Kapitel über antipäpstliche Vorurteile
KAPITEL III
Weitere moderne Verleumder und Ehrabschneider gegen die Päpste Gregor XVI. und Pius IX.
Rufmord gegen die Päpste durch Léo Taxil
Obwohl die beispiellose Dauer des Pontifikats von Pius IX. und die heftigen politischen Leidenschaften, die durch die Bewegung „Junges Italien“ (Giovine Italia) geschürt wurden, dazu führten, dass er vielleicht schändlicher verleumdet wurde als jeder seiner Vorgänger, gab es dennoch nur wenige Inhaber des Stuhls Petri, deren moralischer Charakter nicht irgendwann einmal durch Verleumdung angegriffen worden wäre. Das Außergewöhnliche im Fall von Pio Nono ist die vollständige Rehabilitierung durch Zeugenaussagen wie die von Nicolini – politisch sein erklärter Gegner, zugleich aber sein Landsmann und enger Freund von Familienmitgliedern.
Wie bereits erwähnt, war Nicolini ehrlich genug, kein falsches Zeugnis über Tatsachen abzulegen, von denen er sich mit eigenen Augen und Ohren überzeugt hatte. Doch sobald man den Bereich seiner persönlichen Erfahrung verlässt, zeigt er sich ebenso bereit wie jeder andere Revolutionär, die übelsten Gerüchte zu verbreiten, die unter den Agitatoren kursierten, in deren Kreisen er sich bewegte.
Verleumdungen und Rufmord gegen Papst Gregor XVI.
Im Zusammenhang mit Papst Gregor XVI. (Cappellari), dem unmittelbaren Vorgänger von Pio Nono, lässt Nicolini seine Leser wissen, dass die über dessen Privatleben verbreiteten Berichte „alle ehrlichen und gewissenhaften Männer unter den gläubigen Katholiken von ihm als Pontifex entfremdet“ hätten (1), und er fügt diesen Berichten noch beleidigende Einzelheiten hinzu.
Die zitierte Behauptung ist offensichtlich absurd, wie jeder feststellen kann, der die Tagebücher oder die Korrespondenz jener Zeit zu Rate zieht.
(1) Siehe Nicolini, Pius IX., S. 6–7.
Doch die heftigen politischen Feindseligkeiten, die durch die damalige päpstliche Politik der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung hervorgerufen wurden, veranlassten die Unzufriedenen dazu, jede Ungewöhnlichkeit in Gregors Verhalten auszunutzen, die sich irgendwie zu seinem Nachteil verdrehen ließ. Insbesondere war bekannt, dass er freundschaftlich mit der Familie seines Sekretärs Gaetano Moroni verbunden war, und diese Vertrautheit wurde auf das Übelste ausgelegt. Es hätte keinen Zweck, die aberwitzigen Geschichten wiederzugeben, die in diesem Zusammenhang verbreitet wurden. Nicht der geringste Beweis wurde jemals für irgendeinen von ihnen erbracht.
Sie stammten aus derselben Schmiede wie jene bereits behandelten Verleumdungen über Pius IX.; doch während im Fall von Pio Nono alles auf bloßen Luftschlössern beruhte, bot die bekannte, aber völlig unschuldige Freundschaft zwischen dem betagten Papst (2) und der Familie seines Kammerdieners den Kritikern einen Aufhänger für ihre niederträchtigen Unterstellungen. Tatsächlich scheint der Papst – ein ehemaliger Kamaldulenser-Mönch – ein einfacher und freundlicher Gelehrter gewesen zu sein, der Förmlichkeiten nicht mochte.
(2) Papst Gregor XVI. war 65 Jahre alt, als er zum Papst gewählt wurde, und er starb 1846 im Alter von 79 Jahren.
Noch als Abt hatte er den jungen Moroni kennengelernt, der damals eine Barbierlehre absolvierte, und bei ihm eine echte Begabung für Sekretariatsarbeiten entdeckt. Als Kardinal nahm er ihn daher in seine Dienste und förderte sein Vorhaben, eine umfangreiche kirchliche Enzyklopädie (*Dizionario di Erudizione storico-ecclesiastica*) zu verfassen, die im Laufe der Zeit unter diesem Titel in 103 Bänden erschien. Dass Gaetano Moroni als *Aiutante di Camera* (Kammerdiener) des Papstes ein äußerst fähiger Beamter war, der einen unglaublich umfangreichen Schriftverkehr führte und über ein immenses Wissen auf abgelegenen – wenn auch bisweilen unkritisch betrachteten – Gebieten verfügte, lässt sich nicht bestreiten.
Es ist nicht das geringste Wahre an den Behauptungen seiner Kritiker, er habe sein *Dizionario* nicht selbst verfasst oder seinen Aufstieg etwas anderem als seinem eigenen Fleiß und Können verdankt. Dennoch äußert sich der ehemalige Barnabit Gavazzi – ein Freund Garibaldis – in seinem Buch *My Recollections of the Last Four Popes* (das freilich als Gegenschrift zu Kardinal Wisemans Memoiren mit ähnlichem Titel verfasst wurde) folgendermaßen zu dieser Angelegenheit:
Ein Beispiel für Gaetanos gerissene Machenschaften war sein Bestreben, als einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit zu gelten, indem er die Urheberschaft am „Wörterbuch der regulären Orden, der bemerkenswertesten Geistlichen und kirchlichen Ereignisse“ für sich beanspruchte. Dieses Wörterbuch gehörte ihm in Wahrheit ebenso wenig wie der Pfauenschwanz der Krähe oder das Löwenfell dem Esel aus der Fabel. … Durch die Vergabe von Gefälligkeiten vermehrte Signor Gaetano die unentgeltlich beigesteuerten Beiträge für sein Wörterbuch, und dieses füllte seinen Geldbeutel, denn Gregor verpflichtete alle Gemeinden zum Kauf des Werkes. Hier sehen wir einen Dieb, der sogar den Ruf von Autoren stiehlt. … (3)
(3) Gavazzi, My Recollections of the Last Four Popes (1858), S. 276.
