throne und Zepter und Kronen haben sich mir widersetzt; aber unwandelbar wie Gott, der meinen Grund gelegt hat, bin ich der feste, unerschütterliche Mittelpunkt, um den sich Wohl und Wehe der Völker bewegt: Wohl, wenn sie ihm anhangen; Wehe, wenn sie sich von ihm trennen. Nimmt mir die Welt das goldene Kreuz, so werde ich die Welt mit einem hölzernen segnen.

Reißt mein Banner des Kreuzes nieder, wenn ihr könnt! Rührt eine einzige Falte daran, wenn ihr es wagt! Lasst euren Schlachtruf ertönen, sammelt eure Scharen, ordnet eure Reihen! Stürmt diese erhabenen Gipfel! Noch nie sind sie übergeben worden. Die Fahne, die über ihnen weht, ist nie in der Niederlage geschleift worden, und die Herzen, welche diese Fahne bewachen, sind nie vor dem Feinde zurückgewichen, und die Tapferkeit, die jede Faser dieser Herzen durchdringt, hat nie gewankt. Vorwärts mit dem Kampfe! Er mag toben!

Unsere Schlachtlinie reicht bis nach Kalvaria zurück. Diese Linie ist nie durch den wildesten Ansturm durchbrochen worden. Diese Soldaten sind nie geflohen. Wir sind die Söhne von Veteranen, die einen Feldzug von achtzehnhundert Jahren mitgemacht haben – marschiert und nie gerastet, marschiert und stets triumphiert. Wir gehören zur alten Kaisergarde des Glaubens. Wir haben noch nie ein Waterloo erlebt.

Ich bin eine Königin, aber eine Kriegerkönigin. Ihr werdet mich hienieden nie auf einem Throne finden. Das Banner in der Hand, stehe ich stets mitten in der Schlacht. Nie habe ich meinen Feinden einen Tag der Waffenruhe gewährt. Krieg gegen alle, die gegen Gott Krieg führen, Krieg gegen alle, die gegen Christus Krieg führen, Krieg gegen alle, die gegen den Menschen Krieg führen, Krieg gegen alle, die gegen die Wahrheit Krieg führen – das ist meine Bestimmung.

Frieden hienieden habe ich nie gekannt. Ruhe hienieden habe ich nie gefunden. Ich bin stets auf dem Marsche, mein Banner immer entfaltet, mein Kriegsruf immer erschallend.

Darum fürchten sich im Sturm und Anprall meiner heutigen Schlacht mit meinen Feinden meine Soldatenkinder nicht. Sie scharen sich um meinen alten Heerführer. Was tut’s, wenn einige desertieren und die Reihen verlassen! Die Reihen schließen sich wieder, und die Deserteure werden nicht vermisst. Was tut’s, wenn ein Judas Iskariot verrät! Ein tapferer Matthias tritt an seine Stelle. Was tut’s, wenn einige Feiglinge fliehen! Die Reihen, die sie verließen, werden von tapferen und treuen Männern ausgefüllt.

Vom Hügel Kalvaria bis zum Hügel des Vatikans, von Petrus vor dem Hohen Rate bis zu Pius vor dem Sardinier ist meine Geschichte eine lange, ununterbrochene Schlacht gewesen, und meine Schlacht ein langer und glorreicher Triumph.

So oft war ich nach der Meinung meiner Feinde vernichtet, aber ich bleibe nicht vernichtet. Nein. Nach jeder scheinbaren Vernichtung erneuere ich meine unvergängliche Jugend, ich erhebe mich, um meine Siegeslaufbahn über Irrtum, Vorurteil und Sünde fortzusetzen. Ich mag mich eine Weile unter dem grimmigen Sturm des Hasses und der Bigotterie beugen, der auf mein Haupt niederschlägt; aber wieder erhebe ich meine gottähnliche Stirn, um aufs Neue inmitten des blendenden Glanzes der ewigen Sonne der Gerechtigkeit zu leuchten.

Ich mag zuweilen gefesselt sein wie ein Vogel in der Schlinge des Vogelstellers; aber durch die Kraft Christi, die in mir ist, zerreiße ich ihre Bande, und dann schwinge ich, gleich einem Engel des Friedens, aufs Neue meine Flügel und erhebe mich in die Höhe und erfülle die Luft mit göttlicher Jubelmelodie. Gerade die Ketten, die meine Feinde schmieden, um mich zu binden, verwandle ich durch die Gnade Gottes in neue, blühende Siegeskränze.

Ich bin die unsterbliche Braut Christi; ich bin sein ewig glorreicher Leib.

Meine Sache ist die Sache Jesu Christi, und die Sache Christi triumphierte trotz Pontius Pilatus; die Sache der heiligen Petrus und Paulus triumphierte trotz Nero; die Sache der ersten dreiunddreißig Märtyrerpäpste triumphierte trotz der zehn Verfolgungen der römischen Kaiser; die Sache der heiligen Athanasius und Liberius triumphierte trotz Constans und Julian; die Sache des heiligen Gregor VII. und Hadrians IV. triumphierte trotz Heinrich und Friedrich; die Sache der heiligen Anselm und Thomas von Canterbury triumphierte trotz ihrer normannischen und plantagenetischen Unterdrücker; die Sache Pius’ VII. triumphierte trotz des großen Napoleon; und die Sache Pius’ IX. wird gewisslich triumphieren trotz Viktor Emanuel und Bismarck und aller Großmeister der Freimaurerei.

Die Welt um ihn ist in Zuckungen, die Grundfesten der Gesellschaft wanken, selbst die Säulen der Erde scheinen nachgeben zu wollen, der Sturm der Revolution braust um ihn her, die dunkle, öde Nacht einer schlimmer als heidnischen Unwissenheit und Unsittlichkeit senkt sich auf die altersgraue Erde; aber mein ehrwürdiger Oberhirte ragt erhaben empor wie der letzte Berg in der Sintflut, majestätisch in seiner Höhe, majestätisch in seiner Einsamkeit. Er ragt empor, unwandelbar, während alles um ihn sich wandelt – herrlich, während alles um ihn in Trümmern liegt; er ragt in die Höhe als der letzte Rest der Schönheit der Erde, die letzte Zuflucht der Wahrheit und Gerechtigkeit auf Erden, die letzte Ruhestätte des heiligen Lichtes des Himmels.

