Der Antichrist und die Zeit der Apostasie
3. Schritt: Wegnahme des beständigen Opfers
3. Dies führt uns geraden Wegs zu den Merkmalen, welche der Prophet von der Verfolgung der letzten Tage angibt. Es sind drei Dinge, die er aufgezeichnet hat. Im prophetischen Geist sah er folgende drei Zeichen:
1. dass das beständige Opfer weggenommen werden würde,
2. dass das Heiligtum mit dem Gräuel der Verwüstung erfüllt werde,
3. dass etliche „vom Heer“, „von den Sternen“ herabgeworfen.
Diese drei Zeichen nun will ich näher betrachten.
Zuerst, was heißt dies hinweg nehmen des beständigen Opfers? Es wurde hinweg genommen im Vorbild bei der Zerstörung Jerusalems. Das Opfer des Tempels, d. h. des Lammes am Morgen und Abend im Tempel Gottes wurde mit der Zerstörung des Tempels selbst ganz aufgehoben. Nun aber sagt der Prophet Malachias: „Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang wird mein Name groß sein unter den Völkern, und an allen Orten wird meinem Namen geopfert und ein reines Opfer dargebracht.“ (Malach. 1, 11)
Diese Stelle aus dem Propheten ist von den Kirchenvätern, von dem heiligen Irenäus und dem heiligen Justinian, so erklärt worden, es sei hier das Opfer der heiligen Eucharistie, das wahre Passahlamm gemeint, welches an die Stelle des Vorbildes trat, nämlich das Opfer Jesu selbst auf dem Kalvarienberg, beständig erneuert und fortgesetzt in dem Opfer auf dem Altar. Ist aber dies beständige Opfer hinweg genommen? Das, was in alten Tagen ein Vorbild von ihm war, ist bereits hinweg geräumt. Ist aber die Wirklichkeit auch hinweg genommen?
Die heiligen Väter, welche über den Antichrist und über diese Weissagungen Daniels geschrieben haben, sagen ohne eine einzige Ausnahme, soviel ich weiß, – und es sind die Väter sowohl der griechischen als der lateinischen Kirche, dass in den letzten Zeiten der Welt unter der Herrschaft des Antichristen das heilige Opfer des Altars aufhören wird. (Malvenda, lib. VIII. c. 4) In dem Werk über das Ende der Welt, das dem heiligen Hippolyt zugeschrieben wird, lesen wir nach einer langen Beschreibung der Trübsale in den letzten Tagen, wie folgt:
„Die Kirche werden einen großen Jammer erheben; denn es wird kein Opfer mehr dargebracht werden, noch Weihrauch noch eine Gott wohlgefällige Verehrung. Die heiligen Gebäude der Kirche werden wie Schoppen aussehen, und der kostbare Leib und das kostbare Blut Christi wird in jenen Tagen verschwunden sein; die Liturgie wird erloschen sein und der Psalmengesang verstummen; die Lesung der Heiligen Schrift wird nicht mehr gehört werden. Aber auf den Menschen wird Finsternis lagern, und Trauer wird kommen über Trauer und Wehe über Wehe.“ (St. Hippolyto, tributus Liber de Consum. Mundi. S. 34)
Dann wird die Kirche zerstreut werden und in die Wildnis getrieben, und wird eine Zeitlang, wie es im Anfang war, unsichtbar sein, verborgen in Katakomben, in Berghöhlen und Verstecken; einige Zeit wird sie gleichsam von der Oberfläche der Erde weggefegt sein. Dies ist das allgemeine Zeugnis der Väter in den ersten Jahrhunderten. Ist jemals etwas vorgekommen, was ein Vorläufer eines solchen Ereignisses genannt werden könnte?
Blicket in das Morgenland. Der Aberglaube Mohammeds, welcher in Arabien ausstand, sich hinzog über Palästina und Kleinasien, das Land der sieben Kirchen, und über Ägypten und Nordafrika, die Heimat des heiligen Augustin, des heiligen Cyprian und des heiligen Optatus, und endlich nach Konstantinopel drang, wo er bald herrschend wurde, hat überall den Kult Jesu Christi verfolgt und unterdrückt. Der Aberglaube Mohammeds besitzt gegenwärtig zu seinen Moscheen eine Menge christlicher Kirchen, in welchen das beständige Opfer bereits hinweg genommen und der Altar gänzlich zerstört ist. In Alexandria und in Konstantinopel stehen Kirchen, die für den christlichen Kult erbaut wurden, welche noch nie der Fuß eines Christen betreten hat, seitdem das beständige Opfer hinweg genommen ist.
Gewiss sehen wir hierin wenigstens zum Teil die Erfüllung dieser Prophezeiung, so dass viele Ausleger behaupten, Mohammed sei der Antichrist, und es werde kein anderer mehr kommen. Ohne Zweifel war er einer der vielen Vorläufer und Vorbilder des Antichristen, der kommen soll.
