Die Feinde der Kirche
Drittes Kapitel (Fortsetzung)
III. Der dritte Feind der Kirche: Die Freimaurerei
§ 13. Erfolg des freimaurerischen Hammers
Wann immer die Diener Satans die Diener Gottes zur Empörung reizen wollen, wissen sie, wie sie es anzufangen haben. „Verene, Sidrach, Misach, et Abdenago, deos meos non colitis, et statuam auream, quam constitui, non adoratis?“ (Ist es wahr, Sidrach, Misach und Abdenago, dass ihr meine Götter nicht verehrt und die goldene Bildsäule, die ich aufgestellt habe, nicht anbetet?), sprach Nabuchodonosor zu ihnen, welche die unbotmäßigen Untertanen ihrer Zeit waren. „Ganz recht“, antworteten sie; und darauf ließ er sie in den glühenden Feuerofen werfen, zu großem Schaden derer, die Hand an sie legten, ihnen selbst aber ohne allen Schaden.
„Gehorcht dem Kaiser“, sagten die römischen Präfekten zu den ersten Christen, „und opfert den Göttern des Reiches.“ „Wir können es nicht“, war ihre ruhige Antwort, wie der Verfolger schon im Voraus wusste.
Die Verfolgung der Katholiken im Altertum
Die Verfolgung in Deutschland, Italien und anderen Teilen der Welt hat nicht einmal das Verdienst der Neuheit. Sie will die Katholiken der Untreue überführen und ist, um dies zu tun, genötigt, die Gesetzgebung des babylonischen Königs nachzuahmen – Gesetze zu erfinden, von denen ihre Urheber wissen, dass die Katholiken ihnen nicht gehorchen können. Niemals ließ sich beweisen, dass ein guter Katholik nicht ein guter Bürger sein könne. Niemand hat je geträumt, dass christliche Frömmigkeit der Bürgertugend entgegengesetzt sei. Die Tatsachen haben stets das Gegenteil bewiesen.
Es wäre ungeheuerlich, angesichts der ganzen Geschichte zu behaupten, die katholische Kirche habe jemals Aufruhr und Empörung ihre Hand geliehen. Sie hat Unrecht erlitten, aber niemals zugefügt. Ihre Kinder sind gelehrt worden, gewissen Herrschern zu sagen: „Es ist gegen unser Gewissen“, und dann die Strafe auf sich zu nehmen – Kerker oder Tod. Es war stets gefahrlos, sie zu verfolgen, denn man konnte sicher sein, dass sie keinen Widerstand leisteten. Weigerten sie sich, dem Kaiser zu gehorchen, so waren sie ganz bereit, dass er ihnen das Leben nehme. Solche Empörer konnte man schwerlich für staatsgefährlich halten. Nicht sie sind es, die jemals Königreiche ins Verderben gestürzt haben. Wie sollten sie auch?
Sie verschwören sich niemals; ihre einzige Waffe ist das Gebet und ihre einzige Rüstung die Geduld. Selbst in heidnischen Zeiten, da der Kaiser der erklärte Feind Gottes war und ihm zu gehorchen ein Akt des Abfalls gewesen wäre, antworteten die christlichen Apologeten, wie der heilige Justinus, der heilige Quadratus und viele andere, ihren heidnischen Anklägern stets: „Die Christen sind die treuesten Untertanen des Kaisers, solange die Gesetze unser Gewissen nicht bedrücken. Unser einziges Verbrechen ist, dass wir an Jesus Christus glauben. Wenn ihr uns dafür tötet, so tötet.“
Es gibt keinen Gegensatz zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt und kann keinen geben, außer wenn der „Gott-Staat“ sich selbst vergöttert und sich anmaßt, über das menschliche Gewissen zu gebieten. Kein Gesetz hat Kraft gegen das Gesetz Gottes. „Nicht das Alter und nicht die Würde der Gesetzgeber“, sagte Tertullian, „macht ihre Gesetze achtungswürdig, sondern allein die Gerechtigkeit. Wir haben das Recht, einem Gesetze zu widerstehen, wenn es ungerecht ist.“ Die Katholiken haben dieses Recht nicht verwirkt und werden es niemals verwirken. Hätten sie nicht in jedem Zeitalter danach gehandelt, selbst unter Aufopferung des Lebens, so wäre die ganze Welt in dieser Stunde heidnisch, und das Reich Christi hätte aufgehört zu bestehen.
Die Feinde unserer Religion wissen dies. Darum machen sie ungerechte Gesetze, durch welche die Religion zum Hochverrat gestempelt und dann mit den Strafen des Hochverrates belegt wird. In diesem Augenblicke werden Hunderte von Priestern ins Gefängnis geworfen, weil sie die Oberhoheit des Staates in Glaubenssachen nicht anerkennen wollen. Seit den frühesten Tagen der Verfolgung der Kirche ist es stets so gewesen.
Die Christen erlitten unter Nero und anderen heidnischen Kaisern Martern und Tod und die Einziehung ihrer Güter und Ländereien, einzig weil sie sich der Staatsreligion nicht fügen konnten. Ein einziges Körnchen Weihrauch, auf die heidnischen Altäre gestreut, hätte sie gerettet; aber sie zogen den Tod der Verleugnung ihres Herrn vor. Der Ruf „Hochverrat!“ wurde damals wie heute erhoben, und die Augen der Menschen wurden durch die gleiche wütende Erbitterung und Leidenschaft geblendet, bis das Unrecht als Recht erschien und die Grausamkeit durch vermeintliche vaterländische Notwendigkeit gerechtfertigt wurde.
Die Verfolgung der katholischen Kirche in der Neuzeit
Es gibt in der Tat keine Verfolgung so furchtbar wie die gesetzliche Verfolgung. Volksgewalt ist bald vorüber und oft leicht zu vermeiden oder zu überwinden; die gesetzliche Grausamkeit aber erlangt in den Augen der Mehrheit eine gewisse Achtbarkeit, trägt für viele den Schein der Gerechtigkeit und versetzt die Widerstrebenden in die gefährliche Lage von Empörern und Verrätern.
In Italien ist, wie Pius IX. in seiner Allokution vom 12. März 1877 sagt,
das Werk des Niederreißens und der allgemeinen Zerstörung alles dessen, was mit dem Gefüge und der Ordnung der Kirche zusammenhängt, nahezu vollendet – wenn nicht in dem Maße der Wünsche und des Hasses der Verfolger, so doch, was den traurigen Trümmerhaufen betrifft, den sie bis jetzt aufzutürmen vermocht haben. Man braucht nur einen Blick auf die Gesetze und Verordnungen zu werfen, die seit dem Beginne der neuen Regierung bis auf den heutigen Tag erlassen worden sind, um vollständig zu erkennen, was sie Uns Stück für Stück, nach und nach entrissen haben; wie sie Tag für Tag, eines nach dem anderen, die Mittel und Hilfsquellen hinweg nahmen, deren Wir zur rechten Leitung und Regierung der katholischen Kirche so sehr bedurften.
