Jesu letzter Wille
III. Das Papsttum und Jesu letzter Wille
Die katholische Kirche hat den wichtigen Beruf und die gottgewollte Aufgabe, den Missionsbefehl Jesu Christi zur Ausführung zu bringen. Jede Pflicht aber hat ihren persönlichen Träger. Wer ist nun in der katholischen Kirche persönlich verpflichtet und trägt die Verantwortung für die Erfüllung des letzten Willens Jesu? Diese Frage soll uns jetzt beschäftigen.
Die ersten, unmittelbar vom göttlichen Meister selbst gedungenen Arbeiter am Missionswerk waren, wie wir bereits gesehen haben, die Apostel. Sie wussten dies und handelten danach, wie pflichtbewusste und pflichttreue Männer nur immer handeln können.
Unter den Aposteln war es beachtenswerter Weise das Oberhaupt derselben, der hl. Petrus, der durch direktes, göttliches Eingreifen als erster sich der Heiden annehmen musste, und durch den die ersten Heiden – der Hauptmann Kornelius und sein ganzes Haus – in das Reich Christi eingeführt wurden.
Die Rechte und Pflichten der Apostel gingen auf ihre Nachfolger im Amt über, und das sind die Päpste und Bischöfe der katholischen Kirche, die nachweisbar durch alle Jahrhunderte ununterbrochen auf den Zusammenhang mit den Aposteln des Herrn das größte Gewicht gelegt und ihn stets treu bewahrt haben. Sie sind also folgerichtig auch die persönlichen Erben des Missionsbefehls seinem ganzen Umfang nach. In ihnen muss der apostolische Missionsgeist fortleben und fortwirken; bei ihnen muss sich das Bewusstsein finden, die pflichtgemäßen Zeugen Jesu vor der ganzen Welt zu sein; von ihnen müssen wir die Gehorsamstat gegen den letzten Willen des göttlichen Meisters erwarten. –
Diese Erwartung wird nicht getäuscht. Wir finden zu jeder Zeit, von den heiligen Apostelmissionaren herab bis bis auf unsere Tage, dass alle jene Päpste und Bischöfe, die mit der Würde der Apostel auch deren großes Herz empfangen hatten, die Ausbreitung des heiligen Evangeliums als ihre eigenste Aufgabe ansahen. Sie alle zeigten sich von der lebendigen Überzeugung durchdrungen, dass das Wort des Herrn: „Lehret alle Völker!“ gerade ihnen heilige Pflichten gegenüber der Heidenwelt auferlegte.
Die Missionsgeschichte erzählt auf jedem Blatt von der liebevollen Teilnahme und tatkräftigen Förderung, deren die Glaubensverbreitung durch die Apostelnachfolger sich erfreute. Obwohl die Bischöfe von der Sorge für die eigene Herde vielfach ganz erfüllt waren; obwohl sie im eigenen Wirkungskreis oft mit großen Schwierigkeiten, mit Priestermangel, Armut und Not zu kämpfen hatten, so vergaßen sie doch keineswegs die Missionen, sondern weckten das Interesse dafür unter ihren Gläubigen, ermunterten und ermutigten sie zur Teilnahme an diesem heiligen Glaubenswerk.
Gerade das letzte Jahrhundert bietet uns in zahlreichen und herrlichen Kundgebungen der Bischöfe aller Nationen eine schöne Offenbarung des apostolischen Geistes, der diese Nachfolger der Apostel beseelt. Man erkennt hierin so deutlich die wahrhaft katholische Gesinnung: der Blick ist auf die Allgemeinheit gerichtet; die Herzen sind groß und weit wie Apostelherzen; die Worte des göttlichen Völkerhirten: „Lehret alle Völker!“ , die einst den glücklichen Jüngern in den Ohren geklungen, sind auch ihren Nachfolgern tief ins Herz gedrungen und haben dort einen ähnlichen treuen, ausdauernden Eifer für die Ausbreitung des Reiches Gottes geweckt.
