II. Missionsgeist im Geiste Jesu
Fortsetzung: Die Mission ist ein Wahrheitsbeweis der Kirche
Im Lichte dieser missionsgeschichtlichen Tatsachen erkennen wir, dass sich in der katholischen Kirche wirklich die Gehorsamstat gegen den Missionsbefehl Jesu Christi so vorfindet, wie es in der wahren Kirche der Fall sein muss. Dadurch wächst das Missionswerk unserer Kirche zu einem Argument heran, zu einem überzeugungsvollen Beweis für ihre göttliche Wahrheit. Theoretisch und praktisch mitten im kirchlichen Pflichten kreis stehend, ist die Erfüllung des Missionsgebotes eine wirksame Verteidigung der katholischen Kirche.
Die wahre Kirche Jesu Christi muss eine Weltkirche werden und darum Weltmission betreiben. Sie muss allen Völkern der Erde die frohe Botschaft vom Reich Gottes bringen, muss seine Lehre und seine Heilsmittel hinaustragen bis an der Erde Grenzen. Dazu hat ihr göttlicher Stifter sie berufen und ausgerüstet, hat es als heilige, letztwillige Verfügung ihr hinterlassen. Würde sie treulos sich jahrhundertelang nicht darum bekümmern, so hätte sie offenbar Jesu Geist nicht; eines der wesentlichsten Kennzeichen seiner Stiftung fehlte ihr, sie wäre nicht mehr die katholische, d. h. die allgemeine Kirche.
Nun sehen wir aber freudig, dass unsere Kirche von jenem Tag an, da Jesus gesprochen hat: Gehet hin und lehret alle Völker!“, bis in unsere Gegenwart sich unaufhörlich ihrer Missionspflicht bewusst geblieben ist, dass sie ihren Missionswillen allzeit betätigt und eine herrliche Missionskraft offenbart hat. Sie war zu aller Zeit eine Missionskirche, und sie hat unter allen christlichen Religionsgemeinschaften allein dies wichtige Merkmal. Dem Willen Jesu gemäß hat diese Kirche stets treu an der Weltbekehrung gearbeitet, und das Missionswerk hat in ihrem Pflichtenkreis jene Stellung gefunden, die ihm gebührt. Wie zum Lohne für die Wahrheit und einzige Berechtigung der katholischen Kirche.
Wichtige Folgerungen
Aus dieser Stellung schöpfte aber auch das Missionswerk selbst erst Licht und Luft, Lebens- und Leistungsfähigkeit. Indem die Heidenmissionierung so entschieden in die Reihe der Pflichten der Kirche hineingerückt wird, erscheint sie als eine ganz selbstverständliche Sache, als eine gewöhnliche und ordnungsgemäße Angelegenheit. Es wird diese Aufgabe gegenüber den heiden dadurch den Zwecken und Arbeiten der Kirche unter den christlichen Völkern völlig gleichgestellt, als ebenso wichtig und ebenso dringend.
Mit dieser Auffassung erlangt das Missionswerk eine gesicherte Basis, die ihm eine weit solidere Existenz und Leistungskraft gewährt, als wenn es nur auf die Anhöhe freiwilliger karitativer Werte gestellt wird.
Im letzteren Fall wird es aus dem Pflichtenkreis der heiligen Kirche als seiner natürlichen Stellung herausgehoben und dadurch der wirksamen Anteilnahme der Gesamtheit entrückt, mag es auch noch so ehrenvolle Anerkennung und Lobeserhebung finden. Man wird es wohl als ein schönes Werk bewundern und preisen; man wird den Missionar als einen Glaubenshelden, als Märtyrer der Liebe, als Mann heroischen Opfers verherrlichen, aber von einem tätigen, warmen Interesse, wie es das Bewusstsein bewirkt, dass es sich um die wichtigsten Angelegenheiten der einen gemeinsamen Mutter handelt, werden weitere Kreise sich nicht durchdrungen fühlen.
Ist es auch für den Missionar verlockend und erfreulich, das Missionswesen als eine karitative Heldentat bewundert zu sehen, geschieht dies aber mit dem Gedanken, dass es eben nur ein Werk barmherziger Liebe ist, wofür dieser Mann sich merkwürdigerweise zum Opfer bringt, so wird seine Sache dadurch in eine Sphäre gerückt, die mehr imponiert als einlädt. Ein lediglich karitatives Unternehmen findet nie allgemeine Aufmerksamkeit und wirksamen Beistand. Ein kleiner Kreis ist dafür begeistert, die breitere Masse bleibt kalt und teilnahmslos; denn die bewegt sich nur, wenn sie muss. Nicht wenige aber stehen argwöhnisch oder direkt feindlich der Sache gegenüber, weil sie für ihren eigenen Zirkel fürchten. Dieses Los teilt mancherorts das katholische Missionswesen.