So hat die ungerechte Aufhebung der religiösen Orden Uns leider tapferer und nützlicher Gehilfen beraubt, deren Arbeit zur Erledigung der Geschäfte der kirchlichen Kongregationen und zur Erfüllung so vieler Pflichten Unseres Amtes durchaus notwendig ist. Diese ungerechte Aufhebung hat zugleich hier in dieser Heiligen Stadt viele Heimstätten zerstört, in denen die Ordensleute fremder Nationen wohnten, die zu bestimmten Zeiten in diese Hauptstadt zu kommen pflegten, um ihren Geist zu erneuern und Rechenschaft über ihre Verwaltung abzulegen. Und sie ist so weit gegangen, selbst die Wurzel heilsamer und rettender Pflanzen auszureißen, welche Früchte des Segens und des Friedens bis an die äußersten Enden der Erde trugen.
Dieselbe verhängnisvolle Aufhebung, welche jene in Rom für die heiligen Missionen errichteten Kollegien getroffen hat, die zur Heranbildung würdiger Arbeiter bestimmt waren, bereit, das Licht des Evangeliums furchtlos selbst in die entlegensten und barbarischsten Gegenden zu tragen, hat leider eben dadurch so viele Völker der heilsamsten Hilfen der Frömmigkeit und Liebe beraubt, zum großen Nachteile der menschlichen Wohlfahrt und Gesittung, die beide aus der Heiligkeit, den Lehren und den Tugenden unserer Religion entspringen.
Diese Gesetze aber, schon an sich so grausam und den Interessen nicht nur der Religion, sondern auch der menschlichen Gesellschaft so schnurstracks entgegengesetzt, sind noch verschärft worden durch neue Gesetze, welche die Minister der Regierung hinzugefügt haben und die unter den strengsten Strafen das gemeinsame Leben religiöser Familien unter einem Dach, die Aufnahme von Novizen und alle Ordensgelübde bei den Regularen beiderlei Geschlechtes verbieten.
Sobald die religiösen Orden zerstreut waren, richtete sich das Werk und der Plan der Zerstörung gegen den Weltklerus; und dann wurde das Gesetz erlassen, kraft dessen Wir und die Hirten des italienischen Volkes mit tiefstem Schmerze sehen mussten, wie junge Seminaristen, die Hoffnung der Kirche, frevelhaft dem Heiligtum entrissen und gezwungen wurden, gerade in dem Alter, da sie sich am feierlichsten Gott weihen sollten, die Achselschnur der weltlichen Miliz anzulegen und ein Leben zu führen, das ihrer Erziehung und dem Geiste ihres Berufes gänzlich widerspricht.
Aber das ist nicht alles. Andere ungerechte Gesetze sind erlassen worden, durch welche das gesamte Erbgut, das die Kirche nach den heiligsten, unverletzlichsten und ältesten Rechten besaß, ihr großenteils genommen worden ist, um an seine Stelle, und nur zum Teil, einige armselige Einkünfte zu setzen, die gänzlich dem ungewissen Wechsel der Zeiten und dem guten Willen und Belieben der öffentlichen Gewalt preisgegeben sind.
Ebenso mussten Wir die Besitznahme und die Umwandlung zu weltlichen Zwecken einer großen Zahl von Gebäuden beklagen, nachdem die rechtmäßigen Besitzer ohne jeden Unterschied daraus vertrieben worden waren – Gebäude, welche die Frömmigkeit der Gläubigen, oft unter sehr großen Opfern, errichtet hatte, die der Tage des christlichen Roms würdig waren und gottgeweihten Jungfrauen und den Familien der Regularen eine friedliche Zuflucht boten.
Sie haben auch Unserer Leitung und der Sorge des heiligen Amtes viele fromme Werke und Anstalten entzogen, die der Liebe und der Ausübung der Wohltätigkeit geweiht waren und von denen viele, der Linderung der Armut und anderer Nöte gewidmet, von den Päpsten selbst, Unseren Vorgängern, und durch die fromme Freigebigkeit fremder Nationen gegründet worden waren; und wenn einige dieser Werke öffentlicher Wohltätigkeit unter der Obhut der Kirche noch bestehen, so versichert man Uns, dass ein Gesetz, das nicht lange auf sich warten lassen wird, sie Uns entweder entziehen oder gänzlich abschaffen wird. Das ist wenigstens, was durch öffentliche Urkunden klar und unmissverständlich angekündigt wird. (*)
Wir haben überdies – und Wir erwähnen es mit tiefster Betrübnis – den öffentlichen und privaten Unterricht in Wissenschaften und Künsten der Autorität und Leitung der Kirche entrissen und das Lehramt Männern anvertraut gesehen, deren Glaube nicht über allen Verdacht erhaben war, oder erklärten Feinden der Kirche, die sich nicht gescheut haben, öffentlich den Atheismus zu bekennen. Aber diese verräterischen Kinder der Kirche begnügten sich nicht damit, so viele Anstalten von so großer Bedeutung an sich gerissen, besetzt oder zerstört zu haben. Sie mussten der freien Ausübung der geistlichen Sendung der Diener des Heiligtums noch weitere Hindernisse in den Weg legen.
Diesen verbrecherischen Zweck haben sie durch das kürzlich von der Abgeordnetenkammer angenommene Gesetz unter dem Namen ‚Gesetz über die Missbräuche des Klerus‘ erreicht, kraft dessen sie Bischöfen wie Priestern solche Handlungen als Verbrechen und Vergehen anrechnen und mit schweren Strafen belegen, welche die Urheber dieses Gesetzes unter dem hinterlistigen Namen der Störung des Gewissens, das sie das öffentliche nennen, oder der Störung des Familienfriedens zusammenfassen.
Kraft dieses Gesetzes sollen auch alle Worte oder Schriften jeder Art, durch welche die Diener der Religion es kraft ihres Amtes für ihre Pflicht halten mögen, Gesetze, Verordnungen oder andere Akte der bürgerlichen Gewalt als den Gesetzen der Religion oder den Gesetzen Gottes und seiner Kirche zuwiderlaufend zu bezeichnen und zu missbilligen, ebenso der Strafe unterliegen wie das Werk derer, die besagte Schriften veröffentlicht oder verbreitet haben, ohne Rücksicht auf den Rang der kirchlichen Autorität oder die Quelle, aus der sie hervorgehen.