Rom und die Missionsaufgabe
Wie nun aber im Apostelkolleg der Fürst desselben, so ist es in der katholischen Kirche ihr Oberhaupt, der fortlebende Petrus, der allen voran und in einzigartiger Weise für die Bekehrung der Heiden durch Missionstätigkeit eingetreten ist und eintritt. Es ist gewiss bedeutsam, dass das Werk der Weltbekehrung seit der Begründung des römischen Bischofsitzes fast ganz von Rom ausgeht. Die anderen großen Apostelkirchen zu Jerusalem, Antiochien und Alexandrien befassen sich nach dem Tode der Apostel zwar auch noch damit und haben schöne Erfolge. Doch schon seit dem zweiten Jahrhundert tritt Rom als Zentrum des Missionswerkes unumstritten auf. Wir können diese Tatsache hier nur mit einigen Hauptlinien hervorheben.
Bereist die ersten Nachfolger Petri sandten Bischöfe aus in die Städte Italiens und zu den benachbarten Inseln, damit sie dort eigene Kirchengemeinden begründeten. (Regionarbischöfe) Trotz der heftigsten Verfolgungen, die sich gegen die junge Kirche erhoben, verloren die Päpste die Missionsaufgabe nicht aus dem Auge, und noch im zweiten Jahrhundert breiteten römische Glaubensboten das heilige Evangelium in Nordafrika, Spanien und Süd-Gallien aus; ja trugen die Lehre des Christentums bis nach England.
Obwohl die äußeren Stürme immer heftiger das Schifflein der Kirche umtobten und das Blut ihrer Kinder in Strömen floss; obwohl die inneren Kämpfe durch die zahlreichen Irrlehren, die auftraten, fast alle Arbeitskräfte der Kirche in Anspruch nahmen, wuchs doch, von Rom aus gefördert und regiert, das Reich Jesu Christi immer mächtiger heran, so dass bereits im vierten Jahrhundert das ganze Römerreich als christlich bezeichnet werden musste.
Niemals hat die Kirche ihre Missionsarbeit unter solchen allgemeinen Drangsalen und Schwierigkeiten ausführen müssen als in den ersten Jahrhunderten; wohl niemals aber auch mit solchem Segen, solch herrlichen Erfolgen. Welch ein Jubel und Dankgefühl mochte das Herz des Papstes Miltiades (310-314) erfüllen, als er im Jahr 312 den Kaiser Konstantin mit vorangetragener Kreuzesfahne und dem Namenszug Christi auf goldenem Helm in Rom einziehen sah! „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube.“ (1. Joh. 5, 4)
Es war der Sieg dreihundertjähriger Missionsarbeit und Missionsleiden. Jetzt begann die goldene Frucht zu reifen, die auf blutgetränktem Acker seit drei Jahrhunderten unter Trauer und Tränen von römischen Missionaren war ausgesät worden. Jetzt sinken die Opferstätten der heidnischen Götter in Trümmer; überall erhebt sich siegreich das Kreuz, und aus herrlichen Tempeln steigen Weihrauchwolken des Gebetes froher Christenherzen und die reinen Opfergaben des unbefleckten Lammes empor zum Thron des einen, lebendigen Gottes. Im Weltreich der heidnischen Cäsaren hat der Gekreuzigte gesiegt, und sein letzter Wille ist erfüllt.
Doch nicht genug! Der fortlebende Petrus in Rom kann nicht ruhen, und von ihm aufgemuntert und ausgerüstet, bevollmächtigt und geweiht, wandern die christlichen Glaubensboten über die Grenzen des Reiches hinaus in die Länder der Barbaren. Wie einst die römischen Legionen von den vaterländischen Altären hinweg auf das Losungswort ihrer Imperatoren auszogen, die Welt zu erobern, so zogen nunmehr von derselben heiligen Roma, vom herzen der Kirche aus, gottbegeisterte Glaubensboten unter den Mahn- und Segensworten der Päpste hin in alle Weltgegenden, um unter Kämpfen und Leiden, Blut und Tränen das Reich Jesu Christi bei den barbarischen Völkern zu begründen.
