Katholische und protestantische Missionstätigkeit

Jesu letzter Wille: Zwei afrikanische Kinder suchen Jesus

II. Missionsgeist im Geiste Jesu

2. Katholische Kirche und letzter Wille Jesu

Fortsetzung: Katholische und protestantische Missionstätigkeit

Bevor wir dazu übergehen, nach dem persönlichen Träger und dem Umfang dieser Verpflichtung zu fragen, wollen wir von der gewonnen Anhöhe aus den Blick auf die Stellung lenken, die das Missionswerk nach den bisherigen Ausführungen in der Kirche einnimmt. Die Tatsache nämlich, dass es für die Kirche einen nachdrücklichen Befehl Jesu Christi gibt, die Heidenwelt zu evangelisieren, ist für die Kirche selbst von weittragender Bedeutung, ein Prüfstein ihrer Echtheit.

Das Heidenapostolat ist, im Lichte der Pflicht betrachtet, nicht ein dem Baum der Kirche aufgepfropftes Edelreis, als was es so gern angesehen wird, sondern es gehört zu ihrer Wurzel und ist ein Teil von ihrem Leben. Es gehört zu ihrer Wurzel, weil die Entstehung und Entwicklung der Kirche ganz auf dem Missionswerk beruht, und weil ihr weiteres Wachstum und ihre Ausbreitung auch in der Zukunft stets durch Missionsarbeit erreicht werden muss.

Zum Leben der Kirche aber gehört diese Wirksamkeit, weil Leben sich immer durch äußere Tätigkeit kundgibt. Gerade durch dieses Hinauswirken über die Linien des eigenen Seins offenbart sich das Leben und die Lebenskraft der heiligen Kirche. Ihr Heidenapostolat bleibt das untrügliche Maß für ihre lebendige Kraftfülle und Leistungsfähigkeit.

Es ist keine zufällige Erscheinung, dass die anderen christlichen Religionen stets nur eine lokale Ausbreitung erlangten. Sobald sie sich sich von der Mutterkirche getrennt haben, fehlt ihnen nach innen jede erneuernde Lebensfülle, nach außen jede Expansionskraft. Wir können alle Spaltungserscheinungen vom Anfang der christlichen Kirche durchgehen.

Wenn sich der Abfall auch mit noch so großer Energie vollzog, mit Enthusiasmus und Fanatismus durchgeführt wurde, wie es besonders bei zahlreichen orientalischen Sektenbildungen der Fall war, immer zeigte sich, nachdem die Scheidung abgeschlossen, eine völlige Unfähigkeit, die neue Lehre durch Missionsarbeit auszubreiten. Selbst die große griechische Kirche, der es doch an persönlichen und materiellen Mitteln nicht gefehlt hat, steht in ihrer Gesamtheit ganz verständnislos wie eine Mumie dem Missionsbefehl gegenüber. (1)

(1) Nur in Japan gibt es seit 1861 eine russisch-schismatische Mission, die mehr privaten Ursprungs ist und etwa 30.000 Christen aus dem Heidentum gewonnen hat.

Der Erklärungsgrund für diese Tatsache liegt sehr nahe. Es fehlt jenen Religionsgemeinschaften diese wichtige äußere Lebenserscheinung, weil die vom Hauptorganismus getrennten Glieder kein Leben bewahren können und deshalb auch unfähig sind, neues Leben zu schaffen.

Von dieser Regel scheint der Protestantismus eine Ausnahme zu machen, denn die Protestanten betreiben mit größtem Eifer äußere Missionen. Doch eine vorurteilslose Prüfung wird uns erkennen lassen, dass die neue protestantische Missionsbewegung an ganz wesentlichen Mängeln krankt; sie ist weder mit der Missionsgründung Christi organisch und lebendig verwachsen, noch hat sie die Kraft des Protestantismus zur Weltreligion offenbart.

