Der Antichrist und die Zeit der Apostasie
Woran man die große Apostasie erkennt – Der hl. Paulus über die große Apostasie
Erste Vorlesung
Ich weiß ganz wohl, dass die Wahrheiten und Prinzipien der Offenbarung nach der allgemeinen Ansicht der Staatsmänner förmlich aus dem Kreise der Politik ausgeschlossen sind, und dass es in unseren Tagen als eine Geistesschwäche angesehen wird, wenn man sie als Prüfsteine für die Ereignisse der Welt anwendet. Diejenigen, welche die Offenbarung ganz verwerfen, sind bei einer solchen Ansicht konsequent; aber mit welcher Konsequenz jene, die an eine Offenbarung der göttlichen Weltregierung zu glauben behaupten, dieselbe dennoch aus dem Gebiet der gleichzeitigen Geschichte ausschließen wollen, das vermag ich nicht zu sagen.
Ich stehe daher im Begriff, prudens et videns gegen die öffentliche Meinung unserer Zeit anzustoßen und mich vielleicht der Verachtung oder dem Mitleiden solcher auszusetzen, welche glauben, dass die Welt durch die Tätigkeit des menschlichen Willens allein regiert werde. Darein ergebe ich mich ganz gerne, und ohne mich darüber zu beunruhigen. Meine Ansicht ist, dass gegenwärtige Verhältnis der Kirche zu den staatlichen Gewalten der Welt bei dem Lichte einer Weissagung zu untersuchen, welche der heilige Paulus anführt, und daraus gewisse praktische Grundsätze zu ziehen zur Leitung derer, die glauben, dass der göttliche Wille auch in den Gegebenheiten gegenwärtig ist, die jetzt vor unseren Augen vor sich gehen.
Ich werde mich nicht in Erklärungen der Apokalypse einlassen oder damit befassen, das Jahr des Endes der Welt zu berechnen. Dies überlasse ich solchen, die dazu berufen sein mögen. Die Punkte, die ich mir zu behandeln vornehme, sind wenige und praktische, und das Resultat, das ich zu erreichen wünschte, ist eine klarere Erkenntnis dessen, was christliche Prinzipien sind und was antichristliche, so wie eine genauere Würdigung des Charakters der Begebenheiten, von welchen die Kirche und der Heilige Stuhl gegenwärtig heimgesucht werden.
Der hl. Paulus schreibt an die Thessalonicher (2. Thess. 2, 3-11): siehe Brief des hl. Paulus an die Thessalonicher 2. Kapitel
Wir haben hier eine Weissagung über vier große Tatsachen:
1. über eine Empörung, die der zweiten Ankunft unseres Herrn vorangehen soll;
2. über die Manifestation eines, welcher genannt wird, der Bösewicht;
3. über ein Hindernis, das seine Manifestation zurückhält und
4. endlich über die Periode der Macht und Verfolgung, deren Ursache er sein wird.
Bei der Behandlung dieses Gegenstandes will ich nicht eigene Mutmaßungen wagen, sondern werde einfach sagen, was ich entweder in den Kirchenvätern finde oder in solchen Theologen, die die Kirche anerkannt hat, nämlich Bellarmin, Lessius, Malvenda, Biegas, Suarez, Ribera und andere.
Erstens also: Was ist die Empörung?
In dem Original heißt es (…) eine Apostasie, und in der Vulgata: discessio, aber eine Trennung. Nun aber schließt eine Empörung eine meuterische Trennung von einer Autorität und einen daraus folgenden Widerstand gegen dieselbe in sich. Wenn wir die Autorität finden können, so werden wir auch vielleicht die Empörung finden.
Es gibt in der Welt nur zwei höchste Gewalten, die staatliche und die geistliche, und diese Empörung muss entweder ein Aufstand oder ein Schisma sein. Überdies muss sie etwas sein, was ein weites Feld umfasst und im Verhältnis steht zu den Ausbrüchen und Begebenheiten der Voraussagung.