Alle die großen Glaubensboten, die Spanien, Frankreich, Orland, England, Schottland, Deutschland, Polen die Slawen und die nordischen Völker christianisierten, sie alle empfingen ihren Auftrag von den Päpsten oder eilten nach Rom, um sich dort vom Statthalter Christi beglaubigen trösten und ermutigen zu lassen. Dort schlug das große, apostolische Herz, das wir kein zweites auf Erden ihre Anliegen, ihre Aufgaben und Ziele verstand, das mit ihnen glühte von Seeleneifer und Heilandsliebe. Dort empfingen sie die herrlichsten Vollmachten, Weihen und Segnungen der Kirche zum heiligen Glaubenswerk.
Keiner von den großen Aposteln des Nordens, deren Namen mit unserer Heimat so eng verknüpft sind, wollte ohne den Segen des Papstes sein Werk zur Ausführung bringen. Ein hl. Willibrord, Bonifatius, Korbinian, Amandus, Ägidius, Ansgar, Adalbert, Kilian u.a., sie alle knieten zu Rom am Grab des hl Petrus und zu den Füßen seines Nachfolgers. Dort holten sie sich neuen Mut und glühende Begeisterung für ihre heilige Missionsaufgabe. Kehrten sie von da zurück in ihren Weinberg, dann schienen sich ihre Kräfte verjüngt und verdoppelt zu haben. Es war, als hätten sie jetzt durch die Berührung mit den Apostelnachfolgern in Rom erst recht den vollen apostolischen Geist empfangen mit seinem unbesiegbaren, brennenden Seeleneifer.
Ja, die Geschichte bezeugt es uns, das Papsttum war der Pulsschlag bei der Missionierung Europas. Unter seiner unermüdlichen Anregung und wirksamen Leitung wurde die Fackel des Glaubens in unsere finsteren Wälder getragen, wurde die Erkenntnis und Liebe Jesu Christi in die nordisch-kalten Herzen ausgegossen.
Das Papsttum in der neuen Missionsgeschichte
Als dann die großen Entdeckungen neuer Erdteile folgten und die Wasserwege zu den fernen Ländern des Ostens und den Küsten Afrikas sich eröffneten, da war es wiederum der Nachfolger Petri, der, seiner Pflicht eingedenk, auch jenen entlegenen Völkern die Segnungen des Christentums zuzuwenden besorgt war. Aus den herrlich aufblühenden Orden der Franziskaner, Dominikaner und später auch der Jesuiten boten sich zahlreiche neue Glaubensboten an, und so konnte nunmehr eine wahre Weltmission der Kirche beginnen. Damals begann das Wort Wirklichkeit zu werden:
Über die ganze Erde geht aus ihr Schall und bis an die Grenzen des Erdkreises ihr Wort. (Ps. 18, 5)
Auf der Warte der Kirche aber standen die Päpste und leiteten mit Begeisterung, Liebe und Klugheit diese Missionsbewegung. Sie verstanden es, diese weitverzweigte und tatsächlich weltumfassende Heilsarbeit in eine einzige, machtvolle Einheit zu organisieren durch die Schöpfung der römischen Missionszentrale, „der Kongregation der Verbreitung des Glaubens“ (1622). Dadurch wurde dem Weltbekehrungswerk so recht der katholische Charakter aufgeprägt; es ist trotz seiner schier unübersehbaren Verästelung unter den fremdartigsten Völkern der Erde und trotz der so verschiedenen Arbeitskräfte, durch die es zur Ausführung gelangt, dennoch einzig und einig, wie die katholische Kirche selbst es ist.
So mit der Kirche organisch verbunden, wird es von ihrem herzen aus durchströmt von stets frischem Blut, von apostolischem Geist, von apostolischem Eifer, Hingebung und Opfersinn. Die Riesenarbeit der Christianisierung Amerikas, die mit dem Blut zahlreicher katholischer Glaubensboten und Märtyrer über und über getränkten Gebiet Japans und Indiens erzählen uns von dem todesstarken Seeleneifer der katholischen Glaubensboten, aber auch ebenso sehr von der treuen Fürsorge der Nachfolger Petri in der Ausführung des letzten Willens Jesu.