Ist dieses Gesetz einmal angenommen und verkündet, so wird es einem Laiengericht freistehen zu bestimmen, ob und wie der Priester bei der Spendung der Sakramente und bei der Predigt des Wortes Gottes das öffentliche Gewissen und den Frieden der Familien gestört hat; und die Lage des Bischofs und des Priesters wird eine solche sein, dass man ihre Stimme beschränken und zum Schweigen bringen kann, ebenso wie die des Stellvertreters Jesu Christi, der, obgleich er aus politischen Gründen in seiner Person für straffrei erklärt ist, nichtsdestoweniger in der Person derer bestraft werden soll, die Mitschuldige an seinem Vergehen gewesen sein mögen.
Dies ist in der Tat, was ein Minister des Königreiches in der Abgeordnetenkammer offen zu erklären sich nicht scheute, als er, von Uns redend, unumwunden gestand, es sei weder neu noch in den Gesetzen veraltet, noch den Regeln, der Wissenschaft oder der Praxis des Strafrechtes zuwider, die Mitschuldigen eines Verbrechens zu bestrafen, wenn man des Haupturhebers nicht habhaft werden könne.
Daraus erhellt, dass nach der Absicht der Regierenden die Kraft dieses Gesetzes auch gegen Unsere Person gerichtet ist, sodass, wenn Unsere Worte oder Handlungen mit diesem Gesetze in Berührung kommen, die Bischöfe oder Priester, die Unsere Worte wiederholt oder Unsere Befehle ausgeführt haben, die Strafe für dieses vorgebliche Verbrechen erleiden müssen, dessen Beschuldigung Wir als Haupturheber zu tragen verurteilt sein werden.
So also, Ehrwürdige Brüder, sind nicht nur so viele Heimstätten und Anstalten, welche Jahrhunderte aufgebaut, Revolutionen nicht zu zerstören vermocht haben und die für die Verwaltung der Kirche so notwendig sind, durch die Gewalt und den Zerstörungsgeist Unserer Feinde unter uns vernichtet worden; sondern so ist es ihnen auch gelungen, mit den verbrecherischsten Mitteln der Kirche die Erfüllung jener erhabenen Sendung unmöglich zu machen, zu lehren und über das Heil der Seelen zu wachen, die sie von ihrem göttlichen Stifter empfangen hat:
indem sie die strengsten Strafen verhängen, um den Mund ihrer Diener zu verschließen, die, wenn sie das Volk lehren, alles zu halten, was Jesus Christus angeordnet hat, und wenn sie zur gelegenen und ungelegenen Zeit mahnen, bitten und zurechtweisen in aller Geduld und Weisheit, einfach das tun, was ihnen kraft göttlicher und kirchlicher Autorität zu tun befohlen ist.
Denn Wir übergehen jetzt mit Stillschweigen andere finstere Machenschaften der Angreifer der Kirche, denen, wie Wir wissen, einige der Staatsminister selbst weder ihren Rat noch ihre Ermutigung versagt haben – Machenschaften, die darauf abzielen, der Kirche noch härtere Tage der Drangsal zu bereiten oder bei Gelegenheit der Wahl eines neuen Papstes Anlässe zu Spaltungen zu schaffen oder die Ausübung der geistlichen Autorität durch die Bischöfe, welche die Kirchen Italiens leiten, zu beeinträchtigen.“ (Freeman’s Journal, 7. April 1877.)
*Anmerkung des Verfassers: „Während der letzten zehn Jahre“, sagt Signor Merzario, wo er von dem Gesetzentwurf der italienischen Regierung über die „Missbräuche des Klerus“ spricht, „ist dem Papst die weltliche Herrschaft genommen worden, die tausend Jahre lang im Besitze des Papsttums war; und eine zahlreiche Schar von Kardinälen, Prälaten und Geistlichen wurde mit einem Schlage aller Autorität und alles Ansehens beraubt.
In diesem letzten Jahrzehnt sahen sehr viele Bischöfe, Domkapitel und Hofwürdenträger ihre Mittel empfindlich geschmälert, und manche von ihnen gerieten in dürftige Lebensverhältnisse. Im letzten Jahrzehnt wurden mehr als viertausend Klosterhäuser aufgehoben, in denen über fünfzigtausend Personen, Mönche und Nonnen zusammen, lebten, von denen der größere Teil gezwungen wurde, die alte Heimstätte zu verlassen, mit eingewurzelten Gewohnheiten zu brechen und hierhin und dorthin zu wandern auf der Suche nach einem Dache über dem Kopfe; während manche, die alt und gebrechlich waren, wegen der Kärglichkeit ihrer Pension genötigt waren, die Hände nach Almosen auszustrecken.
Und endlich wurden in diesem Jahrzehnt mehr als achthundert Millionen Kapital an liegendem und beweglichem Gut, das dem Welt- und Ordensklerus gehörte, vom Staate eingezogen und kamen anderen Körperschaften oder Privatpersonen zugute; und dem übrigen Klerus, der überdies mit schweren Steuern belastet wurde, wurden viele Einkommensquellen geschmälert oder entzogen.
Um die Beschwerden des Heiligen Vaters in seiner Allokution zusammenzufassen:
„Jene, die behaupten, der Papst sei in Rom frei, und seine vorgebliche Freiheit verkünden, haben ihm alle Mittel entrissen, die Gesamtkirche zu regieren. Sie haben aus den Zentralhäusern der großen Orden in Rom die Männer vertrieben, welche die Beisitzer der Verwaltungsbehörden der katholischen Welt sind; sie haben die Anstalten in Besitz genommen, welche die christlichen Völker und ihre Fürsten und vor allem die Päpste in Rom gegründet haben, damit sie für die ganze Welt Quellen der Liebe, der Gelehrsamkeit und der apostolischen Arbeit seien;
sie haben dem Haupt der Kirche die römischen Universitäten genommen und ihm verboten, andere zu eröffnen; sie haben die Axt an die Tür des Priestertums gelegt, indem sie die Leviten zum Militärdienste zwingen; und jetzt haben sie durch ein neues Gesetz diesem Priestertum in seinem Haupte einen Schlag versetzt, indem sie eine Wache an das Tor des Vatikans stellen, um zu verhindern, dass das Wort Petri hinausgehe und zu den Kindern gelange, die Gott ihm in allen Ländern gegeben hat.
Es ist daher eine schändliche und höchst verabscheuungswürdige Heuchelei von Seiten der ungläubigen italienischen Regierung, der Welt zu verkünden, der Heilige Vater sei vollkommen frei.