Ach ja! Es ist eines meiner unterscheidenden Merkmale, dass ich inmitten der Verfolgung triumphiere, neues Leben gewinne, wenn man mich mit Füßen tritt, gedeihe, wenn man mich verachtet, siege, wenn man mich überwunden glaubt, meine Ansprüche den Einsichtigen empfehle, wenn man mich schmäht, und siegreich auferstehe, wenn meine Sache verloren scheint. Gerade die Verfolgung, die ich erleide und täglich erdulde, breitet mein Reich nur mehr und mehr aus; die in einer Stadt verfolgten Gläubigen fliehen anderswohin, tragen den Schatz des Glaubens mit sich und teilen ihn denen mit, unter denen sie sich niederlassen, wie die Samen der Fruchtbarkeit oft auf den Flügeln des Sturmes in die ferne Wüste getragen werden, die sonst mit ewiger Unfruchtbarkeit geschlagen wäre.

Die Verfolgung meiner Kinder in Irland zum Beispiel ‚hat die Wüste in Fruchtbarkeit verwandelt‘ in Amerika, in Australien, in England; und die grauen, zerfallenden Ruinen der Heiligtümer auf den Hügeln Irlands werden durch die Kathedralen in Amerika aufgewogen. Selbst in unseren Tagen bewirkt die Verfolgung meiner Hirten und Kinder ein besseres, kräftigeres katholisches Leben.

Laue und weltliche Katholiken, vom Aussatz des Liberalismus angesteckt, die aber endlich begreifen, dass der Cäsar, gestützt auf die Kohorten eines unreinen und ungläubigen Geschlechtes, jetzt beansprucht, an Gottes Stelle zu herrschen und Seelen wie Leiber seinem Willkürwillen zu unterwerfen, und die erkennen, dass, wenn ihm dies gelänge, es mit Religion und Freiheit zugleich ein Ende hätte, beginnen sich mit später Reue an die Brust zu schlagen. Allerorten erheben sie sich aus Schlummer und Trägheit zu einem tätigen und praktischen religiösen Leben.

Selbst Piemont, die Heimat jenes unglücklichen Fürsten Viktor Emanuel, der in einem Augenblick einen Kirchenraub begeht und im nächsten vor seinem eigenen Verbrechen zittert, wird von einem erbosten Korrespondenten der Kölnischen Zeitung so geschildert: ‚Piemont, einst so liberal, ist jetzt fast gänzlich in den Händen der klerikalen Partei.‘

‚In Turin selbst‘, fügt er hinzu, ‚sieht man nichts als lange Prozessionen von Leuten, die barhäuptig von einer Kirche zur anderen ziehen, Gebetbücher und Rosenkränze in den Händen, und Aves und Paternoster murmeln.

Ihr Ruf ist: Ab insidiis diaboli, libera nos, Domine (Von den Nachstellungen des Teufels erlöse uns, o Herr); und ihre glühende Andacht, an der nicht nur das einfache Volk, sondern auch adelige Damen und Herren der höheren Stände und selbst Universitätsprofessoren teilnehmen, ist vornehmlich eine Gegenwirkung gegen die Lehren gewisser Schulen, welche das Dasein der Seele, des Gewissens und Gottes selbst leugnen. Sie erkennen, dass in Italien wie in Deutschland, in der Schweiz wie in Brasilien und Mexiko der Liberalismus nur ein höllischer Pakt zwischen Unglauben und Tyrannei ist, nach dessen Bedingungen die Gottlosen einwilligen, ihre eigene Freiheit preiszugeben, unter der Bedingung, dass der Cäsar ihnen helfe, die Freiheit der Christen zu vernichten.‘“

Aber der ungläubigen Welt ist es noch nicht beschieden zu triumphieren. Darauf muss sie warten, bis der Antichrist kommt, und dann wird sie, zu spät, wünschen, ihn nicht hervorgebracht zu haben. Inzwischen steht die Kirche am Vorabend eines weiteren jener Siege, deren sie so viele errungen hat. Unser Geschlecht wird noch lernen, dass es ohne sie nicht auskommen kann.

Gott überlässt es eine Zeit lang sich selbst, mit gerade so viel Kraft, um Bismarcks und Cavours und Garibaldis hervorzubringen – bezeichnende Pilzgewächse der Freimaurerei unseres Jahrhunderts –, damit die Lehre entscheidend sei. Ihr Joch, so beginnt es zu ahnen, ist leichter als das jener; ihr milder Tadel erträglicher als deren rohe Gewalt; ihre Gerechtigkeit der Gerechtigkeit Gottes ähnlicher; ihre Herrschaft der Menschenwürde förderlicher und um die menschliche Freiheit wachsamer. „Sie herrschte“ in anderen Zeitaltern „durch die Liebe des Volkes“; und wenn die Völker aus den verhängnisvollen Täuschungen der Freimaurerei und ihrer Zwillingsschwestern, des Protestantismus und des Liberalismus, erwachen, wird sie es wieder tun.

Wie bald die neue Ära beginnen wird, hängt nicht von ihren Feinden ab, die nur tun können, was Gott ihnen zulässt, und die mit der Verfolgung ihrer Kinder nur den Augenblick ihres Triumphes beschleunigen, sondern von den Katholiken selbst. In dem Maße, wie sie an Tugend zunehmen, wird die Kirche an Macht zunehmen. Dazu gebraucht Gott den Verfolger. Hat er nicht sein eigenes Werk, wie er törichterweise meint, sondern das Werk Gottes getan, so wird er zerbrochen und beiseitegeworfen werden wie die Eule und der Stier in unserer Erzählung, oder wie ein abgenutztes Werkzeug, dessen Klinge die Schneide verloren hat und dessen Griff nur noch ein Bündel Brennholz ist.

