Die Feinde der Kirche
Zweites Kapitel
II. Der zweite Feind der Kirche: die Häresie
Ein Feind ist überwunden, aber die Kirche ist dazu bestimmt, noch weiter zu leiden und noch weiter zu triumphieren. Den offenen Feinden ist sie entronnen; nun muss sie von falschen Freunden leiden – von abtrünnigen Katholiken. Arius leugnete die Gottheit Christi; Macedonius die Gottheit des Heiligen Geistes; Nestorius verweigerte der seligsten Jungfrau den Titel der Mutter Gottes; Pelagius leugnete die Notwendigkeit der göttlichen Gnade: ein Irrlehrer nach dem anderen kam, um der Kirche einen tödlichen Streich zu versetzen.
Oft gelang es ihnen, die Gunst der Herrscher zu gewinnen, unter deren Schutze sie die Gläubigen aufs grausamste verfolgten. Sie griffen die Verleumdungen auf, welche die Heiden erdacht hatten. Niemals hat jemand die Kirche verlassen, ohne zu versuchen, sie in Verruf zu bringen und sie mit solchen Verbrechen anzuschwärzen, die am besten geeignet waren, sie allen verhasst zu machen. Um ihren Abfall vom Glauben zu rechtfertigen und sich selbst den Ruf rechtgläubiger Christen zu verschaffen, haben die Abtrünnigen die Kirche ausnahmslos in allen erdenklichen widerchristlichen Farben gemalt und sie so böse dargestellt, wie die Bosheit sie nur haben wollte.
Der heilige Augustinus berichtet uns, dass die Manichäer und Donatisten alles in ihrer Macht Stehende taten, um in den Gemütern des Volkes Vorurteile gegen die römisch-katholische Kirche zu erwecken. Sie sagten den Leuten, die Lehre der Kirche sei ungesunde und unheilige Lehre, sie sei voll böser Grundsätze und menschlicher Erfindungen statt göttlichen Glaubens; und alle diese Verleumdungen wurden unter dem Volke verbreitet, damit es nicht daran denke, zur Kirche zu gehen, um die Wahrheit zu erfahren, ja sie nicht einmal für die Kirche Christi halte.
»Der Hauptgrund«, sagt der heilige Augustinus, »weshalb ich so lange in den Irrtümern der Manichäer lebte und die katholische Kirche mit solcher Heftigkeit bekämpfte, war, dass ich alles, was ich gegen die Kirche gehört hatte, für wahr hielt. Als ich aber erkannte, dass alles falsch war, machte ich diese Unwahrheit vor der Welt bekannt, um andere, die in derselben Schlinge gefangen waren, eines Besseren zu belehren. Ich freute mich und errötete zugleich und schämte mich, dass ich so viele Jahre lang nicht gegen den katholischen Glauben, sondern nur gegen die Erdichtungen meiner fleischlichen Einbildungen gebellt und gelästert hatte.
Denn so verwegen und gottlos war ich, dass ich das, was ich zuerst durch Erkundigung von den Katholiken hätte lernen können, ihnen als Anklage vorwarf. Ich war bereitwilliger, Unwahrheit aufzubürden, als mich über die Wahrheit unterrichten zu lassen.«
Dies tat er, von den Manichäern betört und getäuscht. Ach! dies ist nicht bei Augustinus allein der Fall gewesen, sondern bei fast allen, die den Abtrünnigen dieser Kirche ihr Ohr geliehen haben; ja, es ist noch heutigentags der Fall bei unzähligen Protestanten und Ungläubigen, die, dem heiligen Augustinus in seinen Irrtümern folgend, nicht nachforschen, wie diese oder jene Sache von der Kirche geglaubt oder verstanden wird, sondern alles schmähend bekämpfen, als ob es so verstanden würde, wie sie sich einbilden. Sie machen keinen Unterschied zwischen dem, was die katholische Kirche lehrt, und dem, was sie meinen, dass sie lehre. So halten sie sie ebenso vieler Ungereimtheiten, Torheiten und Gottlosigkeiten für schuldig, wie es vor alters die Heiden taten.
Da aber der Allmächtige jedes scheinbare Unglück zum Besten seiner Kirche lenkt und gestaltet, so rief jede durch den Hochmut oder Unglauben der Menschen aufgebrachte Irrlehre Verteidiger der Wahrheit hervor. Gegen den Arianismus erweckte Gott den Athanasius und den heiligen Hilarius von Poitiers; den Nestorianern trat der heilige Cyrillus entgegen; der heilige Augustinus schlug die Pelagianer nieder.
In den edlen Werken, welche die Väter der ersten Jahrhunderte des Christentums zur Verteidigung der Lehren der Kirche gegen ihre Angreifer schrieben, stellen sie einmütig den klaren Grundsatz auf, dass »diejenige Lehre wahrhaft katholisch ist, die überall, allezeit und von allen Gläubigen geglaubt worden ist« (quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est). Nach diesem Prüfstein der Allgemeinheit, des Altertums und der Übereinstimmung prüft die Kirche, besonders auf ihren allgemeinen Konzilien, alle Fragen des Glaubens und der Sitten, verurteilt und verwirft alle Abweichungen von diesem Glauben und triumphiert so allezeit über Irrlehre und Unglauben.
Die Päpste beriefen mehrere allgemeine Konzilien: zu Nicäa 325, zu Ephesus 431 und an anderen Orten und zu anderen Zeiten, auf denen die Lehren der Arianer, Nestorianer und anderer Irrlehrer feierlich verurteilt und verworfen wurden. Jede der aufeinanderfolgenden Irrlehren bestand nur eine Zeitlang. Die Nestorianer, die Eutychianer und andere sind längst vergessen. Ihre Bekenntnisse waren Menschenwerk und als solches sterblich. Die Wahrheit der katholischen Kirche triumphierte über sie alle.
Gleich dem weiten und allumfassenden Himmelsgewölbe überspannt die Kirche alle christlichen Länder und Zeiten; und gleich jenem Gewölbe ist sie eine, ungebrochen, wo immer sie erscheint.
Die Systeme der Sekten sind die dunklen und wechselnden Dünste, welche die Fläche des Himmels verdüstern; ihre ewig wechselnden Massen werden von jedem vorüberziehenden Windstoß in zahllose phantastische Gestalten getrieben, »von jedem Winde der Lehre«, wie der heilige Paulus sich ausdrückt. Eine Wolke der Irrlehre nach der anderen ist als Regen niedergefallen oder in den unermesslichen Gefilden des Äthers verschwunden – »sie waren und sind nicht mehr« –, während andere Dünste, ebenso flüchtig und wesenlos, an ihre Stelle treten; das Gewölbe aber steht noch, denn das heilige Wort der ewigen Wahrheit ist für seinen immer währenden Bestand verpfändet.
Ja, die Kirche steht noch. Sie eilt dahin auf ihrer vom Himmel gegebenen Sendung, siegend und um zu siegen. Nachdem sie über zwei große Feinde, das Heidentum und die Irrlehre, triumphiert hat, muss sie nun einen weiteren Triumph erringen – den Triumph über die geheimen Gesellschaften.
aus: Michael Müller, CSsR, Die Feinde der Kirche S. 12 – S. 15 in: Gott, der Lehrer der Menschheit, 1880
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- FatherMuellerPic-1: wikimedia | Public Domain Mark 1.0



