Die Verfolgung der Kirche durch den Antichristen

Kardinal Henry Edward Manning (Foto ca. 1880)

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Die Verfolgung der Kirche durch den Antichristen

Mit diesen vorläufigen Unterschreibungen wollen wir den letzten Teil unseres Gegenstandes beginnen.

Wovon ich zu sprechen habe, das ist die Verfolgung, die der Antichrist über die Kirche bringen wird. Wir haben bereits den Grund zu der Annahme gesehen (Bis die Stunde der Finsternis kommt), dass, gleichwie unser Herr sich in die Hände der Sünder überlieferte, als seine Zeit gekommen war, und Niemand Hand an ihn legen konnte, bis er sich freiwillig ihrer Macht übergab, es ebenso mit jener Kirche sein werde, von welcher er sagte: „Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“

Wie die Bösen nichts über ihn vermochten, selbst als sie ihn mit Stricken banden und zum Gerichte schleppten, ihn als falschen König verspotteten, als falschen Propheten auf das Haupt schlugen, wegführten und kreuzigten, und vollkommene Gewalt über ihn zu haben schienen, so dass er fast vernichtet unter ihren Füßen auf dem Boden lag, und wie er gerade zu der Zeit, als er gestorben und begraben war, am dritten Tage siegreich wieder auferstand und in den Himmel auffuhr, um da gekrönt und verherrlicht und mit seiner königlichen Würde bekleidet, als König der Könige und Herr der Herren zu herrschen – ebenso wird es mit seiner Kirche sein.

Wenn sie gleich eine Zeit lang verfolgt und in den Augen der Menschen mit Füßen getreten, entthront, beraubt und verspottet ist, so werden doch in diesem höchsten Triumphe des Bösen die Pforten der Hölle nicht die Oberhand behalten. Es ist der Kirche eine glorreiche Wiederauferstehung, eine königliche Herrschaft und ein herrlicher Lohn für alles vorbehalten, was sie erduldet hat. Wie Jesus muss sie auf dem Wege zu ihrer Krone leiden, aber gekrönt wird sie mit ihm sein ewiglich. Niemand nehme also ein Ärgernis daran, wenn die Prophezeiung von künftigen Leiden spricht.

Wir bilden uns so gerne herrliche Triumphe ein für die Kirche auf Erden – das Evangelium werde allen Völkern gepredigt und die Welt belehrt werden, und alle ihre Feinde werden endlich zu ihren Füßen liegen, und ich weiß nicht was, so dass manche Ohren gar nichts davon hören wollen, dass der Kirche eine Zeit schrecklicher Trübsal aufbewahrt sein soll.

Damit machen wir es wie vor Alters die Juden, die einen Eroberer, einen König und zeitliche Wohlfahrt erwarteten, und als ihr Messias in Demut und Niedrigkeit kam, erkannten sie ihn nicht. Ebenso berauschen viele unter uns ihren Geist mit den Visionen von Siegen und Triumphen und können den Gedanken nicht ertragen, dass für die Kirche noch eine Zeit der Verfolgung kommen soll.

Lasset uns daher die Worte des Propheten Daniel vernehmen.

Indem er von der Person spricht, die der heilige Johannes den Antichrist nennt, die aber er den König heißt, der nach seinem eigenen Willen handeln wird, sagt er: „Er wird Reden gegen den Allerhöchsten ausstoßen und die Heiligen des Allerhöchsten aufreiben.“ (Kap. 7, 25) Ferner sagt er: „Das Horn erhob sich bis zur Heeresmacht des Himmels, und warf herab etliche vom Heere, von den Sternen, und zerbrach sie. Und es erhob sich bis zu dem Fürsten der Heeresmacht und nahm ihm das tägliche Opfer und verwüstete den Ort seines Heiligtums.“ (Kap. 8, 10, 11) Ferner sagt er: „Schlachtopfer und Speiseopfer wird aufhören, und im Tempel wird der Gräuel der Verwüstung sein.“ (Kap. 9, 27)

Diese drei Stellen sind dem siebenten, dem achten und neunten Kapitel Daniels entnommen. Ich könnte noch mehrere hinzufügen, aber sie reichen aus; denn in dem Buch der Offenbarung finden wir einen Schlüssel zu diesen Worten.

Der heilige Johannes, welcher sich augenscheinlich auf das Buch Daniels bezieht, schreibt von dem Tier, d. h. von der verfolgenden Macht, die gewaltig auf Erden herrschen soll: „Es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen mit den Heiligen und sie zu überwinden.“

Hier haben wir nun vier verschiedene Weissagungen von einer Verfolgung, die von dieser antichristlichen Macht über die Kirche verhängt werden wird.

Ich will daher so kurz als möglich hervorheben, was in den Ereignissen, die jetzt um uns vorgehen, zu diesem Resultat zu führen scheint.