Nun wollen wir in die abendländische Welt blicken. Ist das beständige Opfer in irgendeinem Land hinweg genommen, z. B. in allen jenen Kirchen des protestantischen Deutschlands, die einst katholisch waren, wo das heilige Opfer der Messe täglich dargebracht wurde?
In ganz Norwegen und Schweden und Dänemark und in der Hälfte der Schweiz, wo es eine Menge alter katholischer Kirchen gibt? Oder in ganz England, in den Kathedralen und Pfarrkirchen dieses Landes, die als Heiligtümer zur Darbringung des heiligen Opfers erbaut wurden? Was ist das charakteristische Merkmal der Reformation, wenn nicht die Verwerfung der Messe und alles dessen, was zu ihr gehört, da sie in den neununddreißig Artikeln der Kirche Englands als Gotteslästerung und gefährlicher Betrug erklärt ist?
Die Unterdrückung des beständigen Opfers ist vor allem der Charakterzug der protestantischen Reformation. Wir finden also, dass diese Prophezeiung bereits sowohl im Morgen- als im Abendland ihre Erfüllung gefunden hat, gleichsam in den zwei Flügeln, während in dem Herzen der Christenheit das heilige Opfer noch dargebracht wird.
Was ist die große Flut des Unglaubens, der Revolution und der Anarchie, die jetzt die Grundlagen der christlichen Gesellschaft anfrisst, nicht nur in Frankreich, sondern auch in Italien, und die jetzt Rom, den Mittelpunkt und das Heiligtum der katholischen Kirche umschließt, – was ist sie anders als der Gräuel, welcher das Heiligtum verwüstet und das beständige Opfer hinweg nimmt?
Die geheimen Gesellschaften haben seit lange die christliche Gesellschaft Europas unterminiert und durchlöchert und streben jetzt vorwärts nach Rom, dem Mittelpunkt aller christlichen Ordnung in der Welt.
Die Erfüllung der Prophezeiung soll noch kommen, und das, was wir in den zwei Flügeln gesehen, werden wir auch im Mittelpunkt sehen, und jenes große Heer der Kirche Gottes wird für einige Zeit zerstreut werden. Es wird eine Weile scheinen, als sei es vernichtet, und die Macht der Feinde des Glaubens wird einige Zeit die Oberhand haben. Das beständige Opfer wird hinweg genommen und das Heiligtum verunreinigt sein. Was kann buchstäblicher der Gräuel der Verwüstung sein, als die Häresie, welche die Gegenwart des lebendigen Gottes von dem Altar entfernt hat?
Wenn ihr diese Weissagung von der Verwüstung verstehen wollt, so geht in eine Kirche, die einst katholisch war, wo jetzt kein Lebenszeichen mehr sich regt; sie steht leer und öde, ohne Altar, ohne Tabernakel, ohne die Gegenwart Jesu. Und das, was bereits im Morgen- und im Abendland geschehen ist, dehnt sich jetzt nach dem Mittelpunkt der katholischen Einheit hinaus.
Der protestantische Geist Englands und der schismatische Geist selbst in Ländern, die dem Namen nach katholisch sind, betreibt gegenwärtig die große antikatholische Bewegung Italiens. Feindseligkeit gegen den Heiligen Stuhl ist das wahre und leitende Motiv. Und so kommen wir zu dem dritten Merkmal, zu dem Sturz „des Fürsten der Heeresmacht“, das heißt der göttlichen Autorität der Kirche, und namentlich desjenigen, in dessen Person sie verkörpert ist, des Statthalters Jesu Christi. Gott hat ihn mit Herrscherwürde bekleidet und ihm eine Heimat und ein Erbgut gegeben auf Erden. Die Welt steht in Waffen, um ihn abzusetzen und ihm keinen Ort zu lassen, kein Haupt darauf zu legen.
Rom und die römischen Staaten sind das Erbe der Menschwerdung Gottes. Die Welt ist entschlossen, die Menschwerdung von der Erde zu vertreiben. Sie will nicht dulden, dass sie auch nur so viel besitze, um die Fußsohle darauf zu setzen. Dies ist die wahre Auslegung der antikatholischen Bewegung in Italien und England: „Tolle hunc de terra.“ Die Entthronung des Statthalters Christi ist die Entthronung der Hierarchie der allgemeinen Kirche, und die öffentliche Verwerfung der Gegenwart und des Reiches Jesu. –
aus: Heinrich Eduard Manning, Kardinal, Der Antichrist oder die gegenwärtige Krise des heiligen Stuhls, im Lichte der Weissagung betrachtet, 1861, S. 84 – S. 88
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