Das Ende des 18. Jahrhunderts brachte infolge der Aufhebung des Jesuitenordens, der damals die meisten Missionsarbeiter stellte, und durch die Französische Revolution mit all ihren traurigen Begleiterscheinungen eine Zeit harter Prüfung für die katholischen Missionen. Manche Missionsposten blieben unbesetzt, und schöne Gebiete des katholischen Missionsgarten verwilderten wieder. Doch kaum war der in die Gefangenschaft geschleppte Papst Pius VII. nach Rom zurückgekehrt, da war auch eines seiner ersten Werke die Restaurierung der römischen Missionszentrale und die Wiederherstellung des Jesuitenordens, der sich stets besonders der Heidenmission gewidmet hatte.
Diese Anregung des Vaters der Christenheit fiel wie ein gutes Samenkorn in die Herzen der Gläubigen. Das Interesse für die Missionen wachte neu auf, und es begann eine herrliche Blütenperiode, indem jetzt die weiteren katholischen Volkskreise als Mitarbeiter am Werk der Glaubensverbreitung eintraten.
Die materiellen Hilfsmittel, deren die Missionen bedurften, waren früher teils durch die Kolonialstaaten, deren treueste Zivilisatoren die Missionare stets waren, und andere fürstliche Wohltäter, teils durch die reicheren Mittel der Kirche und der Missionsorden selbst aufgebracht worden. Durch die Umwälzungen der Revolution aber waren diese Quellen fast völlig versiegt, und es war nötig, andere zu erschließen.
Dies geschah durch die Bildung der hochbedeutsamen Missionsvereine, die aus kleinen Anfängen sich zu den wichtigsten Stützen der Glaubensverbreitung entwickelten und im letzten Jahrhundert die intensivere Missionstätigkeit ermöglichten. Dies gilt in hervorragender Weise vom „Werk der Glaubensverbreitung“, das seit seiner Gründung (1822) über 400 Millionen Goldmark für die Missionen gesammelt hat, und vom schönen Kindheit-Jesu-Verein, gegründet 1843, durch den die katholischen Kinder bis jetzt 160 Millionen Goldmark zum Werk der Glaubensverbreitung geopfert haben, wobei erfreulicherweise die deutschen Kinder seit mehreren Jahren an der Spitze stehen.
Es waren wiederum die Päpste, die diesen Bestrebungen das rechte Leben einhauchten und sie leistungsfähig und segensreich machten sowohl für die Missionen als nicht weniger durch Verleihung geistiger Güter für diejenigen, die sich daran beteiligten. Seit der ersten Genehmigung dieser Vereine durch Pius VII. (1823) und Gregor XVI. (1843) haben alle Päpste ohne Ausnahme oft und eindringlich sie den Gläubigen empfohlen und zur regen Anteilnahme auf jede weise ermuntert. „Und wenn wir heute diesen Verein (Werk der Glaubensverbreitung) in die Reihe der allgemeinen Anstalten der Christenheit eingetreten, also als wahrhaft katholischer Werk erblicken, so ist dies zumeist den wiederholten Empfehlungen und wahrhaft apostolischen Mahnworten der genannten Päpste zu verdanken.“ (Neher Missionsverein, S. 34, Freiburg 1894)
Das neuerwachte Missionsinteresse offenbarte sich aber nicht nur durch diese Vereine, sondern vielleicht noch großartiger durch das Entstehen einer großen Reihe neuer Ordensgenossenschaften, die sich ganz oder fast ganz der äußeren Glaubensverbreitung widmeten.
Vom Statthalter Christi wurden diese Pflanzschulen neuer Missionsarbeiter auf jede Weise gefördert, der liebevollen Obhut und Fürsorge der Bischöfe empfohlen und zu herrlicher Blüte gebracht. So konnten aus ihnen zahlreiche neue Arbeitskräfte hervorgehen, die die katholische Missionsarmee in den Heidenländern gewaltig verstärkte. Jedes Volk, jedes Land, ja jede Insel und jede Wüste empfing jetzt Glaubensboten und wurde so mit den Quellen des Heils in Verbindung gebracht. Es wurde ein Missionsnetz über die ganze Welt ausgespannt, wie es die christliche Kirche noch nie gesehen hat. –
Diese begeisterte, bienenfleißige Wirksamkeit in der Ausbreitung des Reiches Jesu Christi in der Gegenwart, die sich fortwährend noch auf steigender Linie bewegt, ist größtenteils dem kraftvollen, unermüdlichen Missionseifer der letzten großen Päpste zu verdanken. Sie haben wahrhaft Großartiges auf diesem Gebiet geleistet.
