Der Antichrist und die Zeit der Apostasie
2. Schritt: Die Verfolgung der Wahrheit
2. Der nächste Schritt ist sodann die Verfolgung der Wahrheit. Als Rom jeden Götzendienst im ganzen römischen Reich erlaubte, gab es nur eine Religion, die man eine religio illicata nannte, eine ungesetzliche Religion, und es gab nur eine Gesellschaft, die eine societas illicata oder eine ungesetzliche Gesellschaft hieß. Man konnte die zwölf Götter Ägyptens anbeten oder den Jupiter Eapitolinus oder die Dea Roma, aber man durfte nicht den Gott des Himmels anbeten, man durfte nicht anbeten Gott, geoffenbart in seinem Sohn. Sie glaubten nicht an die Menschwerdung, und jene eine Religion, welche allein wahr ist, war die einzige Religion, die nicht geduldet wurde.
Es gab Priester des Jupiters, der Eybele, der Fortuna und der Besta; es gab alle möglichen geistlichen Bruderschaften und Orden und Sozietäten, und ich weiß nicht was; aber es gab eine Gesellschaft, welche nicht existieren durfte, und dies war die Kirche des lebendigen Gottes. Mitten in dieser allgemeinen Toleranz gab es nur eine Ausnahme, die mit der schärfsten Genauigkeit beobachtet wurde, wonach die Wahrheit und die Kirche Gottes von der Welt ausgeschlossen sein sollten.
Dies nun muss unvermeidlich wieder kommen, weil die Kirche unbeugsam ist in der ihr anvertrauten Mission. Die katholische Kirche wird niemals eine Lehre auf das Spiel setzen; sie wird nie gestatten, dass zwei Lehrsysteme innerhalb ihres Schoßes vorgetragen werden; sie wird der Staatsgewalt nie gehorchen, wenn sie ein Urteil fällt in Sachen, die geistlich sind.
Die katholische Kirche ist durch das göttliche Gesetz verbunden, lieber das Martyrium zu erleiden, als eine Lehre aufzugeben, oder dem Gesetz der Staatsgewalt zu gehorchen, welches das Gewissen verletzt, und mehr als dies, sie ist nicht nur verbunden, einen passiven Ungehorsam entgegenzusetzen, was in einem Winkel geschehen kann und deshalb nicht entdeckt wird, und weil nicht entdeckt, nicht gestraft, sondern die katholische Kirche kann nicht stillschweigen; sie kann nicht ruhig sein; sie kann nicht aufhören, die Lehren der Offenbarung zu predigen, nicht nur über die Dreieinigkeit und über die Menschwerdung, sondern ebenso über die sieben Sakramente, über die Unfehlbarkeit der Kirche und über die Notwendigkeit der Einheit und über die Souveränität, sowohl die geistliche als die weltliche, des Heiligen Stuhls.
Weil sie nicht stillschweigen will und keinen Kompromiss eingehen kann, und weil sie in Sachen, die zu ihrer eigenen göttlichen Prärogative gehören, nicht gehorchen will, deshalb steht sie allein in der Welt; denn es gibt keine andere sogenannte Kirche, noch irgendeine Gemeinschaft, die sich für eine Kirche ausgibt, welche sich nicht unterwirft oder gehorcht oder stillschweigt, wenn die Staatsgewalt es befiehlt.
Es sind noch nicht zehn Jahre, so hörten wir von einer Entscheidung in Sachen der Taufe, wobei es sich um die Lehre von der Erbsünde einerseits und um die Lehre von der zuvorkommenden Gnade andererseits handelte, und weil ein bürgerlicher Richter den Ausspruch tat, es sei in der etablierten Kirche Englands erlaubt, ungestraft zwei einander entgegengesetzte Lehren vorzutragen, so waren Bischöfe, Priester und Volk damit zufrieden, oder wenigstens sagten sie:
„Wir können nichts anderes machen; die Staatsgewalt erlaubt es, beides zu predigen; was können wir tun? Wir werden verfolgt, und darum schweigen wir; wir fahren fort, Gottesdienst zu halten unter einem Staatsgesetz, das uns zwingt, es zu ertragen, dass derjenige, der am Morgen vor uns predigt, oder derjenige, der am Nachmittag nach uns predigen wird, vielleicht eine Lehre vorträgt, die in geradem Widerspruch damit steht, was, wie wir wissen, die geoffenbarte Lehre Gottes ist, und weil die Staatsgewalt es so bestimmt hat, so sind wir nicht dafür verantwortlich, und die etablierte Kirche ist nicht verantwortlich, weil sie verfolgt wird.“
Dies nun ist der charakteristische Unterschied zwischen einem menschlichen durch das bürgerliche Gesetz eingeführten System und der Kirche Gottes. Würde es in der Kirche, welche die katholische und römische ist, erlaubt sein, wenn ich jetzt leugnete, dass jedes getaufte Kind die Eingießung der wiedergebärenden Gnade empfängt? Was würde aus mir bis morgen werden?
Ihr wisst ganz gut, dass, wenn ich auch nur um ein Jota oder ein Tüttelchen von dem heiligen katholischen Glauben abweichen würde, der uns durch die göttliche Stimme der Kirche überliefert ist, ich sogleich suspendiert würde, und keine Staatsgewalt in der Welt könnte mich wieder zur Ausübung meiner geistlichen Gerechtsame ermächtigen; kein bürgerlicher Richter oder Potentat könnte mir die Ausspendung der Sakramente wieder gestatten, solange nicht die geistliche Autorität es mir erlaubte.