Es gibt keinen dauernden Sieg außer für die Kirche, weil sie die einzige Macht auf Erden ist, die ewig mit dem Himmel verbündet ist – die einzige Kämpferin, der Gott die nie widerrufene Verheißung gegeben hat: „Omne vas, quod fictum est contra te, non dirigetur: et omnem linguam resistentem tibi in iudicio, iudicabis“ (Keine Waffe, die gegen dich geschmiedet wird, soll gelingen; und jede Zunge, die sich im Gerichte wider dich erhebt, wirst du verurteilen). Bis jetzt hat Gott ihr seine Verheißung gehalten.

Trotz allem, was Menschen oder Dämonen gegen sie tun konnten – und sie haben ihr Äußerstes getan –, trotz des Abfalls der Fürsten und der Bosheit der Staatsmänner, trotz des Verrates der Könige, die zu ihrer eigenen Schmach und Beschämung aufgehört haben, „nutritii tui“ (ihre Pflegeväter) zu sein, trotz falscher Brüder, wiederbelebten Heidentums und neu entfachter Verfolgung sind ihre Kinder in dieser Stunde weit zahlreicher, ihre Lebenskraft stärker, ihre Autorität unbestrittener und ihre Einheit wunderbarer in einer Welt, wo alles andere Unordnung und Verwirrung ist, als in irgendeinem anderen Zeitabschnitte ihres Bestehens.

Das ist das sichtbare Ergebnis ihrer gegenwärtigen Prüfung. Und selbst in den besonderen Prüfungen unseres eigenen Zeitalters, in dem es zum ersten Male nicht eine einzige katholische Regierung gibt und die Kirche in der ganzen Welt ohne politischen Verbündeten ist, zweifelt niemand, nicht einmal ihre Feinde, dass das Ergebnis in der Zukunft genau dasselbe sein wird wie in der Vergangenheit.

Die gegenwärtigen Prüfungen der Kirche sind freilich ganz eigener Art; sie unterscheiden sich weit von denen früherer Zeiten.

In der Tat, schreibt Pius IX. an den Erzbischof von Rouen, wenn man die Geschichte der Kirche überblickt, so erscheint sie oft unter dem Schlage von Häresien und Schismen wankend, oft durch den Stolz, den Ehrgeiz und die Macht der Menschen bedrängt und unterdrückt. Niemals aber, wenigstens seit den ersten Zeiten, sah man sie von einem Ende der Welt bis zum anderen von einer Verfolgung heimgesucht, die, zur Vernichtung der christlichen Religion begonnen, in demselben Geiste angelegt und je nach dem Charakter und der Lage der verschiedenen Nationen mehr oder weniger heftig betrieben, überall nach demselben System geführt und mit denselben Mitteln unterhalten und verbreitet wurde.

Wir haben auch in den alten Verfolgungen, die übrigens weder allgemein noch auf die gänzliche Vernichtung aller Religion angelegt waren, gesehen, wie die göttliche Vorsehung ihnen bald durch den Arm eines Mächtigen, bald durch die Taten eines heiligen Mannes entgegenwirkte, die, mit Kraft von oben gestärkt und erleuchtet, der Verwegenheit der Gottlosen widerstanden und nicht nur ihren Fortschritt aufhielten, sondern auch ihre Absichten und Ziele vereitelten.

In unseren Tagen dagegen scheint sich kein Mann gefunden zu haben, der wie jene von ehedem das offenkundige Zeichen der Vollmacht gegen diese allgemeine, höchst verderbliche und wahrhaft satanische Verschwörung in sich trüge. Überdies haben Tod und Menschenhass eine große Zahl erlauchter Verteidiger der Kirche vom Kampfplatze entfernt. Die Führer der Völker, die fast alle durch ihre eigene oder fremde Bosheit getäuscht sind, haben sich so weit von der Kirche entfremdet, dass sie keine Hoffnung auf menschliche Hilfe mehr hat.

Da aber die Kirche nicht untergehen kann und bestimmt ist, bis zur Vollendung der Welt über die Pforten der Hölle zu triumphieren, so ist hieraus offenbar, dass Gott sich den Sieg selbst vorbehalten hat; und es ist ein viel sichererer Sieg, als wenn er von menschlichen Waffen abhinge – ein Sieg, der ganz der Majestät und Macht des Siegers entsprechen wird.

Zum Schluss, Ehrwürdige Brüder, da wir in Zeiten geraten sind, in denen man nicht nur viel leiden, sondern auch viel verdienen kann, so lasst uns als gute Streiter Christi besonders darauf bedacht sein, nicht zu verzagen, da wir inmitten des Sturmes die sichere Hoffnung auf künftige Ruhe und einen glorreichen Frieden für die Kirche haben; und im Vertrauen auf den Beistand Gottes lasst uns uns selbst, unseren mühevoll arbeitenden Klerus und unser Volk mit den edlen Worten des heiligen Chrysostomus ermutigen:

‚Viele Wogen und Stürme bedrohen uns, aber wir fürchten nicht, verschlungen zu werden, denn wir stehen auf dem Felsen. Mag das Meer toben, den Felsen kann es nicht zerschmelzen; mögen die Wogen sich erheben, das Schiff Jesu können sie nicht versenken. Nichts ist mächtiger als die Kirche. Die Kirche ist stärker als der Himmel selbst.

„Caelum et terra transibunt, verba autem mea non praeteribunt“ (Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen). Welche Worte sind das? „Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo Ecclesiam meam, et portae inferi non praevalebunt adversus eam“ (Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen). Glaubt ihr den Worten nicht, so glaubt den Taten.