Schon Gregor XVI. (1831-1846) gründete nicht weniger als siebzig neue Bistümer und Vikariate. Der Missionstätigkeit Pius‘ IX. (1846-1878) konnten bei seinem Tod „Die katholischen Missionen“ diesen schönen Ehrenkranz flechten:
In der langen Reihe der Nachfolger des hl. Petrus befindet sich wohl keiner, dem es vergönnt war, so viel für die Ausbreitung des heiligen Evangeliums und für die Organisation der Missionsgebiete zu wirken, wie der große Papst, der am 7. Februar 1878 nach einer fast dreiunddreißigjährigen Regierung in das bessere Jenseits einging, um den Lohn für seine vielen und großartigen Arbeiten und Leiden zu empfangen.
Geradezu keine Mission gibt es, die ihm nicht einen neuen Aufschwung verdankt. Mit dem nämlichen Eifer war er bemüht, die getrennten Kirchen des Orients wieder mit dem Apostolischen Stuhl zu verbinden, in den protestantischen Ländern die wahre Lehre zu verbreiten und durch die Erneuerung der Hierarchie die katholische Kirche dort wieder neu zu gründen und in den heidnischen Gebieten das Evangelium verkünden zu lassen.
Wie England und Holland von ihm ihre Hierarchie wiedererhielten, so verdanken auch die Vereinigten Staaten, ein Teil des britischen Nordamerikas, Australien und Neuseeland ihm ihre definitive kirchliche Organisation. Wie viele Bistümer hat er für die unierten Armenier, Syrer und Chaldäer erneuert; wie viele andere in Mittel- und Südamerika gegründet; wie viele Apostolische Vikariate endlich in Afrika, Asien und Ozeanien errichtet! Daher wird denn auch das Andenken an Pius IX. unvergänglich fortleben, und mit dankbarer Liebe wird stets der Name Pius IX. wie von allen Gläubigen , so besonders von den Christen der Missionsländer genannt werden. (Die katholischen Missionen 1879, S. 25)
Alle seine Vorgänger aber übertraf Leo XIII. hochseligen Andenkens. Sein Adlerauge überschaute die weiten Missionsgebiete und erfasste die Forderung, die die gegenwärtige Weltlage an die katholische Missionsaufgabe stellt. Er erkannte, wieviel gerade in der gegenwärtigen Stunde zu gewinnen oder dauernd zu verlieren sei, und darum war sein großes unternehmungsmutiges Herz mit der ihm eigenen Energie und Ausdauer dem Missionswesen zugewandt. Mit Recht wird die Missionsgeschichte ihn dereinst den großen Missionspapst nennen dürfen.
In den 25 Jahren seines Pontifikats errichtete er: 2 Patriarchate, 34 Erzbistümer, 113 Bistümer, 65 Apostolische Vikariate, 35 Apostolische Präfekturen, 3 Apostolische Delegaturen und 5 Hierarchien. Weitaus die meisten dieser Neugründungen liegen im Missionsgebiet, und so zeigte Leo XIII. selbst durch Tatsachen die Wahrheit des schönen Gedankens, womit er sein wirkungsvolles Rundschreiben über die Missionen (3. Dez. 1880) einleitete:
Die Kirche, diese heilige Gottesstadt, nicht umschlossen von den Grenzen der Länder, hat von ihrem Gründer die Macht empfangen, von Tag zu Tag mehr auszubreiten den Raum ihrer Hütte und die Felle ihrer Zelte. (Is. 54, 2)
Für diese Ausbreitung hat der große Papst in einzig dastehender Weise gearbeitet und sich so recht als den von Christus eingesetzten Hirten aller Völker bewährt, als den treuen Vollstrecker seines letzten Willens. Ganz ergriffen von dieser unermüdlichen Sorge für die heidnische Welt, erklären die preußischen Bischöfe in einem ihrer gemeinsamen Hirtenbriefe: „Da ist kein Erdteil, kein Land, keine Insel, die das liebevolle Auge des treuen Hohenpriesters unbeachtet ließ, wohin er nicht Glaubensboten sandte.
