Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre
Erster Teil: Die Zehn Gebote Gottes
Das Erste Gebot
Nr. VIII. Pflichten der Gottesverehrung 3. Das Gebet
Was ist Gebet, Lob und Bitte?
Das Gebet ist die Erhebung des geschaffenen Geistes und Herzens zu Gott. Das kann in den Formen der Anbetung, des Lobes, der Danksagung und anderer Huldigungen geschehen, die den verschiedenen Vorzügen der göttlichen Majestät erwiesen werden, oder aber in der Form von Bitten um Gunstbezeigungen verschiedener Art. Das erstere ist die edlere Art des Gebetes, insofern es mit den göttlichen Vollkommenheiten beschäftigt ist statt mit unseren eigenen Bedürfnissen, die den Gegenstand der Bitten bilden.
Das Gebet ist eine Übung der Tugend der Religion, ihre hauptsächlichste Übung, wenn man die Darbringung des Opfers an Gott ausnimmt. Die Schrift spricht freilich vom „Lobopfer“ (1) und vom Opfer eines „bedrängten Geistes“ (2), aber in einem untergeordneten und weniger strengen Sinn. Das Opfer im eigentlichen Sinn aber, im katholischen Gottesdienst das Messopfer, ist selbst das Gebet in der Tat des Heiligsten Herzens unseres Herrn, dem wir uns anschließen dürfen.
(1) Ps 49, 23 (Vulgata; Ps 50, 23).
(2) Ps 50, 19 (Vulgata; Ps 51, 19).
Das Gebet als Nahrung des Glaubens
Das Gebet schließt, in Verbindung mit dem Glauben betrachtet, eine Übung dieser Tugend ein, wenigstens bei denen, die Gott durch Offenbarung und nicht bloß im Lichte der natürlichen Vernunft kennen. Es ist aber auch die Nahrung und Stütze des Glaubens. Denn der Umgang mit Gott und den Dingen Gottes hält die Seele in enger Berührung mit den Wahrheiten der Welt jenseits unseres Gesichtskreises, die sich uns, weil unsichtbar, nicht wie Gegenstände der Sinne aufdrängen. Wenn sie daher nicht beständig durch ihre Betrachtung dem Geist neu eingeprägt werden, so werden sie wahrscheinlich schwach und dunkel und gehen sogar ganz aus unserer Erwägung.
Es ist wahr, dass der Heilige Geist in der Taufe der Seele jene drei übernatürlichen Kräfte oder „Gewohnheiten“ (habitus), wie man sie nennt, einflößt, den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, und dass von diesen nur die zuletzt genannte je durch schwere Sünde verloren geht, es sei denn, es sei eine Sünde unmittelbar gegen den Glauben oder die Hoffnung. Aber diese Gewohnheiten werden in der Seele wie ein Same im winterlichen Boden liegen und praktisch untätig bleiben, wenn sie nicht geübt werden, wie das Gebet sie übt. Sie hören auf, irgendeinen Einfluss auf unser Leben und Verhalten auszuüben, und die Folge sind Fälle in die Sünde.
Dann hat die Sünde, zumal die einer niedrigeren und tierischeren Art, wenn sie lange ohne Reue oder gelegentliche Bemühungen um Besserung beharrt wird, eine verblendende Wirkung auf das geistige Auge der Seele und macht diese zu einer leichteren Beute für Versuchungen gegen den Glauben und folglich gegen die Hoffnung, die auf dem Glauben ruht.
Aufgabe des Gebetes der Anfang des Bösen
Das ist, wie wir meinen, die Geschichte manchen Glaubensverlustes unter Katholiken. Der Vorgang begann mit der Aufgabe des Gebetes. Es folgten lange Jahre des Wälzens in der Sünde, und dann entwickelten sich bald „Schwierigkeiten“ und eine selbstgenügsame Kritik am Glauben und allem, was dazu gehört. Ein Mensch wird leicht skeptisch gegenüber Wahrheiten, die ein beständiger Vorwurf für sein unveränderliches Verhalten sind. So wird er, und sei es nur aus Selbstachtung, nach irgendeinem pseudointellektuellen Vorwand für sein Fehlverhalten Ausschau halten, der durch Schwächung der Autorität katholischer Grundsätze helfen wird, den Stachel abzustumpfen, den diese beständig seinem Gewissen versetzen.