Wie kann man sagen, die persönliche Freiheit des Papstes sei gewährleistet, wenn die Vollstrecker seines Willens eingekerkert werden? Der Papst selbst mag ruhig im Vatikan verweilen; werden aber die Sendboten seiner Autorität mit Strafe belegt, so wird die Ausübung dieser Autorität strafbar gemacht. Der Papst ist es, der sittlich das Opfer ist; seine Werkzeuge leiden nur stofflich. Wer sieht nicht, dass die Bestrafung der Rede gleichbedeutend ist mit der Auferlegung des Schweigens und dass Schweigen beim Obersten Hirten der Kirche die völlige Niederlegung seines Amtes ist?“
In der Schweiz sind die katholischen Kirchen und Schulen geschlossen, die Hirten der Herde verbannt, die Herde zerstreut oder der zarten Barmherzigkeit abgefallener Priester überlassen.
Der Kulturkampf in Preußen
„In Preußen sind die folgenden sechs Bischöfe von der Regierung abgesetzt worden: die Erzbischöfe von Gnesen-Posen und Köln, der Fürstbischof von Breslau, die Bischöfe von Paderborn und Münster und der Weihbischof von Posen. Die Verfahren gegen den Bischof von Limburg und gegen Bischof Namzanowski sind noch im Gange. Die Bischofssitze von Trier und Fulda sind durch Tod erledigt.
Etwa sechshundert Mitglieder verschiedener Orden und Kongregationen haben die Erzdiözese Köln verlassen müssen, darunter einhundertzwanzig Priester, die in der Seelsorge tätig gewesen waren.
Folgende Häuser sind aufgelöst worden: die Kartäuser in Hayn bei Rath; die Franziskaner in Aachen, Hardenburg und Düsseldorf; die Dominikaner in Düsseldorf; die Jesuiten in Aachen, Bonn, Essen und Köln; die Lazaristen in Köln, Neuss, Münstereifel, Malmedy und Bedburg; die Trappisten in Mariawald; die Redemptoristen in Aachen; die Kongregation vom Heiligen Geist in Marienthal; die Christlichen Schulbrüder in Burtscheid; die Armen Brüder vom heiligen Franziskus in Köln; die Alexianerbrüder in Aachen.
Außer diesen sind ausgewiesen worden: die Benediktinerinnen in Bonn und Viersen; die Armen Klarissen in Derendorf; die Karmelitinnen in Aachen, Köln und Neuss; die Schwestern Unserer Lieben Frau in Essen; die Ursulinen in Hersel, Köln und Düsseldorf; die Schwestern vom armen Kinde Jesus aus fünfzehn Häusern; die Schwestern vom heiligen Karl Borromäus aus dem Waisenhause in Köln; die Schwestern der christlichen Liebe in Krefeld, Solingen, Steele und Viersen; die Schwestern vom Heiligen Kreuz in Rath; die Schwestern vom heiligen Franziskus in Villich, vom heiligen Salvator in Mülheim am Rhein und vom heiligen Vinzenz in Norf bei Neuss. In der Erzdiözese Köln sind vierundneunzig Pfarreien ohne Pfarrer, einundsechzig ohne Kaplan.
In der Diözese Paderborn sind seit den Maigesetzen neunzig Priester gestorben, und es ist niemand da, ihre Stelle einzunehmen.
In der Diözese Münster sind sechzig Pfarreien ohne Priester.
In der Diözese Trier sind gegenwärtig etwa einhundertfünfzig Pfarreien ganz ohne Priester, und die Zahl der Gläubigen, die so des Trostes der heiligen Gnadenmittel, selbst im furchtbaren Augenblicke des Todes, beraubt sind, beläuft sich auf etwa 150.000.
In der Diözese Limburg sind siebzehn Pfarreien, in der von Hildesheim elf (mit 6.640 Seelen), in der von Breslau vierundsechzig, im preußischen Anteile der Erzdiözese Olmütz neunzehn und in Sigmaringen elf Pfarreien ohne Priester.
Ungefähr im gleichen Verhältnis sind die Stellen in den Diözesen Fulda, Osnabrück, Ermland, Gnesen-Posen und Culm unbesetzt.“ (London Tablet, 21. April 1877.)
„Die Liste der Priester (über einhundert) und anderer in der Diözese Trier, die kürzlich Verfolgung erlitten haben, fordert natürlich zu einigen Bemerkungen heraus. Die Zahl dieser Personen ist so groß und die Härte ihrer Bestrafung im Verhältnis zur Geringfügigkeit ihrer Vergehen so bedeutend, dass wir in dem Vorgehen nur die feste Entschlossenheit der Regierung erblicken können, das Wirken der katholischen Kirche auf jede Weise zu lähmen.
Was uns aber mit Erstaunen erfüllt, ist nicht bloß, dass Geistliche und andere mit Geldstrafen belegt, eingekerkert und verbannt, ihre Güter beschlagnahmt, ihre Möbel öffentlich versteigert, das ihnen geschuldete Gehalt gesperrt und ihre Herzen durch Kummer und Haft gebrochen und ihr Leben verkürzt werden, sondern dass die Höfe Europas, katholische wie protestantische, mit vollkommener Gleichgültigkeit zusehen und durch ihre Gesandten nicht ein Wort des Einspruches erheben.
Wäre der Fall umgekehrt, ja, verfolgten Katholiken in irgendeinem Lande Europas die Protestanten mit einem Zehntel der bitteren Ungerechtigkeit, die jetzt in Deutschland geübt wird, so würde sich ein allgemeiner Schrei der Entrüstung erheben aus den Kabinetten, aus der Presse, aus öffentlichen Versammlungen und aus jedem anderen Organ, durch das sich die öffentliche Meinung äußert.
Nicht nur waren die Falkschen Gesetze an sich verhasst und unerträglich, sondern ihre Ausführung geschieht auch mit systematischer Grausamkeit.
Es genügt, dass ein Priester die Behörden oder die ‚Altkatholiken‘ beleidigt; dass er in einer Predigt seine Meinung über die Gesetzgebung des Tages ausspricht; dass er einem anderen Priester oder Kaplan erlaubt, die heilige Messe zu lesen, wenn dieser zufällig bei den Behörden in Ungnade steht; oder dass ein Laie ‚Hurra!‘ ruft, wenn sein Pfarrer aus dem Gefängnis entlassen wird, oder in einer Zeitung einen Artikel schreibt, den die Beamten des Fürsten Bismarck für seiner Politik feindlich halten –
es genügt, dass diese geringfügigen Übertretungen begangen werden, um den Schuldigen der Gefahr auszusetzen, seinem Heim, seiner Familie, seinem Berufe entrissen und in irgendein feuchtes und zugiges Loch gesperrt zu werden, wo seine Seele in den Staub sinkt und sein Leib dahinsiecht und an Krankheit verdorrt.