Darauf folgt in Gavazzis Buch ein hämischer Angriff auf den Papst selbst; zur Erbauung seiner Leser breitet er all die üblen Klatschgeschichten aus, mit denen die römischen Revolutionäre Gregors Namen mit dem der „bella Gaetanina“ verknüpften – denn so, wie es heißt, pflegten sie die Ehefrau des „Barbiers Moroni“ zu nennen. (4)
(4) Vgl. den unangenehmen Ton bei T. A. Trollope, Life of Pius IX, Bd. I, S. 159.
Zu dieser Behauptung lässt sich mit Fug und Recht anmerken, dass die nachweisliche Unwahrheit des ersten Teils – bei dem sogar Name und Charakter des Wörterbuchs völlig verzerrt dargestellt werden – auch den zweiten Teil gänzlich unglaubwürdig macht.
Die zahlreichen, bis heute erhaltenen Manuskripte Gaetano Moronis zeugen von seinem unermüdlichen Fleiß. Als sein Gönner Gregor XVI. starb, war Gaetano – weit davon entfernt, eine Million Francs angehäuft zu haben – ein armer Mann mit großer Familie, der auf sein Arbeitseinkommen angewiesen war. Erst 38 Bände des *Dizionario* waren erschienen, und seine Verleumder prophezeiten freimütig, das Unternehmen werde nun scheitern; doch der Verfasser lebte noch weitere 37 Jahre und schuf 65 zusätzliche Bände sowie Register, wobei er – wie überliefert ist – bis zu vierzehn Stunden täglich arbeitete.
Zum Zeitpunkt von Moronis Tod im Jahr 1883 widmete ihm die *Nuova Antologia* (5) – eine italienische Zeitschrift von hohem Ansehen – einen ausführlichen Artikel unter dem Titel „Il Confidente di Gregorio XVI“; dieser würdigt das bemerkenswerte Spektrum seiner Gelehrsamkeit und entlastet ihn vollends von dem Vorwurf, die Gunst seines Gönners in ungebührlicher Weise ausgenutzt zu haben.
(5) Bd. 42, Nov./Dez. 1883, S. 263–281, von D. Silvagni. Die Sympathien des Verfassers waren keineswegs päpstlicher oder klerikaler Natur, wie sein Buch La Corte di Roma deutlich zeigt; dennoch findet er an den Beziehungen Gregors zum Haus Moroni nichts auszusetzen.
Wie bereits erwähnt, steht außer Zweifel, dass Papst Gregor ein Mann von sehr schlichtem und gütigem Wesen war. Selbst als Oberhaupt der Kirche pflegte er einen Tagesablauf, der in seiner Regelmäßigkeit an klösterliche Gepflogenheiten erinnerte. Um seine ungezwungene Herzlichkeit zu veranschaulichen – eine Eigenschaft, die seine Verleumder nur allzu gern in böswilliger Absicht missdeuteten –, genügt es, auf die Schilderung des Comte de Falloux von einer seiner Audienzen beim Heiligen Vater zu verweisen.
Er bewahrte auf dem Thron [schreibt de Falloux] die Sitten und die strenge Einfachheit eines Kamaldulenserklosters. Seine Gesichtszüge waren gewöhnlich, aber intelligent und wohlwollend. In seinem Vorzimmer wurde die Etikette gewahrt, in seiner Gegenwart jedoch darauf verzichtet; dort kniete man vor ihm nieder wie vor einem Vater, nicht wie vor einem Herrscher. … Bei unserer letzten Audienz brachten wir einen so großen Korb mit Rosenkränzen mit, damit er sie segne, dass er uns lachend fragte, wie wir sie dorthin geschafft hätten. Wir antworteten, unsere Diener hätten sie bis direkt vor seine Tür getragen. „Stammen sie“, fragte er, „auch aus eurer guten Provinz Vendée?“ „Dann lasst sie hereinkommen; ich werde ihnen zugleich mit euch meinen Segen spenden.“
Er ließ sie hereinrufen und stellte dem Mann wie auch seiner Frau mit großer Freundlichkeit verschiedene Fragen, ohne sich offenbar bewusst zu sein, dass er damit ein Beispiel für jene Art von Gleichheit gab, die das Christentum eingeführt hat und für die es bis heute das einzige Vorbild ist. (6)
(6) de Falloux, Mémoires d’un royaliste, 1888.
Es ließen sich leicht viele ähnliche Beispiele für die Bereitschaft Papst Gregors anführen, auf Förmlichkeiten zu verzichten und seinen Besuchern das Gefühl zu geben, sich in seiner Gegenwart ganz wie zu Hause zu fühlen.
Ernsthafte Historiker, die sich mit der Geschichte des Kirchenstaates in der Mitte des 19. Jahrhunderts befassen, tun die von Gavazzi, Nicolini und anderen verbreiteten Geschichten als wertlose Verleumdungen ab. Der dänische lutherische Bischof F. Nielsen äußert sich zwar äußerst scharf über Gregors politische Amtsführung, geht jedoch nur kurz auf dessen moralischen Charakter ein. „Böse Zungen“, so schreibt er, „waren eifrig bemüht – wie es scheint, ohne Grund –, die Güte, die Gregor XVI. Gaetano und dessen Frau erwies, auf eine Weise auszulegen, die der Moral des Papstes höchst abträglich war.“ (7)
(7) F. Nielsen, History of the Papacy in the Nineteenth Century (engl. Übers.), Bd. II, S. 82. Es ist ein bezeichnendes Beispiel für den bleibenden Schaden, den Verleumdungen anrichten: Obwohl Nielsen die gegen die Jugendzeit von Pius IX. erhobenen Vorwürfe der Ausschweifung zurückweist, spricht er ihn nicht gänzlich frei und verweist auf Vésinier und Petruccelli della
Gattina, als handele es sich um ernstzunehmende Autoritäten. Siehe Bd. II, S. 111, Anm.