Papst Pius X. wandelte treu die Wege seiner großen Vorgänger und bewahrte den alten Ruhm der Nachfolger Petri, ein Hirtenherz für alle Völker der Erde zu haben. Sein Programm: „Alles in Christo erneuern!“ galt nicht nur der Heimatkirche; er dehnte es aus auch auf die Verirrten in der Ferne und besonders auf die Heidenvölker. Sein elfjähriges Pontifikat ist in den Blättern der neueren Missionsgeschichte ehrenvoll gekennzeichnet durch zahlreiche Neugründungen auf dem Missionsfeld. Er errichtete 1 Apostolische Delegatur, 1 Erzdiözese, 7 Diözesen, 3 Prälaturen, 17 Apostolische Vikariate, 37 Apostolische Präfekturen, 2 Missionen und erhob 22 Präfekturen zu Apostolischen Vikariaten. (Katholische Missionen 1915/16, S. 39)
In den ersten Tagen des ausbrechenden Weltkrieges schloss der edle Pius für immer seine Augen. Es war gut für ihn; denn schauen müssen, was nun über seine geliebten Missionen hereinstürzte, hätte ihm sicher das Herz gebrochen.
Papst Benedikt XV. war es vorbehalten, „die Zerstörung an heiliger Stätte“, das Verderben des Weltkrieges und Weltfriedens für die Missionen beweinen zu müssen. Doch – werfen wir den Schleier verzeihender Liebe über diese schwarzen Ereignisse – um des toten Friedenspapstes willen, der uns so oft und inständig ermahnt hat, nur Diener des Friedens und der Versöhnung zu sein.
Aber Papst Benedikt trauerte nicht nur über die schweren Wunden, die den Missionen geschlagen worden waren; er betete nicht nur um Gottes Schutz und Hilfe: er handelte auch. Es ist erstaunlich, wie viel er in seinem kurzen siebenjährigen Pontifikat, beengt und bedrängt von allen Seiten, für das Werk der Glaubens Verbreitung getan hat. Er errichtete 5 neue Apostolische Präfekturen, erhob 9 Präfekturen zu Apostolischen Vikariaten, schuf 10 weitere Apostolische Vikariate und 1 Diözese und gab Süd- und Mittelamerika 23 neue Bistümer, Apostolische Vikariate und Präfekturen, die zum größten Teil noch Missionscharakter tragen. (Katholische Missionen 1921/22, S. 130)
Seine bedeutsamste Missionsleistung aber ist das herrliche „Missionsrundschreiben“ vom 30. November 1919, das an alle katholischen Kreise in der Heimat und auf dem Missionsfeld gerichtet ist. Es gehört unstreitig zu den leuchtendsten Taten des Apostolischen Stuhles für die Missionen. Es fand lebhaften Widerhall in der ganzen katholischen Welt und gab dem Missionseifer ungeahnte Impulse. Am Schluss des inhaltsvollen Schreibens spricht der Papst die mutige Überzeugung aus:
Wenn nun alle ihre Pflicht gehörig erfüllen, ein jeder an seiner Stelle, die Glaubensboten da draußen und die Christgläubigen daheim, dann geben Wir Uns der frohen Hoffnung hin, dass sich die heiligen Missionen rasch von den ungeheuren Wunden und Schäden des Krieges erholen. Es ist Uns hier zumute, als riefe der Herr auch Uns wie einstmals dem Petrus das Mahnwort zu: „Fahre hinaus in die Tiefe!“
So drängt Uns die Glut der Vaterliebe, um die zahllosen Menschen, die jetzt leben, an sein Herz zu führen. Die Kirche wächst und blüht allzeit unter dem Wehen des göttlichen Geistes. Auch können die Arbeiten der vielen apostolischen Männer, die sich bislang um ihren Ausbau bemühten und weiter bemühen, nicht ohne Frucht bleiben. Ihr Beispiel wird immer wieder andere entflammen, und mit Hilfe barmherziger und mildtätiger Förderer werden diese eine erfreulich hohe Zahl Seelen für Christus gewinnen.
