Die Feinde der Kirche
Drittes Kapitel (Fortsetzung)
III. Der dritte Feind der Kirche: Die Freimaurerei
§ 10. Die fruchtbare Mutter der Freimaurer: der Protestantismus
Erst zur Zeit der protestantischen Reformation vollendete die Freimaurerei ihre gegenwärtige geschlossene und wohlgeeinte Organisation. Bis zu dieser Zeit hatte es Böses in der Welt gegeben, und selbst in der Kirche, denn sie konnte „falsche Brüder“ nicht gänzlich ausschließen; aber bis dahin hatte das Gute sichtbar die Oberhand über das Böse behalten.
Es hatte ein Reich Christi gegeben und einen Lehrer, der weder täuschen noch getäuscht werden konnte; eine Autorität in der Welt, doch nicht von der Welt, der man unmöglich ausweichen, die man unmöglich beschwatzen, schrecken oder zum Schweigen bringen konnte. Gott schuldete dies den Christen, und er gab es. Die Kirche war diese Gabe. Indem er sie gab, gab er alles, was er geben konnte. Und sie tat durch die Macht seines Beistandes, wozu er sie bestellt hatte.
Selbst die schlimmsten Menschen, wenn sie sich einen Augenblick gegen sie auflehnten, weil sie Sünden begehen wollten, welche die Kirche nicht dulden wollte, erkannten alsbald ihre Schuld und taten Buße. Der Geist des Glaubens ruhte auf ihnen. Die menschliche Natur war dieselbe wie heute und denselben Schwachheiten unterworfen; aber es gab ein Licht in ihrer Finsternis und ein Heilmittel, rasch und mächtig, für alle ihre Verirrungen. Sie konnte nicht weit fehlgehen. Die Gabe des Glaubens brachte jede andere in ihrem Gefolge mit sich. Nun aber sollten Tausende von Katholiken in Deutschland, Dänemark, Holland, England, Schottland und anderen Teilen Europas durch eigene Schuld den Glauben verlieren, und die Finsternis Ägyptens sollte sich auf sie legen.
Es gibt keinen solchen Beweis für die ungeheure und ägyptische Verblendung der modernen Welt wie ihre Haltung gegenüber der Kirche. Außer ihrem göttlichen Stifter hat sie niemals einen solchen Wohltäter gekannt und kann ihn niemals kennen. Und über keine der Nationen der Erde hat die Kirche ihre Gaben mit größerer Freigebigkeit ausgegossen als über unsere europäischen Vorfahren. Keine hatte mehr Grund, sie mit ewiger Dankbarkeit zu verehren. Sie war es, die sie mannhaft und frei machte. So roh sie einst gewesen waren, wurden sie unter ihrer Führung fähig, in jeder Provinz des Landes Werke zu ersinnen und auszuführen, deren unvergleichliche Schönheit von nichts übertroffen wurde, was menschlicher Geist je erdacht hatte.
Sie konnte die unwandelbaren Bedingungen des menschlichen Daseins nicht ändern und gab nicht vor, sie zu ändern; noch sagte sie ihren Kindern mit lügnerischer Schmeichelei, das Leiden könne von der Erde verbannt werden. Doch während sie die göttliche Anordnung verkündete, dass es immer Reiche und Arme geben solle, flößte sie den einen übernatürliche Geduld und den anderen übernatürliche Liebe ein. Und beide liebten sie um der Tugenden willen, die sie ihnen lehrte. Wenn sie je im Zorn sprach, so war es gegen den Ungerechten und den Unterdrücker.
Nur Tyrannen fürchteten und hassten sie, weil sie ihnen stets im Wege stand. Wenn sie das Volk – das viele Geschlechter hindurch zu weise war, der verräterischen Einladung Gehör zu schenken – aufforderten, sich gegen ihre milde Autorität zu empören, so geschah es nur, um an deren Stelle ihre eigene gemeine Gewaltherrschaft zu setzen, wie sie es in unseren Tagen mit so großem Erfolge tun. Dennoch war sie allezeit die Hüterin der weltlichen Throne, und die Könige regierten in Frieden, weil die Religion die Amme der Treue war.