Noch wertvoller ist das Zeugnis – auch wenn es vorwiegend negativer Natur ist – des italienischen Staatsmanns L. C. Farini in seinem Werk *The Roman State from 1815 to 1850*. Farini war, wie wir aus dem Vorwort von Mr. Gladstone erfahren, ein Politiker, der während des Pontifikats Gregors XVI. zweimal aus Rom verbannt worden war und folglich wenig Anlass hatte, sich lobend über einen Herrscher zu äußern, den er als unfähigen Despoten betrachtete.
Dennoch bemerkt er:
Mit meiner knappen Darstellung bin ich nun fast am Ende der Regierungszeit Gregors XVI. angelangt; in Bezug auf seine weltliche Herrschaft habe ich jene ernste Sprache gewählt, die mir Wahrheit und Gewissen geboten haben. Umso mehr freut es mich, ein ehrenvolles und achtungsvolles Zeugnis für sein Wirken als Oberhaupt der Kirche abzulegen – für seinen unermüdlichen Eifer bei der Förderung der katholischen Religion, für die Besonnenheit und den versöhnlichen Geist, die er bei der Regelung der Angelegenheiten des Jesuitenordens in Frankreich bewies, sowie für den Mut und die Edelmütigkeit, mit denen er die unter der russischen Tyrannei leidenden Katholiken verteidigte. (8)
(8) L. C. Farini, The Roman State from 1815 to 1850, übersetzt von W. E. Gladstone (Abgeordneter für die Universität Oxford), London 1851, Bd. I, S. 138.
Ein weiteres Zitat mag genügen, um den guten Ruf Papst Gregors zu würdigen. Es stammt aus einem Artikel der *Quarterly Review* (1858), der sich mit Kardinal Wisemans Werk *Recollections of the Last Four Popes* (Erinnerungen an die letzten vier Päpste) befasst. Der Verfasser bringt dem Kardinal – wie auch dem Katholizismus, den dieser vertrat – wenig Sympathie entgegen; doch im Hinblick auf Cappellaris Wahl zum Papst schreibt er:
Er war kein Mann von weitreichendem Blick oder herausragendem Intellekt, doch mangelte es ihm weder an gesundem Menschenverstand noch an guten Absichten. Er war aufrichtig fromm, beständig in seinen Bindungen, ein herzlicher Freund und kein erbitterter Feind … .
In all seinen Schwierigkeiten bewies er Standhaftigkeit und moralischen Mut. Sein Gerechtigkeitssinn war ausgeprägt … .
In Kleinigkeiten gab er sich gerne Genüssen hin. Er liebte die Geselligkeit; sein Gesundheitszustand machte ihm die kirchlichen Fastenzeiten wahrscheinlich äußerst beschwerlich, und für den gewissenhaften Katholiken liegt die Lösung in solchen Fällen im Wein. Die Geschichten über seine Maßlosigkeit halten wir für völlig unbegründet. Sie wurden aus Bosheit in die Welt gesetzt und erhielten Auftrieb durch ein polypenartiges Leiden (das später geheilt wurde), das seine Nase entstellte. (9)
(9) The Quarterly Review, Oktober 1858, Bd. 104, S. 111 und 134.
Es hat keinen Zweck, weitere Beispiele für die Flut von Verleumdungen anzuführen, die zu allen Zeiten über die Nachfolger des heiligen Petrus ergossen wurde und der nur sehr wenige gänzlich entgangen sind. Was ist beispielsweise von einem Buch zu erwarten, das folgenden Titel trägt – ich übersetze das französische Original ganz wörtlich:
„Geschichte der Päpste, Geheimnisse und Schandtaten des römischen Hofes, Verbrechen, Morde, Giftmorde, Vatermorde, Ehebruch, Inzest, Ausschweifungen und Schändlichkeiten der römischen Pontifices von St. Petrus bis auf unsere Tage“? Der Leser darf auch nicht etwa annehmen, bei diesem Buch von Lachâtre handele es sich um eine armselige kleine Broschüre, deren minderwertiger Charakter schon an der äußeren Aufmachung erkennbar wäre. Im Gegenteil: Die dritte, vierbändige Auflage, die mir vorliegt, ist ein Werk im Format Imperial-Oktav, reich illustriert mit einer Fülle keineswegs schlecht ausgeführter Stiche. Es erschien in den Jahren 1883–1884 in Lieferungen und wäre angesichts des damit verbundenen Kostenaufwands sicherlich niemals vollendet worden, hätte es nicht Tausende von Abonnenten gefunden.
Abgesehen von den Verbrechen und Unmoralitäten, die Päpsten wie Pius VI. und Pius VII. und sogar einem Papst wie Leo XIII. (10), der noch in unserer Zeit lebte, zugeschrieben wurden, wage ich es, einige Schlussfolgerungen zusammenzufassen, die sich aus dem bisher Gesehenen ergeben.
(10) L’ Empoisonneur Léon XIII, compte-rendu complet de Vaffaire du Chanoine Bernard; vols et empoisonnements commis avec la complicité du Pape actuel ist der Titel eines Buches von Léo Taxil, gedruckt um 1884. (‚Der Vergifter Leo XIII. – eine vollständige Darstellung der Affäre um Kanonikus Bernard; Diebstähle und Vergiftungen, begangen unter Mitwirkung des amtierenden Papstes.‘)
Es ist klar, wie ich meine:
(1) Dass im Falle von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, insbesondere der Päpste, ein tadelloses Leben und die gewissenhafte Erfüllung ihrer Pflichten keinen Schutz vor Verleumdung bieten, selbst nicht vor der abscheulichsten.
(2) Dass diese Gefahr enorm zunimmt, wenn politische Leidenschaften und materielle Interessen ins Spiel kommen.
