Allgemeiner Überblick über die Gebote

Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote

aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre

Erster Teil: Die Zehn Gebote Gottes

Nr. I. Allgemeiner Überblick über die Gebote

Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote (Joh 14,15)

Wichtigkeit der Gebote

Bedeutung der Gebote

Es wäre schwer, die Wichtigkeit des Gegenstandes zu übertreiben, den mit Euch in diesem und in den folgenden Briefen zu erörtern mir vergönnt sein wird. Denn er handelt von den vornehmsten Gesetzen, die Gott den Menschen gegeben hat, um ihr sittliches Handeln in den mannigfachen Lebenslagen zu gestalten. Wir haben zwar die Wahrheiten zu glauben, die uns kraft göttlicher Autorität zur Annahme vorgelegt werden. Aber der Glaube, obgleich zum Heil notwendig und eine unerlässliche Bedingung, um Gott zu gefallen (Hebr. 3, 6), genügt nicht. Es reicht nicht aus, unseren Geist der Wahrheit anzugleichen. Es ziemt uns auch, unseren Willen und die aus den Entschlüssen und Entscheidungen dieses Willens folgenden Handlungen mit dem Willen Gottes in Einklang zu bringen.

Mit einem Wort: Außer dem Glauben und dem Hoffen auf Ihn müssen wir Ihn auch lieben: „Wer nicht liebt, bleibt im Tod.“ (1. Joh.) Was aber wahre und echte Gottesliebe bedeutet, sagt uns unser Herr selbst in en W orten, die an der Spitze dieses Briefes stehen: „Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote.“ Hier liegt die Probe echter Liebe. Was kann also wichtiger sein, als eine möglichst gründliche Kenntnis dieser Gebote zu besitzen? Ohne sie zu kennen, können wir sie ja schwerlich halten und keinen festen Beweis unserer Liebe zu Gott erbringen.

Die wahre Gottesliebe

Die Gebote verpflichten unter Sünde

Diese göttlichen Anordnungen heißen Gebote. Sie sind nicht bloße Äußerungen des Wohlgefallens Gottes, seiner Wünsche und Vorlieben. Sie enthalten seine ausdrücklichen Befehle, die das Gewissen der Menschen unter Strafe der Sünde binden. Auf den ersten Blick möchte es unmöglich scheinen, dass Gott, bedenkt man des Menschen Kleinheit und gänzliche Abhängigkeit von seinem Schöpfer und Herrn, seinen Willen jemals in anderer Form als der eines strengen Befehls kundtun sollte, oder dass die Missachtung seiner Wünsche je hinter einer offenbaren Sünde zurückbliebe.

Ja, sobald wir (soweit unsere Schwachheit es erlaubt) seine überragende Größe und furchtbare Majestät erfassen, müsste es scheinen, dass jede, auch die kleinste Abweichung von seinem Wohlgefallen nicht bloß eine Sünde, sondern obendrein eine schwere wäre, die die härteste Strafe nach sich zöge. Aber Großmut gehört zu seiner Größe selbst. So geschieht es, dass Er manches will, ohne es unter irgendeiner Sünde zu gebieten, und dass Er in dem, was Er streng befiehlt, gnädig zwischen schwereren und lässlichen Übertretungen seines Gesetzes unterscheidet. Die letzteren behandelt Er milder, und Er entzieht um ihretwillen seine frühere Liebe weder, noch vermindert Er sie auch nur. (1)

(1) Diese letzte Aussage folgt logisch aus dem von den Theologen allgemein vertretenen Grundsatz, dass keine noch so große Zahl lässlicher Sünden zu einer Todsünde anwachsen kann, mit deren Folge, dem gänzlichen Verlust der Liebe Gottes.

Sie entfalten das natürliche Gesetz

Der geoffenbarte Sittenkodex der Zehn Gebote, sonst „Dekalog“ genannt, ist eine Entfaltung und in manchen Punkten eine Erweiterung des „natürlichen“ Gesetzes, das heißt jener Grundsätze von Recht und Unrecht, die der voll entwickelte und unverdorbene Geist des Menschen im Lichte der reinen Vernunft erkennen kann. In diesen Geboten offenbart Gott seinen Willen über das sittliche Handeln des Menschen ausführlicher, und zwar auch in Punkten, die die sich selbst überlassene menschliche Vernunft entweder gar nicht zu ermitteln vermöchte oder nur dunkel wahrnehmen könnte.