Der Missionseifer und die Missionsleistungen der protestantischen Christenheit sollen von uns nicht verkannt werden. Die Katholiken können von der großzügigen Opferwilligkeit und dem Unternehmungsmut der Protestanten für ihr Missionswesen viel lernen. Es ist eine Beschämung für weite katholische Kreise, von vielen protestantischen Sekten an hochherziger Opferliebe für die Missionen weit übertroffen zu werden.

Worauf es aber hier ankommt, ist die grundsätzliche Stellung der amtlichen Kirche zum Missionsbefehl Jesu Christi. Wir habe gesehen, dass Christus einen ausdrücklichen Missionsbefehl für seine Apostel und alle ihre Nachfolger ausgesprochen hat, der diese streng zur Missionstätigkeit bis zum Ende der Zeiten verpflichtet. Hat die amtliche protestantische Kirche dieser Missionspflicht entsprochen?

Nein! Sie hat darin vielmehr vollständig versagt. In den ersten drei Jahrhunderten haben die protestantischen Religionsgemeinschaften überhaupt dem Missionsgebot Christi gar keine Beachtung geschenkt. Es war das gerade während der Zeit ihres ruhigsten Bestandes und religiösen Besitzes, wo sie naturgemäß am leistungsfähigsten hätten sein müssen. Doch das protestantische Christentum zeigte damals genau dasselbe Bild vollendetster Gleichgültigkeit gegenüber der Heidenwelt wie auch die orientalischen Sekten.

Das ist nun freilich seit hundert Jahren anders geworden. Fast alle bedeutenderen protestantischen Religionsgemeinschaften – es gibt deren 300 – sind nach und nach auf dem Missionsfeld erschienen und entfalten einen erstaunlichen und nicht selten bewunderungswürdigen Eifer. Doch es bestehen auch jetzt noch ganz wesentliche Mängel am protestantischen Missionswerk, die den festgefügten Aufbau und die alle Völker umspannende Befähigung der katholischen Weltmission um so deutlicher hervortreten lassen.

Auf der katholischen Seite ist es die amtliche Kirche in ihren höchsten Verwaltungsorganen, die kraft der ihr von ihrem Stifter verliehenen Vollmacht die Missionare zur Weltbekehrung aussendet. Es ist der Papst, der sichtbare Stellvertreter Jesu Christi, der in jedem Fall die Missionsgebiete anweist und den Auftrag zur Missionsarbeit erteilt. Im Grunde genommen ist es also auf katholischer Seite immer noch Christus selbst, der durch das Organ seiner Kirche zu den Glaubensboten spricht: „Geht hin und lehret alle Völker!“ –

Auf der protestantischen Seite ist es nicht die Verwaltungsinstanz der Kirche, sondern es sind freie gesellschaftliche Vereinigungen, die unabhängig von den höchsten kirchlichen Organen, ja lange Zeit sogar im Gegensatz dazu das Missionswerk begannen und fortsetzten, weil nach ihrer Ansicht die amtliche Kirche in diesem wichtigen Punkt versage. Nachdem schon Jahrzehnte hindurch aus den protestantischen Volkskreisen heraus eine Missionsbewegung eingesetzt hatte, verhielten sich die obersten Kirchenbehörden immer noch direkt ablehnend gegen das Missionsverlangen der Gläubigen, und wenn sie sich auch später freundlicher dazu stellten, so haben viele auch heute noch keinen wirksamen Einfluss und keine führende Rolle dabei.

Das ist besonders daraus zu erkennen, dass die protestantischen Missionswissenschaftler in großer Verlegenheit sind, festzustellen, wo denn eigentlich in ihren Kirchen das Sendungsorgan zur Heidenmissionierung sei, wer mit Christi Autorität auftreten und zu den Glaubensboten sprechen könne: „Gehet hin und lehret alle Völker!“ Sie finden nach eigenem Geständnis keine Antwort auf diese geradezu fundamentale Frage. (2)

(2) Warneck, „Evangelische Missionslehre“, II. Abt. 29f.

Mit welchem Recht können denn protestantische Missionare als Christi Boten auftreten, wenn sie keine rechtsgültige Sendung in Christi Namen haben? (Röm. 10, 15) Wie so ganz anders liegen diese Dinge bei der katholischen Kirche!

