Vergötterung der Menschheit im Pantheismus

Kardinal Henry Edward Manning (Foto ca. 1880)

Der Antichrist und die Zeit der Apostasie

Nationalitätsgeist und Vergötterung der Menschheit im Pantheismus und in der positiven Philosophie

Nationalitätsgeist

Die erste ist die Entwicklung und der Kult des Prinzips der Nationalität, was sich immer in Verbindung mit der Häresie gefunden hat. Die Menschwerdung aber hob alle nationalen Unterschiede innerhalb der Sphäre der Gnade auf, und die Kirche verband alle Nationen an einer übernatürlichen Einheit. Eine Quelle der geistlichen Gerichtsbarkeit und Eine göttliche Stimme hielt den Willen und die Handlungen einer Völkerfamilie zusammen. Früher oder später hat jede Häresie sich mit der Nation identifiziert, in welcher sie aufstand. Sie lebte durch die Unterstützung der Zivilgewalten und diese haben den Anspruch auf nationale Unabhängigkeit in sich aufgenommen.

Diese Bewegung, die der Schlüssel des sogenannten großen abendländischen Schisma ist, ist auch der Grund der Reformation, und die letzten dreihundert Jahre haben dem Nationalitätsgeist eine Entwicklung und eine Kraft verliehen, von der wir bis jetzt kaum mehr als ein Vorspiel sehen. Ich brauche nicht darauf hinzuweisen, wie dieser Nationalitätsgeist wesentlich schismatisch ist, was man nicht nur in der anglikanischen Reformation sehen kann, sondern auch in den gallikanischen Freiheiten und in den Streitigkeiten Portugals in Europa und in Indien, um nichts weiter anzuführen.

Ich habe auf dieses Resultat der Häresie aufmerksam gemacht, weil es eines von den drei oben erwähnten Merkmalen bewahrheitet. Wenn die Häresie in dem Individuum die Einheit der Menschwerdung auflöst, so löst die Häresie in einer Nation die Einheit der Kirche auf, die auf die Inkarnation gebaut ist. Und hierin sehen wir eine wahrere und tiefere Bedeutung der Worte des heiligen Hieronymus, als er selbst voraussah. Es ist nicht die Empörung der Völker gegen das römische Reich, sondern die Apostasie der Völker von dem Reich Gottes, das auf den Trümmern desselben aufgerichtet wurde.

Dieser Prozess des nationalen Abfalls, der offen mit der protestantischen Reformation begann, macht, wie wir später sehen werden, seinen Lauf fort selbst unter Nationen, die noch dem Namen nach katholisch sind, und die Kirche legt ihren mittelalterlichen Charakter als die Mutter der Völker ab und kehrt wieder in ihren ursprünglichen Zustand als eine Gesellschaft von Gliedern zurück, die unter die Völker und Städte der Welt zerstreut sind.

Die Vergötterung der Menschheit im Pantheismus

Das andere Resultat, das ich als die Folge der späteren Wirkungen des häretischen Geistes anführte, ist die Vergötterung der Menschheit.

Dies haben wir in zwei deutlichen Gestalten vor uns, nämlich in der pantheistischen und in der positiven Philosophie, der letzten Verirrung Comtes.

Es wäre hier unmöglich einen vollkommenen Nachweis über diese zwei Schlussentwicklungen zu geben; dazu würde eine Abhandlung erforderlich sein. Es wird ausreichen, wenn ich in einer gemeinsatzlichen Weise den Umriss dieser zwei Formen der antichristlichen Gottlosigkeit zeichne.

Ich entlehne die Schilderung des deutschen Pantheismus von zwei seiner neuesten Erklärer, in welchen er sozusagen seinen Höhepunkt erreicht. Es heißt daselbst:

„Vor der Zeit, als die Schöpfung begann, können wir uns vorstellen, dass ein unendlicher Gedanke (denn hier ist alles dies Eins), den ganzen Raum des Universums erfüllte. Dieses also, als das aus sich selbst existierende Eine, muss die einzige absolute Realität sein; alles Übrige kann nur eine Entwicklung des einen ursprünglichen und ewigen Wesens sein. Dieses Urwesen ist nicht eine unendliche Substanz, da es die zwei Eigenschaften der Ausdehnung und des Gedankens hat, sondern ein unendlicher, wirksamer, hervorbringender, sich selbst entwickelnder Geist, – die lebendige Weltseele.