Merkmale der kommenden Verfolgung

1. Schritt: Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit

1. Das erste Wahrzeichen oder Merkmal dieser kommenden Verfolgung ist eine Gleichgültigkeit gegen die Wahrheit.

Gerade wie vor einem Sturm Totenstille herrscht, so ist vor einem Ausbruch eine Zeit der Ruhe. Das Zeichen, das sicherer als jedes andere den Ausbruch einer künftigen Verfolgung verkündigt, ist eine gewisse verächtliche Gleichgültigkeit gegen Wahrheit oder Lüge. Das alte Rom nahm in der Blüte seiner Macht jede falsche Religion von seinen unterworfenen Völkern auf und gab jeder von von ihnen eine Tempel innerhalb seiner Mauern. Es war durchaus gleichgültig gegen alle religiösen Kulte der Erde. Es ermutigte sie; denn jedes Volk hatte seinen eigenen Aberglauben, und dieser eigen Aberglauben war ein Mittel, die Völker, die innerhalb seiner Tore einen Tempel bauen durften, in Ruhe und Gehorsam zu erhalten.

In gleicher Weise sehen wir die Nationen der christlichen Welt in diesem Augenblick nach und nach alle, auch einander widersprechende, religiöse Sekten aufnehmen, d. h. ihnen, wie man sagt, vollkommene Duldung gewähren. Man anerkennt keinen Unterschied der Wahrheit oder Falschheit zwischen der einen Religion oder der anderen, sondern lässt alle religiösen Sekten ihren Weg gehen.

Ich sage nicht ein Wort gegen dieses System, wenn es unvermeidlich ist. Es ist das einzige System, wodurch jetzt die Gewissensfreiheit erhalten wird. Ich sage nur, erbärmlich ist der Zustand der Welt, in welcher zehntausend Gifte rings um eine einzige Wahrheit wachsen; erbärmlich ist der Zustand eines Landes, wo die Wahrheit nur geduldet wird. Dies ist ein Zustand großer geistiger Gefahr, und doch scheint es, es gibt keine Alternative, als dass die Staatsgewalt vollkommene Gewissensfreiheit gestattet und sich daher vollkommen indifferent verhält.

Wir wollen die Folgen betrachten.

Zuerst wird die göttliche Stimme der Kirche dadurch ganz ignoriert. Man sieht keinen Unterschied zwischen einer Glaubenslehre und einer menschlichen Meinung. Beide dürfen frei ihre Wege gehen. Glaubenslehren werden mit allen Formen von Häresie vermischt, bis wir wie in England alle erdenklichen Glaubensformen haben, von dem Konzil von Trient in all seiner Strenge und Vollkommenheit auf der einen Seite, bis zu dem Katechismus der positiven Religion auf der anderen. Wir haben alle Arten von religiösen Meinungen, die von den zwei Extremen ausgehen, und sich frei entwickeln dürfen; das eine Extrem ist die Anbetung Gottes, der für uns Fleisch geworden, in der Einheit und Dreifaltigkeit, und das andere der Leugnung Gottes und der Kult der Menschen.

Indem die Staatsgewalt die göttliche Stimme der Kirche natürlich leugnet und ignoriert, muss sie die göttliche Einheit der Kirche ignorieren, und jede Art von Glaubensbekenntnis oder alle miteinander zulassen; so dass das Volk in religiöse Sekten zerteilt wird, und das Gesetz der Einheit ganz verloren geht. Alle positive Wahrheit ferner als solche ist verachtet; denn wer soll sagen, wer Recht hat und wer Unrecht, wenn kein göttlicher Lehrer da ist? Wenn es keinen göttlichen Richter gibt, wer soll sagen, was wahr und was falsch ist zwischen widerstreitenden religiösen Meinungen?

Ein Staat, der sich von der Einheit der Kirche getrennt und dadurch die Leitung des göttlichen Lehrers verloren hat, ist nicht imstande, durch irgendeines seiner Tribunale, sei es ein bürgerliches oder ein geistliches, zu bestimmen, was in einer bestrittenen religiösen Frage wahr ist und was falsch. Und dann entsteht, wie wir wissen, ein tiefer Hass alles dessen, was Dogmatismus heißt, d. h. jeder positiven Wahrheit, alles dessen, was genau bestimmte Grenzen hat, jeder Glaubensform, die in besonderen Dogmen ausgedrückt ist. Alles dies ist durchaus nicht nach dem Geschmack von Leuten, die grundsätzlich alle Arten von religiösen Meinungen ermutigen.

Wir kommen in der Tat in den Zustand des Festus, der als er hörte, dass die Juden eine Klage gegen den heiligen Paulus hatten, erklärte, er finde keine Klage gegen ihn, woraus er Böses vermuten könnte; denn es seien gewisse Streitfragen über die Religion und über einen gewissen verstorbenen Jesus, von dem Paulus behauptete, dass er noch lebe. Dies nun ist gerade der Zustand der Indifferenz, in welchen die Staatsgewalten allmählich hinabgesunken sind und ebenso die Völker, welche sie regieren. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 74 – S. 78

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Bildquellen

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Tags: Antichrist
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2. Schritt Die Verfolgung der Wahrheit

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