Wie viele Tyrannen haben versucht, die Kirche zu unterdrücken? Wie viele Roste, wie viele Feueröfen, wie viele wilde Tiere, wie viele Schwerter hat man gegen sie bereitet? Was haben sie ausgerichtet? Nichts! Wo sind ihre Feinde? Sie sind vergessen. Wo ist die Kirche? Sie leuchtet heller als die Sonne. Ihre Feinde sind untergegangen; ihre Kinder sind unsterblich. Wenn sie, als es wenige Christen gab, nicht überwunden wurden, wie wollt ihr sie überwinden, da die ganze Welt voll der heiligen Religion ist? „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“

Darum lasst uns, von keiner Gefahr und keiner Furcht beunruhigt, standhaft im Gebete verharren und einmütig uns bemühen, den durch die Sünden der Menschen gereizten Zorn des Himmels zu besänftigen, damit endlich der Allmächtige in seiner Barmherzigkeit sich erhebe und den Winden gebiete, dass sie schweigen. (Rundschreiben vom 21. November 1873, nach dem New Yorker Freeman’s Journal.)

„Observabit peccator iustum: et stridebit super eum dentibus suis. Dominus autem irridebit eum: quoniam prospicit quod veniet dies eius. … Novit Dominus dies immaculatorum: et hereditas eorum in aeternum erit. Non confundentur in tempore malo … Salus autem iustorum a Domino: et protector eorum in tempore tribulationis. Et adiuvabit eos Dominus, et liberabit eos: et eruet eos a peccatoribus, et salvabit eos: quia speraverunt in eo“

(Der Sünder lauert auf den Gerechten und knirscht wider ihn mit seinen Zähnen. Der Herr aber verlacht ihn, denn er sieht voraus, dass sein Tag kommen wird. … Der Herr kennt die Tage der Unbefleckten, und ihr Erbe wird ewig währen. Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit … Das Heil der Gerechten aber kommt vom Herrn, und er ist ihr Beschützer zur Zeit der Drangsal. Der Herr wird ihnen helfen und sie befreien; er wird sie den Sündern entreißen und sie retten, weil sie auf ihn gehofft haben), spricht der königliche Prophet. (Ps. 36.)

§ 16. Die Kirche kann nicht zerstört werden (Fortsetzung)

Ein Ereignis, das vor dem Ende der Welt als Vorspiel der letzten Tage des Menschengeschlechtes auf Erden eintreten wird, ist das Erscheinen jener außerordentlichen Person, des Antichrists.

Der heilige Apostel Paulus, der die Thessalonicher ermahnt, sich nicht von Schrecken überwältigen zu lassen, als stünde der Jüngste Tag vor der Tür, versichert ihnen, dass der Jüngste Tag nicht kommen werde, „nisi venerit discessio primum, et revelatus fuerit homo peccati, filius perditionis, qui adversatur, et extollitur supra omne, quod dicitur Deus, … ita ut in templo Dei sedeat ostendens se tamquam sit Deus“ (es komme denn zuvor der Abfall, und es werde offenbar der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der sich widersetzt und sich erhebt über alles, was Gott heißt, … sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich zeigt, als ob er Gott wäre). (2 Thess. 2, 3. 4.)

Unter dem „Menschen der Sünde, dem Sohne des Verderbens“ hat das ganze christliche Altertum und haben die folgenden Zeitalter stets jenen über alle Maßen gottlosen Menschen, den Antichrist, verstanden.

Wann aber soll der Antichrist kommen?

Gott hat die Zeit für die Ankunft des Sohnes des Verderbens bestimmt.

Aber niemand kann den Augenblick angeben, sagt die heilige Hildegard, da der Antichrist sich der Welt offenbaren wird; selbst die Engel wissen ihn nicht. Diese Offenbarung aber wird gleichsam ein Zerrbild der Menschwerdung des göttlichen Wortes sein. Christus kam weder am Anfang noch am Ende der Zeiten. Er kam gegen Abend, wenigstens als die Hitze des Tages sich neigte. Was geschah damals?

Er erschloss das Mark des Gesetzes und ließ den großen Strömen der Tugend freien Lauf. Er gab der Welt in seiner eigenen Person die heilige Jungfräulichkeit zurück, damit der göttliche Keim, vom Geiste befruchtet, in den Herzen der Menschen Wurzel fasse. Auch der Menschenmörder (der Antichrist) wird plötzlich kommen; er wird kommen zur Stunde des Sonnenunterganges, zur Zeit, da die Nacht auf den Tag folgt.

Wenn wir den allgemeinen Verfall der Religion betrachten, der jetzt herrscht; wenn wir sehen, wie wenig man sich um die Übung der Sittlichkeit kümmert, wie wenig man selbst an die Religion denkt, so können wir nicht umhin zu glauben, dass die Menschheit schon riesige Fortschritte gemacht hat zu jenem Abfall, wie der heilige Paulus ihn nennt, oder zu jener allgemeinen Abkehr vom Glauben und jener Entartung der Sitten, die eintreten wird, bevor der Antichrist, der große Diener Satans, erscheint.

Wie rasch muss in der Tat der Verfall des wahren Glaubens sein, während Freigeisterei, religiöser Indifferentismus, Unglaube und gottlose Erziehung der Jugend in solchem Tempo wachsen; während jedermann als feststehenden Grundsatz anzunehmen scheint, nichts weiter zu glauben, als was seine Vernunft begreift oder was mit seiner eigenen Laune übereinstimmt! Welche Übung der Sittlichkeit kann man von Leuten erwarten, die in weltliche Vergnügungen oder in die Verfolgung eigennütziger Vorteile, in die Befriedigung ihrer schändlichen Fleischeslust versunken sind; die nie einen Gedanken an die Ewigkeit verwenden oder kaum je ihren Gott und Schöpfer in einem kurzen Gebete anrufen?

Wenn eine Flut der Religionslosigkeit und des Unglaubens hereingebrochen ist und man sie Tag für Tag anschwellen sieht, was Wunder, wenn die Zeit herannaht, da Gott alle auf die Probe stellen und sie wie Metall im Feuerofen prüfen wird, um zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden und das gesunde vom tauben Korn zu sondern?