Wenn wir alle Dinge als die Entwicklung des ursprünglichen und absoluten Lebensprinzips betrachten können, dann ist es umgekehrt offenbar, dass wir die Merkmale des Absoluten in jedem Ding nachweisen können, das existiert, und dass wir demnach sie in der Wirksamkeit unseres eigenen Geistes als eine besondere Phase ihrer Manifestation zu verfolgen vermögen.“

„In der praktischen Philosophie haben wir drei Bewegungen. Die erste ist jene, in welcher die tätige Intelligenz sich innerhalb eines begrenzten Umfangs wirksam zeigt, wie z. B. in dem einzelnen Geiste. Dies ist das Prinzip der Individualität, nicht als ob die unendliche Intelligenz etwas Verschiedenes wäre von dem Endlichen, oder als ob es eine unendliche Intelligenz gäbt außerhalb des Endlichen und getrennt davon, sondern es ist bloß das Absolute in einem seiner besonderen Momente, gerade wie ein individueller Gedanke nur ein einzelnes Moment des ganzen Geistes ist. Jede endliche Vernunft ist also nur ein Gedanke der unendlichen und ewigen Vernunft.“

Indem das absolute Wesen auf diese Art alles ist, geht aller Unterschied zwischen Gott und dem Universum wahrhaft verloren, und der Pantheismus wird vollständig, „da das Absolute sich aus seiner niedersten Form zu der höchsten entwickelt, gemäß dem notwendigen Gesetz oder Rhythmus seines Wesens. Die ganze Welt, die materielle und geistige, wird eine ungeheure Kette der Notwendigkeit, an die sich keine Idee einer freien Schöpfung anknüpfen lässt.“ (*)

(*) Siehe über die deutsche Schule: Schelling, Hegel und Hildebrand in Morells Geschichte der neueren Philosophie Bd. II, S. 126-147.

Ferner: „Die Gottheit ist ein immer fortgehender aber niemals sich vollendender Prozess, ja das göttliche Bewusstsein ist absolut Eins mit dem fortschreitenden Bewusstsein der Menschheit. Die Hoffnung der Unsterblichkeit geht zu Grunde; denn der Tod ist nur die Rückkehr des Individuums zu dem Unendlichen, und der Mensch wird vernichtet, obschon die Gottheit ewig leben wird.“

Ferner: „Die Gottheit ist der ewige Prozess der Selbstentwicklung, wie er sich in dem Menschen realisiert; das göttliche und menschliche Bewusstsein fällt notwendig zusammen. Die Kenntnis Gottes und seiner Äußerungen bildet den Gegenstand der spekulativen Theologie. …

Von diesen Äußerungen gibt es drei große Sphären, die sich der Beobachtungen darbieten, – die Natur, der Geist und die Menschheit. In der Natur sehen wir die göttliche Idee, in ihrem niedersten Ausdruck; im Geiste mit seinen Kräften, Fähigkeiten, moralischen Gefühlen, mit seiner Freiheit, sehen wir sie in ihrer höheren und vollkommeneren Form; endlich die in Menschheit sehen wir Gott nicht nur als Schöpfer und Erhalter, sondern auch als Vater und Führer.“

„Die Seele ist ein vollkommener Spiegel des Universums, und wir haben nur mit ernster Aufmerksamkeit in denselben hineinzublicken, um alle Wahrheit zu entdecken, die der Menschheit zugänglich ist. Was wir daher von Gott erkennen, kann nur das sein, was uns ursprünglich in unserem eigenen Geiste von ihm offenbart ist.“

Ich habe diese Auszüge gegeben, um die ganz richtige Auflösung des subjektiven Systems der Privatansicht in den reinen rationalistischen Pantheismus zu zeigen.

Die Vergötterung der Menschheit in der positiven Philosophie Comtes

Mit einigen Worten über den Positivismus Comtes will ich schließen. Damit ich diese Form von Geistesverirrung nicht zu verdrehen und zu entstellen scheine, will ich sie mit den eigenen Worten des Verfassers anführen.

Erstens also beschreibt er die positive Philosophie wie folgt:

„Aus dem Studium der Entwicklung der menschlichen Intelligenz nach allen Richtungen und durch alle Zeiten ergibt sich die Entdeckung eines großen Fundamentalgesetzes, welchem sie notwendig unterworfen ist, und welches eine solide probefeste Grundlage hat sowohl in den Tatsachen unserer Organisation, als in unserer historischen Erfahrung. Das Gesetz ist folgendes: jeder unserer Hauptbegriffe, jeder Zweig unserer Erkenntnis durchgeht der Reihe nach drei verschiedene theoretische Zustände: den theologischen, den metaphysischen oder abstrakten und den wissenschaftliche oder positiven.