Dauert dieser Zustand noch einige Jahre fort, so ist offenbar, dass die katholische Religion im Deutschen Reich nahezu ausgerottet sein wird.
Ein Bischofssitz nach dem anderen wird erledigt, eine Pfarrei nach der anderen ihres Hirten beraubt werden; junge Männer werden sich unter den tyrannischen Bedingungen, welche die gegenwärtige Regierung auferlegt, nicht dem Priestertum widmen; der Säkularismus wird viele Katholiken verkehren und sie durch trügerische Verheißungen von Beförderung und Belohnung durch Anstellung in der Zivil- und Militärverwaltung von ihrer Treue zur Kirche abziehen; Kollegien, Schulen und Universitäten werden mehr und mehr von ungläubigen Professoren heimgesucht werden; und die gewaltigen Erfolge der deutschen Waffen und der kaiserlichen Macht werden, gleich den Triumphen und dem Glanze der Regierung der Königin Elisabeth, mächtig mitwirken, das Werk des Abfalls zu vollbringen.
Eine unechte Form des Katholizismus steht bereit, die Politik der Regierung zu unterstützen und die beliebte Lehre der Unterwerfung unter den Willen des Staates, selbst in kirchlichen Dingen, zu predigen. Der Thronerbe soll von den freigeistigen Grundsätzen beseelt sein, die den Charakter Friedrichs des Großen kennzeichneten; und dies mag ihn geneigt machen, die Politik der Verfolgung, die sein Vater gutgeheißen hat, abzuändern, oder auch nicht. Doch wird er, obgleich mit dem kaiserlichen Purpur bekleidet, wahrscheinlich nicht mehr wirkliche Macht im Staate haben als ein konstitutioneller König; denn die Regierung Deutschlands ist, obwohl monarchischer als die Englands, dennoch parlamentarisch, und die Mehrheit der Wähler muss in jeder Lebensfrage den Ausschlag geben.
Der Angriff auf die katholische Religion
Das von Deutschland gegebene Beispiel ist ohne Zweifel eine Ermutigung für das Kabinett Viktor Emanuels in seinem Krieg gegen die Religion, und Deutschland und Italien stützen einander gegenseitig in heftiger Feindschaft gegen den Heiligen Stuhl. Wären wir in Berlin statt in London, so würden wir nicht wagen, so zu schreiben, wie wir jetzt schreiben; denn wenige Stunden nach dem Erscheinen unseres Artikels würden wir gewiss verhaftet werden. Es gibt tapfere Herzen unter den Katholiken Preußens, aber selbst die Tapferkeit wird oft durch die Hoffnungslosigkeit des Widerstandes gegen eine wohlorganisierte und riesenhafte Macht eingeschüchtert.
Die rücksichtslosen Besieger des gedemütigten Frankreich werden keinen Widerstand gegen ihre ungerechten Gesetze dulden. Welche Teilnahme sie und das übrige Europa in letzter Zeit der Sache bedrängter Christen auch bezeigt haben mögen, sie galt nicht den Katholiken, die vierzehn Millionen der Untertanen des Kaisers ausmachen, sondern den schismatischen Griechen unter türkischer Herrschaft. Obwohl aber diese ohne Zweifel gelegentlichen Ausbrüchen und Gewalttätigkeiten schwerer Art ausgesetzt sind, dürfen wir doch mit Sicherheit behaupten, dass sie in der Ausübung ihrer Religion weit mehr Freiheit genießen als die Katholiken Deutschlands.
Der Angriff auf die katholische Religion in den deutschen Ländern ist umso tödlicher wegen des hochgeistigen Charakters des deutschen Volkes. Er entspringt einem tieferen Plane und einer festeren Absicht. Er wird von außen unterstützt durch eine liberale Presse und durch zahllose Veröffentlichungen gelehrter, nachdenklicher und leider freigeistiger Köpfe.
Nirgends hat der Unglaube tiefere Wurzeln geschlagen als auf deutschem Boden, und dies macht den erzwungenen Besuch der staatlichen Universitäten durch katholische Priesteramtskandidaten umso gefährlicher für ihren Glauben und ihre Sitten. Nichts dergleichen gab es in der elisabethanischen Verfolgung. Schisma und Häresie verschiedener Art verbreiteten sich weithin, Presbyterianismus und Puritanismus schlichen sich ein; aber im Ganzen hatten die Menschen nur eine höhere Religion gegen eine niedrigere eingetauscht und träumten noch nicht davon, sie gänzlich abzuwerfen.
Ganz anders steht es jetzt in Deutschland; denn welchen Halt das Luthertum auch noch auf die Bevölkerung haben und welchen Boden die ‚Altkatholiken‘ auch gewinnen mögen, es ist der Unglaube, der beider spottet, der wirklich vordringt und die Grundlagen alles Glaubens an Offenbarung und Übernatürliches untergräbt. Auch lässt sich dieser Einfluss nicht gänzlich von der katholischen Gemeinschaft fern halten, wenn man bedenkt, wie viele Katholiken im Dienste der Regierung stehen und gezwungen sind, bei der Ausführung ihrer Gesetze mitzuwirken.“ (London Tablet, 14. April 1877.)
Die Auswirkungen der Verfolgung der Kirche
Wenn nun Gott und seine Kirche verachtet werden, so werden seine Gesetze gehasst und übertreten werden; der Mensch wird nur seine eigenen Vorteile sehen; das Eigentum seines Nächsten wird nur seine Begierde reizen; das Leben seines Nächsten wird ihm nur eine Nebensache sein: er wäre nach seinem Glaubensbekenntnis ein Tor, wenn er nicht Blut vergösse, sobald sein Vorteil es erfordert.
Seine Mitmenschen werden von seinen Grundsätzen durchdrungen; Anarchie folgt auf Unterordnung; das Laster tritt an die Stelle der Tugend; was heilig war, wird entweiht; was ehrenhaft war, wird schimpflich; Macht wird Recht; Verträge werden zu Makulatur; Ehre ist ein leerer Name; die heiligsten Verpflichtungen schrumpfen zu bloß beliebigen Übungen zusammen; die Jugend verachtet das Alter; Weisheit ist Torheit; Unterwerfung unter die Autorität wird als törichter Traum verlacht; das Sittengesetz selbst wird bald wenig mehr als das Schreckgespenst der Schwachköpfe; Kronen werden mit Füßen getreten, Throne umgestürzt, Nationen in Blut getaucht und Republiken vom Antlitz der Erde hinweggefegt.
