Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre
Erster Teil: Die Zehn Gebote Gottes
Das Erste Gebot
Nr. VII. Pflichten der Gottesverehrung 2. Die Liebe
Man könnte natürlicherweise erwarten, dass auf Briefe über Glauben und Hoffnung ein Hinweis auf die Liebe folgt. Er soll nun erfolgen, aber nur kurz, weil sich über diesen Gegenstand in engem Zusammenhang mit dem Ersten Gebot nicht viel sagen lässt.
Die Liebe. Der Stand der Gnade oder die Freiheit von Todsünde versetzt die Seele in einen habituellen (gewohnheitsmäßigen) Stand der Liebe zu Gott. Dieser bleibt, bis jemand in Todsünde fällt und damit aufhört, jenen tatsächlichen Beweis der Gottesliebe zu geben, nämlich die wesentliche Beobachtung seiner Gebote.
Ihre Vollkommenheit
Die Vollkommenheit der Liebe im Akt und damit des christlichen Wandels besteht darin, alle unsere Handlungen aus dem Beweggrund der Liebe zu Gott über alles und um Seinetwillen zu tun, dem höchsten Beweggrund, dessen der Mensch fähig ist. Diese vollkommenste Gesinnung ist aber für die Anbetung Gottes, wie sie das Erste Gebot vorschreibt, nicht wesentlich. Was sodann das zweite Gebot der Liebe betrifft, das die Liebe zum Nächsten um Gottes willen gebietet, so sind die meisten unserer Pflichten hierin in den Geboten enthalten, die das Verhalten des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen regeln, und werden an ihrem eigenen Ort behandelt werden. Wir gehen nun zu den Pflichten des Gottesdienstes über.
1. Die Anbetung
Bedeutung des Begriffs
Adoratio (Anbetung), ein lateinisches Wort, abgeleitet von ad („zu“) und os, oris („der Mund“), und beschreibend für eine morgenländische Ehrenbezeugung oder „Salam“, bei der beide Hände zu den Lippen erhoben werden, ist ein allgemeiner Ausdruck für die Ehrfurcht des Geistes oder des Leibes und Geistes, die einem Gegenstand wegen seiner Vortrefflichkeit erwiesen wird. Daraus folgt, dass die Art der Anbetung dem Grad der Vortrefflichkeit entspricht.
Daher muss Gott, der unendlich vortrefflich ist, die höchste Art der Anbetung erwiesen werden. Ihr Hauptzweck ist es, seine höchste Herrschaft über alle geschaffenen Dinge anzuerkennen, seine Herrschaft über Leben und Tod. So ist das Opfer, die äußere Anerkennung dieser göttlichen Oberhoheit, die höchste Form des Gottesdienstes und in der Tat die einzige Form, die ausschließlich Gott vorbehalten ist.
Anbetung Gottes; Verehrung Marias und der Heiligen
Die Anbetung Gottes heißt fachsprachlich die Verehrung der Latreia (Anbetung, griech.). Dann gibt es die Selige Jungfrau, die als irdische Mutter des göttlichen Sohnes eine einzigartige Stellung einnimmt und die, obgleich so wahrhaft ein bloßes Geschöpf wie wir selbst, eine ihr ganz eigene Vortrefflichkeit besitzt, wenn auch unendlich niedriger als die Gottes. Die ihr erwiesene Verehrung hat ihren eigenen besonderen Namen, Hyperdulia (griech., „Überverehrung“). Nach der Vortrefflichkeit Marias kommt die der Heiligen und Engel, deren Verehrung einfach Dulia (griech., „Verehrung“) heißt.
Klugheit im Gebrauch des Wortes „Anbetung“
Im englischen religiösen Sprachgebrauch ist „Anbetung“ (adoration) ein Ausdruck, der gewöhnlich der Selbsterniedrigung des Menschen vor seinem Gott vorbehalten ist, aber nicht ausnahmslos. Denn Menschen bekennen oft Anbetung gegenüber Gegenständen menschlicher Liebe und werden doch keines Götzendienstes verdächtigt. So sollte auch der heilige Alfons und sollten die, die seine inbrünstigen Andachten zur Mutter unseres Herrn gebrauchen, nicht verdächtigt werden, wenn sie in der Überfülle ihrer Liebe zu ihr, die unser Herr zuerst und am meisten liebte und uns auch zu unserer Mutter gab, bei der Anrede an sie Ausdrücke der Anbetung gebrauchen.
Vielleicht ist es indes bloß aus Zweckmäßigkeitsgründen am besten, in öffentlichen Gebeten auf solche Anredeformen zu verzichten, außer mit Bezug auf göttliche Vortrefflichkeit, um bestehende protestantische Vorurteile nicht zu nähren. Aus demselben Grunde mag es vielleicht ratsam sein, unsere nichtliturgischen öffentlichen Andachten so zu ordnen, dass sie bei nichtkatholischen Besuchern nicht den Eindruck erwecken, wir „dürften nur zur Jungfrau beten“ (!), ein bei ihnen verbreiteter Irrtum, etwa in der Auswahl unserer volkstümlichen Lieder.
