Gott, der Lehrer der Menschheit
von P. Michael Müller CSsR
Gott der Lehrer der Menschheit Einleitung
Erstes Kapitel. Einleitung
Unser Herr und Heiland Jesus Christus hat erklärt, er sei von seinem himmlischen Vater gesandt, »den Armen das Evangelium zu verkünden« (Luk. 4, 18). »Lasset uns«, sprach er zu seinen Aposteln, »in die nächsten Flecken und Städte gehen, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen« (Mark. 1, 38). Diese Sendung Jesu Christi sollte und soll durch seine Priester fortgesetzt werden: »Wie mich der Vater gesandt hat, so sende auch ich euch.« Unmittelbar vor seiner Himmelfahrt legte er allen Seelenhirten jene überaus wichtige Pflicht der Predigt nochmals auf und schärfte sie ihnen ein.
Sein letztes feierliches Wort an jene, die er mit der Fortführung seines Werkes beauftragte, lautet: »Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.« Das Weltall gehört mir kraft des Erbrechtes. Der Himmel ist durch meine Mühen und Leiden bereits erworben. Die Erde bleibt noch zu erobern, und ich baue auf euch, meine Apostel, meine Priester, dass ihr sie der Herrschaft meiner Gnade unterwerfet: »Gehet also hin und lehret alle Völker, und prediget mein Evangelium aller Kreatur.«
In Erfüllung dieser Pflicht »gingen die Apostel aus und predigten allenthalben« (Mark. 16, 20), und zwar angesichts jeglicher Art von Widerstand. »Sie gehorchten Gott mehr als den Menschen« (Apg. 5, 29). Der heilige Paulus wollte nicht einmal gestatten, dass jemand ihm seinen Eifer in der Verkündigung des Evangeliums als Verdienst anrechne. Predigen war für ihn, wie er uns sagt, eine Notwendigkeit. Er sprach gleichsam ein Anathem über sich selbst aus, falls er je eine so heilige Pflicht versäumen sollte: »Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige!«
Worauf er in seinen Briefen an Timotheus und Titus mit dem größten Nachdruck bestand, war die Pflicht, das Wort Gottes zu predigen. Er beschwört seine beiden Schüler und alle Seelenhirten bei allem, was am heiligsten und ehrfurchtgebietendsten ist; er beschwört sie bei der Gegenwart Gottes und Jesu Christi, bei seiner künftigen Ankunft, bei seiner ewigen Herrschaft, das Wort Gottes zu predigen, es zu predigen, sei es gelegen oder ungelegen, und alle Mittel der Überredung anzuwenden, welche die glühendste Liebe eingibt:
»Ich beschwöre dich vor Gott und Jesus Christus, der da richten wird die Lebendigen und die Toten, bei seiner Ankunft und seinem Reiche: Predige das Wort, halte damit an, es sei gelegen oder ungelegen; überweise, bitte, strafe in aller Geduld und Lehre« (2 Tim. 4, 1. 2).
Daher hat die Kirche niemals aufgehört, ihre Hirten zu ermahnen, ihre Pflicht der Predigt des Wortes Gottes aufs treueste zu erfüllen. In einem ihrer Kanones verordnet sie, dass ein Priester, dem Seelen anvertraut sind, falls er ihnen das Brot des Wortes Gottes vorenthält, selbst des eucharistischen Brotes beraubt werden solle, und dass er, falls er in seinem sträflichen Schweigen verharrt, suspendiert werden solle. Die Predigt des Wortes Gottes ist in der Tat allezeit der große Gegenstand der Sorge der Kirche gewesen.