Geistiges und mündliches Gebet
Die Betrachtung (Meditation) oder das betende Nachsinnen über religiöse Wahrheiten im Geist ohne Wortäußerung ist besonders nützlich, um die göttlichen Wahrheiten der Seele einzuprägen und den Willen anzuregen, im Einklang mit ihrer Lehre zu handeln. Aber diese Art des Gebetes ist nicht für alle gleich geeignet, da sie, abgesehen von einer besonderen Gabe Gottes, die nicht selten Ungebildeten gegeben wird, gewisse geistige Eigenschaften voraussetzt, die nicht alle besitzen.
Überdies gibt es unter den Gebildeten nicht wenige, die in der Übung des geistigen Gebetes besondere Schwierigkeit finden. Das Bedürfnis solcher Personen wird aber durch das mündliche Gebet gedeckt, das heißt das laute oder heimliche Hersagen fester Gebetsformeln, die auswendig gelernt oder aus einem Gebetbuch gelesen werden. (3) Auch für die zur Betrachtung Fähigen ist der gelegentliche Gebrauch mündlichen Gebetes ratsam. Sonst wird der Gottesdienst nicht so vollkommen sein, da das äußere, dem Leib zugehörige Element der Anbetung fehlen wird.
(3) „Lautes Hersagen“, das heißt von Gebeten, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind.
Denn die Gewohnheit, private Gebete laut zu flüstern, ist eine Plage für unsere Mitbeter.
Verschiedene Verwendungen des Geistes beim mündlichen Gebet
Natürlich verlangt das mündliche Gebet die Aufmerksamkeit des Geistes und hat daher sein geistiges Element. Es wird hier nützlich sein, eine Stelle des heiligen Thomas von Aquin zu übersetzen:
„Man muss jedoch beachten, dass es dreierlei Aufmerksamkeit gibt, die dem mündlichen Gebet zugewandt werden kann: die erste, wo jemand auf die Worte achtet, damit er keine Fehler darin macht; die zweite, wo auf den Sinn der Worte geachtet wird; und die dritte, wo die Aufmerksamkeit auf den Zweck (Gegenstand) des Gebetes gerichtet ist, das heißt auf Gott und auf die Sache, um die gebetet wird. Diese (Form der Aufmerksamkeit) ist besonders notwendig und kann auch von den Ungelehrten besessen werden. Zuweilen kann diese Hinneigung des Geistes, der sich auf Gott richtet, so stark vorherrschen, dass der Geist alles andere aus dem Auge verliert, wie Hugo von St. Viktor sagt.“ (4)
(4) „De oratione“ (Über das Gebet), q. 83, a. 13.
Beim mündlichen Gebet ist das Verständnis der Worte nicht wesentlich. Daher ist es unklug, Ordensfrauen oder andere zu verspotten, die am göttlichen Offizium oder an anderen lateinisch gehaltenen Gottesdiensten teilnehmen, weil sie die Worte, die sie sprechen, nicht verstünden, als wäre das ihre ein papageienhaftes Tun. Es genügt völlig, ja ist „besonders notwendig“, dass der Geist sich auf Gott richtet, auch wenn die „eigentliche Bedeutung der Worte“ nicht verstanden wird. Sie wird aber weit mehr verstanden, als die Kritiker meinen.
Das Gebet ist zum Heil notwendig, und warum
In sehr wirklichem Sinn ist das Gebet zum Heil notwendig, da es in Gottes Vorsehung das gewöhnliche Mittel ist, die Hilfen zu erlangen, die wir zur Rettung unserer Seelen brauchen.
Wir sagen, dass Gott Heiligen wie Sündern immer hinreichende Gnade gibt, die Sünde zu meiden, besonders die Todsünde, die das einzige unüberwindliche Hindernis für die Erlangung des Himmels ist. Das ist buchstäblich und absolut gewiss. Das Gegenteil ist Häresie.
Man beachte aber, dass Gott nicht gebunden ist und es auch nicht seine gewöhnliche Übung zu sein scheint, diese hinreichende Gnade sozusagen fertig jemandem zu geben, der seine Hilfe nicht sucht, sondern Er gewährt vielmehr die Mittel dazu in Gestalt der Gnade zu beten, und wir, die wir gebührend mit dieser Gnade mitwirken, sind durchaus imstande, die schwere Versuchung zu überwinden. (5)
Diese Gnade zu beten wird niemandem verweigert. Ein Mensch kann immer beten (ich sage nicht: mit Leichtigkeit, Neigung, Behagen), und Gott wird ein Gebet dieser Art nie verweigern. So ist es wahr, dass Er stets innerhalb der Reichweite des Menschen eine hinreichende Hilfe bereitstellt, den Verlust seiner Seele zu vermeiden.
