Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre
Erster Teil: Die Zehn Gebote Gottes
Das Zweite Gebot
Nr. XIII. Gotteslästerung und eitler Gebrauch des Namens Gottes
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht eitel nennen.
Das Lob Gottes
Es gehört zur Pflicht des Geschöpfes, Gott zu loben, indem es seine Vortrefflichkeit und unendlichen Vollkommenheiten preist. „Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes“, wie wir in der Schrift belehrt werden. Da sie aber keine Einsicht haben, können sie das nur auf stoffliche Weise tun, indem sie unbewusst für die Vorzüge ihres Schöpfers Zeugnis ablegen, so wie ein Gemälde das Genie des Künstlers erweist, der es ersonnen und geschaffen hat.
Dasselbe gilt von allen irdischen Geschöpfen mit Ausnahme des vernunftbegabten Menschen. Wenn daher im Lobgesang Benedicite (Preist den Herrn) der Psalmist jeden Teil der vernunftlosen Schöpfung auffordert, „den Herrn zu loben“, so ist es der Mensch selbst, der ihr vernunftbegabter Sprecher sein soll und die Vollkommenheiten des allmächtigen Gottes preisen soll, wie sie sich in den Werken seiner göttlichen Hand widerspiegeln.
Da das Lob Gottes des Menschen Pflicht ist, wird jede Form der Rede, die der göttlichen Vortrefflichkeit Abbruch tut, sündhaft. So verbietet das Zweite Gebot alle Worte, die Gott entehren, und gebietet damit der Sache nach, seinen Heiligen Namen zu loben und zu ehren.
Entehrung Gottes in seinen Geschöpfen
Auch bezieht sich das Verbot dieses Gebotes nicht bloß auf Worte gegen Gott den Allmächtigen allein. In entsprechendem Maße verurteilt es alle Rede zur Unehre alles dessen, was mit Gott zusammenhängt: seiner Heiligen Mutter, seiner Heiligen, seines Geschriebenen Wortes, aller heiligen Riten und Gegenstände und jedes erschaffenen Dinges, sofern es gerade in seiner Beziehung zu Ihm betrachtet wird.
Die Gotteslästerung
Die schwerste Form der Sünde gegen dieses Gebot ist die Gotteslästerung oder jede beleidigende oder verächtliche Rede gegen Gott oder die Dinge Gottes, z. B. wenn man in einer Zeit der Prüfung erklärt, Gott sei grausam, ungerecht oder unweise in den Anordnungen seiner Vorsehung.
Ketzerische Lästerung
Solche Lästerungen sind außerordentlich sündhaft, weil sie auch häretisch sind, da sie die Lehren des Glaubens über die göttlichen Vollkommenheiten leugnen. Gotteslästerung ist es aber auch noch, wenn man trotzig oder aufrührerisch gegen Gott spricht, ohne ketzerisch zu sein.
Auflehnung in Prüfungen
Geschieht dies jedoch unter dem ersten Schock irgendeiner plötzlichen Heimsuchung, so wird oft jene volle Aufmerksamkeit und Überlegung fehlen, die für eine Todsünde nötig ist. Die bloße Tatsache, dass der Betreffende gleich danach über solche Worte sehr betrübt ist, wird ein ziemlich sicheres Zeichen dafür sein, dass die Bedingungen für eine schwere Sünde gefehlt haben.
Außergewöhnliche Schuld der Gotteslästerung
An sich aber ist die Gotteslästerung immer eine sehr schwere Sünde.
Strenger Begriff.
Genau genommen ist die Gotteslästerung eine Sünde der Rede, doch ist offenbar jedes äußere Zeichen oder jede Handlung des Hohnes oder der Verachtung der Rede gleichwertig. So wäre es eine schwere Lästerung in Taten, einen Pfeil gegen den Himmel abzuschießen, wie es vom abtrünnigen Julian erzählt wird, oder ein Kruzifix aus Verachtung mit Füßen zu treten oder zu entweihen.
Lästerliche Gedanken
Aber auch verächtliche Gedanken einer überlegten Art, unausgesprochene Verwünschungen und Flüche gegen Gott oder die Dinge, die sich auf Ihn beziehen, haben, wenn sie auch nicht Gotteslästerung im vollen technischen Sinne sind, an ihrer Bosheit teil und sind schwer sündhaft. Das furchtbare Verbrechen des unmittelbaren Hasses gegen Gott, das zuweilen bei schlechten Katholiken, die die Kirche verfolgen, besonders in den Ländern des Festlandes, allzu deutlich sichtbar ist, ist zwar nicht Gotteslästerung, aber weit schlimmer und eine fruchtbare Quelle von Lästerungen.