Daher ruft die heilige Hildegard aus:

O ihr Gläubigen! Hört dieses Zeugnis und bewahrt es in eurem Gedächtnis als Schutzwehr, damit der Schrecken euch nicht unvorbereitet finde und der Mensch der Sünde euch nicht unversehens überfalle und ins Verderben ziehe. Waffnet euch mit der Waffe des Glaubens und rüstet euch zu einem grimmigen Kampfe. Haltet euch eng an das göttliche Wort und folgt den Fußstapfen dessen, der auf dieser Erde nicht im Gepränge prunkender Schaustellung, sondern in tiefster Demut erschienen ist. (Scivias – „Wisse die Wege [des Herrn]“.)

Der beispiellose Erfolg, der die Waffen des Antichrists begleiten wird, die Größe seiner Macht und die Ausdehnung seiner Herrschaft, über alles hinaus, was die Welt je zuvor gesehen hat, werden das ganze Menschengeschlecht in Staunen versetzen. „Et admirata est universa terra post bestiam. Et adoraverunt … bestiam, dicentes: Quis similis bestiae? et quis poterit pugnare cum ea?“ (Und die ganze Erde staunte dem Tiere nach. Und sie beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tiere gleich? Und wer kann mit ihm streiten?) (Apok. 13, 4.)

Da der Antichrist sich für allmächtig hält, wird er keinen Höheren im Himmel noch auf Erden anerkennen. In dieser Überzeugung wird er sich zum Tempel Gottes begeben, ihn betreten und dort, seine eigene höchste Autorität, seine Herrschaft, seine unbeschränkte Macht über alles preisend, sich selbst zum Gott ausrufen und befehlen, seiner Person göttliche Huldigung und Anbetung zu erweisen.

Dies lernen wir vom heiligen Paulus, der sagt, dass „der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, sich erhebt über alles, was Gott heißt oder was angebetet wird, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich zeigt, als ob er Gott wäre“ (2 Thess. 2, 3. 4). Er wird verbieten, irgendeine andere Gottheit als ihn selbst anzuerkennen, und untersagt alle Verehrung des Höchsten Wesens, alle Ausübung der christlichen Religion und besonders das heilige Messopfer, weil darin Christus persönlich gegenwärtig ist und als Gott angebetet wird. All dies ist vom Propheten Daniel vorhergesagt worden. (Kap. 8, 11; 12, 11.)

Das heilige Messopfer wird dreieinhalb Jahre lang nicht öffentlich dargebracht werden, und der Gräuel der Verwüstung wird aufgestellt; das heißt, die gräuliche Anbetung eines Menschen wird an die Stelle der Anbetung Gottes gesetzt. (Matth. 24, 15. 16.) Eine überaus grausame Verfolgung wird der Antichrist erheben, um der Welt die Anbetung seiner angeblichen Gottheit aufzuzwingen. Henoch und Elias und andere heilige Männer werden erscheinen und das Volk ermahnen, nicht an den Antichrist zu glauben, und dass seine Herrschaft nur dreieinhalb Jahre dauern solle.

Da er findet, dass viele sich weigern, ihm göttliche Ehre zu erweisen, wird der Antichrist zuerst versuchen, sie durch Überredung zu gewinnen. Zu diesem Zwecke wird er sich der Macht bedienen, die der Drache (Luzifer) ihm gab, falsche Wunder zu wirken. Mit Hilfe des Teufels also wird der Antichrist viele Wunderdinge vollbringen und außerordentliche Zeichen geben, „cuius est adventus secundum operationem Satanae in omni virtute, et signis, et prodigiis mendacibus“ (dessen Ankunft nach der Wirksamkeit des Satans geschieht, mit aller Macht und mit Zeichen und lügenhaften Wundern), sagt der heilige Paulus. (2. Thess. 2, 9.)

In den „Offenbarungen“ der heiligen Hildegard lesen wir, dass

die Zauberkunst des Antichrists die wunderbarsten Zeichen vortäuschen wird: Er wird die Luft erschüttern; er wird Donner und Unwetter, schrecklichen Hagel und Blitze hervorbringen; Berge versetzen, Flüsse austrocknen und die kahlen Bäume des Waldes mit frischem Grün bekleiden. Durch seine Taten wird er Einfluss auf alle Elemente ausüben, auf trockenes Land und Wasser; vornehmlich aber wird er seine höllische Macht an den Menschen erweisen. Er wird scheinbar Gesundheit wiedergeben und nehmen; er wird Dämonen austreiben und Toten das Leben wiedergeben. Wie soll das geschehen? Indem er irgendeine besessene Seele in den Leichnam sendet, damit sie eine kurze Zeit darin bleibe; diese Art von Auferstehungen aber wird nur von kurzer Dauer sein. (Scivias – „Wisse die Wege [des Herrn]“.)

Geblendet und verwirrt durch solche Wunder, werden viele im Glauben zu wanken beginnen und sich verführen lassen, diesen Scheingott anzubeten: „Surgent enim pseudochristi, et pseudoprophetae: et dabunt signa magna, et prodigia, ita ut in errorem inducantur (si fieri potest) etiam electi“ (Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, sodass, wenn es möglich wäre, selbst die Auserwählten in Irrtum geführt würden). (Matth. 24, 24.)

Aber Christus, der seiner Kirche niemals fehlt, wird seine Macht einsetzen, um die des Teufels und des Antichrists zu vereiteln. Er wird viele der christlichen Prediger, besonders Henoch und Elias, mit außerordentlicher Wundermacht ausstatten. Wie Moses und Aaron vom Allmächtigen gesandt wurden, um mit Pharao und seinen Zauberern zu streiten und die Israeliten aus der Knechtschaft zu retten, so werden Elias und Henoch die beiden Hauptboten sein, deren Christus sich bedienen wird, um seinem Feinde, dem Antichrist, entgegenzutreten und seine Auserwählten davor zu bewahren, in seine Schlingen zu fallen.