Die katholische Kirche steht als jene einzige Kirche da, die von den ersten Tagen ihres Daseins an und während der ganzen Zeit ihrer Dauer es als Pflicht angesehen hat, Missionsarbeit zu leisten, und dieser Pflicht zu jeder Zeit praktisch zu entsprechen bemüht war. Auch wenn dieser Pflicht nicht stets in gottgewolltem Umfang genügt worden ist, so bleibt doch die entscheidende Tatsache bestehen, dass immerfort in unserer Kirche die lebendige Überzeugung vorhanden war, dass die Heidenwelt ganz selbstverständlich zum Weinberg der Kirche gehöre, und dass diese pflichtgemäß und unausgesetzt Arbeiten in diesen Weinberg senden müsse.

Es bleibt die Tatsache bestehen, dass jedes Jahrhundert gewaltige Missionsarbeit der katholischen Kirche aufgezeichnet hat, dass aus ihrem Pflichtbewusstsein und ihrer inneren Lebenskraft heraus jene staunenswerten und siegreichen Missionstätigkeiten hervorgingen, durch die alle Nationen des ganzen Europa, die Völker Nordafrikas und Kleinasiens christianisiert wurden; dass schon in den frühesten Zeiten ihre Glaubensboten an den damals schier unerreichbaren Gestaden Indiens, Chinas, Japans und der Westküste Afrikas landeten, und dass schon die Entdeckungsschiffe eines Kolumbus sofort katholische Missionare in die Neue Welt trugen.

So ist die katholische Kirche sich von den Tagen ihres göttlichen Stifters an ihrer Missionsrechte und ihrer Missionspflichten bewusst geblieben, und sie war bestrebt, die ersteren zu hüten und die letzteren zu erfüllen. Für diese ihre Treue gegen den letzten Willen Jesu hat sich eine alles überragende Missionskraft in ihr offenbart.

Es ist Tatsache, dass die katholische Kirche, und zwar sie allein, den Beweis ihrer Befähigung zur Christianisierung der Welt praktisch und in glänzender Weise bereits erbracht hat. Keiner anderen Kirche, selbst nicht dem Protestantismus mit seinen riesigen Missionsmitteln ist es gelungen, auch nur eine einzige Nation vollständig aus dem Heidentum herauszuheben, sie religiös, sittlich und kulturell zu einer durchaus christlichen Lebensauffassung und Lebensbetätigung zu bringen.

Die katholische Kirche hat diese schwere Arbeit nicht nur einmal, sondern an zahlreichen Nationen, an den wildesten und rohesten, fertig gebracht; hat ganze Völkerstämme bis auf den letzten Mann in das Reich Christi eingeführt, und zwar nicht nur äußerlich, sondern hat sie innerlich umgewandelt und durchdrungen mit christlichem Denken und Empfinden, hat sie Gottesliebe, Feindesliebe, Leidensmut, Entsagung, Barmherzigkeit und Mitleid gelehrt und sie darin bis zum höchsten christlichen Idealismus empor geleitet.

Was hat die katholische Kirche nicht aus den rohen und harten Bewohnern der finsteren germanischen Wälder, aus den kriegerischen und hinterlistigen Völkerstämmen Galliens, aus den normannischen Seeräubern, aus dem magyarischen Horden und zahlreichen anderen barbarischen Nationen geschaffen!

Herrliche, christliche Völker, aus denen ganze Scharen Heiliger hervorgegangen sind und die zur Zeit der Kreuzzüge durch christlichen Heldenmut und die schwersten persönlichen Opfer für die christliche Sache gezeigt haben, wie tief das Christentum sie erfasst und umgewandelt hatte. An allen diesen Nationen hat sich die katholische Missionskraft bewährt, und sie sind ein glänzendes Zeugnis dafür, dass die katholische Kirche wirklich befähigt ist, die ganze Welt zu christianisieren und das Angesicht der Erde zu erneuern. –
aus: P. Hermann Fischer SVD, Jesu letzter Wille, 1923,  S. 33 – 38

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