Das Konzil von Trient waffnet die Bischöfe mit ihren Donnerkeilen und trägt ihnen auf, ihre Zensuren über jene stummen Hirten zu verhängen, die der Heilige Geist als »stumme Hunde, die nicht bellen können« (Isai. 56, 10), gebrandmarkt hat. Die überaus wichtige Pflicht, religiösen Unterricht zu erteilen, war niemals verbindlicher und ihre Erfüllung niemals notwendiger als in unserer Zeit. Was die Väter des Konzils von Trient über diese Pflicht sagen, gilt mit noch größerem Nachdruck für unsere Zeit und unser Land:
»Wie die Predigt des göttlichen Wortes«, sagen sie, »in der Kirche Gottes niemals unterbrochen werden darf, so ist es in diesen unseren Tagen notwendig geworden, mit mehr als gewöhnlichem Eifer und Frömmigkeit dahin zu arbeiten, die Gläubigen mit gesunder und heilsamer Lehre wie mit einer Speise des Lebens zu nähren und zu stärken; denn falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen (1. Joh. 4, 1) mit mancherlei und fremden Lehren (Hebr. 13, 9), um die Gemüter der Gläubigen zu verderben – jene, von denen der Herr gesagt hat: Ich sandte sie nicht, und sie liefen; ich redete nicht zu ihnen, und sie weissagten (Jer. 23, 21).
In diesem unheiligen Werke ist ihre Gottlosigkeit, bewandert wie sie ist in allen Künsten Satans, zu solchen Äußersten getrieben worden, dass es fast unmöglich scheinen möchte, sie in Schranken zu halten; und verließen wir uns nicht auf die herrlichen Verheißungen des Heilandes, der erklärt hat, er habe seine Kirche auf so festen Grund gebaut, dass die Pforten der Hölle sie niemals überwältigen würden (Matth. 16, 18), so müssten wir von den bangsten Befürchtungen erfüllt sein, die Kirche Gottes möchte in diesen Tagen, ringsum von einem solchen Heer von Feinden bedrängt und von so vielen und so furchtbaren Kriegsmaschinen bestürmt, unter ihren vereinten Anstrengungen erliegen.
Um nicht jener erlauchten Staaten zu gedenken, die ehedem in Frömmigkeit und Heiligkeit den von ihren Vorfahren überkommenen katholischen Glauben bekannten, nun aber in die Irre gegangen sind, von den Pfaden der Wahrheit abweichen und offen erklären, ihre besten Ansprüche auf Frömmigkeit gründeten sich auf die gänzliche Preisgabe des Glaubens ihrer Väter – so gibt es keine noch so entlegene Gegend, keinen noch so wohl behüteten Ort, keinen Winkel der christlichen Gemeinschaft, in den diese Pest sich nicht heimlich einzuschleichen gesucht hätte.
Jene, die es sich vorgesetzt hatten, die Gemüter der Gläubigen zu verderben, verbreiteten, wohl wissend, dass sie nicht mit allen unmittelbar persönlich verkehren und so ihre vergifteten Lehren in deren Ohren träufeln könnten, durch Annahme eines anderen Planes Irrtum und Gottlosigkeit leichter und weiter.
Außer jenen umfangreichen Werken, durch welche sie den Umsturz des katholischen Glaubens erstrebten, verfassten sie auch unzählige kleinere Schriften, welche, ihre Irrtümer unter dem Scheine der Frömmigkeit verhüllend, die Einfältigen und Unvorsichtigen mit unglaublicher Leichtigkeit täuschten.« (Vorrede zum Katechismus des Konzils von Trient [Catechismus Romanus].)
»Es ist in der Tat Pflicht der Diener des Altares«, sagt unser Heiliger Vater Pius IX. in seiner Ansprache an die Fastenprediger vom Jahre 1877, »ihre Stimme so laut als möglich zu erheben, um die Gesellschaft vor dem Abgrund zu retten.« »Rufe«, spricht der Herr zum Hirten, »höre nicht auf, wie eine Posaune erhebe deine Stimme und verkünde meinem Volke seine Missetaten« (Isai. 58, 1). »Wenn du nicht redest, um den Gottlosen vor seinem Wege zu warnen, so wird derselbe Gottlose in seiner Missetat sterben; sein Blut aber will ich von deiner Hand fordern« (Ezech. 33, 8).