Und wie die Zauberer Ägyptens mit all ihren teuflischen Zaubermitteln und Beschwörungen durch die offenkundige Überlegenheit der Wunder des Moses und Aaron besiegt wurden, so werden die Wunderdinge des Antichrists durch die weit größere Zahl und den Glanz der Wunder des Elias und Henoch verdunkelt und zuschanden werden:

„Et dabo duobus testibus meis, et prophetabunt diebus mille ducentis sexaginta, amicti saccis … Et si quis voluerit eis nocere, ignis exiet de ore eorum, et devorabit inimicos eorum: et si quis voluerit eos laedere, sic oportet eum occidi. Hi habent potestatem claudendi caelum, ne pluat diebus prophetiae ipsorum: et potestatem habent super aquas convertendi eas in sanguinem, et percutere terram omni plaga quotiescumque voluerint“

(Und ich will meinen zwei Zeugen geben, und sie werden tausendzweihundertsechzig Tage weissagen, in Säcke gehüllt … Und wenn jemand ihnen schaden will, so wird Feuer aus ihrem Munde gehen und ihre Feinde verzehren; und wenn jemand sie verletzen will, so muss er auf diese Weise getötet werden. Diese haben Macht, den Himmel zu verschließen, dass es in den Tagen ihrer Weissagung nicht regne; und sie haben Macht über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln, und die Erde mit allerlei Plagen zu schlagen, sooft sie wollen). (Apok. 11, 3. 5. 6.)

Wenn die Mächte des Allmächtigen und Satans zusammenstoßen, muss die Macht Satans gewiss weichen. Daher werden nur jene betört werden, die vorsätzlich die Augen vor dem klaren Lichte der Offenkundigkeit verschließen; und so belehrt uns der heilige Paulus in seinem Briefe an die Thessalonicher:

„Cuius est adventus secundum operationem Satanae in omni virtute, et signis, et prodigiis mendacibus, et in omni seductione iniquitatis iis, qui pereunt: eo quod caritatem veritatis non receperunt ut salvi fierent. Ideo mittet illis Deus operationem erroris ut credant mendacio, ut iudicentur omnes qui non crediderunt veritati, sed consenserunt iniquitati“

(Dessen [des Antichrists] Ankunft geschieht nach der Wirksamkeit des Satans, mit aller Macht und mit Zeichen und lügenhaften Wundern und mit aller Verführung zur Ungerechtigkeit für die, welche verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, um gerettet zu werden. Darum wird Gott ihnen die Wirksamkeit des Irrtums senden, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern der Ungerechtigkeit zugestimmt haben). (2 Thess. 2, 9–11.)

Da der Antichrist alle seine Wunderwerke durch die leuchtende Offenkundigkeit der Wunder des Henoch und Elias vereitelt sieht und wahrnimmt, dass Scharen von Christen sich weigern, seine Gottheit anzuerkennen, schwillt er vor Zorn; und von Satan getrieben, der ihn besessen hält, rühmt er sich überheblich seines Vorranges vor allen anderen Menschen, die je gelebt haben, der Größe seines Reiches, der Zahl seiner Heere, seiner Gewalt über alle Wesen und Werke der Natur, und er vermisst sich sogar, seine eigene Macht über die des Allmächtigen zu erheben. (Apok. 13, 5; 2 Thess. 2, 2–4.) Daniel sagt: „Putabit quod possit mutare tempora, et leges“ (Er wird meinen, er könne Zeiten und Gesetze ändern). (7, 25.)

Er wird sich mächtig genug dünken, den Lauf der Zeiten und Jahreszeiten zu ändern: die Nacht in Tag, den Winter in Sommer.

Da er nicht viele Christen hat gewinnen können, bietet er nun in seiner Wut dem Himmel Trotz; er lästert Gott, empört sich gegen ihn, lästert seinen Namen und seine Religion, den Himmel, die Engel und die Heiligen. Er wird leugnen, dass der Sohn Gottes Mensch geworden ist; er wird alle Wahrheiten der Religion leugnen: „Sermones contra Excelsum loquetur“ (Er wird Worte gegen den Höchsten reden). (Dan. 7, 25.)

Seine Macht wird sich über jede Nation und jedes Volk des Erdkreises erstrecken: „Et data est illi potestas in omnem tribum, et populum, et linguam, et gentem“ (Und es wurde ihm Macht gegeben über jeden Stamm und jedes Volk und jede Sprache und Nation). (Apok. 13, 7.) Schon Herrscher über einen großen Teil der Königreiche der Erde, wird er die übrigen unterwerfen, über die ganze Menschheit tyrannisch herrschen und die Religion in jedem Winkel der Erde verfolgen. Dann wird ein so allgemeiner Abfall der Menschheit eintreten, dass außer den Auserwählten alle übrigen der Tyrannei des Antichrists nachgeben und ihn als Gott anbeten werden:

„Et est datum illi bellum facere cum sanctis, et vincere eos. … Et adoraverunt eum omnes, qui inhabitant terram: quorum non sunt scripta nomina in libro vitae Agni“ (Und es wurde ihm gegeben, mit den Heiligen Krieg zu führen und sie zu überwinden. … Und es beteten ihn alle an, die auf der Erde wohnen, deren Namen nicht geschrieben sind im Buche des Lebens des Lammes). (Apok. 13, 7. 8.)

Der Antichrist wird nun auch einen Genossen von gleichem Schlage wie er selbst haben, der sein erster Minister und seine Hauptstütze bei seinem weiteren Vorgehen sein wird. (Siehe Apok. 13, 11–18.)

