Die Macht der Häresie sich zu organisieren

Kardinal Henry Edward Manning (Foto ca. 1880)

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Die Macht der Häresie sich zu organisieren und fortzudauern

Der erste zu beachtende Punkt ist, dass sowohl der heilige Paulus als der heilige Petrus von dieser antichristlichen Empörung sprechen, als bereits zu ihrer Zeit begonnen. Der heilige Paulus sagt: „Das Geheimnis der Bosheit ist schon wirksam; nur soll der, welcher jetzt aushält, so lange aushalten, bis er hinweggeräumt ist.“ (2. Thess. 2, 7)

Und der heilige Johannes sagt ausdrücklich in der oben angeführten Stelle: „Es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, wird der Widerchrist kommen; ja schon jetzt sind viele Widerchristen geworden, woraus wir erkennen, dass die letzte Stunde ist.“ (1. Joh. 11, 8))

Ferner: „Dieser ist der Widerchrist, von dem ihr gehört habt, dass er kommt, und er ist schon jetzt in der Welt.“ (1. Joh. 3)

Wir müssen also nach den Anfängen dieser Empörung in den Zeiten der Apostel sehen. Der Geist des Antichristen war wirksam, sobald Christus der Welt geoffenbart wurde. Es ist also mit einem Worte die fortdauernde Wirksamkeit des Geistes der Häresie, welche von Anfang an mit dem Glauben parallel lief.

Es liegt auf der Hand, dass der heilige Paulus und der heilige Johannes diese Ausdrücke auf die Nikolaiten, die Gnostiker und dergleichen anwandten. Die drei Merkmale des Antichristen, das Schisma, die Häresie und die Leugnung der Menschwerdung treten offen an ihnen hervor. Sie lassen sich gleichfalls auf die Sabellianische, arianische, Semiarianische, Monophysitische, Monotheletische, Euthychianische und Macedonianische Häresie anwenden.

Die Grundsätze sind identisch, die Entwicklung verschieden, aber nur zufällig. Und so hat in diesen achtzehnhundert Jahren der Reihe nach jede Häresie ein Schisma erzeugt, und jedes Schisma brachte eine Häresie hervor, und alle miteinander leugnen die göttliche Stimme des Heiligen Geistes, der beständig durch die Kirche spricht, und alle miteinander setzen die menschliche Meinung an die Stelle des göttlichen Glaubens, und alle miteinander bringen vermöge eines sicheren Prozesses, die einen schneller, die anderen langsamer, eine Leugnung der Menschwerdung des ewigen Sohnes heraus.

Einige können gleich im Anfang davon ausgehen, andere lösen sich in dieselbe auf durch eine lange und unvorhergesehene Umwandlung, wie der Protestantismus in den Nationalismus überging; da aber alle im Prinzip identisch sind, so sind sie auch identisch in ihren Folgen. Jedes Zeitalter hat seine Häresie, wie jeder Glaubensartikel durch die Verneinung seine genauere Fassung erhält. Und der Lauf der Häresie, ist gemessen und periodisch, materiell verschieden, aber formell eins, sowohl dem Prinzip als der Tätigkeit nach, so dass alle Häresien von Anfang an nichts weiter sind, als die fortgesetzte Entwicklung und Ausbreitung „des Geheimnisses der Bosheit“, das bereits wirksam war.

Ein anderes Phänomen in der Geschichte der Häresie ist ihre Macht, sich zu organisieren und fortzudauern, wenigstens bis sie sich in eine feinere und mehr aggressive Form auflöst, wie z. B. der Arianismus, der mit der katholischen Kirche in Konstantinopel, in der Lombardei und in Spanien rivalisierte, der Donatismus, welcher der Kirche in Afrika gleich kam; der Nestorianismus, welcher an Zahl die Kirche in Asien übertraf; der Islam, welcher die meisten seiner Überläufer strafte und verschlang, und im Osten und Süden die schreckliche antichristliche Militärmacht gründete, welche die Welt je gesehen, und der Protestantismus, der sich zu einem gewaltigen politischen Gegner des Heiligen Stuhls organisierte nicht nur im Norden, sondern durch seine Politik und Diplomatik selbst in katholischen Ländern.

Zu dieser Expansionskraft kommt noch eine gewisse krankhafte und schädliche Wiedererzeugung. Die Physiologen sagen uns, dass es zuletzt eine vollkommene Einheit gibt, sogar in den zahllosen Krankheiten, welche den Leib verzehren; dem ungeachtet scheint jede Krankheit durch eine Ansteckung und Wiedererzeugung ihr Geschlecht fortzupflanzen. Ebenso in der Geschichte und Entwicklung der Häresie. Um nur den Gnostizismus, Arianismus und vor allem den Protestantismus zu nennen, so haben sie ein jeder eine Menge von untergeordneten und verwandten Häresien hervorgebracht. Aber es ist der Protestantismus, welcher vor allen übrigen die drei von den inspirierten Schriftstellern angegebenen Merkmale am deutlichsten an sich trägt.

Andere Häresien haben sich Teilen und Einzelheiten des christlichen Glaubens und der Kirche entgegengesetzt, aber der Protestantismus, in seinem historischen Komplex genommen, so wie ihn jetzt im Rückblick auf dreihundert Jahre ermessen können, von der Religion des Luther, Calvin und Crammer einerseits, bis zu dem Nationalismus und Pantheismus in England und Deutschland andererseits, ist unter allen und in allen Einzelheiten der förmlichste und ausgesprochenste Gegner des Christentums.

Ich will nicht sagen, dass er bis jetzt seine volle Entwicklung erreicht hat; denn wir werden Gründe finden für die Annahme, dass er noch mit einer schwärzeren Zukunft schwanger geht; allein selbst so weit „das Geheimnis der Bosheit“ bereits wirksam war, ist bis jetzt kein anderer Gegner so tief gegangen, um den Glauben der christlichen Welt zu untergraben.

Ich will jetzt keine Abhandlung über die Reproduktionskraft des Protestantismus schreiben. Es ist hinreichend, gewisse Tatsachen aufzustellen, die aus der Geschichte des Geistes der letzten drei Jahrhunderte von selbst klar sind, dass nämlich der Sozianismus, der Nationalismus und Pantheismus die rechtmäßigen Sprösslinge der Lutherischen und Calvinischen Häresie sind, und dass das protestantische England unter den protestantischen Ländern das am wenigsten geistig entwickelte und konsequente, in diesem Augenblick eine reichliche Weide darbietet für die Mitteilung und Wiederzeugung dieses Geistes des Irrtums.

Alles, was ich hervorzuheben wünsche, ist, um eine moderne Phrase zu gebrauchen, dass die Bewegung der Häresie eine und dieselbe ist von Anbeginn; dass die Gnostiker die Protestanten ihrer Zeit waren, und die Protestanten die Gnostiker der unsrigen sind; dass das Prinzip identisch ist, und der Umfang der Bewegung größere Proportionen angenommen hat; dass ihre Erfolge sich vermehrt haben und ihr Antagonismus gegen die katholische Kirche unveränderlich und wesentlich ist. Es gibt zwei Folgen und Wirkungen dieser Bewegung, die in Beziehung auf ihr Verhältnis zur Kirche so seltsam und so bedeutungsvoll sind, dass ich sie nicht übergehen kann. –

aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 17 – S. 21

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Bildquellen

  • Henry_Edward_Manning_by_Barraud__c1880s: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
Tags: Häresie
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