(3) Dass, wenn eine Verleumdung weit verbreitet ist, die Wahrheit der Anschuldigung bei vielen, die in dem Umfeld leben, in dem sie als gegeben hingenommen wird, leicht zu einer festen Überzeugung werden kann.
(4) Dass die Möglichkeit, einen schlüssigen Beweis gegen solche Unterstellungen grober Verderbtheit zu erbringen, weitgehend vom Zufall abhängt. So kommt es beispielsweise vor, dass Nicolini, ein Mitbürger, eine Biografie Pius’ IX. in England verfasste, bevor dessen Jugend überhaupt Verleumdungen aufkamen.
Dass aber die Existenz eines solchen Zeugnisses reiner Zufall ist, mit dem man normalerweise nicht rechnen kann.
(5) Dass der voreingenommene Kritiker, der Jahre nach dem Ereignis schreibt, selbst wenn er ehrliche Absichten hat, dazu neigt, solche Verleumdungen eher als Übertreibungen denn als Erfindungen zu betrachten und anzunehmen, dass die Wahrheit am besten durch einen Mittelweg zwischen Lobpreisung und Anklage erreicht wird.
(6) Dass die Anführer solcher politischer, religiöser und allgemein revolutionärer Kampagnen nicht mehr Skrupel haben, mit wem sie sich verbünden, als mit welchen Waffen sie sich verbünden.
Weitere Verleumdungen und Rufmord gegen Papst Pius IX. durch Léo Taxil
Zu diesem letzten Punkt ist es angebracht, einige weitere Anmerkungen zu machen und auf den Fall des berüchtigten Léo Taxil hinzuweisen. Bereits beiläufig erwähnt wurde der Prozess, den Graf Girolamo Mastai, ein Neffe des Papstes, wegen der in dem Buch *Les Amours Secrètes de Pie IX* enthaltenen Verleumdungen gegen ihn angestrengt hatte. Taxil wurde vom Gericht zur Zahlung von 60.000 Francs Schadenersatz verurteilt; durch Berufungen und juristische Winkelzüge strapazierte er jedoch die Geduld des Klägers so sehr, dass er der Strafe schließlich entging.
Von besonderem Interesse in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass diese überaus verabscheuungswürdige Gestalt – die sich seit Jahren einer antiklerikalen Propaganda widmete, deren Schamlosigkeit bis an die Grenze zur Obszönität reichte – von General Garibaldi nicht nur als Freund behandelt, sondern auch dazu ermutigt wurde, diese Kampagne fortzusetzen. Taxil gibt an, es sei Garibaldi gewesen – seinerzeit (1881) Ehren-Großmeister der italienischen Freimaurer –, der die Idee zur Gründung der *Ligue Anti-Cléricale* (Antiklerikale Liga) eingebracht habe, deren Organisator in Frankreich Taxil fungierte. (11)
(11) Siehe Taxil, Confessions d’un Ex-Libre-Penseur, S. 320–321.
Taxil mag zwar ein unzuverlässiger Zeuge sein, doch steht außer Frage, dass er mit dem „Helden von Caprera“ eng befreundet war.
In der italienischen Ausgabe von Garibaldis Briefen, die 1885 nach seinem Tod erschien, sind zwei an Taxil adressierte Briefe enthalten. Zweifellos wären diese nie veröffentlicht worden, wenn Taxils Streit mit den Freimaurern und seine Konversion zum Katholizismus früher stattgefunden hätten. Doch Anfang 1885 galt er noch als überzeugter Antiklerikaler. Am 9. März 1882 schrieb Garibaldi einen Brief aus Neapel, der mit den Worten begann:
„Mio carissimo Leone Taxil“ und in dem er, wie für den General üblich, den Verlauf des französischen Krieges in Tunis scharf kommentierte.
„Mein lieber Léo Taxil“, schrieb er, „es ist vorbei. Deine priesterverseuchte Republik wird nie wieder jemanden täuschen. Die Liebe und Verehrung, die ich ihr einst entgegenbrachte, ist in Verachtung umgeschlagen.“ 1(2) usw. Sicher ist auch, dass der Anwalt von Graf Mastai, als Taxil angeklagt wurde, Briefe Garibaldis vor Gericht vorlegte, um zu beweisen, dass sein Mandant nicht als unredliche Person gelten konnte. Darüber hinaus trägt ein obszöner und verleumderischer Roman, den Taxil 1879 verfasste und der den Titel „Le Fils du Jésuite“ trägt, die Widmung: „A celui que j’affectionne comme un père, a Garibaldi, je dédie ce livre; Léo Taxil“. („Demjenigen, den ich wie einen Vater verehre – Garibaldi –, widme ich dieses Buch; Léo Taxil“)
(12) Epistolario di Giuseppe Garibaldi, Mailand, 1885; Bd. II, S. 329.
Dem Buch ist eine Art Einleitung vorangestellt, die den Titel „Pensées Anti-Cléricales“ trägt und von Garibaldi selbst unterzeichnet ist. Der Ton dieses Dokuments lässt sich an seinen ersten Sätzen ablesen:
Die Heilige Schrift, die Dummköpfe und Schurken gerne als heilig bezeichnen, stellt neben das erste Menschenpaar die Schlange, die die Schwäche der ersten Frau ausnutzt, um sie zu vernichten. Diese wertvolle Fabel wäre wesentlich besser gewesen, hätte man die Schlange durch einen Priester ersetzt. Denn der Priester ist die wahre Verkörperung von Bosheit und Verlogenheit. Und weiter: Freiheit sollte meiner Meinung nach nicht für Mücken, Reptilien, Mörder, Diebe oder Tyrannen gelten – ebensowenig wie Priester, die genauso gefährlich sind.
Als Beispiel für die Sprache von Taxils Zeitschrift *L’Anti-Clérical* – zu einer Zeit, als Garibaldi ihr seine volle Unterstützung zuteilwerden ließ – mag Folgendes dienen.