Da er sich durch Satans Hilfe so mächtig und von einem so fähigen Minister, seinem falschen Propheten, wie der heilige Johannes ihn nennt, unterstützt findet, während er andererseits sieht, dass die bekehrten Juden und die anderen Christen ihm die göttliche Huldigung verweigern und durch die Ermahnungen und Wunder ihrer Lehrer so gestärkt sind, dass all seine vorgeblichen Wunder keinen Eindruck auf sie machen können, beschließt er, sie mit Gewalt zur Fügsamkeit zu zwingen, den Widerspenstigen keine Gnade zu erweisen, sondern sie zu vernichten und den christlichen Namen gänzlich auszutilgen.

So trägt er durch sein ungeheures Heer Verwüstung durch jede Nation, die sich weigert, ihn als Gott anzubeten.

Nachdem der allmächtige Gott seine Diener für den Kampf bereitet hat, lässt er den Antichrist den blutigsten Krieg führen, der je seit Bestehen der Welt stattgefunden hat, in dem der dritte Teil der Menschen erschlagen werden wird. (Apok. 9, 15.) Dieser Krieg wird dreieinhalb Jahre dauern. Die Verfolgung wird über die ganze Welt herrschen. Denn es wird dem Antichrist und seinen Werkzeugen gestattet sein, die heilige Stadt, die ganze Gemeinschaft der Christen, dreieinhalb Jahre lang mit Füßen zu treten. Diesen Zeitraum hat Christus bestimmt, um seine Kirche zu läutern und die Geduld und den Glauben seiner Diener zu prüfen. (Apok. 13, 9. 10.)

Das allgemeine Unheil der Zeiten wird derart sein, dass der Antichrist, während er durch sein Heer eine Flut der Verwüstung und des Gemetzels ausbreitet und so zum Werkzeug der Strafe für die Gottlosen wird, zugleich eine überaus blutige Verfolgung gegen die Diener Gottes führen wird. Hölle und Erde verbinden sich; der Teufel, der Antichrist und der falsche Prophet verbünden sich, um das Christentum auszurotten. Sie setzen alle Hebel in Bewegung, um jede Verehrung Gottes abzuschaffen und den Götzendienst aufzurichten.

Die barbarischen Martern der ersten Verfolgungen sollen wieder aufleben und neue, noch grausamere erfunden werden. Folterbänke, Roste, Feuer und andere Marterwerkzeuge werden wiederkehren, und die Christen werden vor die Bildsäule des Antichrists geschleppt, die anzubeten sich zu weigern den sicheren Tod bedeutet. (Apok. 13, 15.) Der Antichrist, nun auf dem Gipfel seiner Macht, wird die Heiligen Gottes zermalmen. (Dan. 7, 25.) Man lese in diesem Zusammenhange, wie Antiochus Epiphanes die Juden behandelte (2. Makk. 5, 6), und man wird eine schwache Vorstellung von den Grausamkeiten des Antichrists erhalten.

Aber wegen der Schwachheit der menschlichen Natur werden diese Zeiten unheilvoller und höchst beklagenswerter Drangsal abgekürzt werden: Sie werden aus Rücksicht auf die treuen Diener Gottes nur dreieinhalb Jahre dauern. (Matth. 24, 21. 22.) Der Herr wird auch den heiligen Erzengel Michael senden, um gegen die Mächte der Hölle zu kämpfen und den Gläubigen beizustehen. (Dan. 12, 1.) Er wird seinen Dienern außerordentliche Gnaden geben, um ihre Prüfungen zu bestehen; er wird sie durch die beständige Predigt seiner heiligen Diener ermutigen, die große Wunder wirken und viele zum Herrn bekehren werden.

Die Kirche wird daher in dieser Zeit, obgleich dem Anscheine nach so sehr bedrängt, herrlicher leuchten als in irgendeinem früheren Zeitalter durch die Zahl christlicher Kämpfer, die sich nicht scheuen werden, ihren Glauben offen zu bekennen; die durch ihre unbesiegbare Starkmut alle Künste des Antichrists vereiteln und seinen Martern trotzen und im Triumphe, die Krone des Martyriums tragend, zum Himmel aufsteigen werden.

Der Antichrist, der allen Widerstand niedergeworfen hat, steht nun auf dem Gipfel seiner Macht; er ist der größte Monarch, den die Welt je gesehen hat, der Eroberer der ganzen Erde. Er hat einen großen Teil der Menschheit gezwungen, ihn als Gott anzubeten; und von denen, die sich weigerten, ihm göttliche Ehre zu erweisen, hat er eine ungeheure Zahl seiner Wut und Eifersucht geopfert.

Einige der Christen werden jedoch nicht versäumen, den Antichrist auf sein bevorstehendes Schicksal hinzuweisen. Ergrimmt darüber, aus dem Munde sterbender Christen den höchsten Ratschluss zu vernehmen, der ihn mit allen seinen Anhängern dazu verurteilt, von Jesus Christus und seinem himmlischen Heere vernichtet zu werden, beschließt er, Krieg gegen Gott selbst zu führen. (Apok. 16, 13. 14.) Er lädt alle Könige und Machthaber ein, sich an diesem Kriege gegen Gott zu beteiligen.

Wie Satan im Anfang gegen Gott Krieg führte, so treibt er nun den Antichrist und seine Genossen, dasselbe zu tun.

Berauscht von Stolz und Macht und von Satan angestachelt, verfolgt er seinen Entschluss, keinen Nebenbuhler zu dulden, sondern mit dem Herrscher des Himmels um die Oberhoheit zu streiten. Verächtlich gegen das, was er von den Christen gehört hat, dass ihm alle Macht von Christus entrissen und er selbst in den Staub gelegt werden solle, nimmt er sich vor, sich mit Christus und seinem ganzen himmlischen Gefolge durch ein entsprechendes Heer zu messen, das aus der ganzen Erde von den drei bösen Geistern versammelt wird, die zu diesem Zwecke ausgesandt worden sind, um alle Machthaber für diesen Krieg mit dem Himmel zu gewinnen.