Wenn wir nun einen so verkehrten Eifer an den Dienern Satans sehen, ihre Lehren mit allen möglichen Mitteln zu verbreiten, mit welchem Eifer sollten dann nicht die Christen und besonders die christlichen Hirten getrieben werden, die Wahrheiten des Evangeliums bekannt zu machen und sie zu wiederholen, gelegen oder ungelegen, unbekümmert um wählerische Gemüter, denen es missfällt, wenn ein Priester etwas wiederholt und altes, aber notwendiges Gebiet noch einmal durchschreitet!
»Wie!«, ruft der heilige Franz von Sales aus, »wie! ist es nicht notwendig, beim Schmieden das Eisen immer wieder zu erhitzen und beim Malen die Leinwand wiederholt zu übermalen und nachzubessern? Wie viel notwendiger ist es also, dieselbe Sache immer und immer wieder zu sagen, um verhärteten Verstandesgeistern und im Bösen verstockten Herzen die ewigen Wahrheiten einzuprägen!
Der heilige Johannes der Täufer und der Apostel Paulus redeten aus ihren Kerkermauern heraus; der heilige Petrus redete frei und kraftvoll vor den Ältesten und sagte, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen; und der Apostel Andreas redete vom Holze des Kreuzes herab.«
Als der heilige Franz Xaver in Japan war, erklomm er Berge und setzte sich unzähligen Gefahren aus, um jene elenden Barbaren in den Höhlen aufzusuchen, wo sie gleich wilden Tieren hausten, und sie in den Wahrheiten des Heiles zu unterweisen. Der heilige Franz von Sales wagte in der Hoffnung, die Irrgläubigen der Provinz Chablais zu bekehren, sein Leben, indem er ein Jahr lang Tag für Tag auf Händen und Knien über einen gefrorenen Balken einen Fluss überquerte, um jene hartnäckigen Menschen zu erreichen und ihnen zu predigen. Der heilige Fidelis opferte, um die Irrgläubigen eines gewissen Ortes zu Gott zurückzuführen, freudig sein Leben für ihr Heil.
In dem Verlangen, mein Scherflein beizutragen, um der verderblichen Tätigkeit der Sendlinge Satans entgegenzutreten und ihr zu widerstehen; das Gebäude der christlichen Erkenntnis auf seinem eigenen sicheren und festen Grunde aufzuführen – der wahren Lehre ihrer von Gott beauftragten Lehrer; der großen Masse der Gläubigen eine feste, ihrem Verständnis leicht zugängliche Richtschnur des christlichen Glaubens, den Hirten aber eine praktische Form des Religionsunterrichtes zu bieten; einen reinen und immerfort fließenden Quell lebendigen Wassers darzureichen, der Hirt und Herde zugleich erquicke und stärke – habe ich nach bestem Vermögen die gesamte Ordnung der Religion, die ja den ganzen Inhalt der Glaubens- und Sittenlehre umfasst, in eine Ordnung gebracht, ausgelegt – mit Klarheit, wie ich hoffe – und mit Beweisgründen gestützt.
Wie bei der Erteilung jeglichen Unterrichtes die Methode und die Art und Weise der Mitteilung von beträchtlicher Bedeutung sind, so sollten bei der Unterweisung des Volkes Methode und Art und Weise für überaus wichtig erachtet werden.
Was die Methode betrifft, so habe ich mich vom heiligen Augustinus leiten lassen, der in seiner Abhandlung »Über die Unterweisung der Unwissenden« (De catechizandis rudibus) sagt:
»Die wahre Methode, die Religion zu lehren, besteht darin, unseren Bericht über die Religion mit der Erschaffung aller Dinge im Stande der Vollkommenheit zu beginnen und die ganze Geschichte des Christentums bis auf den gegenwärtigen Zeitraum der Kirche und durch die Kirche bis auf unsere eigene Zeit zu entwickeln«; mit anderen Worten: zu zeigen, wie der allmächtige Gott vom Anbeginn der Welt an stets der Lehrer der Menschheit gewesen ist durch jene, die er zuerst in eigener Person lehrte und denen er dann gebot, andere in seinem Namen und kraft seiner Autorität zu lehren.