Mag eine fast ausnahmslose Verwendung von Liedern zu Unserer Lieben Frau auch von unserer eigenen Andacht zu dieser immer seligen Mutter zeugen, so ist sie doch geeignet, ein verbreitetes Hindernis für Bekehrungen zu vergrößern. Denn Nichtkatholiken, das muss man bedenken, wissen wenig oder nichts vom wirklichen inneren Leben der Katholiken: von der Bedeutung der Heiligen Messe, davon, dass kein einziges amtliches Gebet oder Kollektengebet der katholischen Kirche an Maria persönlich gerichtet ist, von der Andacht zum Heiligsten Herzen unseres Herrn, zu seinem Kostbaren Blut (und anderen kleinen Dingen dieser Art!), die den Vorwurf der „Marienvergötterung“ (Mariolatry) widerlegen.
Wenn ich dies sage, so liegt mir sehr fern, anzudeuten, dass wir irgendein einziges katholisches Merkmal aus unseren Volksandachten entfernen sollten, nur um nichtkatholischen Vorurteilen zu genügen. Es geht lediglich darum, anderen ein rechtes Gefühl für religiöses Verhältnis zu geben, wie es in unserem eigenen Geist trotz gelegentlicher Anschein wirklich besteht.
Die Übung der Andacht zu Unserer Lieben Frau und den Heiligen ist nicht wesentlich zum Glauben. Die tatsächliche Übung der Andacht zu Unserer Lieben Frau oder den Heiligen ist, obgleich sie das Zeichen eines recht entwickelten katholischen Glaubens ist, nicht unter Sünde verpflichtend, außer wenn irgendein von der Kirche unter Strafe der Sünde gebotener Akt solche Andacht einschließt, z. B. wenn ein Fest Unserer Lieben Frau oder eines Landespatrons ein gebotener Feiertag ist oder gewisse Gebete zu Unserer Lieben Frau in der Beichte als „Buße“ aufgetragen oder von der kirchlichen Obrigkeit angeordnet werden.
Andererseits gehört der rückhaltlose Glaube an die Angemessenheit und Güte solcher von der Kirche gebilligten Andachten zu unserem Glauben und ist die unmittelbare Folge des katholischen Glaubens an die Fürbitte der Heiligen. Es muss aber sehr unvollständige Katholizität dort bestehen, wo es keinerlei Gebet wenigstens zu Unserer Lieben Frau gibt.
Die Verehrung von Reliquien und Bildern
Nun noch ein paar Worte über die Verehrung von Reliquien und Bildern. Wir sahen, dass Latreia, Dulia und Hyperdulia die drei Grade der Verehrung und Anbetung waren. Diese können aber unter Vermittlung von Gegenständen erwiesen werden, die die verehrte Person darstellen, wie Bilder, Gemälde, Medaillen und dergleichen, oder von Gegenständen, die mit diesen Personen zusammenhängen, wie Teile ihres Leibes oder ihres Besitzes. Reliquienverehrung in ihrer natürlichen Form haben wir bei jedem Volk, zum Beispiel Reliquien von Nelson, Wellington, Washington, Napoleon. (1) In der übernatürlichen Ordnung haben wir das Beispiel des Mannes, der in Berührung mit den Gebeinen des Elisäus begraben wurde und wieder zum Leben erweckt wurde. (2)
(1) Siehe „My Clerical Friends“, S. 143, 144.
(2) 4. Kön. 13, 21 (Vulgata-Zählung; 2. Kön. 13, 21).
‚Bezogene‘ Verehrung
Diese Form äußerer Ehre oder Verehrung heißt nun bezogen (relativ), weil die Gegenstände nicht um ihrer selbst oder wegen ihrer inneren Kraft als stoffliche Dinge verehrt werden, sondern wegen ihrer Beziehung und sittlichen Verbindung mit den Personen, die unsere Verehrung verdienen. Je nach dem Grad der ihnen erwiesenen Verehrung wird unsere bezogene Verehrung entweder Latreia oder Hyperdulia oder Dulia sein. (3)
(3) In einem Sinne, der nicht fachsprachlich ist, könnte alle Verehrung, die irgendjemandem außer Gott erwiesen wird, als bezogen gelten, da sie auf der Nähe und Lieblichkeit zu Ihm beruht. Es ist Gott, der in seinen Heiligen geehrt wird.
Anbetung des Kreuzes
Zum Beispiel ist die Anbetung des Kreuzes (Kruzifixes) am Karfreitagmorgen oder die Verehrung einer Reliquie des Wahren Kreuzes bezogene Latreia, denn sie ist auf den göttlichen Christus gerichtet. Das Knien vor einer Statue Unserer Lieben Frau ist ein Akt bezogener Hyperdulia, nicht göttlicher Verehrung, oder vor der Statue eines Heiligen bezogene Dulia.
