II. Missionsgeist im Geiste Jesu
2. Katholische Kirche und letzter Wille Jesu
Der Missionsbefehl behält seine Gültigkeit durch alle Zeiten bis zum Ende der Welt. Dies ist der Wille Jesu.
Die zwölf Apostel nun konnten das Gebot „Lehret alle Völker und taufet sie“ unmöglich ganz zur Ausführung bringen, wie sie es ja auch tatsächlich nicht getan haben. Das Arbeitsfeld, auf das sie gestellt waren, war selbst für ihren Eifer und ihre Arbeitskraft zu ausgedehnt. Als die Apostel starben – denn der Tod, und zwar ein harter Tod, blieb ihnen ebenso wenig erspart wie ihrem gekreuzigten Meister – da lag der größere Teil der Menschheit noch in den Fesseln des Heidentums. Ferner harrten die Völker der kommenden Jahrhunderte und Jahrtausende, die für die Apostelmissionare erst recht unerreichbar waren, darauf, dass auch an ihnen Christi Auftrag erfüllt werde: „Lehret alle Völker und taufet sie!“
Der Heilswille Gottes, der auf die gesamte Menschheit gerichtet ist, machte es daher notwendig, dass die Missionsarbeit der Apostel räumlich und zeitlich über deren Arbeitsgebiet und Lebensdauer hinaus ausgedehnt werde, dass ihr Missionsamt mit seinen Rechten und Pflichten die folgenden Zeiten hindurch an andere Missionsarbeiter übergebe, bis das Endziel dieser Werbearbeit für das Reich Gottes erreicht ist, bis alle Völker zu dem einen Schafstall unter einem Hirten gehören.
Von der notwendigen Fortdauer ihres Amtes mit seiner Würde und seiner Verantwortung waren auch die Apostel selbst überzeugt, und darum sorgten sie eifrig für Gehilfen und Nachfolger, die sie ganz mit ihrem Geiste, ihren Gesinnungen und ihrem Pflichtgefühl zu durchdringen suchten. So sind die Nachfolger der Apostel die Träger des Missionsbefehls Jesu Christi, und wo immer sich diese beglaubigten Nachfolger finden, dort ist das wahre Christentum, dort wird und muss sich aber auch stetsVerständnis und Pflichtbewusstsein gegenüber dem Missionsgebot finden.
Die Alleinerbin Jesu
Die katholische Kirche nennt sich die eine wahre und berechtigte Erbin Jesu Christi, seiner Lehre, seiner Heilsmittel, seiner Autorität und seiner Lebensaufgaben. Sie allein vermag den geschichtlichen Beweis dafür zu erbringen, dass Christus wirklich und einzig ihr Stifter ist; sie allein reicht mit ihren Urkunden auf ihn zurück; sie allein hat den fest gefügten Zusammenhang mit den Aposteln bewahrt; sie allein ist so glücklich, das ganze Christentum ohne Abschwächung, ohne Zersplitterung zu besitzen. –
Mit diesen herrlichen Vorrechten der katholischen Kirche sind dann aber auch alle jene wichtigen Aufgaben pflichtgemäß verbunden, die Jesus Christus durch sein Werk in der Menschheit verwirklichen will. Demzufolge ist die katholische Kirche nicht nur die Eigentümerin der Offenbarungs-Wahrheiten, sondern auch deren Lehrerin; sie ist nicht nur die Hüterin der Offenbarungsgüter, sondern auch deren Vermittlerin. Sie hat die ernsteste Pflicht gegenüber der gesamten Menschheit, allen ohne Ausschließung die Gnade und Wahrheit Jesu Christi wirksam und praktisch erreichbar, soweit es ihr nur möglich ist, anzubieten.