Zeugnis dafür ist der Sturz so vieler Kaiserreiche, Königreiche, Dynastien und Republiken der Vergangenheit. Zeugnis dafür ist die große Verwirrung in den Regierungen der Gegenwart. Zeugnis dafür sind die namenlosen Gräuel der Kommunisten, Fourieristen und anderer solcher gemeiner und verkommener freimaurerischer Brüder- und Schwesternschaften;
die kaltblütigen Morde und entsetzlichen Selbstmorde, die so viele häusliche Herde mit Kummer und Schande erfüllen; die kaum verhehlte Bestechlichkeit öffentlicher Männer in Ämtern des Bundes, der Einzelstaaten und der Gemeinden, bei denen die Schurkerei die Regel und die Ehrlichkeit die Ausnahme zu sein scheint, sodass der Weg des Übertreters aufgehört hat, „hart“ zu sein, und die Schurkerei zügellos über das Land herrscht, von den Hallen der Gesetzgebung bis zur untersten Stufe des öffentlichen Dienstes;
die geschickte Unterschlagung und vorsätzliche Veruntreuung öffentlicher Gelder; jene Monopolspekulationen und gewollten Zahlungsunfähigkeiten, die für die Allgemeinheit so verderblich sind; und vor allem jene erschütternden Gräuel, die im Privatleben so häufig sind, und, leider muss es gesagt werden, besonders in diesem Lande: die gesetzliche Auflösung des Ehebandes und die frevelhafte Antastung des Lebens schon in seinem Keime.
Ja, es ist die Sekte ohne Religion, die Gott und seinem Gesalbten den Krieg macht und mit Luzifer spricht: „Non serviam“ (Ich will nicht dienen).
Dieser verwegene Empörer gegen Gott und sein Gesetz will die unschuldigen Kinder der christlichen Familie haben, um sie seine falschen Grundsätze zu lehren; er verspricht ihnen, wie Satan dem Heilande, Reichtümer, Ehren und Macht, wenn sie nur niederfallen und ihn anbeten. Er ist blind und will führen; er ist unwissend und erbietet sich, die Menschen zu lehren und zu leiten.
Er will das Gesetz nicht empfangen, sondern beansprucht das Recht, es zu geben. Er maßt sich das „höhere Gesetz“ an und „möchte sein wie Gott“. Wie unbegreiflich seltsam ist es, dass es in unseren Tagen so viele Menschen gibt, die diesem Versucher Gehör schenken, statt zu sagen: „Vade retro me, Satana“ (Weiche hinter mich, Satan!) und: „Du bist ein Lügner und Betrüger von Anbeginn!“
Es gibt keinen schlimmeren Feind als die Freimaurerei
Da niemand zum ewigen Leben gelangen kann, ohne die wahre Religion zu kennen und nach ihr zu leben, so ist offenbar, dass die Menschheit keinen schlimmeren Feind haben kann als die Freimaurerei, weil sie beständig ihr Äußerstes tut, den katholischen Glauben mittels des Hammers zu zerstören, wenn sie das Schwert nicht gebrauchen kann.
Dieser schändliche Plan des Hammers hat in der Tat so guten Erfolg gehabt, dass heutzutage nicht nur die gebildeten Stände, nicht nur die Maler, Dichter und Künstler, nicht nur die Leute von der Presse, sondern selbst der Ladengehilfe, der Barbier, der einfache Handwerker – alle Stände, vom höchsten bis zum niedrigsten – miteinander zu wetteifern scheinen, die Lehren unseres heiligen Glaubens zu bespötteln und lächerlich zu machen. Durch den Plan des Hammers ist es diesen Sophisten gelungen, in den Köpfen des Volkes alle Begriffe von Tugend und Laster, von Recht und Unrecht – alle Begriffe von Pflicht, Religion und Sitte – zu verdunkeln und zu verwirren.
Verrat heißt Vaterlandsliebe, wie zum Beispiel in Rom der Verrat am Papst. Der treue und redliche Mann gilt als Verräter an seinem Vaterland; Festigkeit in der Sache der Wahrheit oder der Tugend heißt Starrsinn, und Seelenstärke widerspenstige Blindheit. Die Grundlagen der Sittlichkeit werden im Namen der Freiheit untergraben; die Disziplin der Kirche wird, wenn nicht als „Mummenschanz“ gebrandmarkt, als der persönlichen Freiheit feindlich hingestellt; und ihre Dogmen werden als Meinungen behandelt, die man mit gleicher Gleichgültigkeit annehmen oder verwerfen könne. Durch honigsüße Worte, eine einstudierte Offenherzigkeit und einen blendenden Schein von Gelehrsamkeit haben sie ihre „feinen Netze der Verführung“ über die Welt gebreitet. Ihre Zahl ist Legion in jedem Lande.
„Ach!“, ruft unser Heiliger Vater Pius IX. aus, „die Zeiten, die wir durchleben, geliebteste Söhne, sind traurige, böse und verhängnisvolle Zeiten; wohin wir auch unsere Augen wenden, nirgends finden wir Trost außer in Gott, und wir dürfen mit Recht zu ihm sprechen: Non est alius qui pugnet pro nobis, nisi tu Deus noster (Es ist kein anderer, der für uns streite, als du, unser Gott). Um aber zu erkennen, wie beklagenswert die gegenwärtigen Zeiten wirklich sind, braucht man nur die Augen auf diesen Mittelpunkt der katholischen Welt, auf dieses alte Rom zu richten, von dem wir jetzt wiederum sagen können: Viae tuae lugent! (Deine Straßen trauern!).
Die Straßen Roms weinen, weil sie mit zahlreichen Tempeln überladen sind, die der Lüge und dem Irrtum geweiht sind. Sie weinen, weil man längs ihrer Mauern täglich die offenen Türen von Schulen sieht, welche die Religion Jesu Christi wütend angreifen und in denen alles gelehrt wird, was dem katholischen Glauben zuwider ist. Sie weinen, weil sie täglich die zunehmende Vermehrung gewisser höllischer Häuser sehen, die den Geist verderben, die Herzen zerfressen und die Seelen der jungen Leute und aller Unvorsichtigen, die sie besuchen, verderben; und wir können mit nur zu viel Wahrheit sagen, dass gewisse Personen, die einst nutriebantur in croceis, jetzt amplexati sunt stercora (die einst in Purpur aufgezogen wurden, jetzt den Kot umarmen).