Ihre Bischöfe waren die ersten Schulmeister, ihre Klöster die Zufluchtsstätten der Wissenschaften und der Philosophie; und der sichere und ununterbrochene Fortschritt der geistigen Bildung hatte sich durch eine Reihe von Zeitaltern in ihrem Schoße vollzogen, bis alle lebendigen und schöpferischen Kräfte menschlicher Kultur hier vereinigt und verschmolzen waren.
Sie besaß das Monopol der Gelehrsamkeit; und was die persönliche und individuelle Freiheit betrifft, so war die katholische Kirche die besondere Vertreterin des Fortschrittes. Was hätte man mehr für Europa tun können? Dennoch tat sie mehr.
Sie machte Europa lange Zeitalter hindurch zu einer Familie in Jesus Christus, zu einer Herde unter einem Hirten; und obgleich sie nicht alle Europäer zu Heiligen machen konnte und es auch nicht erwartete, so konnte sie doch die Schlimmsten von ihnen den Klauen der Dämonen entreißen und jene, die Verbrecher gewesen waren, im Gewande der Büßer vor das Angesicht ihres Richters senden. Nichts ihr Gleiches hat man in der Welt gesehen; und für alle, die nach ihrem Gesetze gelebt haben, ist selbst die Welt mit all ihrer Traurigkeit ein Vorgeschmack des Paradieses gewesen.
Unter solchen Umständen war es für die Freimaurerei schwer, viele Anhänger zu finden und eine starke Körperschaft zu werden. Bald aber sollte sie den Geburtstag ihrer fruchtbaren Mutter feiern – des Protestantismus. Mit ägyptischer Blindheit und mehr als ägyptischer Undankbarkeit verstießen Tausende europäischer Katholiken ihre gnadenreiche Mutter, die katholische Kirche, der sie alles verdanken, was sie sind und haben; und nachdem sie das Andenken an all ihre Sorge für sie während eines Jahrtausends verloren hatten, setzten sie an ihre Stelle den Protestantismus.
Seit jener Zeit, da ein furchtbares prophetisches „Siegel“ geöffnet wurde, ist die Welt rascher als je auf dem Wege des Bösen vorangeschritten. Sie entdeckte damals zum ersten Male mit großem Jubel, dass sie fähig sei, sich selbst zu belehren! „Will uns denn niemand lehren?“, hatte die heidnische Welt in ihrer Verzweiflung gerufen. „Wir trotzen jedem, der uns lehren will“, schrie die protestantische Welt in ihrem Taumel. Das war offenbar Fortschritt.
Der frühere Wahn der Welt war gewesen, dass niemand die Wahrheit finden könne, aus Mangel an Lehrern; jetzt aber ist sie überzeugt, dass jedermann es könne, wenn er nur seine Lehrer belehrt, und überdies, dass es nicht viel darauf ankomme, ob man sie findet oder nicht. Die einzige verständliche Botschaft des Protestantismus unserer Tage lautet: „Glaubt, was ihr wollt, wenn ihr nur nicht glaubt wie eure Väter.“
Die Propheten, welche Platon erwartete, sind gekommen, aber ebenso die protestantische Reformation. „Plebejischer“ als irgendeine grobe Philosophie, von der Cicero träumte, ermahnte sie die Welt, nicht die platonische und sokratische familia (Schule) zu verachten – darüber mochte sie halten, wie es ihr beliebte –, sondern gerade die Orakel, welche Platon und Aristoteles vergeblich anriefen und denen sie, hätten sie sie vernommen, samt allen ihren Anhängern mit geistiger wie geistlicher Begeisterung gehorcht hätten.
Fünfzehn Jahrhunderte lang hat alles, was im Menschengeschlecht am reinsten, edelsten und begabtesten war, ihnen gehorcht, zum großen Vorteile für sich selbst und für die Gesellschaft im Allgemeinen. Nun aber war der große Abfall nahe. Es sollte eine zweite Versuchung und einen zweiten Fall geben. Noch einmal sollte dem Menschen gesagt werden, er solle sich Weisheit selbst verschaffen, seinem Schöpfer zum Trotz; und als hinzugefügt wurde: „Nequaquam morte moriemini“ (Ihr werdet keineswegs des Todes sterben), da glaubte er es.