(5) So können wir einem Bettler, der Hunger leidet, weil ihm ein paar Kupfermünzen fehlen, die Münzen gleich geben, oder wir können ihn sie durch eine kleine Arbeit verdienen lassen. Die letzte Weise veranschaulicht, was wir hier sagen.
Aber von unserer Seite geschieht oft große Vergeudung von Gnade. Wir strengen unseren Willen nicht an, richtig mit ihr zusammenzuwirken. Ich will es veranschaulichen.
Ein Vater und sein Junge finden bei der Heimkehr eine riesige Packkiste, die die Türe versperrt, und sie können nicht in ihr Haus gelangen. Wenn Vater und Junge beide genug ziehen, lässt sich das Hindernis beseitigen. Der Vater tut seinen Teil, der der Hauptteil ist, aber der faule Junge tut den seinen nicht, und die Kiste wird nicht entfernt. Man nehme den Vater als Darstellung Gottes, den Jungen als uns selbst, die Kiste als die Versuchung, die uns aus unserer himmlischen Heimat auszuschließen droht, das Ziehen des Vaters als Gnade und das des Jungen als unseren Gebrauch der Gnade. Die Anwendung des Gleichnisses ist klar.
Das Gebet ist geboten
Die Pflicht zu beten. Die Theologen lehren uns, dass das Gebet positiv geboten ist, und halten dafür, dass es häufig gebraucht werden muss, wobei die Lehre der Offenbarung, wie sie in der Bibel enthalten ist, in diesem Punkte unmissverständlich ist. „Lass dich nichts hindern, allezeit zu beten.“ (6) Unser Herr hat, wie der Evangelist uns sagt, das Gleichnis vom Richter und der hartnäckigen Witwe gesprochen, um zu zeigen, „dass man allezeit beten und nicht nachlassen soll“. (7) Auch der heilige Paulus sagt: „Betet ohne Unterlass.“ (8)
Wenn aber die Theologen nachforschen, welcher Grad von Häufigkeit geboten ist, so sind sie wegen Mangels an Unterlagen nicht imstande, zu irgendeinem genauen Ergebnis zu kommen. Praktisch gesprochen wird selbst ein weit vom Eifer entfernter Katholik dem Gebot reichlich genügen, wenn er auch seinem geistlichen Bedürfnis keineswegs genügt. Dieses Bedürfnis verlangt dringend Berücksichtigung. Dieses unser Leben, zumal für jüngere Leute, ist voll großer Versuchungen und Prüfungen. Manche werden auch mit außergewöhnlicher Heftigkeit versucht, der einen oder anderen Leidenschaft nachzugeben. So müssen die Leute bedenken, dass Gott seine Hilfe, seine reichliche Hilfe, auf die Bitte hin gibt: „Bittet, und ihr werdet empfangen.“ (9)
(6) Sir. 18, 22 (Ecclus. xviii. 22).
(7) Lk. 18, 1.
(8) 1. Thess. 5, 17.
(9) Joh. 16, 24. „Allezeit“ bedeutet freilich nicht, dass wir den ganzen Tag beten müssen, ebenso wenig wie der Rat an jemanden, der seine Mahlzeiten vernachlässigte, „er müsse immer essen“, hieße, dass er den ganzen lieben langen Tag essen solle.
Morgen- und Abendgebet
Dies ist eine sehr allgemeine, in der ganzen Kirche auch von weniger eifrigen Katholiken geübte Gewohnheit, wenn auch vielleicht nicht ohne gelegentliche Auslassungen. In manchen katholischen Haushalten werden sie, wenigstens die Abendgebete, höchst löblich gemeinsam gesprochen. Denn es mag eine höchst löbliche Familiengewohnheit sein, täglich die Heilige Messe in einer benachbarten Kirche zu besuchen, das beste aller Morgengebete, oder auch, statt zu anderen Zeiten zusammenzukommen, täglich zu einer passenden Stunde gemeinsam den Rosenkranz zu beten.