Mit anderen Worten, der menschliche Geist wendet vermöge seiner Natur in seinem Fortgang drei Methoden des Philosophierens an, deren Charakter wesentlich verschieden und sogar radikal entgegengesetzt ist, nämlich die theologische Methode, die metaphysische und die positive. Daraus entstehen drei Philosophien oder allgemeine Begriffssystem in Betreff der Phänomene, von denen jedes System die anderen ausschließt. Das erste ist der notwendige Ausgangspunkt des menschlichen Verstandes, und das dritte ist sein fixierter und bestimmter Zustand. Das zweite ist bloß ein Übergangszustand.“

„In dem theologischen Zustand untersucht der menschliche Geist die wesentliche Natur der Dinge, die ersten und Endursachen (den Ursprung und Zweck) aller Wirkungen, kurz die absolute Erkenntnis, und nimmt an, dass alle Phänomene durch die unmittelbare Tätigkeit übernatürlicher Wesen hervorgebracht werden.“

„In dem metaphysischen Zustand, der nur eine Modifikation des ersten ist, denkt sich der Geist statt übernatürlicher Wesen abstrakte Kräfte, wahrhafte Wesenheiten (d. h. personifizierte Abstraktionen), die allen Dingen inhärieren und fähig sind, alle Phänomene hervorzubringen. Was die Erklärung der Phänomene heißt, ist auf dieser Stufe eine bloße Beziehung eines jeden auf seine eigentümliche Wesenheit.“

„In dem positiven Zustand endlich hat der Geist das Suchen nach absoluten Begriffen, nach dem Ursprung und der Bestimmung des Universums und den Ursachen der Phänomene aufgegeben und wendet sich zu dem Studium ihrer Gesetze, d. h. ihrer unveränderlichen Verhältnisse der Aufeinanderfolge und Ähnlichkeit. Räsonnement und Beobachtung, gehörig und einander verbunden, sind die Mittel dieser Erkenntnis. Was nun verstanden wird, wenn wir von der Erklärung der Tatsachen sprechen, ist einfach die Herstellung eines Zusammenhanges zwischen einzelnen Phänomenen und einigen allgemeinen Tatsachen, deren Zahl beständig abnimmt mit dem Fortschritt der Wissenschaft.“ (**)

(**) Positive Philosophie Bd. 1 c. 1.

Die Notwendigkeit einer Religion nach Comte

Daraus wird man bemerken, dass der Glaube an Gott in die erste oder theologische Periode der menschlichen Vernunft übergegangen ist. Dem ungeachtet sah Comte nach der Vollendung seiner Philosophie die Notwendigkeit einer Religion ein. Daher der Katechismus der positiven Religion, welcher so beginnt:

„Im Namen der Vergangenheit und der Zukunft treten die Diener auf, um die allgemeine Leitung dieser Welt als ihr Recht anzusprechen. Ihr Zweck ist, endlich eine wirkliche Vorsehung in allen Gebieten, in dem moralischen, intellektuellen und materiellen einzusetzen. Demgemäß schließen sie ein- für allemal von dem politischen Supremate alle die verschiedenen Diener Gottes, – die Katholiken, Protestanten oder Deisten, aus, da sie sowohl hinter ihnen stehen, als auch eine Ursache der Störung sind.“ (Katechismus der positiven Religion, Vorrede)

Aber insofern es keine Religion geben kann ohne Kultus, und keinen Kultus ohne Gott, und insofern es keinen Gott gibt, musste eine Gottheit finden oder schaffen. Da es aber keinen Gott gibt, so kann es kein höheres Wesen geben als den Menschen, und keinen höheren Gegenstand des Kultus als die Menschheit. Die imaginären Wesen, welche die Religion vorläufig zu ihren Zwecken einführte, waren imstande, dem Menschen lebhafte Gefühle einzuflößen, – Gefühle, welche sogar höchst mächtig waren unter dem am wenigsten ausgebildetsten unter den erdichteten Systemen:

Die unermessliche wissenschaftliche Vorbereitung, die als Einleitung zu dem Positivismus erforderlich war, schien denselben lange Zeit einer so wertvollen Fähigkeit zu berauben. Solange die philosophische Vorbereitung nur die Ordnung der materiellen Welt umfasste, ja sogar, nachdem sie sich auf die Ordnung der lebendigen Wesen ausgedehnt hatte, konnte sie nur Gesetze offenbaren, die für unsere Tätigkeit unumgänglich notwendig waren; sie konnte uns keinen unmittelbaren Gegenstand für eine dauernde und beständige Neigung bieten. Dies ist nicht länger der Fall seit der Vollendung unserer allmählichen Vorbereitung durch die Einführung in das besondere Studium der Ordnung der menschlichen Existenz, entweder als Individuum oder als Gesellschaft.