Die neue Erfindung war noch keine zehn Jahre alt, als ihre Urheber einander schon in großer Verwunderung fragten: „Was ist aus Religion und Sitte geworden?“ Während eine christliche Wahrheit nach der anderen aus dem Gesichtskreis schwand und selbst jene, die noch etwas glaubten, nicht sicher wussten, worin ihr Glaube eigentlich bestand, begannen grimmige „Sekten des Verderbens“, eine jede mit ihrem eigenen Evangelium, Europa zu überschwemmen, von wo sie nach Amerika und in andere Länder der Welt hinübergingen.
Der Gehorsam war tot, denn es gab nichts mehr, dem man gehorchen konnte; und an die Stelle des abgeschafften christlichen Gesetzes trat eine einzige teuflische Vorschrift: das Recht der Empörung! Aus dem geistlichen Bereiche wurde sie rasch in den politischen eingeführt, mit Folgen, deren wir alle Zeugen sind. Ein neues „Siegel“ wurde geöffnet, und Unordnung und Anarchie traten hervor – der breite Weg zum Unglauben war aufgetan.
Da die individuelle Vernunft die Stelle des Glaubens einnimmt, ist der Protestant, ob er es glaubt oder nicht, ein Ungläubiger im Keime, und der Ungläubige ist ein Protestant in voller Blüte. Mit anderen Worten: Der Unglaube ist nichts anderes als der Protestantismus im höchsten Grade. Daher hat Edgar Quinet, ein großer Herold des Protestantismus, recht, wenn er die protestantischen Sekten die tausend Pforten nennt, die offen stehen, um aus dem Christentum hinauszugelangen. Kein Wunder also, dass Tausende von Protestanten damit geendet haben und noch enden, sich ihr eigenes Glaubensbekenntnis so zu fassen: „Ich glaube an nichts.“
Das war alles, was die Freimaurerei wünschen konnte. Der Protestantismus, der in dieselbe Richtung strebte wie die Freimaurerei, wurde natürlicherweise deren geliebte Zwillingsschwester und lieferte als fruchtbare Mutter aufrührerischer Kinder der Sekte Tausende von Mitgliedern. Protestantismus und Freimaurerei vereinigten sich mit so viel scheinbarem Eifer für die Ehre und Reinheit der Kirche, um gegen die Entartung des Klerus zu eifern. Sie übertrieben die persönlichen Fehler der Priester und Ordensleute, besonders aber der Bischöfe und Päpste. Sie sprachen von einer „Reform“ des Glaubens und der Sitten an Haupt und Gliedern der Kirche.
Es war der empfindlichste und lebenswichtigste Angriffspunkt, und unglücklicherweise wurden diese Anklagen begierig aufgegriffen und von Mund zu Mund weitergetragen. Sobald diese verschlagenen Werkzeuge Satans fanden, dass sie einen sittlichen Einfluss auf das Volk gewonnen hatten, dehnten sie ihren Angriff vom Klerus selbst auf dessen Besitztümer aus. Sie boten das reiche Kirchengut der Habgier der Adeligen und kleinen Fürsten als Köder dar und flößten den unteren Klassen eine Leidenschaft zur Empörung gegen Kirche und Staat ein.
Europa wurde bald mit Flugschriften und Sendboten überschwemmt, die, wie sie erklärten, das reine Evangelium predigten, und zwar erstens eine arme Kirche, das heißt eine Kirche, die allen Besitzes beraubt und folglich unfähig ist, den Armen beizustehen, unfähig, den Kranken, der Witwe und der Waise zu helfen, unfähig, den armen Studenten in der Fortsetzung seiner Studien zu unterstützen und dem Missionar bei der Bekehrung der Heiden beizustehen, und die endlich den Klerus für seinen Unterhalt vom Staate abhängig macht und ihn so nach Möglichkeit in unterwürfige Mietlinge des Staates verwandelt; und zweitens eine demütige Kirche, das heißt eine, die in allem der Aufsicht des Staates unterworfen ist.