Es ist wahr, dass streng genommen keine Verpflichtung unter irgendeiner Art von Sünde besteht, früh am Morgen oder bei Nacht zu beten. Aber vernünftige Leute, die die dringende Notwendigkeit erkennen, in der wir alle Hilfe und Kraft brauchen, um den Versuchungen, Prüfungen, Leiden und Ratlosigkeiten des Lebens zu begegnen, werden einsehen, wie wünschenswert es ist, diese Übung den Kindern von Anfang an aufs stärkste einzuprägen und sie selbst zu üben. Bei sehr vielen bedeutet die Vernachlässigung des Morgen- und Abendgebetes praktisch, dass sie niemals beten, oder es mag sogar sein, dass sie von einer Sonntagsmesse bis zur anderen nicht einmal an Gott denken.
Keine durchschnittlich versuchte Seele wird bei dieser Hungerkost gedeihen, was auch die strenge Verpflichtung durch das Gebot sein mag. Zuweilen wird auch in der Unterlassung nebenbei lässliche Sünde liegen, das heißt nicht wegen der bloßen Unterlassung selbst, sondern wegen eines lässlich sündhaften Beweggrundes des Unterlassens, z. B. Menschenfurcht, reiner Gleichgültigkeit und Trägheit oder bei äußerst törichten jungen Leuten der Lust, andere zu schockieren oder sich gegen den Rat aufzulehnen.
Plädoyer für das Morgengebet
Gewiss muss ein Christ, geschweige denn ein Katholik, etwas Unanständiges darin sehen, einen weiteren Tag Leben und Gesundheit von der göttlichen Güte ohne ein „Danke“ hinzunehmen und so den Tag, geistlich gesprochen, wie ein Hund zu beginnen, der aufsteht und sich schüttelt und dann mit wedelndem Schwanz seinen gewöhnlichen Beschäftigungen nachgeht.
Man vergleiche eine solche Behandlung Gottes und der eigenen Seele mit der sorgfältigen Morgentoilette, die die Leute für nötig halten, um den Verkehr mit ihren Mitgeschöpfen wieder aufzunehmen und für die Gesundheit, das Behagen und den Schmuck ihrer vergänglichen Leiber! Ich sage nichts von der Länge der Gebete, aber es ist gewiss eine Schande, dass es gar keines geben soll, nicht einmal ein Morgenopfer. Ich bezweifle, ob ein gewöhnlicher Mohammedaner seine Morgenandacht gegen Osten unterlässe.
Und für das Abendgebet
Dann wieder: Sind unsere Tage so überfüllt mit Heiligkeit, so frei von aller Sünde, dass wir uns zur Ruhe legen können, ohne innezuhalten, Gott für seine Erbarmungen zu danken, jene, die wir kennen, und die vielen anderen, die wir nicht kennen, seine wunderbare Geduld mit uns anzubeten und um Verzeihung zu bitten für die sündhafte Herausforderung, die wir ihr bereitet haben? Für manchen Katholiken ist jener Akt der Reue bei Nacht die einzige Vorbereitung gewesen, die ihm für das Kommen „des Diebes in der Nacht“ (10) gewährt wurde und für einen plötzlichen Ruf „vor den Richterstuhl Christi, um Rechenschaft für die im Fleisch getanen Taten zu geben“. (11)
(10) 1. Thess. 5, 2.
(11) 2. Kor. 5, 10.
Das Tischgebet
Es ist sehr schade, wenn die altehrwürdige, wenn auch nicht streng verpflichtende Sitte der Christen, der protestantischen wie der katholischen, vor und nach den Mahlzeiten ein „Tischgebet“ zu sprechen, sei es privat oder gemeinsam, in der englischen Gesellschaft rasch ausstirbt. Dass es „in der Gesellschaft“, mit großem G, „jetzt nicht mehr getan wird“, mag, wie manche versichern, eine Tatsache sein. Es wäre gewiss eine abstoßende, weil sie zeigte, dass die Gesellschaft tätig ihren Lieblingszeitvertreib ausdehnte, den allmächtigen Gott vom Gehsteig des Lebens zu drängen.
Die Schuld fällt natürlich auf jene, die ihre elende Weltlichkeit dazu trieb, eine so gottlose und unchristliche Mode aufzubringen. Vielleicht lehren die, die die Sitte selbst aufgegeben haben, sie dennoch ihre Kinder, ein Verfahren, das in dem Gemüt eines Kindes wahrscheinlich den Eindruck erzeugt, das Tischgebet stehe ziemlich auf gleicher Stufe mit anderen Dingen der Kinderstuben- oder Schulzimmerzucht, wie etwa sich nach einem Spaziergang sorgfältig die Stiefel auf der Matte abzuwischen oder keinen Pudding zu essen, ehe man den letzten Bissen Fleisch verzehrt hat.