Diese Methode habe ich in meiner Reihe von Katechismen befolgt, weil sie mir als die natürlichste, die vernünftigste, die am leichtesten verständliche, die zur Begründung des Glaubens geeignetste und die in unserem Zeitalter des Unglaubens und der Verderbnis notwendigste erschien. Was ist natürlicher, als zuerst vom göttlichen Lehrer und danach von dem zu sprechen, was er lehrt? Was ist vernünftiger, als das erhabene Gebäude aller christlichen Erkenntnis auf seinem eigenen sicheren und festen Grunde aufzuführen – auf der Autorität Gottes in der Kirche? Was ist leichter zu verstehen als der Grund unserer Religion, wenn er geschichtlich entwickelt wird?
Was kann besser geeignet sein, Glauben einzuflößen, als die Methode, die zeigt, wie Gott uns durch jene lehrt, die er bestellt hat, in seinem Namen und kraft seiner Autorität zu lehren? Was ist vor allem in diesen Tagen notwendiger, als Katholiken und Nichtkatholiken einen richtigen Begriff vom Geiste und Wesen unserer Religion zu geben, damit sie dieselbe lieben und mit standhaftem Glauben umfassen?
Ein großer Teil der katholischen Laien ist in den Grundsätzen und Beweggründen seiner Religion ungenügend unterrichtet und bedarf einer volleren Unterweisung, um die Ränke seiner protestantischen und ungläubigen Feinde, die seinen Seelen nachstellen, zu durchschauen und ihnen zu widerstehen. Sie bedürfen der vollständigsten Unterweisung nicht nur in den katholischen Dogmen und Übungen, sondern auch in den großen zugrunde liegenden Prinzipien, welche zeigen, dass die Kirche der göttlichen Schöpfungsordnung innewohnt und sie darstellt, und dass alles, was mit ihrer Lehre unvereinbar ist, mit ihrer göttlichen Ordnung, ja mit dem göttlichen Wesen selbst unvereinbar ist.
Sie bedürfen ihrer, um den giftigen Hauch der Welt zu erkennen und zu meiden. Die Kirche ist nicht die eine Religionsgemeinschaft unter vielen; sie ist die einzige Religionsgemeinschaft. Wie es ohne Gott nichts gibt, so gibt es ohne die Kirche oder außerhalb ihrer keine Religion, kein geistliches Leben. Alle angeblichen Religionen außerhalb ihrer sind Trugbilder, haben bestenfalls keine Grundlage, stehen auf nichts und sind nichts; sie können der Seele weder Leben noch Halt geben, sondern lassen sie außerhalb der göttlichen Ordnung, um in die Hölle zu stürzen.
Die Katholiken müssen dies wissen und wohl verstehen, wie ihre Religion auf göttlicher Offenbarung beruht und wie ihre Hut auf Erden einer Körperschaft von Männern übertragen ist, der ein unfehlbarer Führer vorsteht, von Gott beauftragt, alle Menschen mit Autorität und unfehlbar alle ihre heiligen und unwandelbaren Wahrheiten zu lehren – Wahrheiten, die wir folglich im Gewissen verpflichtet sind, ohne Zaudern anzunehmen. Dies ist die feste Richtschnur des christlichen Glaubens; es ist die Grundlage, auf der alle Dogmen ruhen. Wird diese überaus wichtige Wahrheit von den Katholiken wohl verstanden, so werden sie sich nicht leicht in den Schlingen des Unglaubens fangen lassen.
Auch kann eine Erörterung einzelner Lehrpunkte für jemanden, der von der göttlichen Autorität der Kirche nicht gründlich überzeugt ist, von keinem großen Nutzen sein. Ist diese einmal angenommen, so folgt alles andere logisch, wie von selbst.
Daher sollte niemand in die Herde Christi aufgenommen werden, der nicht fest daran hält und erklärt, dass die römisch-katholische Kirche, regiert vom Nachfolger des heiligen Petrus, die einzige von Gott bestellte Lehrerin des Evangeliums auf Erden ist. Wie vertraut Personen außerhalb der Herde auch mit den katholischen Lehren sein mögen, oder wie sehr sie auch an katholische Dogmen glauben mögen – ohne an dieser grundlegenden Wahrheit des katholischen Glaubens festzuhalten, sollten sie niemals zum Eintritt in die Kirche zugelassen werden. Sobald diese wohl verstanden und fest geglaubt ist, bedarf es nur geringen Aufschubes bis zu ihrer Abschwörung.