Die äußere Haltung des Leibes, die wir einnehmen, bestimmt nicht den Grad unserer Verehrung. Der hängt von unserer inneren Absicht ab. Die Körperhaltungen bei der Verehrung weichen bei den verschiedenen Völkern weit voneinander ab, ebenso wie die alltäglichen Begrüßungen.
Die Bedeutung äußerer Ehrenbezeugung ist abhängig von Übereinkunft
Die ganze Deutung äußerer Akte der Verehrung hängt von der Gesinnung des Verehrenden ab, der sie vollzieht. Und da die Leute am besten wissen, was sie mit dem meinen, was ja nach allem nur Zeichen der Übereinkunft sind, wehren sich Katholiken dagegen, als Götzendiener hingestellt zu werden, bloß weil man sie sich vor der Statue eines Heiligen verneigen oder niederknien oder ein Kruzifix oder den Fuß einer Statue des heiligen Petrus küssen sieht.
Ein vorreformatorisches Buch über bezogene Verehrung
Vielleicht haben wir eine so klare Erklärung der bezogenen Verehrung, wie man sie nur finden könnte, in einer Stelle aus einer alten vorreformatorischen Schrift, die schon im fünfzehnten Jahrhundert neu gedruckt wurde und den Titel Dives et pauper („Reich und Arm“) trägt. (4) Der Verfasser stellt das Kruzifix als ein Buch für die Ungelehrten dar, warnt aber den Leser vor einem irrigen Gebrauch:
„Auf diese Weise bitte ich dich, lies dein Buch und falle zu Boden und danke deinem Gott, der so viel für dich tun wollte. Bete Ihn allein über alle Dinge an, nicht den Klotz, nicht den Stein, nicht das Holz, sondern Ihn, der am Baum des Kreuzes für deine Sünden und um deinetwillen starb. Du magst knien, wenn du willst, vor dem Bild, aber nicht zu dem Bild. Du sollst vor dem Ding anbeten, nicht zu dem Ding. Opfere deine Gebete vor dem Ding, nicht zu dem Ding, denn es sieht dich nicht, hört dich nicht, versteht dich nicht. …
Mache deine Wallfahrt nicht zu dem Ding, nicht um des Dinges willen, denn es kann dir nicht helfen, sondern zu Ihm und um Seinetwillen, den das Ding darstellt. Denn wenn du es um des Dinges willen oder zu dem Ding tust, begehst du Götzendienst.“
(4) Zitiert von Abt Gasquet, O.S.B., in einem Brief an den „Tablet“, 21. Mai 1898, S. 818.
Mit Bezug auf die Anbetung des Kreuzes durch Klerus und Volk am Karfreitag fährt derselbe Verfasser fort: „Das Kreuz, zu dem wir kriechen und das wir zu jener Zeit so hoch verehren, ist Christus selbst, der an jenem Tag am Kreuz für unsere Sünden und um unseretwillen starb. Er ist dieses Kreuz, wie alle Lehrer sagen, zu dem wir beten und sagen: ‚Sei gegrüßt, du Kreuz, unsere einzige Hoffnung.‘“
Wir können beiläufig die vollkommene Einheitlichkeit der vorreformatorischen Lehre und Liturgie in England bemerken, bis hinab zu einer solchen Einzelheit wie dem Gebrauch des Hymnus Vexilla Regis („Des Königs Banner“), der am Ende der obigen Stelle angeführt ist, mit unserem eigenen katholischen Glauben und Gottesdienst von heute.
Andacht zu bestimmten Schreinen usw.
Die Kraft, die die Katholiken seit je besonderen Bildern oder Statuen oder gewissen vielbesuchten Schreinen und Wallfahrtsorten beizulegen scheinen, ob sie nun „wunderbar“ genannt werden oder nicht, bedeutet nicht, dass sie den stofflichen Gegenständen oder dem Ort selbst irgendwelche übernatürliche Kräfte zuschreiben, sondern dass sie die auf Erfahrung gegründete Überzeugung haben, dass der allmächtige Gott es gewählt hat, durch sie Wunder zu wirken und den an solchen Stätten vorgebrachten Bitten außerordentliche Gunst zu erweisen. Wir erinnern uns an das Gebet Salomons und seine Betonung der gnädigen Erhörung derer, die „an diesem Ort“ beten würden, das heißt in seinem neu erbauten Tempel. (5)
(5) 2. Paral. 6, 21 ff. (Vulgata-Zählung; 2. Chr. 6, 21 ff.).
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre (Erste Reihe) Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote, 1914, S. 64 – S. 70
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Bildquellen
- Moses_Comes_Down_from_Mount_Sinai: wikimedia | Public Domain Mark 1.0