Das British Museum besitzt zufällig ein Exemplar des *Procès des Congrégations contre Léo Taxil*, und ich habe mir die Mühe gemacht, einen Blick hineinzuwerfen.
Es wäre unmöglich, hier die besonders widerwärtigen Passagen jenes Artikels im *Anti-Clérical* wiederzugeben, der Herrn Taxil eine Strafverfolgung einbrachte – und dabei handelte es sich nur um einen von unzähligen derartigen Artikeln. Es muss genügen, den Titel *Pourritures Congréganistes* zu nennen und eine Passage wie die folgende zu zitieren.
‚Ces misérables‘ (i.e. the teachers of Marseilles belonging to the male religious orders) ‚ont toutes les passions bestiales‘. ‚Du premier jusqu’au dernier, les instituteurs congréganistes sont tous des monstres; les découvertes qui se font chaque jour sur leurs mœurs épouvantables, autorisent à penser et à dire qu’il n’y a pas une seule exception dans ces associations d’étres vicieux.‘
‚Diese Elenden‘ (d. h. die Lehrer von Marseille, die männlichen Ordensgemeinschaften angehörten) „haben alle tierischen Leidenschaften.‘ … ‚Vom ersten bis zum letzten sind die Ordenslehrer allesamt Ungeheuer; die täglichen Enthüllungen über ihre entsetzlichen Sitten rechtfertigen die Annahme und die Behauptung, dass es in diesen Vereinigungen lasterhafter Wesen nicht eine einzige Ausnahme gibt.‘
In diesem Fall wurde Taxil zu einer Geldstrafe von 12.000 Francs verurteilt.
Die Rolle, die der Begründer der antiklerikalen Bewegung in der Verleumdungskampagne gegen die Päpste spielte, scheint jedoch eine etwas eingehendere Betrachtung zu erfordern. Zwar ist er seit mehr als dreißig Jahren völlig diskreditiert, und niemand käme heute mehr auf den Gedanken, seinen Schriften Glauben zu schenken, doch lassen sich die Auswirkungen jener verleumderischen Schriften – die er selbst verfasste oder herausgab und jedenfalls in unzähligen Exemplaren verbreitete – nicht so leicht rückgängig machen.
Der Kreis der beeinflussten Personen bestand nicht aus Menschen, die Aussagen anhand genauer Quellenangaben überprüfen. Allein durch ständige Wiederholung entsteht ein bestimmter Eindruck, und wer vermöchte zu sagen, ob dieser jemals wieder getilgt werden kann? Da M. Taxil zwischen 1885 und 1897 eine Phase echter oder vorgetäuschter Bekehrung durchlief – in der er vorgab, höchst sensationelle Enthüllungen über die Freimaurerei auf dem europäischen Festland zu machen –, wurde seine frühere Laufbahn mit bemerkenswerter Offenheit von jenen geschildert, die keineswegs der Sympathie für den Klerus verdächtigt werden können. Es dürfte sich daher lohnen, dem Leser eine vollständige Übersetzung des Berichts vorzulegen, der im Ergänzungsband zu Larousse’ *Grand Dictionnaire* enthalten ist.
Taxil, Léo (Gabriel Antone Jogand-Pagès), ein französischer Schriftsteller, geboren am 20. März 1854 in Marseille. Als ehemaliger Schüler der Jesuiten entwickelte er sich zu einem heftigen Antiklerikalen; über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg griff er die Kirche, die Geistlichkeit und den Papst in einer langen Reihe von Veröffentlichungen an, deren Titel unten aufgeführt sind. Die meisten davon erregten Anstoß, was jedoch weit eher ihrer Aggressivität als einem literarischen Talent geschuldet war – an letzterem mangelte es ihm gänzlich. In seiner Jugend war Taxil in die Erziehungsanstalt von Mettray geschickt worden, wo er Anlass zur Beschwerde über den dortigen Geistlichen gehabt hatte; dies gab er zumindest als Grund dafür an, warum er zum Freidenker geworden sei.
Eine seiner ersten Broschüren, *À bas la Calotte* (Oktavformat, 1879), trug ihm ein Strafverfahren wegen Beleidigung einer in Frankreich gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft ein, doch die Geschworenen sprachen ihn frei. Weniger Glück hatte er im Jahr 1881: Er wurde zur Zahlung von 4.000 Francs Schadenersatz verurteilt, weil er sich skrupellos das Werk *Les Sermons de mon Curé* (Die Predigten meines Pfarrers) von Auguste Roussel angeeignet hatte; dieses war bereits einige Zeit zuvor erschienen, doch Taxil ließ es unter seinem eigenen Namen neu drucken (1880), sobald er vom Tod des Autors erfahren hatte.
Im Jahr 1883 erwirkten zudem bestimmte religiöse Kongregationen ein Urteil wegen Verleumdung gegen ihn, das auf die Veröffentlichung seines Werkes *Calotte et Calotins, histoire illustrée du Clergé et des Congrégations* (3 Bände, Oktavformat, 1880–1882) zurückging. Im darauffolgenden Jahr wurde er erneut strafrechtlich belangt und zu einer Geldstrafe von 3.000 Francs sowie fünfzehn Tagen Haft verurteilt; Grund hierfür waren obszöne Stiche, die in eine seiner geistlosen Zusammenstellungen – *La Prostitution Contemporaine* (Oktavformat, 1883) – eingefügt worden waren.
Schließlich führte sein unter dem Pseudonym A. Volpi veröffentlichtes Werk *Amours de Pie IX.* (Oktavformat, 1884) – ein ebenso lächerliches wie verabscheuungswürdiges Buch – auf Betreiben von Graf Mastai, dem Erben des verstorbenen Papstes, zu einer Verurteilung zur Zahlung von 60.000 Francs Schadenersatz sowie zur Pflichtveröffentlichung des Urteils in sechzig Zeitungen.