Was die Art und Weise betrifft, die Wahrheiten der katholischen Religion darzulegen, so soll sie, wie der heilige Franz von Sales in seiner glücklichen Weise sagt, sehr liebevoll sein. »Sanftmut«, sprach er, »hat mehr Einfluss auf die Menschen als Strenge. Mit einem Löffel voll Honig fängt man mehr Fliegen als mit einem Fass voll Essig. Der Stolz ist dem Menschen so natürlich, besonders den religiösen Sektierern, weil sie keine unfehlbare Autorität für ihre Lehre haben. Daher verbittert jedes harte Wort ihre Herzen, statt sie zu belehren.
Jedes Mal, wenn ich mich schneidender Sprache, vorwurfsvoller oder tadelsüchtiger Worte bedient habe, hatte ich Grund, es zu bereuen. Wenn mir das Glück zuteil geworden ist, einige Irrgläubige zu gewinnen« (er soll deren zweiundsiebzigtausend bekehrt haben), »so ist dies der Macht der Sanftmut zuzuschreiben. Liebe und aufrichtige Zuneigung haben mehr Einfluss auf das Herz – ich will nicht sagen als Strenge, sondern sogar mehr als die Kraft und Gediegenheit der Beweisführung. Jesus Christus, der Strenge gegen die halsstarrigen Juden für notwendig hätte halten können, lehrte dennoch seine göttliche Lehre mit beispielloser Liebenswürdigkeit und Zuneigung.
Diejenigen, die im Umgang mit Sündern und Nichtkatholiken ihren Eifer über ihr Gemüt Herr werden lassen, machen ihre Sache verdächtig. Das Licht der Wahrheit, selbst wenn es von behutsamer Hand dargeboten wird, verletzt oft die schwachen Augen der Andersgläubigen; wird es ihnen aber unbesonnen und ohne Rücksicht auf Gefühle und Gemütsverfassungen voll ins Gesicht gestoßen, so blendet es sie gänzlich.
Niemals wird die Wahrheit ohne die Liebe vorwärtskommen. Ganz anders verhält es sich mit der Gottlosigkeit; denn nimmt man aus den Werken Luthers, Calvins, Zwinglis und Bezas alle Verleumdungen, Schmähreden, Schimpfworte und Spöttereien gegen den Papst und die Kirche hinweg, so wird sehr wenig übrig bleiben, das die Aufmerksamkeit fesseln könnte.«
Wenn er von Irrgläubigen mit unverschämten Worten angegriffen wurde, antwortete er ihnen ruhig und sanft, ohne den geringsten Anschein von Streitsucht, gemäß der Lehre des heiligen Paulus: »Wenn aber jemand streitsüchtig zu sein scheint, so haben wir diese Gewohnheit nicht, noch die Kirche Gottes« (1 Kor. 11, 16). Er hörte die Einwürfe der Irrgläubigen oder Ungläubigen aufs freundlichste an.
Kam die Reihe zu reden an ihn, so verschwendete er seine Zeit nicht mit Disputieren, sondern zeigte ihnen die Schönheit des katholischen Glaubens im Allgemeinen; dann schilderte er die Gottlosigkeit derer, die ihn geschmäht hatten, und zeigte die verderbliche Wirkung des Protestantismus auf die Seele, auf das Herz, auf den Verstand, auf Sitten und Gebräuche, auf das Staatswesen und die Gesellschaft selbst.
Jede einzelne Wahrheit des Glaubens stellte er in ihrer echten Einfachheit dar und pries die ihr eigentümliche Anmut und Schönheit auf so natürliche Weise, dass alle Herzen unwiderstehlich für sie gewonnen wurden. Er war aufs sorgfältigste darauf bedacht, niemals ein einziges Wort der Streitrede über seine Lippen kommen zu lassen. Dann ging er zu solchen frommen Betrachtungen und Gedanken über, wie der Gegenstand sie natürlicherweise nahelegte, und darauf ruhten hauptsächlich seine Hoffnungen.