Der Papst als Prinzip der Einheit der katholischen Missionsbewegung
Wenn die katholische Kirche unter allen Anfeindungen und bitteren Bekämpfungen stets an der Erfüllung ihrer hohen Aufgabe gearbeitet hat: Heilsanstalt für alle Völker der Erde zu werden; wenn sie durch keine Enttäuschung, schweren Verluste, inneren und äußeren Leiden entmutigt werden konnte, sondern immer wieder ihre edelsten Söhne die Kreuzesfahne und die Glaubensfackel hinaustrugen in die fernsten Heidenländer, um mit dem höchsten Einsatz an Gut und Blut die frohe Botschaft vom reich Gottes unglücklichen Menschenherzen zu verkünden, so ist dies vor allem dem hohen Pflichtbewusstsein und dem unermüdlichen Missionseifer der römischen Päpste zu verdanken.
Das Papsttum war und ist die Seele der Glaubensverbreitung, ihr Leben und Einheitsprinzip und dadurch die Quelle ihrer Kraft und ihres Erfolges. Ohne seine organisierende Tätigkeit wären die katholischen Missionsbestrebungen unausbleiblich in sektenartige Zersplitterungen ausgewachsen; ohne seinen wahrhaft apostolischen Einfluss wäre diesem Werk nicht jene heilige, ernste Auffassung, jener freudige Entsagungsmut und jene todesstarke Ausdauer und Seelenliebe bewahrt geblieben, wie wir es bei den Apostelmissionaren bewundern.
Die nie ermüdende, schützende und stützende Hand des römischen Völkerhirten hat das katholische Missionswesen davor bewahrt, von der idealen Höhe einer eminent kirchlichen Angelegenheit in die Niederungen privater Sonderbestrebungen mit all ihren Menschlichkeiten und Mängeln herabzusinken, und hat ihm dadurch den echt katholischen Charakter und das apostolische Gepräge der Einheit erhalten. Hier liegt der Kernpunkt des katholischen Missionsgedanken.
Die Ausbreitung des Reiches Jesu Christi unter den zerstreuten und zerrissenen Erdenvölkern soll diese zur höheren, innigen Einheit in Christus und seiner Kirche wieder zusammenführen. Deshalb wollte Jesus sterben, „damit er die zerstreuten Gotteskinder zur Einheit zusammenbrächte“ (Joh. 11, 52). Diese Absicht erfüllte ihn ja ganz bei seinem Todesopfer und stieg als ergreifend schöne Bitte in seinem Sterbegebet zum Vater empor. Damals, als er Glaubenswahrheit und Heiligkeit für seine ersten Missionare erflehte, entrang sich seinem Herzen auch der heiße Wunsch:
„Aber ich bitte nicht nur für sie allein, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden; damit alle eins seien, die Du, Vater, in mir und ich in Dir bin; damit auch sie eins seien“ (Joh. 17, 20. 21.)
Diese Sehnsucht Jesu, „dass alle eins seien“, haben die Päpste durch die Welt getragen, allen Völkern davon erzählt und erzählen lassen, dafür gelebt und gelitten, gearbeitet und gebetet und durch die Weltmission der Kirche sie zu verwirklichen gesucht. Was die Tätigkeit der Missionare aus allen Nationen gesammelt, das wurde vom Statthalter Christi mit ebenso großer Freude wie Liebe in die lebendige Einheit der Kirche aufgenommen.
Die „zerstreuten Gotteskinder“ auf den fernsten Südsee-Inseln wie im höchsten Norden auf Grönlands eisigen Küsten sind dem Herzen der Kirche nicht nur innerlich, durch Glaube und Liebe, sondern auch äußerlich sichtbar, ebenso wirksam und lebendig geeint wie die Katholiken im Horizont von St. Peter. Der Träger dieses großen Einheitsgedankens aber und dieser Einigungskraft ist der Völkerhirte in Rom.