Aber der Ukas (das Machtwort) gegen das „Tischgebet“, der von einer modischen Autokratie ausgegangen sein mag, ist für Katholiken keine Entschuldigung, in ihren eigenen Privathäusern bei irgendeiner festen Mahlzeit dem Beispiel zu folgen. Soviel ich weiß, versorgt die Gesellschaft die breite Öffentlichkeit nicht mit Mahlzeiten und noch weniger mit den Fähigkeiten des Geistes und des Leibes, die nötig sind, den Preis dafür zu verdienen. Gott hat beides getan.
„Tischgebet“ in protestantischer Gesellschaft
Wie weit es ratsam ist, dass man es beobachtet, an nichtkatholischen Tischen oder in öffentlichen Speisesälen ein „Tischgebet“ zu sprechen, wird weitgehend von den tatsächlichen Umständen abhängen. Aber dieses Bekenntnis zu Gottes Vorsehung allgemein zu unterlassen, auf die allgemeine Annahme hin, „die Leute würden es so absonderlich finden“, scheint wenig besser, als unsere eigene feige Menschenfurcht „anderen aufzubürden“, um den volkstümlichen Ausdruck zu gebrauchen. Überdies kann es oft vorkommen, dass das, was (bei einem bekannten Katholiken) absonderlicher erscheinen wird, die Unterlassung ist. Dennoch besteht nie ein Bedürfnis, das größte Kreuzzeichen zu machen, das die Länge unseres rechten Armes umspannen kann.
Zerstreuungen
Ein abschließendes Wort über Zerstreuungen.
Was ist eine Zerstreuung? Sie ist das Abwenden unseres Geistes vom Gebet zu anderen Dingen, die nicht in richtigem Zusammenhang damit stehen, wenn wir zu beten vorgeben. Sie ist also etwas anderes als eine absichtliche Unterbrechung des Gebetes aus irgendeinem vernünftigen Grund, etwa um eine Weile zu ruhen, nachzusehen, ob jemand in der Kirche ist, mit dem wir nachher sprechen wollen, um irgendeine Ursache von Unbehagen beim Knien zu beseitigen, um nach einem vergessenen und dringenden Punkt der Pflicht zu sehen usw. Es besteht kein Gesetz, das uns verpflichtete, ununterbrochen eine bestimmte Zeitlang zu beten, und wo es kein Gesetz gibt, das unsere Freiheit einschränkt, kann es keine Sünde geben.
Das ist eine nützliche und weitgehend anwendbare Regel für unruhige Seelen. Eine solche Unterbrechung kann sogar tugendhaft sein, etwa zu dem Zweck, einen Akt der Liebe zu tun, den die Umstände zu fordern scheinen: z. B. einem Blinden an seinen Platz zu helfen oder einem Menschen beizustehen, dem schlecht geworden ist, oder einem Mitbeter, der in Schwierigkeiten ist, die richtige Stelle im Gebetbuch zu finden. Es gibt so etwas wie Selbstsucht in Frömmigkeiten. Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes.
Doch nun zu den Zerstreuungen im eigentlichen Sinne.
Ohne besondere Vorkehrungen, die für einen unter tausend Laien nicht wirklich durchführbar sind, ist es moralisch unmöglich, allen Zerstreuungen zu entgehen, selbst bei einem kurzen Gebet. Aber (1) diese sind nicht einmal lässliche Sünden, es sei denn, sie seien willentlich, entweder weil sie nach Bemerken des Umherschweifens frei fortgesetzt werden oder weil wir zur Gebetszeit wissentlich tun, was gewiss Zerstreuungen verursachen wird. Ich sage „zur Gebetszeit“, weil zu anderen Zeiten keine Verpflichtung unter Sünde besteht, mögliche Ursachen der Zerstreuung zu vermeiden.
Das Treffen solch entfernterer Vorkehrungen ist eine Sache bloßer Vollkommenheit, das heißt, sofern es die Pflicht nicht beeinträchtigt. Denn ein Student, der sein Studium vernachlässigte, oder eine fromme Gattin, die häusliche Pflichten scheute, aus Furcht vor Zerstreuungen im Gebet, wäre das Gegenteil von vollkommen.