Darum ist es nötig, nachdrücklich zu betonen, dass es sich hier nicht um eine persönliche Liebhaberei oder gar Schwärmerei handelt, nicht um eine Privatangelegenheit einiger Orden oder Missions-Genossenschaften, sondern um eine Pflicht der katholischen Kirche, eine Aufgabe, die Jesus Christus ihr mit entschiedenem Hinweis auf seine göttliche Autorität zur Erfüllung übertragen hat.
Wohl ist es wahr, dass die Glaubensverbreitung tatsächlich in der Caritas ihren Nährboden hat und aus ihr lebt; gerade hier hat die katholische Caritas durch alle Jahrhunderte gezeigt, was sie, zumal an persönlicher Hingabe zu leisten vermag; es ist wahr, dass gerade der Heidenmissionar ein Mann der Caritas sein muss, erfüllt sein muss von jener Liebe, die St. Paulus so wunderbar preist (1. Kor. 13), und dass er ohne sie nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle ist; aber ebenso wahr ist es, dass die katholische Kirche bei der Aussendung ihrer Glaubensboten sich nicht nur von Mitleid und Erbarmen mit der Not der Heidenwelt leiten lässt; sie hat ein schwereres Motiv:
die heilige und ernste Verpflichtung gegen den Willen Jesu, ihres göttlichen Meisters. Und als Pflicht und Aufgabe der Kirche muss dem Werk der Glaubensverbreitung das wahre, warme Interesse und die wirksame Teilnahme eines jeden guten Katholiken sicher sein.
Derselbe Grund muss das Missionswerk auch davor bewahren, als eine fremde und ferne Angelegenheit angesehen und dementsprechend behandelt zu werden. Der Himmelsbaum der katholischen Weltmission, der aus dem Senfkörnlein der Pfingstgemeinde emporgewachsen ist und durch die Tätigkeit der Missionare seine Äste jetzt ausbreitet in den Heidenländern, damit alle Völker der Erde in seinem friedlichen Schatten wohnen und sich von seinen köstlichen Früchten nähren, dieser Baum steht mitten im Garten der katholischen Kirche, und er hat seine Wurzeln in allen Gemeinden des katholischen Volkes, auch in unserer Heimat. Die Missionen sind keine fremde Sache, sondern eine Hausangelegenheit der katholischen Kirche und damit eine Familienangelegenheit des katholischen Volkes.
Ebenso sind auch die katholischen Missionare nicht Vertreter persönlicher und fremder Interessen, sondern sie sind Priester und Apostel unserer Kirche, von ihr beglaubigt und ausgesendet, um die kirchlichen Pflichten gegenüber der Heidenwelt zu erfüllen; sie sind Seelsorger in der Reihe aller übrigen Seelsorger mit den Pfarrern und Kaplänen unserer Heimat.
Allerdings sind sie finanziell weit ungünstiger gestellt, arme Leute, dazu verurteilt, das ganze Leben hindurch ein Bettlerdasein zu führen und oft genug selbst am dürftigsten täglichen Brot Mangel zu leiden; aber Priester und Diener der katholischen Kirche sind sie, und die Sache, der sie ihre Kräfte und ihr Leben weihen, ist eine eminent katholische Sache. Wir haben in ihnen nicht fremde Männer vor uns, die außerhalb der Grenzpfähle der Kirche auf eigene Faust auf Eroberung ausziehen; sondern es sind Arbeiter die die katholische Kirche gedungen hat für den eine Weinberg Gottes, und sie bearbeiten und bebauen jenen Teil des gemeinsamen Weinbergs, in dem die Dornen und Disteln dichter und schärfer sind als anderswo. –
Wenn wir so den Missionar auffassen, dann rückt er an unsere Seite; wir werden uns für ihn interessieren, nicht nur, weil er interessant ist, sondern weil wir in ihm den Apostel unserer Kirche sehen, deren Ausbreitung unter den Völkern der Erde er fördert, wie Christus es befohlen hat.