Um sich der Verantwortung zu entziehen, hatte Taxil behauptet, hinter dem Pseudonym A. Volpi verberge sich ein Mitarbeiter des *Figaro*, M. G. Moynet; dieser begnügte sich jedoch nicht mit einem formellen Dementi, sondern nutzte die nächstbeste Gelegenheit, um seinen Verleumder mit dem Stock, den er bei sich trug, zu verprügeln. Taxil leitete zwar ein Verfahren gegen seinen Angreifer ein, hielt es jedoch für klüger, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen. Seine übrigen Werke sind – auch wenn sie keine gerichtlichen Verfahren nach sich zogen – von gleicher Art. Ihre Titel lauten wie folgt:
Debrayas, a comedy in one act (1873); Almanachs anticléricaux et républicains for 1879 and 1880; Les Soutanes grotesques (1879); La Chasse aux corbeaux (1878); Le Fils du Jésuite (1879); Les Bétises sacrées, revue critique des superstitions (1881); Les Borgia, histoire d’une famille de monstres (1881); Les Pornographes Sacrés, la Confession et les confesseurs (1882); La Bible amusante, pour les grands et les petits (1882), ein Werk, das zuerst von allen erschien in Teilen unter dem Titel La Bible Farce; Un pape femelle, aventures extraordinaires et crimes épouvantables de la papesse Jeanne (1882); Par la grâce du Saint Esprit, roman (1882);
L’Empoisonneur Léon XIII. et les cing millions du Chanoine (1883); Marat et les héros de la Révolution (1883) ; Pie IX. devant L’Histoire, sa vie politique et pontificale, ses débauches, ses folies, ses crimes (3 vols. 1883), dies war ein anderes Werk als das genannte Amours de Pie IX.; Les Maitresses du Pape, roman (1884); Les Livres secrets des Confesseurs dévoilés aux Pères de Famille (1884), La Plume de l’Ange (1884); Les Trois Cocus (1884); Le Sacrement du Curé (1884); La Vie de Jésus (1884); Vie de Veuillot immaculé (1884).
All diese Werke, die kaum mehr als unbeholfene Zusammenstellungen darstellen und an denen Herr Taxil mit einer gewissen Anzahl von Mitarbeitern mitwirkte, wenn er den Band nicht für eine geringe Summe fertig gekauft hatte, wurden von der „Librairie Anti-Cléricale“ veröffentlicht, die er in Paris in der Rue des Écoles gegründet hatte und die bald beträchtliche Ausmaße annahm. Er wurde außerdem Eigentümer und Herausgeber verschiedener Zeitungen, insbesondere des „Midi républicain“ von Montpellier, der „République Anti-Cléricale“ und der von ihm in Paris gegründeten „Anti-Clérical“. Er war auch Gründer der „Ligue Anti-Cléricale“, die 1885 15.000 Mitglieder zählte.
Obwohl er 1882 nach seiner Verurteilung wegen literarischer Piraterie (der bereits erwähnten Aneignung der „Sermons de mon curé“) aus der Freimaurer-Bruderschaft ausgeschlossen wurde, bekleidete er dennoch 1885 den Vorsitz des „Kongresses der Freidenker“. Doch schon bald wurde er verdächtigt, die Seiten wechseln zu wollen, und kurze Zeit später verbreitete sich das Gerücht, er sei demütig in die Kirche zurückgekehrt. Es hieß, der Vatikan habe für Taxils Abschwörung eine Million Francs gezahlt. Man kann nur sagen, dass dies eine sehr hohe Summe für eine unbedeutende Persönlichkeit war.
Sicher ist jedenfalls, dass dieser streitbare Pamphletist, nachdem er vor dem päpstlichen Nuntius, Monsignore di Rende, seinen Irrtümern abgeschworen hatte, eine Pilgerreise nach Rom unternahm und die Absolution von Leo XIII. empfing.
Es hieß auch, er sei Kartäuser geworden, um seine Reue zu beweisen. Seitdem hat er eine Reihe weiterer Bücher veröffentlicht, die ebenso langweilig sind wie die bereits erwähnten, jedoch einen aggressiv religiösen und antirepublikanischen
Ton anschlagen. (13)
(13) Larousse, Grand Dictionnaire Universel du XIX? Jahrhundert. Deuxième Supplément, 1890, S. 1903.
Es folgt eine Liste dieser jüngsten Veröffentlichungen, beginnend mit *Révélations complètes sur la franc-maçonnerie, Les Frères Trois-Points* (1885); es hätte jedoch keinen Zweck, sie hier wiederzugeben.
Dieser Bericht wurde 1890 veröffentlicht, und erst sieben Jahre später erreichte Taxil – der inzwischen die Figur der „Diana Vaughan“ erfunden hatte und sich bei seinen angeblichen Enthüllungen über Freimaurerei, Satanismus und „Palladismus“ in immer wildere Übertreibungen hineingesteigert hatte – jenen Punkt, an dem die Leichtgläubigkeit überstrapaziert war und die Entlarvung des Schwindels folgte.
Daraufhin kehrte er zur Neuauflage der alten, obszönen und blasphemischen Schriften der *Librairie Anti-Cléricale* zurück. Wie ernst es diesem schamlosen Verleumder – der, wenn je ein Mensch, einen Platz in den *Malebolge* eines modernen Inferno verdient hätte – mit seiner Bekehrung tatsächlich war, muss stets zweifelhaft bleiben. Es gibt Grund zu der Annahme, dass seine Unterwerfung unter Rom und der Bruch mit seinen früheren Gesinnungsgenossen zunächst durchaus aufrichtig waren; doch es fehlte ihm an Durchhaltevermögen, und womöglich schon wenige Wochen nach seiner Versöhnung mit der Kirche dürfte er erkannt haben, dass er den geforderten Opfern nicht gewachsen war. Da er sich jedoch den unwiderruflichen Zorn seiner antiklerikalen Freunde zugezogen hatte, gab es für ihn kein Zurück mehr.