Unser Seliger Herr hatte wegen der wunderbaren Vollkommenheit seiner menschlichen Natur die vollste Herrschaft über alle Zugänge seiner Seele, sodass kein Gedanke seinen Geist einnehmen konnte, außer mit der vollen Zustimmung seines menschlichen Willens. Was uns selbst angeht, so werden wir wahrscheinlich als Bestes die Gewohnheit erreichen, den Eindringling rasch und leicht hinauszuwerfen, wenn er trotz uns seinen Fuß über die Schwelle unseres Geistes und unserer Einbildungskraft setzt. Manche Charaktere finden Sammlung des Geistes immer sehr schwierig, und so zeigt sich die Schwierigkeit auch bei ihren Gebeten.
Es wird als ein Wunder der göttlichen Gnade verzeichnet, dass Aloysius Gonzaga es als positiven Schmerz empfand, seinen Geist von Gott abzuziehen. Unser Schmerz ist im Allgemeinen von der entgegengesetzten Art. Aber zum Trost unserer Schwäche sagt uns ein anderer großer Heiliger und Fürst der Theologen, der große heilige Thomas von Aquin aus dem ehrwürdigen Orden des heiligen Dominikus, dass unfreiwillige Zerstreuungen das Verdienst unseres Gebetes (und folglich seine gnadenerwirkende Wirksamkeit) wegen der Absicht, Gott zu verehren, mit der wir es begannen, nicht zerstören.
Der erhebende Einfluss dieser ursprünglichen Absicht wird nur durch absichtliches Umherschweifen beeinträchtigt, das, wie der Heilige sagt, eine Sünde ist. Er erklärt aber auch, dass ein zerstreutes Gebet nicht eines ist, das die Seele fühlbar tröstet oder erquickt, da diese weiteren Wirkungen Aufmerksamkeit verlangen. Dennoch bleibt die Frucht des Gebetes als Gnadenmittel, wenn auch nicht alle seine Wirkungen in ihrer Gänze hervorgebracht werden.
Schuld willentlicher Zerstreuung
(2) Willentliche Zerstreuungen sind beim gewöhnlichen Gebet niemals mehr als lässlich sündhaft, es sei denn, der Gegenstand der Zerstreuung sei anderweitig sündhaft: zum Beispiel eine Zerstreuung beim Anblick eines Feindes, die sich zu absichtlichem Hass oder zu dem Wunsch schwerer Rache steigert, und so bei anderen Vorstellungen, die auch außerhalb der Gebetszeit unrecht wären.
Das Gebet darf nicht wegen Schwierigkeiten aufgegeben werden. Zerstreuungen, natürliche Abneigung gegen das Gebet, Versuchungen jeder Art, die dabei auftreten, zerstören, wie wir gesehen haben, das wesentliche Verdienst und die Frucht des Gebetes nicht, wenn sie uns missfallen. Sie können sogar sein Verdienst vermehren. Es kann keine verhängnisvollere Täuschung geben, als das Gebet ihretwegen aufzugeben.
Es ist ein Fall von: „Herr, ich leide Gewalt, antworte Du für mich.“ (12) Als unser Herr es sich gefallen ließ, tödliche Angst beim Anblick des bitteren Kelches von Leiden und Schmach zu empfinden, den Er trinken musste, „betete Er in seiner Angst noch länger“. (13) Wir wollen wenigstens um der Beschwerden willen nicht kürzer beten. Wenn wir das Gebet um ihretwillen aufgeben, so wird der Feind unserer Seelen, der kein Narr ist, dafür sorgen, uns mit einem reichlichen Vorrat solcher Ware zu versorgen. Denn das Gebet ist sein schlimmster Feind.
(12) Is. 38, 14.
(13) Lk. 22, 43. (Zählung der Vulgata/Douay; heute meist Lk 22,44).
aus: F. M. De Zulueta, SJ, Briefe zur christlichen Lehre (Erste Reihe) Die zehn Gebote Gottes und die kirchlichen Gebote, 1914, S. 71 – S. 83
Anmerkung: Die Bibelzitate stehen im Original in der englischen Douay-Fassung.
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Bildquellen
- Moses_Comes_Down_from_Mount_Sinai: wikimedia | Public Domain Mark 1.0