Wenn es wahr ist,
„dass es ohne Glaube unmöglich ist, Gott zu gefallen“ (Hebr. 11, 6), dass „jeder, der an den Sohn Gottes nicht glaubt, schon gerichtet ist“ (Joh. 3, 18), dass, „wer glaubt und sich taufen lässt, selig wird; wer aber nicht glaubt, verdammt wird“ (Mk. 16, 16), und die katholische Kirche allein es ist, die diesen seligmachenden Glauben und diese rettende Taufe spendet; wenn es wahr ist, „dass Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen ist, der sich zum Lösegeld für alle dahingegeben hat“ (1. Tim. 2, 5. 6.); „wenn kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben ist, wodurch sie selig werden können, als der Name Jesus“ (Apg. 4, 12),
und die katholische Kirche allein diese Verbindung mit Jesus Christus herbeiführt: dann können gewiss kaum Worte gefunden werden, die die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Missionspflicht der katholischen Kirche genügend hervorheben. –
Steht die katholische Kirche allein als die Schlüsselträgerin des Himmelreiches in der Welt da (Mt. 16, 19), dann hat sie auch die Verantwortung dafür, dass allen Menschen der Himmel geöffnet wird, weil es der Wille des Vaters ist, dass alle ins Himmelreich gelangen sollen. (Mt. 18, 14) –
Ist die katholische Kirche allein der Leuchtturm am Gestade der Zeit, der das göttliche Licht trägt, das einen jeden erleuchten will, der in diese Welt kommt (Joh. 1, 9), von dem aus der hell leuchtende Morgenstern erstrahlt, der in allen Herzen aufgehen soll (2. Petr. 1, 19), dann muss sie auch ihre Strahlen hinaus senden über das ganze Meer, auf dem die Menschheit dahin schifft, damit sie den rettenden Hafen nicht verfehlt. –
Ist die katholische Kirche allein die Führerin durch die Irrnisse und Wirrnisse dieser Erde, allein der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14, 6), und kommt niemand zum Vater außer durch sie (Joh. 14, 6), dann trägt sie auch die Verantwortung dafür, dass die verirrten Gotteskinder zur Einheit mit dem Vater geführt werden. (Joh. 11, 52) –
Ist sie allein die gute Hirtin, die als Stellvertreterin des göttlichen Guten Hirten in der Welt umhergeht, zu suchen und selig zu machen, was verloren war (Lk. 19, 10), dann liegt ihr auch die Pflicht ob, den Herzenswunsch Jesu zu verwirklichen, dass alle ein Schafstall und ein Hirt werden. (Joh. 10, 16; 17, 21)
Je größer und ausschließender die Vorrechte der katholischen Kirche sind, und je reicher sie von Christus ausgestattet erscheint mit übernatürlichen Heilsmitteln, um so größer und verantwortungsvoller ist auch ihre Pflicht, mit diesen einzigartigen Talenten zum Heil der Welt zu wuchern; denn sie besitzt diese himmlische Ausrüstung doch nicht als bloßen Zierrat, sondern zu dem Ziel, damit sie4 den Heilswillen Gottes an allen Menschen erfülle.
Das ist der Zweck ihrer Stiftung, darin besteht ihre Aufgabe. Christus hat sich mit der Kirche nicht eine große, aber wohl verschlossene Schatzkammer in der Welt anlegen wollen, sondern sie soll durch diese in ihr aufgehäuften Schätze alle Menschen zu reichen Gotteskindern und Himmelserben machen.
Der allein seligmachende Charakter
Betrachten wir diese wichtige Angelegenheit der Kirche noch von einigen anderen Gesichtspunkten aus! Wir betonen so nachdrücklich und verteidigen es gegen die heftigsten Angriffe, dass unsere Kirche die allein seligmachende ist. Es kann ja auch nicht anders sein, weil sie die einzig wahre ist; denn Gottes Kraft kann nicht mit der Lüge und dem Irrtum wirken, sondern nur durch Wahrheit heiligen und retten. (Joh. 17, 17)
Aber wenn die katholische Kirche allein selig machen kann, dann muss sie auch um alle bemüht sein, sie selig zu machen; wer soll es sonst denn tun? Da alle Menschen selig werden sollen und wollen, so sind sie in der furchtbarsten Angelegenheit ihres Lebens ganz angewiesen auf die allein seligmachende Kirche. Kann diese ihre Aufgabe wohl zu ernst nehmen, zu eifrig darin sein? Du allein sollst sie gebrauchen!
Für jeden Menschen, auch für die elendesten Heiden in den weltverlorensten Winkeln der Erde, steht das Höchste, das einzig Wichtige in Frage: Gewinn oder Verlust einer Ewigkeit. Hierin die Verantwortung auch nur für eine Seele zu tragen, ist erschütternd. Die allein seligmachende Kirche aber trägt diese Verantwortung für alle die Millionen und Milliarden Menschen des ganzen Erdkreises; denn ihr hat Christus das Heil für alle in die Hände gelegt und gesprochen: Gehe hin, lehre alle Völker und taufe sie, führe sie zum Himmel! Hier sind die Schlüssel dazu.