Dies ist die letzte Stufe in dem Prozess. Wir sind nun imstande, das Ganze unserer positiven Begriffe in die einzige Idee eines unermessliche und ewigen Wesens, in die Idee der Menschheit zu kondensieren, die durch soziologische Gesetze zu einer beständigen Entwicklung bestimmt ist unter dem vorwiegenden Einfluss biologischer und kosmologischer Notwendigkeiten. Dies das reale große Wesen, von welchem alle, Individuen und Gesellschaften, als dem Hauptagens ihrer Existenz, abhängen, wird der Mittelpunkt unserer Gefühle. Sie ruhen auf ihm vermöge eines so natürlichen Impulses wie unsere Gedanken und unsere Handlungen. Dieses Wesen bringt schon vermöge seiner Idee sogleich auf die geheiligte Formel des Positivismus:

Liebe als unser Prinzip, Ordnung als unsere Basis und Fortschritt als unser Endzweck. Seine zusammengesetzte Existenz gründet sich immer auf die freie Konkurrenz unabhängiger Willen. Alle Zwietracht strebt dahin, jene Existenz aufzulösen, die schon vermöge ihres Begriffes das beständige Vorherrschen des Herzens über den Verstand, als die alleinige Grundlage unserer wahren Einheit sanktioniert. So findet hinfort die ganze Ordnung der Dinge ihren Ausdruck in dem Wesen, das sie studiert und das sie immer vervollkommnet.

Der Kampf der Menschheit gegen die vereinigten Einflüsse der Notwendigkeiten, denen sie gehorchen muss, bietet, während er an Energie und Erfolg immer zunimmt, dem Herzen ebenso wie dem Verstand einen besseren Gegenstand der Betrachtung als die launenhafte Allmacht seines theologischen Vorläufers; ich sage launenhaft, weil dies in der Bedeutung des Wortes Allmacht liegt. Ein solches höchstes Wesen ist mehr in dem Bereich unserer Gefühle sowohl als unserer Begriffe; denn es ist identisch seiner Natur nach mit seinen Dienern, während es zugleich über ihnen steht.“

„Ihr müsst die Menschheit definieren als das Ganze der menschlichen Wesen, der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen. Das Wort: ‚das Ganze‘ deutet klar darauf hin, dass ihr nicht alle Menschen darin aufnehmen dürft, sondern nur solche, die wirklich einer Assimilation fähig sind, kraft einer wirklichen Mitwirkung von ihrer Seite in Förderung des gemeinen Besten. Alle sind notwendig geborene Kinder der Menschheit, aber nicht alle werden ihre Diener. Viele bleiben in dem parasitischen Zustande, der während ihrer Erziehung entschuldbar, aber tadelnswürdig ist, wenn jene Erziehung vollendet ist.

Zeiten der Anarchie bringen in Schwärmen solche Geschöpfe hervor, ja sie können darin sogar zur Blüte gedeihen, obwohl sie in Wahrheit leider nur Lasten für das wahre große Wesen sind.“ (Katechismus der positiven Religion S. 63 u.74)

Man wird bemerken, dass sowohl der Pantheismus als der Positivismus gleichmäßig in die Vergötterung des Menschen auslaufen; sie sind ein grenzenloser Egoismus und eine Apotheose des menschlichen Hochmutes. Ich werde nicht weiter bei diesem Punkt verweilen und erwähne ihn nur, weil ich später darauf zurückkommen muss. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 21 – S. 30

Siehe alle Beiträge Mannings auf der Seite:

Siehe auch auf katholischglauben.info:

Bildquellen

  • Henry_Edward_Manning_by_Barraud__c1880s: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
Tags: Häresie
Die Macht der Häresie sich zu organisieren
Der Antichrist ist eine einzige Person

Suchen