In demselben Licht müssen die Missionshäuser der Heimat aufgefasst und beurteilt werden. Sie dienen nicht fremden Zwecken, sondern sind notwendige Anstalten in der Kirche und für die Kirche, ebenso dringend erforderlich und ebenso berechtigt wie Priesterseminare und Klöster. Sie sind die unentbehrliche Grundlage, auf der allein der Missionsbefehl des Herrn ausgebaut werden kann.
Nicht umsonst ließ der Heiland die ersten Missionare an seinem Herzen geistig aufwachen und aufwachsen; ließ sie in seiner wirksamen Nähe sich hineinleben in jenen Geist der Treue und des Eifers, womit er, der himmlische Missionar, den Sendungsbefehl seines Vaters ausführte; lehrte sie durch sein ständiges Vorbild denken, empfinden, arbeiten, opfern wie er, weil nur diese Gesinnung sie fähig machen konnte für das Glaubenswerk. –
So muss auch immerfort noch der junge Missionar heranwachsen am Herzen der Kirche dort, wo die wärmsten Pulsschläge kirchlichen Lebens sich finden, in den Klöstern und rein kirchlichen Anstalten, damit er den Geist Jesu, wie er in der Kirche fortlebt und an diesen Stätten am treuesten widerleuchtet, in sich aufnehme; damit er lernt, ganz zu denken, zu fühlen, zu verlangen, zu opfern, zu leiden wie die Kirche, deren Leuchter er durch Wort und Beispiel in den Heidenländern werden soll. –
Der Missionar soll sein das Licht der Welt dort, wo die Finsternis am schwärzesten ist; er soll sein das Salz der Erde dort, wo es am leichtesten verdirbt; muss er da nicht mehr Feuer in der Brust tragen und widerstandsfähigere Tugend besitzen als andere Arbeiter in der Kirche? Wenn ja, dann muss dieser junge Baum auch auf dem günstigsten Boden in der Kirche gepflanzt, gehegt und gepflegt werden. Die Bildungsanstalten unserer katholischen Missionare sind als Pflanzstätten der Missionstugenden geradezu die unersetzlichen Brunnen, aus denen das Werk der Glaubensverbreitung lebendiges Wasser schöpft.
Ohne solche Anstalten gibt es kein Missionswerk; sie sind daher im Missionsbefehl des Herrn mit einbegriffen, und ihr Wohl und Wehe, als unzertrennlich mit dem Auf- und Niedergang der katholischen Missionen verbunden, ist keine Privatsache der betreffenden Ordensgenossenschaften, sondern eine Angelegenheit der katholischen Kirche selbst.
Anwendung!
Katholisch sein heißt ein Missionsherz in der Brust tragen; die Liebe zur Kirche wird sich in wirksamer Liebe zu den Missionen betätigen.
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Fassen wir die Gedanken über die Missionsaufgabe der Kirche zusammen! –
Der im letzten Willen des Herrn ausgesprochene Befehl zur Ausbreitung seines Reiches ist an die Kirche gerichtet, und ihr ist es zur Pflicht gemacht, diesen Willen ihres Stifters zu erfüllen. Missionsarbeit ist daher der Kirche wesentlich und unentbehrlich, ist ein Beweis ihres göttlichen Ursprungs und ihrer Verbindung mit Christus.
Die katholische Kirche allein hat dieses Merkmal; denn sie, und zwar sie ausschließlich, hat zu allen Zeiten Jesu Auftrag erfüllt und die frohe Botschaft seines Glaubens, seiner Hoffnung, seiner Liebe in alle Welt hinausgetragen und zahlreiche Nationen des Erdkreises aus heidnischer Finsternis in das volle Licht des Christentums geführt. Dadurch hat sie zugleich mit der Gehorsamstat gegen Jesus Christus, ihren Stifter, auch den Beweis ihrer hohen Befähigung zur Christianisierung der Welt erbracht. –
Das Missionswerk tritt uns aber unbestreitbar als Pflichtwerk und Herzensanliegen der Kirche entgegen und kann allein unter diesem Gesichtspunkt richtig aufgefasst und beurteilt werden. –
aus: P. Hermann Fischer SVD, Jesu letzter Wille, 1923, S. 38 – 43
Siehe die Beiträge auf der Seite
- P. Hermann Fischer SVD: Jesu letzter Wille – Stiftung und Stellung der katholischen Heidenmission
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Bildquellen
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