Die Kirche liefert ihre christliche Auslegung

Überdies fordern selbst die Zehn Gebote, die wir in diesem Brief betrachten, ein niedrigeres Maß des Verhaltens als das christliche. Christus, unser Herr, sagt uns, dass Er „nicht gekommen sei, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen“, das heißt zu vervollkommnen. Daher muss der Christ sich die Gebote in ihrer vollen Entfaltung erklären lassen, und zwar von jener Kirche, die Christus beauftragte, „alle Völker zu lehren“, und die, nachdem der Geist der Wahrheit sie an alles erinnert hatte, was Christus gesagt, die Welt lehren sollte, alles zu halten, was Er geboten hat. (Mt. 28, 20; Joh. 14, 26)

Ein Beispiel dieser zusätzlichen Vollkommenheit, die das Evangelium einführt, haben wir im Fünften und Sechsten Gebot: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten. … Ich aber sage euch: Wer immer zürnt seinem Bruder, der soll dem Gericht verfallen sein.“ Daher rechnet die katholische Kirche Zorn und Rache zu den Sünden gegen das Fünfte Gebot. Weiter: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist zu den Alten: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer immer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat in seinem Herzen schon die Ehe mit ihr gebrochen.“ (Mt. 5, 21-22; 27-28)

So dehnt die Kirche das Verbot der Sinnlichkeit auf den inneren Bereich des Gedankens und des Begehrens aus. Sie verwirklicht damit die Absicht der Lehre des Evangeliums, die das innerste Herz des Menschen ebenso ordnen und heiligen will wie den Gebrauch seiner leiblichen Sinne und sein äußeres Verhalten. So sucht sie, alle seine Kräfte und Fähigkeiten in Einklang zu bringen mit der obersten Richtschnur des Handelns, der Weisheit und Güte Gottes, wie sie sich in Christus geoffenbart hat.

Einteilung

Wenn wir die zehn Vorschriften des Dekalogs durchgehen, sehen wir, dass sie den Menschen in seinem dreifachen Verhältnis betreffen: (1) zu Gott, (2) zu seinem Nächsten und (3) zu sich selbst. So schreiben die ersten drei Gebote unsere unmittelbareren Pflichten gegen Gott vor: die Pflicht, Ihn anzubeten, seinen Namen zu ehren und Ihm gegebene Versprechen zu halten sowie einen Tag der Woche seinem besonderen Dienst vorzubehalten.

Die übrigen sieben betreffen hauptsächlich die Pflichten des Menschen gegen seine Mitmenschen, gemäß den verschiedenen Beziehungen, in denen er zu ihnen stehen kann. Beiläufig umfasst aber diese zweite Gruppe auch die Pflichten des Menschen gegen sich selbst. So verbietet etwa das Fünfte Gebot Selbstmord und Selbstverletzung, und das Sechste, Neunte und Zehnte Gebot zügeln jene ungeordneten Begierden, die den Nächsten nicht unmittelbar berühren. Wir können den ganzen Umfang der Gebote auch in Gebote und Verbote einteilen, die Gedanken, Begierden, Worte, Taten und Unterlassungen des Menschen regeln.

Dieser allgemeine Überblick über Umfang und Aufbau des Dekalogs wird uns auf eine eingehende Prüfung seiner Vorschriften vorbereiten. –
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre (Erste Reihe) Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote, 1914, S. 7 – S. 11

Siehe das Inhaltsverzeichnis

Siehe auch auf katholischglauben.info:

Bildquellen

  • Moses_Comes_Down_from_Mount_Sinai: wikimedia | Public Domain Mark 1.0
Vernichtung von Völkern wegen Sodomie
Die Mission ist ein Wahrheitsbeweis der Kirche

Suchen