Der heilige Hieronymus mit einigen anderen erklärt diese Empörung als den Aufstand der Völker und Provinzen gegen das römische Reich. Er sagt: Nisi venerit discessio … ut omnes gentes quae Romano Imperio subjacent, recedant ab eis (S. Hier. Ep. ad Algasiam), eine Erklärung, die wir nicht zu untersuchen brauchen, insofern die Ereignisse der christlichen Geschichte sie widerlegen. Sie haben sich empört, und keine Manifestation hat sich gezeigt.
Es scheint eines kleinen Beweises zu bedürfen, dass diese Empörung oder Apostasie eine Trennung ist, nicht von der staatlichen, sondern von der christlichen Ordnung und Autorität; denn die Kirchenschriftsteller sprechen wiederholt von einer solchen geistlichen Trennung, und an einer Stelle scheint der heilige Paulus die Bedeutung dieses Wortes ausdrücklich zu erklären. Er gibt dem heiligen Timotheus zum voraus die Warnung, dass in den letzten Tagen (…) „einige vom Glauben abfallen werden“, und es scheint offenbar, dass derselbe geistige Abfall an dieser Stelle unter Apostasie verstanden wird.
Die Autorität also, gegen welche die Empörung stattfinden soll, ist die des Reiches Gottes auf Erden, von dem Daniel weissagt als dem Reiche, das der Gott des Himmels ausrichten werde, nachdem die vier Reiche durch den ohne Hände ausgehauenen Stein zerstört sind, der ein großer Berg wurde, und die ganze Erde erfüllte, oder mit andern Worten, es ist die eine und allgemeine Kirche, gestiftet von unserm Herrn, und durch seine Apostel in der ganzen Welt verbreitet. In dieses einzige übernatürliche Reich wurden der wahre und reine Theismus oder die wahre und reine Gotteserkenntnis, und der wahre und alleinige Glaube an den menschgewordenen Gott niedergelegt mit den Lehren und Gesetzen der Gnade.
Dies also ist die Autorität, gegen welche die Empörung stattfinden soll, sei diese Empörung, was sie wolle.
Da die Autorität, gegen welche die Empörung stattfindet, so beschaffen ist, so kann es nicht schwierig sein, über ihren Charakter ins Reine zu kommen. Die inspirierten Schriftsteller beschreiben ihre Merkmale ausdrücklich.
Die drei Merkmale des Antichristen
Das erste ist das Schisma, wie es von dem heiligen Johannes angegeben wird: „Es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, wird der Widergeist kommen; ja schon jetzt sind viele Widerchristen geworden, woraus wir erkennen, dass die letzte Stunde ist. Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie bei uns geblieben sein.“ (1. Joh. 2, 18-19)
Das zweite Merkmal ist die Verwerfung des Amtes und der Gegenwart des Heiligen Geistes. Der heilige Judas sagt: „Das sind diejenigen, welche sich selbst trennen, sinnlich sind, (d.h. tierische oder bloß mit natürlicher Vernunft begabte Menschen) und den Geist nicht haben.“ (Judas 19) Dies schließt notwendig das häretische Prinzip der menschlichen Meinung in sich, als entgegengesetzt dem göttlichen Glauben; der Privatansicht als entgegengesetzt der unfehlbaren Stimme des Heiligen Geistes, der durch die Kirche Gottes spricht.
Das dritte Merkmal ist die Leugnung der Menschwerdung. Der heilige Johannes schreibt: „Jeder Christ, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleische gekommen sei, ist aus Gott, und jeder Christ, der Jesum aufhebt (d. h. durch Leugnung des Geheimnisses der Menschwerdung entweder die wahre Gottheit oder die wahre Menschheit, oder die Einheit oder Göttlichkeit der Person des menschgewordenen Sohnes), ist nicht aus Gott, und dieser ist der Widerchrist, von dem ihr gehört habt, dass er kommt, und er ist schon jetzt in der Welt.“ (1. Joh. 4, 2-3) Ferner sagt er: „Es sind viele Verführer in die Welt ausgegangen, welche nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleische gekommen sei; ein solcher ist der Verführer und der Widerchrist.“ (2. Joh. 7)
Dies also sind die Merkmale, an welchen, wie die Kirche an ihren Zeichen zu erkennen ist, die antichristliche Empörung oder Apostasie erkannt werden kann. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 12 – S. 17
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