Wir sehen, der allein seligmachende Charakter unserer Kirche ist mit einer überaus ernsten Verpflichtung für sie verbunden. Wohl ist es richtig, dass der sichtbare Anschluss an sie nicht unersetzlich ist; dass wir eine innere, unsichtbare Zugehörigkeit als möglich anerkennen für diejenigen, die ohne eigene Schuld äußerlich ihr fern stehen. Wie groß diese Möglichkeit sei und wie viele auf diesem Wege gerettet werden, ist ein Geheimnis.
Aber wenn wir erwägen, wie energisch Christus den Anschluss an die Kirche und Gehorsam gegen sie geboten hat (Mt. 18, 17; Lk. 10, 16); wenn wir hören, mit welchem Nachdruck die großen Lehrer und heiligen Väter von jeher den Grundsatz vertreten haben: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil“; wenn wir bedenken, welch mächtige Reinigungs- und Heiligungsmittel (Taufe!, Buße! Eucharistie!) Christus in seiner Kirche anbietet, und wie schwer es dabei dennoch wird, ein sündenreines und gottgefälliges Leben zu führen: so haben wir gewiss viel, viel Grund, um die Rettung der Nichtkatholiken besorgt zu sein.
Jedenfalls kann die Möglichkeit dieser Rettung die Kirche nur dann trösten und beruhigen, wenn auch sie keine Schuld daran trägt, dass jene ihr fernstehen; wenn sie ihre seligmachende Kraft mit Aufbietung aller Hilfsmittel ganz einsetzt, um zu jeder Zeit zu retten, was zu retten nur immer möglich ist.
Es besteht ferner für jeden Menschen die Pflicht, sich der wahren Kirche Christi anzuschließen, und zwar ist diese Pflicht so ernst, dass ein bewusstes Fehlen darin mit ewigem persönlichem Untergang bestraft wird. Eine solch strenge Verpflichtung setzt aber auf Seiten des göttlichen Gesetzgebers voraus, dass er auch die Möglichkeit gewährt, sie zu erfüllen, dass die Verpflichteten in die Lage gebracht werden, ihrer Pflicht nachkommen zu können, d. h. entweder müssen sie in den Wirkungsbereich der Kirche versetzt werden, oder es muss deren Wirkungskreis praktisch auf sie ausgedehnt werden.
Gott hat den letzteren Weg gewählt und seiner Kirche gesagt: „Geht hin und lehret alle Völker!“ Jenes Gebot, sich der Kirche anzuschließen, kann aber erst dann erfüllt werden, wenn die Kirche ihrerseits ihren Auftrag erledigt hat. Sie muss zuerst ihre Pflicht erfüllen und sich allen bekannt machen als die Trägerin des Heiles, als die wahre Rettungsanstalt Gottes, dann erst kann der Mensch auch seiner Pflicht, ihr beizutreten sich bewusst, zu ihr sich wenden.
Die wirksame Verkündigung des heiligen Evangeliums durch Sendboten der Kirche ist also für das strenge Gebot, der Kirche anzugehören, die wichtige Voraussetzung, wie es ja auch der hl. Paulus in einer so kurzen, aber zwingenden Gedankenkette ausspricht: „Wie werden sie an den glauben, von dem sie nicht gehört haben? Wie werden sie aber hören ohne Prediger? (Röm. 10, 14. 15) Es ist mithin die Sendung nach dem Wortlaut des Missionsbefehls ebenso streng notwendig und verpflichtend wie das Gebot, in die Kirche einzutreten. Diese Sendungspflicht trägt aber ganz die katholische Kirche.
Der fortlebende Christus
Ein schöner Gedanke! – Der heilige Völkerapostel nennt die Kirche in einem herrlichen Bild den Leib Christi. (Kol. 1, 18. 24) Die Annahme des menschlichen Leibes machte es dem Sohn Gottes möglich, sichtbar in der Zeit unter uns zu erscheinen. Als er aber die Erde verließ, um zum Vater zurückzukehren, und so seine menschliche Sichtbarkeit uns entzogen wurde, da machte er die Kirche zu seiner sichtbaren Hülle, in der er, bis ans Ende verbleibend, seine sichtbare Gegenwart unter den Menschen fortsetzt, um durch alle Zeiten seine versöhnende und erlösende, rettende und heiligende Tätigkeit nach dem Auftrag desVaters zu erfüllen.