Aber unglückseliges Wesen! Die Zeit, die Gott seiner Herrschaft gesetzt hat, geht zu Ende. Die dreieinhalb Jahre laufen ab. Der Herr ist im Begriffe, Gericht zu halten über die zahllosen versammelten Völker. Und wenn er herabkommt, um seine Gerichte an diesen Heeren zu vollziehen, werden Sonne und Mond verfinstert werden, und die Sterne werden ihren Schein zurückziehen, und Er wird mit furchtbarem Getöse über Jerusalem hinziehen, das sie mit Schrecken und Grauen erfüllen wird. (Isai. 34, 1–4; Apok. 6, 12–14.)

Die Feinde Gottes werden sich zu verbergen suchen und zu den Bergen und Felsen sagen: Fallet über uns und verberget uns vor dem Angesichte dessen, der auf dem Throne sitzt. (Apok. 15, 15. 16; 19, 11–21.) Bei der furchtbaren Erscheinung Christi, der mit seinem Heere durch die Himmel herabsteigt, werden seine Feinde von Bestürzung ergriffen; und auf seinen Befehl wird der Antichrist ergriffen und gefangen genommen, und mit ihm der große Betrüger, der falsche Prophet. Christus stürzt mit dem bloßen Hauche seines Mundes den Antichrist lebendig ins höllische Feuer. (2. Thess. 2, 8.) Unmittelbar darauf wird das ganze Heer niedergemacht. (Zach. 19 [so die Vorlage], 1–7; Isai. 14, 3. 7. 19.)

Und jene, die noch entronnen sind, aber sich des Götzendienstes schuldig gemacht haben, wird der Zorn Gottes auf gleiche Weise ereilen. (Apok. 14, 10. 11; Jer. 25, 15. 30–33.) So werden alle Helfershelfer des Antichrists auf der ganzen Welt erschlagen werden. (Jer. 66 [so die Vorlage], 24.)

Aus einem solchen Siege über ihre Feinde erhebt sich dann der vollkommenste Triumph der christlichen Religion. „Dann“, sagt die heilige Hildegard, „wird die Braut Christi (die Kirche) stark und mächtig in wunderbarer Schönheit erstehen, und ihre Herrlichkeit wird in wolkenloser Klarheit leuchten. Alle werden anerkennen, dass der Herr allein groß ist; sein Name wird von allen Geschöpfen bekannt werden, und er wird in Ewigkeit herrschen.“

Vor langen Zeitaltern brachen die Brunnen der großen Tiefe auf, und die Schleusen des Himmels öffneten sich. Die große Sintflut brausender Wasser wogte über die Erde. Noe und die mit ihm in der Arche waren, wurden gerettet. Blicke hinaus auf die wogende Wasserwüste. Du siehst die Arche majestätisch inmitten des heulenden Sturmes dahinziehen. Ruhig steuert sie ihren Weg zum Ararat – „dem Berge der Ruhe“ – inmitten des Wehgeschreis der Ertrinkenden und des Anpralls der zornigen Wogen. Um sie her treiben die Trümmer irdischer Größe und die Leichen derer, welche die warnende Stimme Noes verlachten und sich weigerten, in die Arche zu gehen.

In allen Zeitaltern, besonders aber in unseren Tagen, sind die Brunnen des großen Abgrundes aufgebrochen. Die vergifteten Quellen des Unglaubens, der Unsittlichkeit und der religiösen Gleichgültigkeit sind hervorgebrochen und haben die ganze Erde überflutet. Inmitten der Stürme der Verfolgung steuert die heilige Kirche, die Arche des lebendigen Gottes, ruhig ihren Weg durch die Trümmer der Reiche, durch die Überreste falscher Philosophien, an den Leichen abgetrennter Sekten und den toten Seelen derer vorbei, die „das Tier anbeten und sein Malzeichen tragen“ – die Kirche steuert majestätisch dem Berge der Ruhe entgegen, auf dessen Gipfeln die Jaspismauern der himmlischen Stadt erglänzen.

[Das folgende Gedicht ist frei und sinngetreu übertragen]

O heil’ge Kirche, gleich dem Leuchtturm glühend
in dunkler, trüber Erdennacht!
Der müde Wandrer sieht dich schimmernd blühend
und segnet deines Lichtes reine Pracht.
Dein Licht durchdringt das Dunkel fern und klar,
weit schöner, als der sanfte Morgenstern je war.

Der Strom der Zeit, am starken Felsen fließend,
auf dem die Kirche Gottes unwandelbar steht,
trägt frohe Scharen, Jugend, Schönheit sprießend,
den rosenkranzten Becher hoch erhöht:
Sie spotten der unwandelbaren Kirche droben –
bald ist ihr Lachen stumm, und klagend Winde toben!

Der Strom fließt fort; auf seinen Wellen dringen
die Heere vor, von grimmem Herrn geführt;
mit Hörnerklang, mit Rossen, die sich wiehernd schwingen,
schrein sie, als hätt’ die Hölle sie geschürt:
„Nieder mit der Kirche, felsgebaut und hoch!“
Der Wahnruf schweigt; die blut’gen Wogen ziehen fort jedoch.

Der Strom fließt fort – stolze Städte sinken,
der falschen Götter Tempel liegt,
Paläste stürzen, Throne wankend hinken –
der Zeiten Flut hat alles überstiegen:
Die felsgebaute Kirche steht noch unverwandt,
indes ringsum sich alles wandelt, welkt und schwand.

In dieser felsgebauten Kirche, die nie wanket,
ist Wahrheit und Recht der Thron gestellt;
hier herrscht der Hirtenkönig, ein Vater, der nie schwanket,
dem, der das Licht sucht und es liebend hält.
Der Priesterkönig herrscht bis an den Jüngsten Tag,
dann gibt die Schlüssel er dem, der ihm diese Macht verlieh, so wunderbar.

aus: Michael Müller, CSsR, Die Feinde der Kirche S. 168 – S. 194 in: Gott, der Lehrer der Menschheit, 1880

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Tags: Antichrist
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