»Denn«, sprach er, »meine Erfahrung in dreißig Jahren der Seelsorge hat mich gelehrt, dass der Mensch nur bekehrt wird, wenn sein Herz gerührt, sein Gewissen aus dem Schlummer geweckt, der Sünde überführt, durch ein furchtbares Erwarten des kommenden Gerichtes aufgeschreckt und dahin gebracht wird, auszurufen: ›Ihr Männer, Brüder, was sollen wir tun, um selig zu werden?‹
Wenn wir die sittlichen Wahrheiten mit Frömmigkeit und Eifer vortragen, so sind sie gleich ebenso vielen glühenden Kohlen, die unseren Zuhörern ins Antlitz geworfen werden; diese werden durch eine solche Art zu reden erbaut, denn sie haben ein Gewissen, mag es auch lange geschlafen haben, und im Innern ihrer Seele einen Zeugen für die Wahrheit dessen, was wir ihnen sagen, mögen sie auch seine Stimme lange erstickt haben.
Wenn wir mit dem Beistand der Gnade Gottes das Gewissen aus seinem Schlummer geweckt und die Stimme der Vernunft, die gleichsam inmitten heidnischer Gräuel zum Schweigen gebracht war, in den Tiefen der Seele vernehmbar gemacht haben und der Mensch um sein Heil besorgt geworden ist, so wird er lenksamer und lässt sich leichter bewegen, Privatunterricht anzunehmen, in welchem wir die Spinngewebe-Theorien, Verneinungen, Spitzfindigkeiten und Unwahrheiten des Protestantismus leicht hinwegfegen und den Neubekehrten in den herrlichen und lebenspendenden Wahrheiten des Evangeliums unterweisen können.«
Da ich mich bemüht habe, die Methode des heiligen Augustinus und die Art und Weise des heiligen Franz von Sales in der Erteilung des Unterrichtes zu befolgen, so steht zu hoffen, dass dieses Werk allen ein Schatz der Erkenntnis werde, eine Quelle des Trostes, ein Mahner des Gewissens, ein Rüsthaus der Verteidigung, ein Gegengift, um das Gift falscher Lehren und Grundsätze unschädlich zu machen, ein Diener, um Vorurteile zu beseitigen, Unwissenheit zu beheben, die Frömmigkeit zu fördern und den Glauben zu befestigen.
Sollten einige Antworten für den katechetischen Unterricht etwas zu lang erscheinen, so möge man bedenken, dass das Werk nicht nur für die Unwissenden bestimmt ist, die katechisiert werden sollen, sondern auch für alle Personen, die nach Belehrung und Unterweisung verlangen, und hauptsächlich für Priester, Schulbrüder und Schulschwestern, Sonntagsschullehrer und für alle, denen die religiöse Erziehung der Jugend anvertraut ist. Es bleibt dem Ermessen der Lehrer überlassen, solche Teile der Antworten auszuwählen, die der Fassungskraft derer, die sie zu unterrichten haben, am besten entsprechen.
Der im Jahre 1877 erschienene »Intermediate No. III Catechism, for High Schools and Academies« (Mittlerer Katechismus Nr. III für höhere Schulen und Akademien) bildet den Text des Werkes, und die dort beobachtete Ordnung der Fragen und Antworten ist durchweg beibehalten.
Ich habe nur noch hinzuzufügen, dass ich dieses Werk und alles, was ich sonst veröffentlicht habe, dem besseren Urteil unserer Bischöfe, besonders aber dem Heiligen Stuhle unterwerfe, da ich sehnlichst wünsche, nichts zu denken, nichts zu sagen, nichts zu lehren, als was von denen gebilligt wird, deren Obhut das heilige Glaubensgut (depositum fidei) anvertraut ist – von denen, die über uns wachen und »Gott Rechenschaft geben werden für unsere Seelen«. –
aus: Michael Müller, CSsR, Gott, der Lehrer der Menschheit, 1880, S. IX
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