Ausdrückliche Absicht nicht notwendig für Blasphemie
Zur Begehung der Gotteslästerung ist nicht nötig, dass jemand ausdrücklich beabsichtige, zu lästern, wenn er nur ernstlich und überlegt Worte ausspricht, die für Gott den Allmächtigen beleidigend sind. So könnte ein Mann solche Ausdrücke gebrauchen, um seinem Zorn Luft zu machen, oder um Umstehende zu erschrecken, und dies wäre immer noch Gotteslästerung. Bei Zorn aber kann der Anprall der Leidenschaft so heftig und plötzlich sein, dass er dem Sprecher keine Zeit lässt, die Bedeutung seiner Worte zu erkennen.
Blasphemische Scherze
Scherze über Gott oder was mit Ihm zusammenhängt, sind ebenfalls lästerlich, wenn sie geeignet sind, im Geist des Hörers einen Eindruck von Unehre und Beleidigung gegen das Heilige hervorzurufen. Das träfe bei verächtlichen, höhnischen Scherzen zu. Ist der unselige Scherz aber frei von Verachtung, so liegt nur lässliche Sünde vor, eine Sünde der Unehrerbietigkeit, nicht der Gotteslästerung.
Spott über heilige Personen und Dinge
Spott über Priester und heilige Personen wirklich beleidigender Art, der sich gegen sie in ihrer Eigenschaft als heilige Personen richtet, stellt Gotteslästerung dar, weil sie hier in ihrer Verbindung mit Gott angegriffen werden. Scherze dagegen, selbst wenn sie nicht ganz gutmütig sind, aber ihre Mängel als Menschen betreffen, ob wirklich oder eingebildet, werden höchstens lässliche Unehrerbietigkeiten sein. Die wahre Probe in solchen Dingen liefert uns die Regel des heiligen Thomas: „In sündhaften Worten ist hauptsächlich auf den Geist“ (die Gesinnung) „zu achten, in dem sie gesprochen werden.“
Solche Scherze sind wiederum verschieden von denen, die durch irgendein ungewöhnliches Vorkommnis oder Hindernis bei heiligen Zeremonien oder durch irgendeine eigentümliche kirchliche Einrichtung nahegelegt sind. Hier wird selten Spott über die heiligen Dinge selbst vorliegen, sondern eher über das, was ihnen unziemlich anhaftet, oder was in den Augen des Spaßmachers an einem Ort der Anbetung unpassend und geschmacklos erscheint. Doch ist ein wenig Sorgfalt nötig, dass der Scherz nicht von den Dingen auf die dafür verantwortlichen heiligen Personen übergreife und das Erlaubte überschreite.
Scherzen über die Kirche ist zu meiden
Im Allgemeinen ist die Übung, den Gottesdienst auf scherzhafte Weise zu kritisieren, jedenfalls höchst unerwünscht. Sie fördert in uns selbst und in anderen einen Geist neugieriger Beobachtung in der Kirche und begünstigt so Zerstreuungen auf Kosten eines ehrfürchtigen Geistes des Gebetes und der Anbetung. Es gibt keine billigere Form des Humors als diese. Der Übergang vom Erhabenen zum Lächerlichen ist sprichwörtlich leicht, der stumpfeste Witz kann ihn vollziehen. Weitere Erwägungen zum Gegenstand des Geredes über Priester finden sich beim Vierten Gebot (S. 199).
Zweifelhafte Profanitäten
Obgleich eine Absicht zu lästern zur wirklichen Gotteslästerung nicht wesentlich ist, wenn die Worte, die man willentlich ausspricht, von lästerlicher Art sind, so hilft doch das Vorhandensein oder Fehlen der Absicht, die Schuld zweifelhafter Ausdrücke zu entscheiden. Ferner, von Gotteslästerung abgesehen, können gewisse profane Reden schweres Ärgernis geben wegen des allgemeinen Abscheus, mit dem sie von gottesfürchtigen Menschen aufgenommen werden. Besonders wenn Personen, die dem Dienst Gottes geweiht sind, z. B. Priester, Ordensleute usw., sie gebrauchen, bringen sie die Religion leicht in Verachtung.
Eitler Gebrauch heiliger Namen
In jeder Sprache, die von Christen gebraucht wird, finden sich gebräuchliche Ausdrücke, die den Namen Gottes, der Heiligen, heiliger Dinge usw. einführen. So gab es in früheren Jahrhunderten in England den Ausdruck „God’s wounds!“ („Gottes Wunden!“), später zu „Zounds!“ verderbt, was jetzt praktisch veraltet ist.