„Er ist in der Verkündigung seines Wortes der bleibende Lehrer; in der Taufe nimmt er ohne Unterlass in seine Gemeinschaft auf; in der Bußanstalt vergibt er dem reumütigen Sünder; stärkt das heranreifendeAlter in der Firmung mit der Kraft seines Geistes; haucht dem Bräutigam und der Braut eine höhere Anschauung der ehelichen Verhältnisse ein; einigt sich mit allen, die dem ewigen Leben entgegen seufzen, auf das innigste unter den Formen des Brotes und des Weines; tröstet die Sterbenden in der Ölung und setzt durch die Priesterweihe die Organe ein, durch die er alles dieses in nie ermüdender Tätigkeit wirkt.“ (Möhler, Symb. I. § 34)
So ist die Kirche, als sichtbarer Leib Christi und beseelt von seinem Geist, der in der Welt fortlebende Christus, dessen rettende Tätigkeit ihre eigenste Aufgabe ist.
Es ist diese Auffassung der Kirche, die so ganz und voll der Wahrheit entspricht, von entzückender Schönheit, wohl geeignet, ihre hohe Bedeutung ins rechte Licht zu stellen und hingebende Liebe und Begeisterung zu wecken. Indes hat die katholische Kirche nicht nur das göttliche Recht und die königliche Vollmacht, der fortlebende und fortwirkende Christus zu sein, sondern sie muss es auch sein.
Christus hat sie zur Fortsetzung seines Werkes, das in seiner Persönlichkeit konzentriert war, dem ganzen Umfang seiner eigenen Sendung nach beauftragt. (Joh. 20, 21) Sie muss daher nicht nur durch ihre Worte, sondern auch durch ihr Dasein, durch ihre Gesinnung und ihre Wirksamkeit Christus, den getreuen Zeugen des Vaters, mit seinem großen Herzen, seiner seelenrettenden Liebe und seinem ergreifenden Pflichtbewusstsein gegenüber dem väterlichen Willen darstellen. Eine große Aufgabe!
Mit einem herrlichen Seeleneifer, auf dem noch an anderer Stelle dieses Buches unser Auge bewundernd ruhen soll, verbindet das göttliche Vorbild ein überragendes Pflichtbewusstsein gegen den väterlichen Willen (Mk. 14, 36; Joh. 4, 34; 5, 30; 6, 38; 8, 29; Hebr. 10, 7), wie er in seiner Sendung ausgesprochen war. Dieses hohe Pflichtgefühl, das eine der ausgeprägtesten Linien in dem wunderbar schönen Charakter Jesu Christi ist, war dem Herrn so lebendig gegenwärtig, leitete ihn so beständig, dass er den Gehorsam seine Speise nannte (Joh. 4, 34).
Diese erhebende Gesinnung wird als wichtige Ähnlichkeitsbeziehung dem fortlebenden Christus, der katholischen Kirche, nicht abgehen dürfen; sie wird auch die Erfüllung ihres Sendungsgebotes als ihr tägliches Brot ansehen, als das mahnende Pochen ihres eigenen Herzens empfinden müssen.
Die Missionstätigkeit der heiligen Kirche wird somit zu einer Offenbarung Jesu Christi in ihr, ist ein Zeugnis seiner heiligen Gegenwart. Eben dadurch, dass die katholische Kirche fortfährt, in seinem Geiste das Heil der Welt zu fördern, dadurch, dass auch sie, wie er es getan, umher geht, zu suchen und selig zu machen, was verloren war, zeigt sie, dass sein Pflichtbewusstsein in ihr lebt, aus dem bei ihr wie bei ihm hingebendster Seeleneifer und allumfassende Seelenliebe hervorgeht. Gerade das Heiden-Missionswerk bewahrheitet die katholische Kirche so recht als das treue Abbild Jesu Christi, als den erlösenden und rettenden Christus der Gegenwart.
Wir erkennen: Welche wichtigen Vorrechte, Eigenschaften und Beziehungen unserer heiligen Kirche wir auch anklingen mögen, aus allen tönt es uns mit hohem Ernst und Nachdruck entgegen: „Die katholische Kirche trägt die Verantwortung für das Heil der Welt!“ Sie ist auf de Missionsbefehl verpflichtet, ist von Gott gesandt, um den Menschen aller Zeiten und aller Nationen wirksam Anteil zu verschaffen an der Wahrheit und Gnade Jesu Christi. –
aus: P. Hermann Fischer SVD, Jesu letzter Wille, 1923, S. 26 – 32
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- P. Hermann Fischer SVD: Jesu letzter Wille – Stiftung und Stellung der katholischen Heidenmission
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