So entschloss er sich offenbar, die Rolle des Konvertiten weiterzuspielen und eine Reihe fingierter Enthüllungen über freimaurerische Gräueltaten zu lancieren, die sich über lange Zeit als ebenso einträgliche Einnahmequelle erwiesen wie zuvor seine Angriffe auf die Religion. Zu den Werken, die Taxil in jener Zeit veröffentlichte (14), zählte unter anderem ein Buch autobiografischen Charakters mit dem Titel *Confessions d’un Ex-Libre-Penseur*.
(14) Der Epilog ist vom Autor auf den 25. Dezember 1886 datiert.
Dass alle in dieser Erzählung gemachten Tatsachenbehauptungen uneingeschränktes Vertrauen verdienen, lässt sich keineswegs als selbstverständlich voraussetzen. Angesichts späterer Kritik und Enthüllungen steht fest, dass Taxil – auch wenn er sich selbst mit einer zur Schau getragenen Offenheit und Reue bezichtigte – sein eigenes Verhalten in einem weniger abstoßenden Licht darstellte, als es bei strikter Wahrheitsliebe der Fall gewesen wäre. Dennoch musste ein Buch mit „Bekenntnissen“ nach einer öffentlichen Laufbahn, die weltweit für einen derartigen Skandal gesorgt hatte wie die Taxils, zwangsläufig zahlreiche demütigende Eingeständnisse enthalten.
Wenn der Verfasser seine eigene Schuld einräumt, besteht kein hinreichender Grund, ihm zu misstrauen; im Zusammenhang mit unserem Thema ist zudem die Schilderung interessant, die er über die Entstehung jenes skandalösen Romans gibt, den er unter dem Titel *Les Amours secrètes de Pie IX* verfasste. Taxil legt dar, wie bestimmte antiklerikale Abgeordnete des italienischen Parlaments bereits im Jahr 1860 eine Fülle diskreditierender Unterstellungen über das frühe Leben Pius’ IX. in Umlauf gebracht hatten.
Diese niederträchtigen Gerüchte waren in der Schweiz und in Belgien aufgegriffen und gedruckt worden; als Taxil auf einige dieser Broschüren stieß, beschloss er, sie für einen Roman zu verwerten, den er in der Zeitung *Midi Républicain* – deren Redaktionsleitung ihm 1881 übertragen worden war – veröffentlichen wollte. Das Blatt kränkelte, und der neue Chefredakteur fasste den Plan, es durch einen aufsehenerregenden Skandal bekannt zu machen. Die Veröffentlichung einer Geschichte als Fortsetzungsroman, die unter rechtschaffenen Katholiken für Empörung sorgen würde, schien für diesen Zweck genau das Richtige zu sein.
So kam mir [sagt Taxil] der Gedanke, jene elenden Schmähschriften zu verwerten, die das Privatleben Pius’ IX. angriffen und die ich in der Schweiz gesammelt hatte. Ich war es also, der die Anregung – wenn auch nicht den eigentlichen Plan – zu jener abscheulichen Geschichte lieferte, deren Titel ich heute nur unter Scham niederschreibe. Da die moralische Integrität die höchste Tugend eines Papstes darstellt, galt es, den verstorbenen Pontifex als einen Mann darzustellen, der der Ausschweifung verfallen war. Aus diesem Grund trug der Roman, der seinen Ruf beflecken sollte, den Titel *Die geheimen Liebschaften Pius’ IX.*
Doch das war noch nicht alles. Um die Geschichte pikanter zu gestalten, mussten wir uns eine Art Abbé Meslier ausdenken. (15) Dementsprechend erfanden wir einen fiktiven Geheimkämmerer des Papstes, den wir Carlo Sebastiano Volpi tauften; unter diesem erfundenen Namen erschien die Geschichte dann auch. Ich verfasste sogar einen Brief für diesen vermeintlichen Kämmerer, der als Vorwort abgedruckt wurde und dazu beitrug, das Publikum noch stärker zu täuschen. Dies war jedoch mein gesamter persönlicher Anteil an dem Werk.
(15) Dies war eine fiktive Figur Voltaires. Voltaire gab vor, es handele sich um eine reale Persönlichkeit – einen Pfarrer, der während seiner Amtszeit den Glauben verloren und der Nachwelt in seinem Testament eine Zusammenfassung atheistischer Lehren hinterlassen habe.
Auch wenn ich nicht der eigentliche Verfasser der Geschichte bin, so bin ich mir doch vollauf bewusst, dass ich – mehr als jeder andere – gegenüber dem Publikum, das so schändlich hinters Licht geführt wurde, in der Verantwortung stehe. Ich suche nicht nach Ausreden. Die ursprüngliche Idee stammte von mir; den Schlamm – mit anderen Worten: das Rohmaterial der Lügen –, den der Autor durch das Hinzufügen neuer Figuren und Begebenheiten verdünnte, hatte ich zusammengetragen und ihm zu diesem Zweck geliefert. (16)
(16) Les Confessions, S. 237, 238.
Taxil berichtet weiter, dass die Auflage der Zeitung innerhalb von zwei Wochen enorm gestiegen sei, während die Empörung der katholischen Partei keine Grenzen kannte. Ein Protestschreiben der Damen der Diözese Montpellier fand in kürzester Zeit mehr als zweitausend Unterstützer, und die öffentliche Meinung äußerte sich so nachdrücklich, dass die Eigentümer auf der Einstellung des Feuilletons bestanden. Taxil musste nachgeben, nahm jedoch umgehend die Veröffentlichung von *Les Amours de Pie IX* in der Zeitschrift *L’Anti-Clérical* wieder auf; kurz darauf erschien das Werk auch als Buch.