Dies war keine Gotteslästerung, da böse Absicht fehlte, wohl aber eine unehrerbietige Anspielung auf die Heiligen Wunden Unseres Herrn. In seiner verderbten Gestalt hörte er bald auf, überhaupt irgendeinen religiösen Gedanken zu vermitteln. So hört man auch heutzutage „Good God!“ („Guter Gott!“), „O Christ!“ („O Christus!“) und dergleichen, was gewöhnlich höchstens lässliche Sünden der Unehrerbietigkeit sind, weil es ein eitler Gebrauch heiliger Namen ist.
Werden sie aber mit einiger Ehrfurcht und Frömmigkeit gebraucht, oder als Ausruf bei einem Schreck, in plötzlicher Bedrängnis oder im Entsetzen über etwas Schreckliches oder Böses, so sind sie erlaubt und können sogar eine Art Gebet sein. Auch hier findet die kürzlich angeführte Regel des heiligen Thomas ihre Anwendung. Der Ausruf „Good heavens!“ („Guter Himmel!“) scheint unter uns wenig oder keine religiöse Bedeutung zu haben.
Verwünschung oder Fluch
Verwünschungen
Sie bestehen im Herabrufen des Bösen auf Personen oder Sachen.
Es ist kaum nötig, bei der entsetzlichen Sünde der gegen Gott den Allmächtigen ausgestoßenen Flüche zu verweilen. Wir gehen über zu den Verwünschungen gegen Gottes Geschöpfe, vernünftige wie vernunftlose. Auch hierin liegt Gotteslästerung, aber nur, wenn die Geschöpfe ausdrücklich als Werke Gottes betrachtet werden, was selten vorkommen dürfte. Rein in sich betrachtet, ist es nur lässlich sündhaft, sie zu verfluchen, denn solche Flüche sind müßig und nutzlos.
Schlechte Ausdrucksweise
Wie steht es aber mit jenen im gewöhnlichen Gebrauch befindlichen Ausdrücken, die wenigstens der Form nach eine Verwünschung nahelegen, wie sie die Leute in Ungeduld oder Zorn bei irgendeinem unangenehmen Vorfall von sich geben?
Zum Beispiel: Ein junger Mann zerreißt auf dem Weg zu einer vornehmen Gesellschaft seinen besten Frack, oder verfehlt beim Spiel den entscheidenden Stoß, oder verbrennt sich beim Anzünden der Pfeife den Nagel und ruft heftig: „D——n it!“ Ein müder Londoner Briefbote, der sich auf seiner letzten Runde dahinschleppt, findet beim Öffnen des letzten Briefkastens, einer Säule, ihn bis zum Rand mit tausend Rundschreiben verstopft, schiebt die Schirmmütze auf den Hinterkopf, während er bestürzt dasteht, und macht seiner Verzweiflung Luft in „Well, I’m d——d!“ A verlangt gebieterisch von B eine Entschuldigung, der antwortet: „Go and be d——d!“
Junge Männer geben sich nicht selten dem Geschmack an „verteufelter“ Sprache hin. Sie bringen ständig Satan und seine Behausung ins Spiel, um ihre Behauptungen zu bekräftigen, und erteilen ihren Freunden wenig schmeichelhafte und völlig wirkungslose Befehle, zu der einen oder anderen der genannten Stätten zu „gehen“.
Ihre sittliche Bedeutung
Schlechte Rede dieser Art wird im Volksmund „Fluchen“ („swearing“) genannt, aber das ist eine falsche Bezeichnung. Auch sind solche Reden nicht wirkliche Verwünschungen oder Flüche. Ihre Schuld wird nur sehr selten die des Stolzes, der Ungeduld, des Zornes oder der Lieblösigkeit übersteigen, die sie veranlassen mögen. Zugleich können sie in ihren stärkeren Formen, auf Personen angewandt, bei Umstehenden einiges Ärgernis geben. Werden sie im Zorn gebraucht, so besteht die Möglichkeit böser Wünsche gegen den Angeredeten, die sich wenig von dem unterscheiden mögen, was der Wortlaut nahelegt. Dies wären wenigstens verächtliche Ausdrücke.