Gewiss, es darf nicht anders sein in der Kirche desjenigen, der verlangt hat, „dass alle eins seinen“, wenn sie die Siegel des göttlichen Ursprungs an sich tragen will; und es war und ist Pflicht der Päpste, so zu handeln, wie sie gehandelt haben. Aber die Pflicht findet beim Herzen ihren Geometer, und dieses wird ihre Kreise ziehen, je nachdem es sie mit dem Sonnenblick der Liebe oder mit dem kalten Auge anschaut, das die Last berechnet.
Die Päpste, unter ihnen besonders die großen Missionspäpste, waren beim Werk der Weltbekehrung gedrängt von jener Liebe, die schon Paulus allen alles werden ließ, um alle für Christus zu gewinnen. Und dass sie so mit der Pflicht des Amtes auch die persönliche Hochherzigkeit vereinten, gereicht ihnen zum Ruhm, wie es der Erfolg des Missionswerkes wurde. Allerdings ist auch diese herrliche Gesinnung der Päpste ein Erbteil Petri.
Petrus, liebst du mich mehr als diese?
Schauen wir noch einmal zurück auf den Apostel, der am See Tiberias vor seinem göttlichen Meister kniet, um die höchste irdische Gewalt zu empfangen. Eben hat der wunderbare Fischfang stattgefunden als Symbol der gesegneten Wirksamkeit, die er in seinem Oberhirtenamt finden soll. In der tief ergriffenen Seele des Jüngers begegnen sich Scham und Schmerz über die Verleugnung des Meisters mit der Liebe und dem Verlangen, alles wieder gutzumachen.
Seit jener traurigen Nacht im Vorhof des Kaiphas hat er hierzu noch keine Gelegenheit gefunden; jetzt befindet er sich dem Herrn gegenüber, doch er wagt in tiefem Reuegefühl das Auge nicht zu erheben. Was denkt der Meister wohl von mir? Was wird er mir jetzt sagen? Da redet ihn der Heiland an: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ Mit welcher Freude ergreift Petrus die Gelegenheit, die der Meister so gütig ihm bietet, um seine Anhänglichkeit zu beteuern! „Ja, Herr, Du weißt, dass ich Dich liebe!“
Dreimal fragt der Meister, dreimal versichert der Jünger seine Liebe, und dreimal empfängt er den Auftrag: „Weide meine Herde! Wenn du mich liebst, mehr als alle anderen, dann beweise es in deinem Amt als Hirt der Völker!
Wie tief hat sich dieses Ereignis dem Herzen des Jüngers eingeprägt! – Nie vergessen konnte er diese Rede: „Liebst du mich mehr als diese? Dann weide meine Lämmer, meine Schafe, lehre alle Völker; sättige die hungernde Menschheit mit Wahrheit und Gnade! Erquicke sie mit den Wassern des Heils! –
Ja, diese Worte schwebten in Flammenschrift dem Apostel vor bei Tag und bei Nacht, in Arbeitsmühe und Gefahr, Verfolgung und Leiden. Sein glühendes Herz drängte ihn, es musste den Beweis erbringen, es musste sich kümmern und bekümmern um die treuen und noch mehr um die verirrten Schäflein der Herde Jesu alle Tage des Lebens, bis Petrus an seinem Sterbetage, am Kreuz ausgespannt, noch einmal aus ganzer Seele sprechen konnte: „Siehe, Herr, nun weißt Du alles, nun weißt Du auch, dass ich Dich liebe!“
Petrus, liebst du mich mehr? – Auch der fortlebende Petrus hat diese Frage nie vergessen können. Es blieb auch für ihn der wirksamste Appell an die unwiderstehlichste aller Mächte, an die Macht der Liebe. Es hat auch ihn gedrängt, durch treue Hirtensorge für die ganze Menschheit den Beweis der Liebe zu erbringen. Und wenn heute der Meister wiederum die Frage stellt: Petrus, liebst du mich mehr? Dann werden aus allen Zonen katholische Völker aller Farben und Sprachen ihre Stimme erheben und ausrufen: „Siehe, Herr, wir sind Zeugen dafür, dass er Dich liebt!“
aus: P. Hermann Fischer SVD, Jesu letzter Wille, 1923, S. 44 – S. 56
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