Dies ist also der charakteristische Unterschied, der eines Tages über die Kirche in allen Ländern, wo dieser Geist der religiösen Gleichgültigkeit sich festgesetzt hat, eine Verfolgung von Seite der Staatsgewalt bringen wird. Und noch aus einem anderen Grund, weil der Unterschied zwischen der katholischen Kirche und jeder anderen Gesellschaft folgender ist:
Andere Gesellschaften sind freiwillige Vereine, d. h. die Leute schließen sich an irgendeine Körperschaft an, und wenn sie nach besserer Erkenntnis sie nicht mehr mögen, so gehen sie ihres Weges. Sie werden Baptisten oder Anabaptisten oder Episkopalen oder Unitarier oder Presbyterianer, bis sie etwas finden, was ihnen in diesen Systemen nicht gefällt, und dann gehen sie weiter und vereinigen sich entweder mit einer anderen religiösen Genossenschaft, oder sie bleiben für sich. Weil diese Gesellschaften keinen Anspruch darauf haben, den Willen zu regieren, so besteht alles, was sie tun, darin, dass sie lehren.
Sie gleichen den Schulen der Alten, und ihre Lehre ist eine Art von christlicher Philosophie. Sie legen ihre Lehren denjenigen vor, die ihnen zuhören wollen, und wenn sie zuhören und mit ihnen übereinstimmen, so bleiben sie bei ihnen; wo nicht, so gehen sie weiter. Aber wo ist die Herrschaft über den Willen? Können sie sagen: „Im Namen Gottes und bei Todesstrafe, müsst ihr glauben, dass Gott Fleisch geworden, und dass unser Herr im Fleische sich auf dem Altar zum Opfer bringt; dass die von dem Sohn Gottes eingesetzten Sakrament sieben sind, und dass sie alle die Gnade des Heiligen Geistes mit sich bringen?“
Wenn sie nicht eine Autorität über den Willen wie über den Verstand haben, so sind sie nur eine Schule und nicht ein Reich. Dies ist aber ein Merkmal, das jeder Gesellschaft gänzlich mangelt, die nicht den Anspruch machen kann, im Namen unseres Herrn und mit einer göttlichen Stimme zu regieren.
Deshalb unterscheidet sich die Kirche von jeder anderen Gesellschaft in dem Punkt, dass sie nicht nur ein Verein von Leuten ist, die sich freiwillig zusammentun, sondern dass sie ein Reich ist. Sie hat eine gesetzgebende Versammlung; die Reihe ihrer Konzilien hat seit achtzehnhundert Jahren mit aller Feierlichkeit und Majestät eines kaiserlichen Parlaments beraten und beschlossen. Sie hat eine Exekutivgewalt, welche die Beschlüsse jener Konzilien ausführt und ihnen Nachdruck gibt mit aller Ruhe und peremptorischen Entschiedenheit eines kaiserlichen Willens. Die Kirche ist daher ein Reich im Reich, und die Regenten und Fürsten dieser Welt sind gerade aus diesem Grunde auf sie eifersüchtig. Sie sagen: „Nolumus hunc regnare super nos.“ Wie wollen nicht, dass dieser Mann über uns regiere.
Gerade, weil der Sohn Gottes, als er kam, ein Reich auf Erden stiftete,, regiert in jedem Land und unter jedem Volk die katholische Kirche mit der Autorität der allgemeinen Kirche Gottes. Darum wurde vor zehn Jahren die Luft mit dem wilden Geschrei „über päpstliche Eingriffe“ erfüllt. Der natürliche Instinkt der Zivilgewalt wusste, dass es nicht bloß eine christliche Philosophie war, die von fremden Landen hereinkam, sondern eine Regierung, eine Macht, und eine Souveränität.
Aus diesem Grund macht auch die extreme liberale Schule, – diejenigen, welche für jede Glaubensform Duldung ansprechen und lehren, dass es die Pflicht der Staatsgewalt sei, sich nie in religiöse Händel einzumischen, sondern dass alle Menschen in ihrem Glauben frei sein und vollkommene Gewissensfreiheit haben sollen, – ich sage sogar, diese extreme liberale Schule macht eine Ausnahme und behauptet im seltsamsten Widerspruch mit allen ihren Prinzipien oder wenigstens mit ihren öffentlich ausgesprochenen Lehren, dass die katholische Kirche, da sie nicht nur ein Lehrsystem, sondern auch eine Macht oder eine Regierungsgewalt ist, von der allgemeinen Toleranz ausgenommen werden müsse.
Und dies ist gerade der Punkt für eine künftige Kollision. Es ist dies gerade der Grund, warum die Erzbischöfe von Köln, Turin, Cagliari u. a. in die Verbannung wanderten, und warum gegenwärtig neunzehn bischöfliche Stühle in Sardinien erledigt sind. Die Ursache, warum in Italien so viele Bischöfe gegenwärtig von ihren Sitzen vertrieben sind, ist, weil in diesem Land die protestantische Religion statt der katholischen Wahrheit eingeführt werden will. Es ist derselbe alte Streit, so alt wie das Christentum selbst, der vom Anfang an gewesen ist, zuerst mit den Heiden und dann mit den Häretikern, Schismatikern und Ungläubigen, und der fortdauern wird bis ans Ende der Welt.
Der Tag ist nicht ferne, wo die Völker der Welt, die jetzt so ruhig und friedlich in der Stille ihrer allgemeinen religiösen Gleichgültigkeit beisammen wohnen, leicht aufgeregt werden können, und wo man noch einmal in ihren Verfassungsurkunden Pönalgesetze finden kann. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 79 – S. 84
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