Religiös anstößig
Trotz dieser Erwägungen wird schwere Sünde in den obigen Fällen nur selten begangen werden. Ich will damit aber nicht sagen, dass so derbe Sprache vom Standpunkt der Tugend der Religion aus entschuldbar sei. Sie ist gewiss unziemlich im Munde christlicher Herren, und nicht bloß, was „schlechte Form“ heißt, jene „unverzeihliche Sünde“ der Gesellschaft. Die Menschen geben dies gewissermaßen zu, indem sie sich oft für jeden Fehltritt dieser Art entschuldigen, der ihnen vor Priestern oder religiösen Personen überhaupt unterläuft, und nicht bloß, wenn sie vor Damen zufällig ein profanes Wort herausplatzen lassen.
Anekdote
Zum Beispiel bat ein Marineoffizier den verstorbenen Pater Stephen Perry S.J. höflich: „Would you, sir, kindly retire a short distance for a while?“ („Wollten Sie, mein Herr, sich freundlichst für eine Weile ein Stück zurückziehen?“), als bei der letzten astronomischen Expedition des Paters die Matrosen unter dem Befehl des Offiziers die Instrumentenkisten nicht mit befriedigender Schnelligkeit zum Beobachtungspunkt hinaufschleppten. Die Geschichte verzeichnet nicht, was der Leutnant sagte, als er von der ehrwürdigen Gegenwart des Paters erlöst war, aber irgendwie wurden die Kisten im Laufschritt den Hügel hinaufbefördert.
Andacht zum Heiligen Namen
Als passenden Schluss zum vorliegenden Gegenstand mag die Aufmerksamkeit auf die fromme und ausgesprochen katholische Übung gelenkt werden, den Heiligen Namen Jesu äußerlich zu ehren. Es ist traurig, zuweilen ein Nachlassen im frommen Brauch des Hauptneigens bei der Aussprache dieses Namens zu bemerken, „der über jedem anderen Namen ist“. Wir werden an diese lobenswerte Beobachtung durch die kirchliche Rubrik erinnert, die eine Neigung des Hauptes beim Sprechen der Worte vorschreibt: „Der Name des Herrn sei gepriesen, von nun an bis in Ewigkeit“ (Sit nomen Domini benedictum, ex hoc nunc et usque in saeculum), dem zweiten Vers des Laudate pueri (Ps 112), das gewöhnlich in der Vesper gesungen wird.
Der Heilige Name, den Unser Gebenedeiter Herr bei seiner Menschwerdung annahm und der von dem Engel zu Maria gesprochen wurde, „bevor Er im Schoße empfangen war“, fasst die ganze Persönlichkeit des Fleisch gewordenen Wortes zusammen. Er umschließt die vielfältigen Vollkommenheiten und die anbetungswürdige Anziehungskraft dieser Heiligsten Menschheit. Die Treue zu dem hier genannten äußeren Akt der Verehrung wird dazu dienen, in uns alle Neigung zu einem eitlen Gebrauch dieses Heiligen Namens auszurotten und zugleich dem Heiligsten Herzen seines Trägers einige kleine Sühne zu bieten für die allzu gewöhnliche Entweihung durch Unehrerbietigkeit und Lästerung anderer.
Vernünftige Andacht
Freilich verlangt die Ehrfurcht nicht, dass wir uns bei jeder einzelnen Erwähnung des Heiligen Namens verneigen, wenn er häufig wiederkehrt, z. B. beim Rosenkranz, wo er in jedem „Gegrüßet seist du, Maria“ vorkommt, oder in der Litanei vom Heiligen Namen. Dies würde die Forderungen jenes „vernünftigen Dienstes“ übersteigen, von dem der heilige Paulus spricht. Nicht, dass wir Unserem Herrn wirklich zu viel Ehre erweisen könnten. Ebenso würde es seine Verdienste nicht übersteigen, wenn wir den ganzen Tag und die ganze Nacht auf unserem Angesicht vor dem Allerheiligsten Altarssakrament seiner Wirklichen Gegenwart hingestreckt zubrächten.
Aber wir sind sterbliche Menschen, durch viele Schranken gehemmt, und Unser Herr weiß es wohl und ist überdies selbst zutiefst menschlich. Darum stellt Er keine übertriebenen Forderungen an unsere körperlichen oder sittlichen Kräfte als Menschen. Übermäßig strenge Ansichten in diesem oder jenem Punkt äußerer Ehrfurcht schienen aus ungenügender Erkenntnis der Wahrheit von der Menschheit Unseres Herrn und der Tiefe seiner Herablassung zu entspringen, mit der Er durch seine Menschwerdung zu unserer eigenen Stufe herabgestiegen ist.-
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre (Erste Reihe) Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote, 1914, S. 120 – S. 128
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Bildquellen
- Moses_Comes_Down_from_Mount_Sinai: wikimedia | Public Domain Mark 1.0