Was aber das Maß unseres Schmerzes voll macht, ist, dass ein solches System der Verderbnis nicht nur geduldet, sondern, was noch schlimmer ist, von der Macht der Regierenden gestützt, beschützt und ermutigt wird, und zwar in solchem Maße, dass die Diener Gottes jetzt kaum noch ihre Stimme zur Verurteilung dieser Fülle der Sünde erheben können.
Ich sage, dass es uns jetzt kaum noch erlaubt ist, unsere Stimme zu erheben, weil man seit einigen Tagen Gesetze plant, um sie zum Schweigen zu bringen, und weil man uns mit den schwersten Strafen bedroht, damit wir den Mund geschlossen halten. Dies alles reizt nicht nur die Verwegenen und macht die Gottlosen unverschämter, sondern schreckt auch die Schwachen und Kleinmütigen, die in diesem Falle stolz und hochfahrend werden und gleich jenen ebenfalls rufen: ‚Non serviam‘ (Ich will nicht dienen).
Die Gottlosen rufen es, um zu drohen, die anderen, um die Gunst der Verfolger zu gewinnen und mit ihnen zusammenzuwirken, in der kläglichen Hoffnung, Unannehmlichkeiten zu entgehen und in Frieden zu leben, ohne je zu bedenken, dass ein so erkaufter Friede voll Bitterkeit und Angst ist.
Der Absturz in den Götzendienst
Und hier frage ich: Was ist leichter als der Übergang von diesem Zustande der Religionslosigkeit und des Unglaubens zum Götzendienste?
Diese Behauptung mag manchen heutzutage unglaublich erscheinen und für eine Ungereimtheit gelten; aber der Götzendienst wird in der Apokalypse ausdrücklich als zur Zeit des Antichrists bestehend erwähnt. Und in der Tat wird unser Erstaunen sich sehr mindern, wenn wir die Stimmung und Verfassung der gegenwärtigen Zeit in Betracht ziehen.
Wenn die Menschen, wie sie es gegenwärtig zu tun scheinen, alle Furcht vor dem Höchsten Wesen, alle Ehrfurcht vor ihrem Schöpfer und Herrn ablegen; wenn sie sich der Befriedigung der Sinnlichkeit hingeben; wenn sie den menschlichen Leidenschaften volle Freiheit lassen und ihr ganzes Trachten auf die Bestrebungen einer verderbten Welt richten, in gänzlicher Vergessenheit eines künftigen Zustandes; wenn sie den Kindern eine gottlose Erziehung geben und keine Religion mehr haben, sie darin zu unterweisen – dürfen wir dann nicht sagen, dass der Übergang zum Götzendienst leicht ist?
Wenn alle Schritte, die zu einem gewissen Punkte führen, getan sind, was Wunder, wenn wir an diesem Punkt anlangen? Eine solche allmähliche Entartung der Menschheit in den frühen Zeitaltern der Welt war es, welche die abscheulichen Bräuche des Götzendienstes herbeiführte.
[Das folgende Gedicht ist frei und sinngetreu übertragen]„Wenn Senatoren auf dem offnen Markt erwerben
die Sitze, die sie innehaben und verderben;
wenn Abgeordnete ihr Stimmrecht um Papiere geben
und christliche Staatsmänner von schmutz’gem Gelde leben;
wenn rohe Unwissenheit mit Macht bewehrt,
und mancher Konzern die Armen ganz verzehrt;
wenn selbst die Kanzel der Partei sich leiht
zu selbstsüchtigem, unheiligem Streit;
wenn Schurken die Gerichte für sich dingen,
die Presse Irrtums Giftsaat weit lässt dringen;
wenn Üppigkeit und Fäulnis, Hand in Hand,
die Städte meisternd, plündern alles Land;
wenn tolles Spiel Vermögen schafft im Nu
und Schwindelbankiers wuchern ohne Ruh;
wenn Sparkassen zerbrechen und die Armen berauben,
die ihre Groschen dort gesichert glauben;
wenn Kassierer Banken leeren, Treuhänder stehlen,
was man vertraut, und ohne zu verhehlen
das arme Gemeinwesen wird gerupft, beraubt
von seinen Ämtern in Stadt, Staat und Bund, und laut
die Kläffer Ehrlichkeit und Wert an Fersen fallen,
und jeder Tag gebiert ein neues Ungeheuer von allen
Betrugs und Gaunerei (escroquerie),
unnatürlicher Schurkerei wie nie;
wenn Lügen keinen mehr entehrt,
selbst den nicht, der den höchsten Platz begehrt,
sondern zur Volksseuche ward im Land,
und Meineid dicht wie Laub an Bäumen stand;
wenn Eisenbahnaktien man betrüglich wässert
und Dienerschaft auf Staatskosten sich mästet;
das Land bezahlt für Privatkarossen
und für der Frauen Eitelkeit die Kosten;
wenn Mörder sich vermehren, frei ausgehen,
begnadigt, wenn sie Parteizwecken anstehen;
wenn derweil die Witwe Hilfe entbehrt,
die Waise nackte Habgier kränkt und verzehrt;
die Andacht schläft in der Verachtung Asche –
siehst du das Land, aussätzig von diesen Sünden,
Sodoms und Ninives Nebenbuhlerin,
dann zerreißt eure Kleider und ruft wie Jonas:
‚Bekehrt euch von euren Sünden!‘ Das Ende ist nah.“
Man wird natürlich sagen, wir hätten das Glück, im aufgeklärtesten aller Zeitalter zu leben; unsere Kenntnisse seien vollkommener, unsere Begriffe entwickelter und verfeinerter, die menschlichen Fähigkeiten verbessert und besser ausgebildet als je zuvor; kurz, das gegenwärtige Menschengeschlecht könne, mit den vorangegangenen Geschlechtern verglichen, als eine Gesellschaft von Philosophen gelten.
Wie ist es dann möglich, dass eine solche Verblendung den menschlichen Geist ergreife, um ihn in den Götzendienst zu stürzen?
Diese Art zu schließen ist mehr bestechend als gediegen. Denn gibt man zu, dass die gegenwärtigen Zeiten die vergangenen an Verfeinerung und Kenntnissen übertreffen, so muss man sagen, dass sie im gleichen Verhältnis lasterhafter sind. Die Verfeinerung der Vernunft hat, wie jedermann weiß, dazu beigetragen, die Mittel zur Befriedigung der menschlichen Leidenschaften zu verfeinern.
Überdies, wie aufgeklärt man sich den Verstand auch denken mag: Ist das Herz verderbt, so lehrt die tägliche Erfahrung, zu welchen Ausschweifungen der Mensch sich hinreißen lässt.