Es erübrigt sich, die Einzelheiten des späteren Prozesses zu schildern, den Graf Mastai Ferretti – ein Neffe des verstorbenen Papstes – gegen Taxil anstrengte. Zwar verurteilten die Gerichte den Verleumder, wie bereits erwähnt, zur Zahlung von 60.000 Francs Schadenersatz, doch nach endlosen Verzögerungen zog sich der Graf frustriert zurück, sodass Taxil seine abscheuliche Geschichte weiterhin ebenso dreist wie zuvor drucken und bewerben konnte. (17)
(17) Siehe *Les Confessions d’un Ex-Libre-Penseur*, S. 203.
Zudem mehrte Taxil – wie die oben angeführte Liste seiner Publikationen hinlänglich belegt – beharrlich die Zahl seiner Verfehlungen. Kurze Zeit später veröffentlichte er in drei Bänden eine fingierte Biografie mit dem Titel *Pie IX. devant l’Histoire*, deren Untertitel Begriffe wie „seine Ausschweifungen, seine Torheiten und seine Verbrechen“ enthielt. Im Jahr 1884 erschien zudem eine Neuauflage von *Les Amours de Pie IX.*; für die Publikation wurde in ganz Paris mit einem illustrierten Plakat geworben, das die bekannten Gesichtszüge des verstorbenen Papstes zeigte, umgeben von Vignetten einer Schar von Frauen, die seine angeblichen Mätressen darstellen sollten.
Die Französische Republik unterhielt zu jener Zeit selbstverständlich noch diplomatische Beziehungen zum Vatikan. Der päpstliche Nuntius protestierte bei der französischen Regierung gegen diese Ungeheuerlichkeit, woraufhin die Plakate von der Polizei entfernt wurden. Die Regierung erwog zwar eine Strafverfolgung des Autors, doch die republikanischen Zeitungen lösten einen derartigen Sturm der Entrüstung über dieses Vorgehen aus, dass von dem angedrohten Verfahren schließlich abgesehen wurde.
Die Veröffentlichungen der *Librairie Anti-Cléricale* wurden – so ungeheuerlich sie auch sein mochten – größtenteils ohne jegliche Behinderung gedruckt und beworben. Eines von Taxils Büchern trug den Titel *Der Giftmischer Leo XIII.*, und in einem Band derselben Reihe, verfasst von einem gewissen Alfred Paulon, wird der besagte Pontifex unsagbarer Laster bezichtigt – eine Verleumdung, die, wie in vielen ähnlichen Fällen, vor einer wirklich wirksamen Bloßstellung dadurch geschützt ist, dass sie sich nicht für Zitate eignet.(18)
(18) A. Paulon, *Dictionnaire Rigolo-Clérical*, Paris, 1883, S. 108; vgl. S. 143.
Diese dreiste Unverschämtheit kann zudem kaum überraschen, wenn man unter den am hartnäckigsten beworbenen Publikationen der *Librairie Anti-Cléricale* eine Bibelparodie mit grotesken Illustrationen sowie eine ebenfalls illustrierte, komödiantische Lebensgeschichte Jesu Christi findet, bei denen die Absicht, die Person unseres Erlösers lächerlich zu machen, offen und unverhohlen zutage tritt. (19)
(19) Auch wenn wir keine Gelegenheit hatten, eines dieser Werke selbst zu prüfen, so tritt ihre blasphemische Ruchlosigkeit in den ausführlichen Inhaltsangaben, die in den Werbebeilagen zahlreicher Bände der *Librairie Anti-Cléricale* veröffentlicht wurden, überaus deutlich zutage. Es wäre ein Leichtes, entsprechende Zitate anzuführen, doch derartige Beispiele würden lediglich das Schamgefühl des Lesers verletzen, ohne irgendeinen Nutzen zu stiften.
Wie bereits erwähnt, kehrte Taxil – als er schließlich gezwungen war, seine fingierte Rolle aufzugeben und sein betrügerisches Treiben einzugestehen – zur Veröffentlichung jener Art von Literatur zurück, mit der er sich schon vor seiner Bekehrung befasst hatte. Fast alle der anstößigsten Bände seiner Sammlung wurden umgehend neu aufgelegt – sofern sie überhaupt jemals vergriffen gewesen waren –, darunter auch *Les Amours de Pie IX*. Das vielleicht anschaulichste Beispiel für die Art antireligiöser Werke, die von gewissen Pariser Buchhändlern nach wie vor schamlos verkauft werden, ist das Faksimile einer Anzeige, die die Rückseite eines erst vor wenigen Jahren erworbenen Bandes ziert.
Erst wenn man sich den antireligiösen Giftgehalt vor Augen führt, der der bloßen Veröffentlichung einer solchen Liste zugrunde liegt, begreift man etwas von jenem Groll und jener Bitterkeit, die uns bisweilen in den Schriften katholischer Streiter vom Schlage des verstorbenen Louis Veuillot entgegentreten. Wenn sich das katholische Lager in Frankreich in seinem Hass auf republikanische Regierungen, Juden, Freimaurer und dergleichen oft unnachgiebig und maßlos gebärdet, so hat es in den vergangenen vierzig oder fünfzig Jahren Erfahrungen gemacht, von denen sich kaum einer unter hundert Engländern auch nur eine Vorstellung machen kann.
Kaum etwas dürfte die Empörung eines anständigen Christen stärker hervorrufen als die auf der Rückseite dieses Blattes fotografisch wiedergegebene Anzeige. Und die Einbände sämtlicher in der *Librairie Anti-Cléricale* veröffentlichter Bücher sind übersät mit Ankündigungen gleicher Art.
Aus: Herbert Thurston SJ, No Popery! Chapters on Anti-Papal Prejudice (Kein Papsttum! Kapitel über Antipäpstliche Vorurteile), 1930, S. 37 – S. 53
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Siehe auch den Beitrag:
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- Kein Papsttum! Kapitel über antipäpstliche Vorurteile (No Popery! Chapters on Anti-Papal Prejudice)
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