Langsam, aber sicher gelang es der Freimaurerei, über die ganze zivilisierte Welt das zu verbreiten, was sie das liebevolle, menschenfreundliche Prinzip der Toleranz nannte – das verfeinerte und aufgeklärte Prinzip des Liberalismus; und zugleich flößte die Freimaurerei, in schreiendem Widerspruch zu ihrem Prinzip der Toleranz, dem Volke eine höchste Verachtung und einen glühenden Hass gegen das ein, was sie engherzigen, bigotten Dogmatismus zu nennen beliebte, wohl wissend, dass keine Kirche bestehen, ja auch nur gedacht werden kann, die nicht klar bestimmte Grundsätze und Dogmen hat. Um diese Verachtung und diesen Hass gegen die Dogmen der Kirche herbeizuführen, verspotteten sie die Lehren unseres heiligen Glaubens und behaupteten, sie seien kindischer Aberglaube, der nur durch blinden Fanatismus aufrechterhalten werde.
Im Jahre 1717, als die Freimaurer glaubten, sie seien stark genug und Europa sei reif, öffneten sie ihre Logen den Juden, Türken und Heiden. Damals erhielten nicht nur die guten, unschuldigen Brüder der niederen Grade, sondern auch die Uneingeweihten oder, wie sie sie ehrerbietig nennen, die „profane Welt“, eine zahllose Menge von Flugschriften, worin Christus, unser lieber Herr, als ein Betrüger oder als ein Mythus, seine Kirche als die Feindin des Fortschrittes und der Aufklärung und das alte Heidentum als die Vollendung alles Guten und Edlen dargestellt wurden. Dichter, Maler und Bildhauer wichen vom christlichen Ideale in der Kunst ab, seufzten nach den Göttern und Göttinnen des Heidentums und suchten sie einzuführen.
Dies war die sogenannte „Renaissance“, das heißt das Wiederaufblühen des Heidentums.
Während der Französischen Revolution versuchten die Freimaurer, das Heidentum tatsächlich in der Welt einzuführen. Von Frankreich aus sollte es über die ganze zivilisierte Welt verbreitet werden. Da dies vorerst nur ein Versuch war, vermieden sie sorgfältig den Namen der alten heidnischen Kirche. Den Kult des Busiris nannten sie den Kult des Höchsten Wesens (l’Être Suprême); und den Kult der Isis, das heißt die Verehrung einer Dirne auf dem Altare Gottes – einen Kult, der mit der ganzen Autorität der Staatsminister, der Generäle und der Versammlung gutgeheißen und erzwungen werden sollte –, diesen Kult nannten sie den Kult der „Vernunft“. Hunderte von unschuldigen Opfern fielen ihrer Wut zum Opfer.
Prudhomme hat eine namentliche Liste der Enthaupteten hinterlassen, nämlich: 1.278 Adelige; 750 Damen; 1.467 Frauen von Handwerkern; 350 Ordensleute; 1.135 Priester; 13.633 andere Männer – insgesamt 18.613. Dazu kamen 3.400 Frauen, die infolge von Misshandlung und Schrecken an vorzeitiger Niederkunft starben, und 348, die in der Schwangerschaft ermordet wurden. Ferner wurden 15.000 Frauen der Vendée getötet, 22.000 Kinder und 90.000 Männer. Außer diesen gab es 32.000 Opfer, die von Carrier zu Nantes hingeschlachtet wurden; 31.000 zu Lyon; und viele Tausende mehr zu Versailles, Avignon, Toulon, Marseille und anderwärts.
Es gab 540 öffentliche Ankläger, welche die Gewalt hatten, aus eigener Machtvollkommenheit das Todesurteil zu fällen. Es wurden nicht weniger als 50.000 Revolutionstribunale eingesetzt, die das Land jährlich 591.000.000 Franken kosteten. Alle diese Tribunale und Ankläger wetteiferten miteinander in blutiger Geschäftigkeit. Das war freimaurerische Brüderlichkeit und Treue.
Dieser Versuch begann jedoch in Frankreich zu früh. Die Franzosen sind von Natur ungestüm. Der Orden war im übrigen Europa noch nicht stark genug; ja selbst die guten, unschuldigen Brüder außerhalb Frankreichs standen entsetzt vor den abscheulichen Verbrechen der französischen Freimaurer und weigerten sich, mit ihnen zusammenzuwirken. Und da die ganze Welt zu einem einzigen allgemeinen Reiche umgestaltet werden sollte, musste Frankreich für eine Weile das Schwert beiseitelegen und zum Hammer greifen.
aus: Michael Müller, CSsR, Die Feinde der Kirche S. 122 – S. 129 in: Gott, der Lehrer der Menschheit, 1880
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