Wir sind reif für die Ankunft des Antichrists
Vor vielen Jahren rief ein preußischer Staatsmann, erstaunt darüber, dass die sogenannte Reformation das Christentum in seinem eigenen Lande getötet hatte, aus: „Wir sind reif für die Ankunft des Antichrists.“ Er sah, dass die Religion tot war. Heutzutage sagt man uns, dass nicht einer von dreißig der gesamten Bevölkerung Berlins überhaupt je eine Kirche betritt. Sie leben, als hätte es in der Vergangenheit keine Offenbarung gegeben und werde es in der Zukunft kein Gericht geben. Für sie besteht das Christentum nicht mehr, außer als ein Feind, den man hassen muss. Sie hassen es, wie die Dämonen es hassen.
Die einzige christliche Lehre, die sie gern für wahr halten würden, ist die Ewigkeit der Strafe – vorausgesetzt, sie könnten ganz sicher sein, dass sie nur für die Christen bereitet sei. Sie sind nicht mehr Jünger der heiligen Petrus und Paulus, sondern Hegels und Strauß’, wie letztere Jünger des Porphyrius und Celsus sind. Weniger religiös als der heidnische Kaiser Alexander Severus, der wenigstens eine Hauskapelle hatte, in der er das Bild Christi neben denen Vergils, Ciceros und Achills aufstellte, haben sie weder Tempel noch Priester noch Liturgie. Sie haben verlernt zu beten.
Ein Schüler Schleiermachers sagte vor nicht langer Zeit: „Die heilige Dreifaltigkeit ist aus Deutschland ausgewandert.“ Gottloser als Epikur oder Iskariot, war diesem gebildeten Vieh der Herr von unendlicher Majestät nur der Gegenstand eines lästerlichen Scherzes. Und seine Worte wurden von einer Gruppe ungläubiger Deutscher, die um ihn standen, mit schallendem Gelächter aufgenommen.
Gewiss: Wird der Philosoph nicht von der Macht der Religion regiert, so wird sein Betragen selbst dem unwissendsten Menschen des niedrigsten Standes ungereimt und sogar verächtlich erscheinen. Sokrates, Cicero, Seneca und andere Philosophen der heidnischen Zeit sollen die Erkenntnis eines höchsten Gottes besessen haben; aber sie hatten nicht den Mut, seine Verehrung zu bekennen, und opferten in ihrem öffentlichen Verhalten feige mit dem Pöbel Klötzen und Steinen.
Wenn die Menschen den Sinn für Religion aus ihren Herzen verbannt haben und die Rechte der Gerechtigkeit verachten (und ist das nicht bei sehr vielen der Fall?), werden dann viele von ihnen Bedenken tragen, einer Bildsäule Weihrauch zu opfern, wenn sie damit ihrem Ehrgeiz, ihrem Vorteile oder welcher Lieblingsleidenschaft auch immer dienen? Wo ist dann der Grund zum Erstaunen, wenn auf Unglauben und Religionslosigkeit der Götzendienst folgt?
Dass der Stolz allein, durch einen beständigen Strom des Glückes entflammt, einen Menschen bis zu der maßlosen Vermessenheit erheben kann, göttliche Ehren für sich zu beanspruchen, sehen wir am Beispiel Alexanders des Großen und mehrerer Herrscher Babylons und des alten Roms. Aus den Eingebungen eben dieses Grundsatzes des Stolzes wird es geschehen, dass der Antichrist, durch eine ununterbrochene Reihe von Siegen und Eroberungen erhoben, sich zum Gotte aufwerfen wird.
Und da zu jener Zeit die Ausbreitung des Unglaubens, der Religionslosigkeit und der Unsittlichkeit allgemein geworden sein wird, so wird dieser Abfall vom Glauben, diese Missachtung seiner Lehrer, diese Zügellosigkeit der Meinungen und Verderbtheit der Sitten allen Einfluss der Religion so sehr abtöten und eine solche Entartung im Menschengeschlecht bewirken, dass viele niederträchtig genug sein werden, selbst den Götzendienst anzunehmen und der ungereimten Gottlosigkeit nachzugeben, den Antichrist als ihren Herrn und Gott anzubeten – die einen aus Furcht vor dem, was sie verlieren könnten, die anderen, um zu gewinnen, wonach sie gelüstet.
Dann wird offenbar werden, dass, wie unser Heiland den heiligen Johannes den Täufer zum Vorläufer hatte, um die Herzen der Menschen durch Buße für seine Aufnahme zu bereiten, so der Antichrist die Freimaurer zu Vorläufern hatte, um die Herzen ihrer Anhänger durch Stolz, Anmaßung, Mangel an Unterwerfung unter den Stellvertreter Christi, Religionslosigkeit, Unglauben und Unsittlichkeit dafür zu bereiten, ihm, dem Sohne des Verderbens, als ihrem obersten Herrn und Gott zu folgen und ihn anzubeten.
Während jener schrecklichen Zeit wird die Sonne nur über zerstörten und entweihten Altären aufgehen, der Priester wird verbannt, die Lichter werden ausgelöscht sein: Es wird eine Zeit des Unheils, der Finsternis und der Trauer für die katholische Kirche sein.
Die Schilderung der Zeit des Antichrists in der Apokalypse malt sie in Farben, die keinen Raum für einen Zweifel lassen, dass sie die stürmischste, unheilvollste und verfolgungsreichste aller Zeiten sein wird. Wie beängstigend und schrecklich jene außerordentlichen und widernatürlichen Zeichen an Sonne, Mond und Sternen, die Erdbeben, das ungeheure Anschwellen und Brausen des Meeres, die blutigen Kriege und Schlachten!
Unser Heiland im Evangelium und der heilige Johannes in der Apokalypse geben uns den Eindruck zu verstehen, den diese Drangsale auf die Menschheit machen werden, indem sie sagen, dass „die Menschen vor Furcht verschmachten und die Berge anrufen werden, auf sie zu fallen und sie zu bedecken“.
Wie furchtbar wird die Verwüstung sein, die das Heer des Antichrists anrichten wird! Wie grausam und blutig seine Verfolgung! „Vae terrae … quia descendit diabolus ad vos habens iram magnam, sciens quod modicum tempus habet“ (Wehe der Erde …, denn der Teufel ist zu euch hinabgestiegen und hat einen großen Zorn, weil er weiß, dass er nur eine kurze Zeit hat). (Apok. 12, 12.)
aus: Michael Müller, CSsR, Die Feinde der Kirche S. 140 – S. 163 in: Gott, der Lehrer der Menschheit, 1880
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